„Wir haben die Quittung bekommen auf den großen Abfall von Gott und Christus, auf das organisierte Antichristentum. Die Leidenschaften sind entfesselt, die Gebote Gottes missachtet. Gotteshäuser, die anderen heilig waren, sind ungestraft niedergebrannt worden“ – Julius von Jans Busstagspredigt vom 16. November 1938

Julius von Jan Gedenktafel

Da war für den Buß- und Betttag am 16. November 1938 Jeremia 22,29: „O Land, Land, höre des Herrn Wort!“ als Predigtwort vorgegeben und der Oberlenninger Pfarrer Julius von Jan nimmt – auf die Hintergrund der Reichspogromnacht vom 9. November – Jeremia 22,2-9 in seine drängende Bußprophetie hinein. Am 25. November 1983 wurde von Jan von SA und HJ in Oberlenningen brutal misshandelt und inhaftiert. Ein Jahr später wurde er in einem Sondergerichtsverfahren zu einem Jahr und vier Monaten Gefängnis verurteilt.

Predigt über Jeremia 22,29: „O Land, Land, höre des Herrn Wort!“

Von Julius von Jan

Der Prophet ruft: „O Land, Land, höre des Herrn Wort!“ Wenn wir bloß dieses eine Sätzlein hören, so verstehen wir zunächst noch nicht, was für schwere Kämpfe und Nöte den Jeremia zu diesem Ruf veranlasst haben. Er steht in einem Volk, unter dem sich der Herr in langer Geschichte geoffenbart hat als ein Vater und Erlöser, als ein Führer und Helfer voll Kraft und Gnade und Herrlichkeit. Dieses Volk Israel aber und voran seine Könige und seine Fürsten haben das Gesetz Gottes mit Füßen getreten. Jeremia hat gegen all dieses Unrecht einen zähen Kampf geführt im Namen Gottes und der Gerechtig­keit.

Seit fast 30 Jahren predigt er dem Volk des Herrn Wort. Er widerspricht den Lügenpredigten derer, die in nationaler Schwärmerei Heil und Sieg verkündigen. Aber er wird nicht gehört. Immer einsamer wird der treue Gottesmann. Da kommt die große Stunde, wo Gott seinen Pro­pheten ruft: Gehe hinab in das Haus des Königs selbst und rede dies Wort:

Höre des Herrn Wort, du König Judas, der du auf dem Stuhl Davids sitzest, du und deine Knechte und dein Volk, die zu diesen Toren eingehen. So spricht der Herr: Haltet Recht und Gerechtigkeit und errettet den Beraubten von des Frevlers Hand, und schindet nicht die Fremdlinge, Waisen und Witwen, und tut niemand Gewalt, und vergießt nicht unschuldig Blut an dieser Stätte. Werdet ihr solches tun, so sollen durch die Tore dieses Hauses einziehen Könige, die auf Davids Stuhl sitzen, zu Wagen und zu Ross, samt ihren Knechten und ihrem Volk. Werdet ihr aber solchem nicht gehorchen, so habe ich bei mir selbst geschworen, spricht der Herr, dies Haus soll zerstört werden. Denn so spricht der Herr von dem Hause des Königs in Juda: Ein Gilead bist du mir, ein Haupt im Libanon. Was gilt’s? Ich will dich zur Wüste und die Städte ohne Einwohner machen. Denn ich habe Verderber über dich bestellt, einen jeglichen mit seinen Waffen; die sollen deine auserwählten Zedern umhauen und ins Feuer werfen. So werden viele Heiden vor dieser Stadt vorübergehen und untereinander sagen: Warum hat der Herr mit dieser großen Stadt also gehandelt? Und man wird antwor­ten: Darum, dass sie den Bund des Herrn, ihres Gottes, verlassen und andere Götter angebe­tet und ihnen gedient haben.“ (Jer. 22,2-9).

Der König verhärtete sich gegen das Gotteswort und wurde plötzlich vom Feind in Gefangen­schaft abgeführt; sein Nachfolger verfolgte den Propheten und starb nach kurzer Herrschaft; und der dritte König war nur drei Monate am Ruder, da fiel er in die Hände der Babylonier! All das erzählt uns unser Kapitel. In kurzer Zeit war die Herrlichkeit von drei unbußfertigen Königen Jerusalems dahin. In tiefem Schmerz darüber schreit Jeremia in sein Volk hinein: „O Land, Land, Land, höre des Herrn Wort!“

Warum wirst du dem treuen Gott untreu? Warum achtest du seine Gebote nicht mehr? Siehst du nicht, wie’s deinen Königen deshalb ergangen ist? O Land, liebes Heimatland, höre des Herrn Wort! In diesen Tagen geht durch unser Volk ein Fragen: Wo ist in Deutschland der Prophet, der in des Königs Haus geschickt wird, um des Herrn Wort zu sagen?

Wo ist der Mann, der im Namen Gottes und der Gerechtigkeit ruft, wie Jeremia gerufen hat: Haltet Recht und Gerechtigkeit, errettet den Beraubten von des Frevlers Hand! Schindet nicht die Fremdlinge, Waisen und Witwen, und tut niemand Gewalt und vergießt nicht unschuldig Blut?

Gott hat uns solche Männer gesandt! Sie sind heute entweder im Konzentrationslager oder mundtot gemacht. Die aber, die in der Fürsten Häuser kommen und dort noch heilige Hand­lungen vollziehen können, sind Lügenprediger wie die nationalen Schwärmer zu Jeremias Zeiten und können nur Heil und Sieg rufen, aber nicht des Herrn Wort verkündigen. Die Män­ner der Vorläufigen Kirchenleitung, von denen die Zeitungen in der letzten Woche berichte­ten, haben in einer Gottesdienstordnung das Gebot des Herrn klar ausgesprochen und sich wegen der erschreckenden Missachtung der göttlichen Gebote durch unser Volk vor Gott ge­beugt für Kirche und Volk. Jedermann weiß, wie sie dafür als Volksschädlinge angeprangert und außer Gehalt gesetzt worden sind – und schmerzlicherweise haben es unsere Bischöfe nicht als ihre Pflicht erkannt, sich auf die Seite derer zu stellen, die des Herrn Wort gesagt haben.

Wenn nun die einen schweigen müssen und die andern nicht reden wollen, dann haben wir heute wahrlich allen Grund, einen Bußtag zu halten, einen Tag der Trauer über unsre und des Volkes Sünden.

Ein Verbrechen ist geschehen in Paris. Der Mörder wird seine gerechte Strafe empfangen, weil er das göttliche Gesetz übertreten hat.

Wir trauern mit unserm Volk um das Opfer dieser verbrecherischen Tat. Aber wer hätte ge­dacht, dass dieses eine Verbrechen in Paris bei uns in Deutschland so viele Verbrechen zur Folge haben könnte? Hier haben wir die Quittung bekommen auf den großen Abfall von Gott und Christus, auf das organisierte Antichristentum. Die Leidenschaften sind entfesselt, die Gebote Gottes missachtet, Gotteshäuser, die andern heilig waren, sind ungestraft niederge­brannt worden, das Eigentum der Fremden geraubt oder zerstört, Männer, die unsrem deut­schen Volk treu gedient haben und ihre Pflicht gewissenhaft erfüllt haben, wurden ins KZ geworfen, bloß weil sie einer andern Rasse angehörten! Mag das Unrecht auch von oben nicht zugegeben werden, – das gesunde Volksempfinden fühlt es deutlich, auch wo man nicht darü­ber zu sprechen wagt.

Und wir als Christen sehen, wie dieses Unrecht unser Volk vor Gott belastet und seine Strafen über Deutschland herbeiziehen muss. Denn es steht geschrieben: Irret euch nicht! Gott lässt seiner nicht spotten. Was der Mensch sät, das wird er auch ernten!

Ja, es ist eine entsetzliche Saat des Hasses, die jetzt wieder ausgesät worden ist. Welche ent­setzliche Ernte wird daraus erwachsen, wenn Gott unsrem Volk und uns nicht Gnade schenkt zu aufrichtiger Buße.

Wenn wir so reden von Gottes Gerichten, so wissen wir wohl, dass manche im Stillen denken: Wie kann man auch heute von Gottes Gerichten und Strafen über Deutschland reden, wo es so sichtbar aufwärts geht und in diesem Jahr 10 Millionen Deutsche mit dem Reich vereinigt worden sind. Da sieht man doch Gottes Segen über unsrem Volk! Ja, es waltet eine erstaunli­che Geduld und Gnade Gottes über uns. Aber gerade deshalb gilt es: O Land, Land, Land, höre des Herrn Wort! Höre jetzt endlich! Weißt du nicht, dass dich Gottes Güte zur Buße leitet? In unsrem Kapitel wird der Prophet beauftragt, von Gott zu sagen: So wahr ich lebe, spricht der Herr, wenn Chonja, der König Judas, ein Siegelring wäre an meiner rechten Hand, so wollte ich ihn doch abreisen und in die Hände geben derer, die nach seinem Leben stehen! Es kann ein Mensch und ein Volk von Gott zu höchsten Ehren erhoben sein, – wenn er sein Herz verschließt vor des Herrn Wort, so wird er plötzlich in die Tiefe gestürzt. Äußeres Glück, äußere Erfolge führen uns Menschen nur zu leicht in einen Hochmut hinein, der den ganzen göttlichen Segen verderbt und deshalb in tiefem Fall endet. Darum ist uns der Bußtag ein Tag der Trauer über unsere und unsres Volkes Sünden, die wir vor Gott bekennen, und ein Tag des Gebets: Herr, schenk uns und unsrem Volk ein neues Hören auf dein Wort, ein neues Achten auf deine Gebote! Und fange bei uns an. Wir gehen so gern eigene Wege. Wir tun so vielerlei und nehmen uns so wenig Zeit zu der Stille, in der wir des Herrn Wort vernehmen dürften, sei ’s im Gottesdienst, sei’s im Kämmerlein.

Darum geht so mancher Tag dahin, ohne dass wir Gott unsern Herrn sein ließen, weil wir am Morgen nicht beim Befehlsempfang bei Ihm waren. Ein Christ, der nicht jeden Morgen diese Stille zum Hören sucht, gefährdet sich selbst und schade der Sache seines Herrn. Denn ohne des Herrn Wort sind wir allen dämonischen Gewalten preisgegeben und allen verführerischen Stimmen der Unterwelt. Wenn ich im Jugendkreis ab und zu frage, wo stehen wir in der tägli­chen Bibellese, so kann von einem Dutzend einer oder zwei Antwort geben. Die übrigen gin­gen ohne Gottes Wort in den Tag hinein. Wie mag’s bei uns Erwachsenen sein? Hier liegt ge­wiss eine große Schuld von uns Christen. Wären wir treuer im Hören des Tagesbefehls unsres Herrn, dann würde auch das unkirchliche Volk öfters ein Zeugnis des Herrn hören und würde vor manchem bösen Schritt bewahrt. Darum o Land, Land, Land, höre des Herrn Wort!

Doch wollen wir zum Schluss nicht vergessen, dass für uns Christen des Herrn Wort noch deutlicher und köstlicher ist als für einen Jeremia. Denn es ist erfüllt in Christus unsrem Herrn, der gesagt hat: Tut Buße, das Himmelreich ist nahe herbeigekommen. Durch ihn wird uns der Bußtag auch ein Tag des Dankes. Die Welt spottet so gern über die Buße, weil sie keine Ahnung hat, dass die wahre Buße das Tor zum glücklichsten Leben wird, und zwar nicht erst im Jenseits, sondern schon hier auf Erden. Ich darf erinnern an die Geschichte vom verlorenen Sohn, an seine bußfertige Heimkehr und das reiche Leben, das durch die Freund­lichkeit des Vaters daheim nun für ihn anfing. Wer selbst schon durch dieses Tor der Buße heimgekehrt ist zu seinem Herrn, der weiß, wie nahe damit das Himmelreich tatsächlich her­beigekommen ist.

Und wenn wir heute mit unsrem Volk in der Buße vor Gott gestanden sind, so ist dies Beken­nen der Schuld, von der man nicht sprechen zu dürfen glaubte, wenigstens für mich heute ge­wesen wie das Abwerfen einer großen Last. Gott Lob! Es ist heraus gesprochen vor Gott und in Gottes Namen. Nun mag die Welt mit uns tun, was sie will. Wir stehen in unsres Herren Hand. Gott ist getreu. Du aber o Land, Land, Land, höre des Herrn Wort! Amen.

Gehalten am 16. November 1938 (Bußtag) in der St. Martinskirche in Oberlenningen.

Hier die Predigt als pdf.

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