Martin Niemöller über die deutsche Schuld: „Du bist ein Bekenntnispfarrer gewesen und hast dir vielleicht sogar etwas darauf eingebildet. Hier schreit das Blut von 30 bis 40 Mil­lionen Toten gen Himmel, weil Du mich 1933 verleugnet hast, statt mich zu bekennen“

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5. Mai 1945: Nach der Befreiung auf Terrasse des Hotels „Pragser Wildsee“ (Südtiro): Niemöller mit Pfeife im Mund und dem Kind von Kurt Schuschnigg auf dem Arm.

Wie kaum ein anderer Theologe hat sich Martin Niemöller gleich nach dem 2. Weltkrieg sich der deutschen Schuldfrage gestellt und dabei sich selbst in aller Radikalität miteinbezogen. Der folgende Text stammt aus einer Predigt vom März 1946:

Ein persönliches Schuldbekenntnis

Von Martin Niemöller

Als ich im Sommer 1945 aus der Gefangenschaft in die Freiheit heimkehrte, da kam nach der Freude des Wiedersehens die Stunde, da es mir deutlich wurde und sich mir auf die Seele legte, daß in dem Kreis der Meinen Lücken klafften, frisch gerissen in den letzten Monaten meiner Haft. Meine liebe jüngste Tochter war binnen zwei Tagen abgerufen worden; mein ältester Sohn war im Osten gefallen; mein dritter Sohn saß in Rußland gefangen. Als sich mir das auf die Seele legte, da habe ich gehört und gespürt, wie mein Herz seufzte, wie es murrte: Mein Gott, war es noch nicht des Leides und der Prüfung genug? Mußte das auch noch sein? Und ich weiß es, einem jeden unter uns, der einen lieben Menschen – oder gar mehrere oder alle – hat hergeben müssen, der weiß etwas von dem Murren unseres Herzens. Als ich dann im Herbst 1945 zu meinem ersten und bisher einzigen Besuch zu meiner Gemeinde nach Ber­lin kam, da fand ich mein Pfarrhaus als halbe Ruine, zerstört, geplündert, das unterste zu oberst gekehrt und die Gemeinde mit vielen, vielen Lücken. Ich suchte viele in ihrer Mitte und fand sie nicht mehr. Da wurde das Seufzen und Murren meines Herzens von neuem lebendig: Mußte das auch noch sein, daß die Stunde der Rückkehr in meine irdische Heimat mir die Augen dafür auftun mußte, daß ich eine irdische Heimat nicht mehr habe? Und ich weiß, dies Murren kennt ein jeder, der heimkehrte und die Heimat nicht mehr fand und heimatlos ward wie Tausende und Zehntauende in unserem Volke. Und doch war dies Seufzen und Murren meines Herzens erst ein Anfang. Als ich sah, wie ich mein liebes deutsches Volk wiederfand, mein Volk, an dem ich gehangen habe und noch hänge mit jeder Faser meines Herzens, die Volk, das nicht nur in der Tiefe der Not und im Abgrund der Elends saß, sondern das oben­drein bedeckt ist mit Schmach und Schande vor aller Welt, da hat mein Herz wiederum ge­seufzt und gemurrt und hat geschrien zu Gott: Sind denn wir Deutsche wirklich vor allen Völ­kern der Welt so erbärmlich und so schlecht, daß dieser Strom der Schmach und des Verbre­chen ausgerechnet bei uns, in unserer Mitte seine Quelle hat haben und finden müssen? Ich weiß, liebe Brüder und Schwestern, wir alle kennen dieses Schreien unseres Herzens, denn wie könnten wir als Christen anders, als unser Volk zu lieben? Keiner kann dieses unterirdi­sche Murren in unserem Volke überhören, jeder hat davon Kenntnis genommen. Was bedeutet aber dieses Murren? Da Wort der Schrift sagt uns: „Wie murren denn die Leute also? Ein jeglicher murre wider seine Sünde!“ Es wurde mir aufs neue bewußt, daß überall da, wo ich gegen Gott murre und mit Gott unzufrieden bin, die Tatsache die ist, daß Gott Ursache hat, mit mir unzu­frieden zu sein. „Ein jeglicher murre wider seine Sünde“. Solange ich murre, habe ich keinen Frieden mit Gott. Und mein Leben als Christ sollte doch ein Zeugnis dafür ein, daß ich Frie­den mit Gott habe, daß ich mit Gott versöhnt bin! Woran liegt das? Das Wort Sünde ist uns von Jugend an vertraut. Es vergeht keine Woche und kein Sonntag, an dem wir nicht im Got­tesdienst, vom Katheder oder von der Kanzel hingewiesen werden darauf, daß die Bot­schaft von Jesus Christus die Botschaft ist von menschlicher Sünde und Gottes gnädigem Erbarmen, von Schuld und Vergebung. Was haben wir denn eigentlich früher von Sünde und Schuld gewußt? Haben wir schon einmal im Leben im Gedanken an unsere Sünde und Schuld nicht schlafen können? Waren das nicht alles Worte, die irgendwo am Rande unseres Lebens auf­klangen, die Vorstellungen in uns weckten, und wir gingen dann doch dahin, als ginge uns das alles nichts an? War nicht die Botschaft der Kirche für uns nur ein schöner Trost und eine erquickende Begleitung für die Melodie unseres Lebens? Wir hatten, was wir hatten – und obendrein für Notfälle noch das Evangelium, daß Gott es gut mit uns meine. Heute können wir uns der Tatsache, daß Schuld und Sünde Wirklichkeiten, harte Wirklichkeiten sind, die einem wirklich den Schlaf rauben können, nicht verschließen. Ich brauche dazu nicht viel zu sagen. Es genügt, darauf hinzuweisen, daß vor unseren Augen und in unseren Tagen in der Mitte unseres Kontinents in Deutschland und in den umliegenden Ländern binnen weniger Jahre ein Volk ausgerottet worden ist. Im Laufe weniger Jahre sind sechs Millionen – wenn die Zahlen stimmen; aber die Zahl tut es nicht, und wäre es nur die Hälfte – Juden hingemor­det worden aus Berechnung, mit Vorsatz, kaltblütig, ein Berg von Leichen, ein Berg von Urnen mit etwas Menschenasche darin. Ein Berg von Schuld, ein Berg von Sünde. Und wen geht das etwas an? Wir kennen das Spiel, das unter uns üblich ist, daß jeder das Wort und die Sache „Schuld und Sünde“ von sich auf den anderen abschiebt, daß alles hingetragen und ab­geschoben wird auf ganz wenige Menschen. Vielleicht hat nur einer diesen Berg zusam­men­getragen; aber dieser eine ist nicht mehr da. Was aber geblieben ist, das ist dieser Berg von Schuld. Und er liegt da in der Mitte unseres Volkes und verpestet die ganze Welt. Dieser Berg von Schuld wird die Ursache sein, wenn noch in hundert oder zweihundert Jahren in der gan­zen Welt kein Mensch zufrieden sein wird, der von einem Deutschen auch nur ein Stück Brot nimmt, wenn wir es zu geben haben. Es ist nicht zu bestreiten: Diese drei oder sechs Millio­nen Morde, die sich in unserer Mitte ereignet haben, sind vollbracht worden von deutschen Händen. Willst Du auch sagen: Das geht mich nichts an? Willst Du so tun, wie ich es getan habe, als hättest Du mit dem nichts zu tun? Seht, liebe Gemeinde, es fing bei mir so an in einer Stunde, die ich nicht mehr vergessen werde: Im vorigen Herbst stand ich wieder in Da­chau vor dem Gebäude des Krematoriums. Dort hing an einem Baum vor der Haustür eine Tafel, die Erinnerungstafel, die die überlebenden für ihre hinweggerafften Kameraden dort angebracht haben: „Hier wurden in den Jahren von 1933 bis 1945 238 756 Menschen ver­brannt“. Und ich habe nicht aufgestöhnt und aufgeschrien: O dieser verfluchte Hitler, dieser verdammte Himmler, diese verbrecherische Gestapo und SS! Es ist mir durch die Knochen und die Seele gegangen: Meine Schuld, meine Schuld, meine übergroße Schuld! 1933 stand da geschrieben. Ich wußte, was ich lange Jahre nicht habe wissen wollen, daß ich 1933 gelebt habe als ein Mensch in meinem Volke, und ich wußte mit einem Mal wieder, daß ich damals in der Zeitung gelesen hatte, wie Göring sich rühmte: „Ich habe den kommunistischen Gift­zahn ausgebrochen, alle kommunistischen Aktivisten sitzen hinter Stacheldraht, da mögen sie verrecken“. Und was habe ich dazu zu sagen gehabt oder dazu getan? Nichts, gar nichts. Viel­leicht habe ich damals einen Winkel in meiner Seele gehabt, indem ich mich freute darüber, daß die Gefährdung durch den gottlosen Kommunismus zu Ende gekommen war. Aber eins habe ich nicht gewußt, eins habe ich nicht gesehen und nicht ausgesprochen und bezeugt: Daß in jedem Kommunisten, der hinter den Stacheldraht wanderte, mein Herr und Heiland Jesus Christus gefangen gesetzt und eingesperrt wurde. Ich habe gemeint: ich kenne den Menschen nicht, der da eingesperrt wird. Und doch spricht mein Herr und Meister: „Was ihr nicht getan habt einem unter diesen Geringsten, das habt ihr mir nicht getan. Ich bin gefangen gewesen, und du hast mich nicht besucht.“ – Da stand vor mir ein Leben von 1935. Ich erinnerte mich mit einem Male, das war die Zeit, da wurde gemunkelt und geschrieben in Zeitschriften, daß man ein Werk der Barmherzigkeit tue, wenn man nach den Plänen des Nationalsozialismus das lebensunwerte Leben aus unserer Mitte tue, wenn man die blöden Kinder, die unheilbaren Krüppel, die nicht lebensfähigen Alten aus diesem Leben in ein besseres Jenseits befördere. Es wurde darüber debattiert, was richtig, zweckmäßig und wohlgetan sei. Was habe ich dazu gedacht, gesagt und getan? Ich habe gelebt, als ginge diese Not mich nichts an. Ich habe kein Wort dazu gefunden und keine Tat, oder habe es nicht gewußt und nicht wissen wollen, daß in jedem blöden Kind, das umgebracht wurde, in jedem Alten, dem man die Todesspritze gab, der Herr Jesus Christus umgebracht wurde vor meinen Augen. Ich dachte und lebte so, als ob ich dächte: „Soll ich meines Bruders Hüter sein?“

Da kam 1938 und ich wurde in jenen Novembertagen von einem Gefängnis ins andere trans­portiert und nachmittags zurück ins Konzentrationslager. Da habe ich die Synagogen rauchen sehen und der zerstörte Hausrat der Juden lag auf den Berliner Straßen umher und es begann jenes fürchterliche Werk, das in der Katastrophe enden sollte, deren Aufrechnung heißt: sechs Millionen Juden umgebracht von deutschen Händen. Ich habe mich damals entsetzt vor dem, was geschah, und als ich nach Oranienburg zurückgebracht wurde und der endlose Zug von Tausenden und Abertausenden von Juden einmarschierte, da habe ich einen Schrecken be­kommen. Aber das habe ich damals nicht gesehen oder nicht sehen wollen, daß es mein Herr und Heiland war, der dort tausend- und zehntausendfach auf den Weg des Kreuzes geschleppt wurde zum Leiden und zum Sterben. Ich habe geschwiegen in meiner Angst um mein bißchen Leben und nicht gesprochen: Laßt uns mit ihm ziehen, daß wir mit ihm sterben. Seit jener Stunde vor dem Krematorium in Dachau weiß ich: Wenn am jüngsten Tage der Herr, der da richtet die Lebendigen und die Toten, mich vor sich ruft, er zu mir sagen kann: „Ich bin gefan­gen gewesen, und du bist nicht zu mir gekommen; ich bin krank und elend gewesen und du hast mich nicht besucht; ich bin auf den Weg des Leidens und Sterbens geführt worden, aber du hast nicht bei mir gestanden. Was du versäumt hast an einem dieser Geringsten, das hast du an mir versäumt.“

So sieht die erkannte Schuldfrage für mich aus, für mich als einen Menschen, der von Jugend auf von Jesus Christus verkündigen gehört hat und der gemeint hat, an ihn zu glauben und sein Jünger zu sein. Ich stehe vor dem Berg der Schuld, der mitten in unserem Volke aufge­türmt ist, und habe nicht mehr das Herz, auf andere zu weisen, sondern ich weiß, daß Gott mich vor diesen Berg geführt hat, damit ich in mich gehe und mich aufmache zu meinem Vater. So sieht für uns Christen die Schuldfrage aus. Immer wieder hat mich der Gedanke gequält, wenn ich mir in menschlicher Klugheit die Frage vorlegte: Was hätten wir tun sollen? Seht, 1933 hatten wir etwa 14 000 evangelische Pfarrer. Wenn wir nicht in der Unwissenheit des Unglaubens vorbeigegangen wären an dem Leid des Herrn Christus, der in den Brüdern litt an unserer Seite, wenn wir nicht die Augen zugemacht hätten, sondern gewußt hätten, daß wir für ihn eintreten, uns zu ihm bekennen müßten, wenn wir 14 000 hingetreten wären, wie es unsere Schuldigkeit war nach dem Ordinationsgelübde und hätten gesagt: Brüder und Schwe­stern, was dort geschieht, das geschieht als Verbrechen an dem Herrn Jesus Christus, nämlich an den Geringsten unter seinen Brüdern. Ihr dürft Euch nicht mitschuldig machen durch Tat oder durch Schweigen. Wir müssen Euch das sagen um Eurer Seelen Seligkeit will­len, denn Jesus wird am jüngsten Tage sagen: „Was ihr nicht getan habt einem meiner gering­sten Brü­der, das habt ihr mir nicht getan“. Vielleicht wären 14 000 Pastoren oder das Doppel­te an Ge­meindegliedern gemordet worden. Aber was wir seitdem erlebt haben, wäre nach menschli­chem Ermessen kaum möglich gewesen. Dann hätte kein Chamberlain ge­glaubt, was Hitler ihm vorlog, und kein Daladier wäre darauf hereingefallen, was ihm ver­sprochen wurde. Die­ser zweite Weltkrieg wäre nicht gekommen. 30 bis 40 Millionen Tote, die diese Zeit geko­stet hat und noch kostet und in Zukunft noch kosten wird, ohne daß es einer ändern kann, sie hät­ten nicht sterben brauchen. Ich sehe ein Bild vor mir, daß mich schrecken kann Nacht für Nacht: Daß Christus mich rufen könnte und mir sagt: Du bist ein Bekenntnispfarrer gewesen und hast dir vielleicht sogar etwas darauf eingebildet. Hier schreit das Blut von 30 bis 40 Mil­lionen Toten gen Himmel, weil Du mich 1933 verleugnet hast, statt mich zu bekennen; denn was du versäumt hast an einem unter den Geringsten, das hast du an mir versäumt. – Glaubt ihr wirklich, man könnte durch diese Tiefe gehen und dann noch schielen, ob ein ande­rer noch einige andere Groschen schuldig wäre? Meint ihr, man könnte vor dem Gericht des Herrn Christus stehen und auf andere weisen und sagen: Die sind aber mitschuldig!? Nein, hier tue ich einen Blick in meine Verdammnis; hier weiß ich, daß Sünde und Schuld keine Redensar­ten sind und keine frommen Worte, sondern fürchterliche Wirk­lichkeiten, in denen und mit denen ich nicht leben kann, sondern ewiglich verdammt sein muß. – Gott hat seinen Sohn gesandt. So sagt er uns in seinem Wort, zur Versöhnung für unsere Sünden. Im Lichte seines Wortes muß ich mich selbst erkennen, wie ich bin, und es geschieht das Wunder, daß Gott mich nicht in den Abgrund der Hölle stößt, daß er mich nicht in meiner Verzweiflung durch den Rest meines Lebens laufen läßt. Es geschieht das Wunder, daß Gott sein Wort heute und morgen gibt, das Wort, das mir sagt: Er hat seinen Sohn für mich gesandt; das Wunder ist Tatsache, daß Gott mich, diesen Sünder und Schuldner liebt; mit mir will Gott Frieden haben, mit mir will er trotz allem zufrieden sein. Ich weiß nicht nur aufs neue, was Sünde und Schuld heißt, ich habe ein neues Auge bekommen für das, was Evangelium, was frohe Botschaft ist. Das Evangelium ist wahrhaftig nicht nur ein Trost neben anderen, ist nicht nur ein Schmuck unseres Lebens, ist nicht nur eine Kraft, die da einspringt, wo meine Kraft nicht mehr ganz reicht, Evangelium ist wahrhaftig Rettung aus dem Tode, nein, mehr, viel mehr, Evangelium ist die Rettung Gottes für mich aus der Verdammnis, aus der ich keinen Ausweg finden kann und nie finden zu können hoffen darf. Gott hat mich lieb; er macht Frieden mit mir und läßt mir sagen jeden Morgen vor meinem Tagewerk, vor meinen neuen Sorgen, vor neuer Er­kenntnis meiner Schuld: Du darfst und sollst dich zu deiner Schuld bekennen; du sollst kein Hehl daraus machen, wer du bist; du kannst und darfst aber auch be­kennen, wer Gott ist, der sich offenbart hat in Jesus Christus, in seinem Sohn der gesandt ist zur Versöhnung für die Sünden; du darfst es wissen und saget trotz allem: Wir haben Frieden mit Gott, mit dem heili­gen Gott, der uns vor diesen Berg der Schuld stellt und dem wir darauf auf Tausend nicht eins antworte1 können. Die frohe Botschaft ist ein Wunder, das Wunder, liebe Gemeinde!

Aus einer Predigt über 1. Joh. 4,9-14 vom 27. März 1946 in der Immanuelskirche, Wuppertal-Barmen; erschienen unter dem Titel: Martin Niemöller: Die Aufgaben der Evangelischen Kirche in der Gegenwart, Düsseldorf 1946.

Hier der Text als pdf.

 

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