Aus Martin Niemöllers Rede „Das christliche Zeugnis inmitten der Welt“ (1948): „Die Kirche aber, die neben dem Kreuz Christi noch ein Programm zur Rettung der Welt aufstellt, mag sich vorsehen, dass sie nicht das Chaos vermehre und dass sie nicht selbst vom Chaos verschlungen werde“

Martin Niemöller auf dem Deutschen Evangelischen Kirchentag 1956 in Frankfurt am Main
Martin Niemöller auf dem Deutschen Evangelischen Kirchentag 1956 in Frankfurt am Main.

Martin Niemöllers Rede „Das christliche Zeugnis inmitten der Welt“, die er 1948 in Zusammenhang mit der Gründung des Ökumenischen Rats der Kirchen in Amsterdam gehalten hatte, ist eine leidenschaftliche Ansage der Botschaft vom Kreuz wider einem besserwisserischen „Restevangelium“:

Wir stehen beute als Christenheit mit der gesamten Menschenwelt in der „Solidarität der Rat­losigkeit“, wir sind es gewiß nicht, die einer sterbenden Welt neues Leben einhauchen konn­ten, und wir verfügen nicht über ein wirksames Rezept, das einer kranken Menschheit die Ge­sundung verbürgt.

Jene „christliche Welt“, die da meinte, mit der Geltendmachung und Durchsetzung christli­cher Grundsätze die übrige Welt christlich imprägnieren und gegen die Gerichte Gottes feuer­fest machen zu können, ist bei uns bankrott; das Feuer des göttlichen Gerichts hat das Haus Gottes selbst ergriffen, und die Tragbalken unserer christlichen Prinzipien sind in dieser Glut zusammengekracht. — Wir Christenmenschen im zentral-europäischen Raum stehen in be­son­derer Weise unter der Auswirkung und unter dem Eindruck dieses Gerichtes und haben damit eine besondere Verantwortung, dies Gericht Gottes hier den Brüdern aus aller Welt zu bezeu­gen; denn bei uns ist seit einem Jahrtausend und länger der grandiose Versuch unter­nommen worden, die „christliche Welt“ zu gestalten in der Politik des einen heiligen römi­schen Rei­ches, in der Gesellschaftsordnung der „christlichen“ Stände, in der verpflichtenden Sitte kirchlicher Moral und in dem festen Weltanschauungsgefüge einer einheitlichen religiö­sen Doktrin. — Diese Stützen sind eine nach der andern brüchig geworden; und wenn auch unsere Väter und wir selbst viel Mühe daran gewandt haben, sie zu flicken und wiederherzu­stellen, die letzten hundert Jahre und endlich die beiden Weltkriege haben auch die letzte schwache Hoffnung, daß es gelingen könnte, weggeblasen. Der Zusammenbruch ist total; und wer daran geben wollte, diese Trümmer wieder aufzubauen, würde dem Fluch der Lächerlich­keit verfallen.

Und doch können wir uns nicht einfach abwenden und etwas anderes beginnen, wo hätten wir denn noch etwas „anderes“? — wir leben in der Welt; und wenn diese Welt im Chaos ver­sinkt, wie das vor unseren Augen geschieht, dann greift das an unser Leben. Und wir leben als Menschen in dieser Welt; und wenn der Mensch sein Menschentum, seine besondere mensch­liche Würde verliert, wie es bei uns am Tage ist, dann sinken wir selber ins Chaos zurück, in die Sinnlosigkeit, in der es kein Gut und Böse, kein Vorwärts und Rückwärts, kein Oben und Unten mehr gibt. — Wir sollten uns keinen Illusionen mehr hingeben: dieser Nihilismus als Krankheit zum Tode ist heute da und wirksam, und wir haben kein Mittel, ihm Einhalt zu ge­bieten; denn wir verfügen weder über die Möglichkeit, diese chaotisch gewordene Welt wie­der in Ordnung zu bringen noch auch die geschändete Würde des Menschen wiederherzustel­len. —

Gerade wir Christen können und dürfen uns dieser „Solidarität der Ratlosigkeit“ nicht entzie­hen und damit falsche Hoffnungen wecken. — Es ist unverantwortlich und nicht zu ertragen, wenn man bei uns in Europa, ja bei uns in Deutschland noch Stimmen hören kann, die besa­gen: Hättet ihr nur auf uns, auf die christliche Kirche gehört, dann wäre das ganze Unheil nicht gekommen! Und dabei stehen wir als Kirche und Christenheit selber unter Gottes Ge­richt: „Wehe euch, Schriftgelehrte und Pharisäer, ihr Heuchler, die ihr verzehntet die Minze, Dill und Kümmel, und lastet dahinten das Schwerste im Gesetz, nämlich das Gericht, die Barmherzigkeit und den Glauben:“ —

Wir sind zur Besinnung, nein: zur Buße gerufen, wir, die Kirche; denn wir sollten Zeugen Christi sein, des gekreuzigten und auferstandenen, lebendigen Herrn, und statt dessen haben wir unsere „christlichen“ Wahrheiten und Grundsätze propagiert, so wie sie uns als gut, ver­nünftig und wirksam erschienen. — Daß „wir müssen alle offenbar werden vor dem Richter­stuhl Christi“, daß „das Wesen dieser Welt vergeht“, daß „Gott einen Tag gesetzt hat, an wel­chem er richten will den Kreis des Erdbodens mit Gerechtigkeit“, das haben wir der Welt und den Menschen unserer Lage vorenthalten und gemeint, wir könnten aus der göttlichen Torheit des Evangeliums ein System menschlicher Weisheit und Klugheit machen. —

Es war Gottes Gericht, daß er uns hinderte, so weiterzureden, wie wir geredet haben; es war Gottes Gericht, daß er uns Schweigen gebot. Aber es war und ist ein Gericht seiner Gnade, damit wir wieder recht hören und fragen lernen: „Herr, was willst Du, daß ich tun soll?“ —

Wir haben nämlich in der Tat eine Botschaft für die Welt; aber sie ist eben nicht unsere Bot­schaft, sondern die Botschaft Gottes, die uns aufgetragen ist, das Zeugnis von Christus, das Wort vom Kreuz. — Dies Wort weiß von Menschenwürde, aber nicht von einer Würde, die wir Menschen haben und besitzen, die wir Menschen fordern und durchsetzen, die wir Men­schen aufrichten und wieder in Kraft setzen, um damit das über uns hereingebrochene Chaos, das wir selber über uns gebracht haben, zu überwinden. — Die uns gegebene Botschaft besagt vielmehr, daß Gott in seiner unbegreiflichen, aber in Christus offenbaren Barmherzigkeit uns eine Würde zuerkennt, auf die wir keinerlei Anspruch haben, eine Würde, die es uns jedoch möglich macht, inmitten einer chaotisch gewordenen und sichtbarlich dem Ende zueilenden Welt als Menschen, ja als Kinder Gottes getrost zu leben, wo immer und wann immer wir uns auf diese Zusage Gottes im Glauben verlassen. — Daß Gott dem Menschen, wie er tatsächlich ist, d. h. dem Zöllner und der Hure, dem Dieb und dem Mörder, dem Menschen, der seine Menschenwürde verraten und verkauft und damit das Chaos in der Schöpfung heraufgeführt hat, daß Gott diesem Menschen seine volle und unbegrenzte Liebe in der Hingabe Christi zu­wendet, das ist die wahre und einzige Menschenwürde, die wir als Christenheit zu proklamie­ren haben.

Es sollte deutlich sein, daß dies gerade heute die höchst aktuelle „frohe Botschaft“ ist; und ebenso deutlich sollte es uns sein, daß in der Verkündigung dieser Botschaft der eigentliche und einzige Auftrag der Kirche inmitten der Welt ausgerichtet wird, der von niemand anders übernommen werden kann. — So haben wir allerdings — angesichts der aus den Fu­gen gera­tenen Menschenwelt — keine eigenen Vorschläge zur Überwindung des Chaos zu machen; wir haben nur zu bezeugen: Gott will uns nicht in unserm eigenen Verderben zugrun­de gehen lassen; deshalb ruft er durch die Botschaft vom Kreuz seines Sohnes zum Glauben mitten im Gericht, deshalb sammelt er sich eine Gemeinde, die dieser Botschaft glaubt und sie weiter­trägt, deshalb erhält er diese seine Gemeinde mitten in der vergehenden Welt, damit sein Heil überall kundgetan und allen angeboten werde.

Mit dieser Botschaft vom Kreuz, von der Gnade Gottes im Gericht, verträgt sich kein irgend­wie geartetes „christliches Programm“ zur Wiederherstellung der gestörten Weltordnung: Gott hat sein eigenes Programm mit der Aufrichtung des Kreuzes Christi bereits in Kraft treten las­sen: sein Gericht über den Unglauben ist bereits im Gange, und der alte Äon vergeht; zugleich zieht der neue herauf, und seine Tore stehen dem Glauben offen. Eine andere Rettung gibt es nun nicht mehr: nur hier ist der Zugang zu dem neuen Himmel und der neuen Erde. — Die Kirche aber, die neben dem Kreuz Christi noch ein Programm zur Rettung der Welt aufstellt, mag sich vorsehen, daß sie nicht das Chaos vermehre und daß sie nicht selbst vom Chaos ver­schlungen werde. — Wohl hat sie die Verheißung, daß „die Pforten der Hölle“ sie „nicht über­wältigen“ werden, aber diese Zusage Gottes und Christi ist an das Bekenntnis zu Christus gebunden; und die Verheißung, daß uns alles „zufallen“ soll, was uns zum Leben in dieser Welt nötig ist, hängt daran, daß wir „trachten nach dem Reiche Gottes und nach seiner Ge­rechtigkeit“. — So ruft Gott die Kirche wieder zur Einfältigkeit ihres Amtes; sie soll und darf nichts anderes wissen als Jesus Christus, den Gekreuzigten, weil er allein der Auferstandene und Lebendige ist. Und von diesem ihrem Amt gilt: „was deines Amtes nicht ist, da laß dei­nen Vorwitz!“

Hier der vollständige Text seiner Rede als pdf.

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