„Schon auf Erden gehörst Du zum Leibe Christi, dessen Gliedschaft aufs innigste erfahren wird im Sakrament des Altars, in der Gegenwart des Herrn, der alle die Seinigen auf wunderbare Weise zusammenschließt“ – Hans-Bernd von Haeften im Abschiedsbrief an seine Frau Barbara vom 15. August 1944

vonHaeften
Hans-Bernd von Haeften (1905-1944) vor dem Volksgerichtshof

Als Legationsrat Hans-Bernd von Haeften, Mitglied des Kreisauer Kreises, am 15. August 1944 in der Verhandlung vor dem Volksgerichtshof steht, kommt es mit Roland Freisler zu folgender Zwiesprache:

Freisler: Sehen Sie denn nicht ein, daß, wenn ein Volk schwer ringt und wenn dann einer von den wahrscheinlich Tausenden von Obersten, die es in der Armee dieses Volkes gibt, einer solchen Meinung ist, Verrat ist, irgendwie abzuweichen von der Treue gegenüber dem Führer.

Haeften: Diese Treuepflicht habe ich nicht mehr empfunden.

Freisler: Aha. Das ist also klar, Sie haben sie nicht mehr empfunden und sagen, wenn ich keine Treue empfinde, dann kann ich es auch nicht als Verrat ansehen.

Haeften: Nein, nein. So ist es nicht ganz. Sondern nach der Auffassung, die ich von der weltgeschichtlichen Rolle des Führers habe, nämlich daß er ein großer Vollstrecker des Bösen ist, war ich der Auffassung…

Freisler (unterbricht): Dann ist ja also kein Wort zu sagen.

Am selben Tag wird Haeften, der aus Glaubensgründen ein Attentat auf Hitler abgelehnt hatte, zum Tode verurteilt und in Berlin-Plötzensee hingerichtet. Kurz vor der Hinrichtung schreibt er folgenden Abschiedsbrief an seine Frau Barbara:

 

15. August 1944

Meine liebe, liebste Frau, meine gute Barbara, wohl in wenigen Stunden werde ich in Gottes Hände fallen. So will ich Abschied von Dir nehmen. Schnell ein paar äußere Dinge … Barbara, in diesen Haftwochen habe ich Gottes Gericht stillgehalten und meine „unerkannte Missetat“ erkannt und vor Ihm [259] bekannt. „Gottes Gebote halten und Liebe üben und demütig sein vor Deinem Gott“ — das ist die Regel, gegen die ich verstoßen habe. Ich habe das fünfte Gebot nicht heilig gehalten (obwohl ich einmal Werner damit zurückgerissen habe [sein jüngerer Bruder Werner wurde am Abend des 20. Juli als Adjutant Stauffenbergs im Hof des Bendlerblocks erschossen].), und das Gebot der Demut, des „Stilleseins und Harrens“ habe ich nicht ernst genug genommen.

Vor allem habe ich nicht Liebe geübt gegen Euch, die mir anvertraut waren. Um Euretwillen, um Muttis und der Eltern willen hätte ich von Allem Abstand nehmen müssen. Bitte sage ihnen, zugleich mit meinem tiefsten Dank für all ihre Hilfe und Liebe, daß ich sie herzlich bitte, sie möchten mir verzeihen. Bärbel, ich habe all dieses getan in der Meinung und in dem Willen recht zu tun vor Gott. In Wahrheit war ich ungehorsam, obwohl ich ehrlich gefleht habe, Er möge mich auf Seinen Wegen leiten, daß meine Füße nicht gleiten; sie sind geglitten. Warum? Ich hab in all den Zweifeln wohl nicht still und geduldig genug gewartet, bis Er Seinen Willen mir unzweideutig kundtat. Vielleicht war es auch so Sein unergründlicher, heiliger und heilsamer Ratschluß.

Liebste Frau, ich sterbe in der Gewißheit göttlicher Vergebung, Gnade und ewigen Heils; und in der gläubigen Zuversicht, daß Gott all das Unheil, Schmerz, Kummer, Not und Verlassenheit, das ich über Euch gebracht habe und das mir das Herz abpreßt, aus Seinem unermeßlichen Erbarmen in Segen wandeln kann, daß Er Euch alle an Seinen Vaterhänden auf Euren Erdenwegen geleiten und endlich zu Sich ziehen wird. Der Herr, unser Erbarmer, wird auch Deinen Schmerz allmählich lindern, Deinen Kummer sänftigen, Dein Leid stillen, Deine Liebe wird die gleiche bleiben, denn „sie höret nimmer auf“.

Meine gute Barbara, ich danke Dir aus tiefstem Herzen für alle Liebe und allen Segen, die Du mir in den vierzehn Jahren unserer Ehe geschenkt hast. Bitte vergib mir allen Mangel an Liebe. Ich habe Dich sehr viel mehr lieb als ich Dir gezeigt habe. Aber wir haben eine Ewigkeit vor uns, um uns Liebe zu erweisen. Dieser Gedanke sei Dir ein Trost in der Trübsal [260] Deiner Witwenjahre. Ich bin gewiß — sei Du es auch —, daß wir beide mit allen unseren Lieben wieder vereinigt werden in Gottes unaussprechlichem Frieden (der vollkommenste Ruhe und zugleich seligste Bewegung in göttlichem Dienst ist), in der Anbetung und unmittelbaren Erfahrung göttlicher Liebe, in der wunderbaren Geborgenheit in des Heilands Gnade und Güte, in der erlösten Seligkeit der Gotteskindschaft. Auch schon auf Erden gehörst Du zum Leibe Christi, dessen Gliedschaft aufs innigste erfahren wird im Sakrament des Altars, in der Gegenwart des Herrn, der alle die Seinigen — sie mögen vor oder hinter der großen Verwandlung stehen — auf wunderbare Weise zusammenschließt.

Betet für mich den 128. Psalm; über ihn ging die letzte Predigt, die ich am Tage der Verhaftung in unserer Dorfkirche hörte. Und dazu betet den 103. Psalm, lobet und danket.

Mein letzter Gedanke, liebste Frau, wird sein, daß ich Euch meine Lieben des Heilands Gnade und meinen Geist in Seine Hände befehle. So will ich glaubensfroh sterben. Und ich möchte, meine liebe Bärbel, daß auch Du „die immer heitere Frau von Haeften“ bleibst! Scherze und lache mit den Kindern, herze sie und sei fröhlich mit ihnen, sie brauchen Deine Frohnatur, und wisse, daß nichts mehr nach meinem Sinne sein könnte.

So grüße ich Euch, meine lieben Liebsten, mit dem alten Grußwort „Freuet Euch“ — „Freuet Euch in dem Herrn allewege und abermals sage ich: freuet Euch!“ „Und der Friede Gottes bewahre Eure Herzen und Sinne in Christo“.

Grüße und Küsse von mir unsere lieben Kinder, den lieben Jannemann, den guten Dirkus, das treue Addalein, das köstliche Dörchen, das süße Ulrikchen. Und Dich selbst, meine liebe allerliebste Frau, meine gute herzliebste Barbara, Dich küsse ich und umarme Dich und halte Dich an meinem Herzen mit den tiefsten flehendsten Wünschen für Zeit und Ewigkeit!

Dein Hannis

Quelle: Du hast mich heimgesucht bei Nacht. Abschiedsbriefe und Aufzeichnungen des Widerstandes 1933-1945, hg. v. Helmut Gollwitzer, Käthe Kuhn und Reinhold Schneider, München: Chr Kaiser, 3. erw. A., 1955, 258-260.

Hier der Brief als pdf.

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