„Euer Glaube wird geprüft werden durch Leid. Ihr wißt noch nicht viel davon“ – Dietrich Bonhoeffers Konfirmationspredigt über Markus 9,24 von 1938

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Konfirmationspredigt über Markus 9,24

Von Dietrich Bonhoeffer

Markus 9, 24. Ich glaube, lieber Herr, hilf meinem Unglauben.

Liebe Konfirmanden!

Das ist ein sehr nüchternes Wort. Es ist aber gut, daß wir uns von Anfang an daran gewöhnen, über unseren Glauben keine großen Worte zu machen. Er ist auch nicht danach. Gerade weil heute alles darauf ankommt, daß wir wirklich Glauben halten, vergeht uns alle Lust zu großen Worten. Ob wir glauben oder nicht, das wird sich zeigen, täglich zeigen; mit Beteuerungen ist da garnichts geholfen. Ihr wißt ja aus der Passionsgeschichte, wie Petrus zu Jesus sagt: „Und wenn [477] ich mit dir sterben müßte, so will ich dich doch nicht verleugnen!“ und die Ant­wort Jesu: „Ehe der Hahn zweimal kräht, wirst du mich dreimal verleugnen.“ Und die G­eschichte endet: „Und Petrus ging hinaus und weinte bitterlich“. Er hatte seinen Herrn ver­leugnet. Große Beteuerungen, und mögen sie noch so aufrichtig, noch so ernst sein, sind immer der Verleugnung am nächsten. Davor möge euch und uns alle Gott bewahren.

Dieser Konfirmationstag ist ein wichtiger Tag für euch und für uns alle. Es ist nichts geringes, daß ihr euch heute vor dem allwissenden Gott und vor den Ohren der christlichen Gemeinde zum christlichen Glauben bekennt. Ihr sollt euer Leben lang mit Freude an diesen Tag zurück­denken. Aber eben darum ermahne ich euch heute zur vollen christlichen Nüchternheit. Ihr sollt und dürft an diesem Tage nichts sagen und tun, woran ihr später nur mit Bitterkeit und Reue zurückdenken müßt, weil ihr in einer Stunde innerer Bewegung mehr gesagt und gelobt habt als ein Mensch je sagen kann und darf. Euer Glaube ist noch schwach und unerprobt und ganz im Anfang, darum wenn ihr nachher das Bekenntnis eures Glaubens sprecht, so verlaßt euch nicht auf euch selbst und auf all eure guten Vorsätze und auf die Stärke eures Glaubens, sondern verlaßt euch allein auf den, zu dem ihr euch bekennt, auf Gott den Vater, auf Jesus Christus und auf den Heiligen Geist und betet in eurem Herzen: Ich glaube, lieber Herr, hilf meinem Unglauben. Wer von uns Erwachsenen wollte und müßte nicht so mitbeten?

Die Konfirmation ist ein ernster Tag. Aber nicht wahr, ihr wißt, daß es noch leicht ist, seinen Glauben zu bekennen in der Kirche, in der Gemeinschaft der Christen, eurer Eltern, Geschwi­ster und Paten, in der ungestörten Feier eines Gottesdienstes. Und wir wollen dankbar sein, daß Gott uns diese Stunde gemeinsamen Bekennens in der Kirche schenkt. Aber ganz ernst, ganz wirklich wird das alles eben doch erst nach der Konfirmation, wenn der Alltag wieder da ist, das tägliche Leben mit all seinen Entscheidungen. Da wird es sich dann zeigen, ob auch der heutige Tag ernst war. Ihr habt euren Glauben nicht ein für alle mal. Euer Glaube, den ihr heute bekennt von ganzem Herzen, [478] der will morgen und übermorgen, ja er will täglich neu gewonnen sein. Glauben empfangen wir von Gott immer nur soviel, wie wir für den gegenwärtigen Tag gerade brauchen. Der Glaube ist das tägliche Brot, das Gott uns gibt. Ihr kennt die Geschichte vom Manna. Das empfingen die Kinder Israel täglich in der Wüste. Wollten sie es aber aufbewahren auf den nächsten Tag, so war es verfault. So ist es mit allen Gaben Gottes. So ist es auch mit dem Glauben. Entweder wir empfangen ihn täglich neu, oder er wird faul. Ein Tag ist lang genug, um Glauben zu bewahren. Es ist an jedem Morgen ein neuer Kampf durch allen Unglauben, durch allen Kleinglauben, durch alle Unklarheit und Verworrenheit, durch alle Furchtsamkeit und Ungewißheit zum Glauben hindurchzustoßen und ihn Gott abzuringen. Es wird an jedem Morgen eures Lebens dasselbe Gebet stehen: Ich glaube, lieber Herr, hilf meinem Unglauben.

„Ich glaube“. Wenn euch die christliche Gemeinde mit dem heutigen Tage als selbständige Glieder der Kirche anerkennt, so erwartet sie, daß ihr anfangt zu verstehen, daß euer Glaube eure eigene, allereigenste Entscheidung sein muß. Aus dem „Wir glauben“ muß nun immer mehr das „Ich glaube“ werden.

Der Glaube ist eine Entscheidung. Darum kommen wir nicht herum. „Ihr könnt nicht zweien Herren dienen“, ihr dient von nun an Gott allein oder ihr dient Gott überhaupt nicht. Ihr habt nun nur noch einen Herrn, das ist der Herr der Welt, das ist der Erlöser der Welt, das ist der Neuschöpfer der Welt. Ihm zu dienen ist eure höchste Ehre. Zu diesem Ja zu Gott gehört aber ein ebenso klares Nein. Euer Ja zu Gott fordert euer Nein zu allem Unrecht, zu allem Bösen, zu aller Lüge, zu aller Bedrückung und Vergewaltigung der Schwachen und Armen, zu aller Gottlosigkeit und Verhöhnung des Heiligen. Euer Ja zu Gott fordert ein tapferes Nein zu al­lem, was euch je daran hindern will, Gott allein zu dienen und sei es euer Beruf, euer Besitz, euer Haus, eure Ehre vor der Welt. Glaube heißt Entscheidung.

Aber eure eigenste Entscheidung! Kein Mensch kann sie euch abnehmen. Sie muß aus der Einsamkeit, aus dem Alleinsein des Herzens mit Gott herkommen, sie wird aus heißen Kämpfen gegen den Feind in eurer eigenen Brust geboren werden. Noch [479] seid ihr umgeben von einer Gemeinde, von Häusern, die euch tragen, von Eltern, die für euch beten, von Menschen, die euch helfen, wo sie können. Gott sei Dank dafür! Aber Gott wird euch in die Einsamkeit führen, mehr und mehr. Er will euch vorbereiten für die großen Stunden und Entscheidungen eures Lebens, in denen euch kein Mensch mehr zur Seite stehen kann, in denen nur eines gilt: Ich glaube, ja ich selbst, ich kann nicht anders, lieber Herr, hilf meinem Unglauben.

Liebe Konfirmanden, die Kirche erwartet darum von euch, daß ihr mündig werdet im Umgang mit Gottes Wort und im Gebet. Euer heutiger Glaube ist ein Anfang, kein Abschluß. Ihr müßt erst in die Schrift hinein und ins Gebet hinein, ihr ganz allein und ihr müßt lernen, euch mit der Waffe des Wortes Gottes zu schlagen, wo es not tut. Christliche Gemeinschaft ist eine der größten Gaben, die Gott uns gibt. Aber Gott kann uns dieses Geschenk auch nehmen, wenn es ihm gefällt, wie er es vielen unserer Brüder heute schon genommen hat. Dann stehen und fal­len wir mit unserem eigensten Glauben. Einmal aber wird jeder von uns in dies Alleinsein ge­stellt werden, auch wenn er ihm sein Leben lang aus dem Weg gegangen ist, in der Stunde des Todes und des Jüngsten Gerichts. Dann wird Gott dich nicht fragen: Haben deine Eltern ge­glaubt, sondern hast du geglaubt? Gott gebe, daß wir in der einsamsten Stunde unseres Lebens noch beten können: Ich glaube, lieber Herr, hilf meinem Unglauben. Dann werden wir selig sein.

„Ich glaube, lieber Herr…“ Es ist im Leben nicht immer leicht, „Lieber Herr“ zu sagen. Aber das muß der Glaube lernen. Wer möchte nicht manchmal sagen: Ich glaube, harter Herr, strenger Herr, furchtbarer Herr. Ich unterwerfe mich dir, ich will schweigen und gehorchen, aber „lieber Herr“ sagen zu lernen, das ist ein neuer schwerer Kampf. Und doch haben wir erst dann Gott den Vater Jesu Christi gefunden, wenn wir so sprechen gelernt haben.

Euer Glaube wird in schwere Versuchungen geführt werden. Auch Jesus Christus wurde ver­sucht, mehr als wir alle. Es werden zuerst Versuchungen an euch herankommen, Gottes Gebo­ten nicht mehr zu gehorchen. Mit großer Gewalt werden sie euch bestürmen. Schön und ver­lockend, unschuldig und mit [480] dem Schein des Lichtes wird der Satan, der Luzifer, der Lichtträger zu euch kommen. Er wird euch Gottes Gebot verdunkeln und in Zweifel ziehen. Er wird euch die Freude an dem Wege Gottes rauben wollen. Und hat der Böse uns erst zum Wanken gebracht, dann wird er uns unsern ganzen Glauben aus dem Herzen reißen, ihn zer­treten und wegwerfen. Das werden schwere Stunden sein in eurem Leben, in denen ihr des Wortes Gottes überdrüssig werden wollt, in denen alles revoltiert, in denen kein Gebet mehr über die Lippen will, das Herz nicht mehr hören will. Das muß alles so kommen, so gewiß euer Glaube lebendig ist. Das muß alles kommen, damit euer Glaube geprüft und gestärkt wird, damit ihr immer größeren Aufgaben und Kämpfen gewachsen seid. Gott arbeitet an uns durch die Versuchungen. Er treibt niemals sein Spiel mit euch, verlaßt euch darauf, sondern der Vater will das Herz seiner Kinder festmachen. Darum kommt das alles über euch. Und wenn die Versuchung noch so verwirrend ist, wenn unser Widerstand schon ganz zusammen­zubrechen droht, ja und wenn selbst die Niederlage schon da ist, dann dürfen wir und sollen wir mit dem letzten Rest unseres Glaubens rufen: Ich glaube, lieber Herr, hilf meinem Un­glauben. Lieber Herr, es ist ja der Vater, der uns so prüft und stärkt. Lieber Herr, es ist ja Jesus Christus, der alle Versuchungen erlitten hat wie wir, doch ohne Sünde, uns zum Vorbild und zur Hilfe. Lieber Herr, es ist ja der Heilige Geist, der uns im Kampf heiligen will.

Euer Glaube wird geprüft werden durch Leid. Ihr wißt noch nicht viel davon. Aber Gott schickt seinen Kindern das Leid gerade dann, wenn sie es am nötigsten brauchen, wenn sie allzu sicher werden auf dieser Erde. Da tritt ein großer Schmerz, ein schwerer Verzicht in unser Leben, ein großer Verlust, Krankheit, Tod. Unser Unglaube bäumt sich auf. Warum fordert Gott das von mir? Warum hat Gott das zugelassen? Warum, ja warum? das ist die große Frage des Unglaubens, die unseren Glauben ersticken will. Keiner kommt um diese Not herum. Es ist alles so rätselhaft, so dunkel. In dieser Stunde der Gottverlassenheit dürfen und sollen wir sprechen: Ich glaube, lieber Herr, hilf meinem Unglauben. Ja, lieber Herr, auch im Dunkeln. Auch im Zweifel, auch in der Gottverlassenheit. Lieber Herr, du bist ja [481] doch mein lieber Vater, der alle Dinge zu meinem Besten dienen läßt. Lieber Herr Jesus Christus, du hast ja selbst gerufen: Mein Gott, warum hast du mich verlassen. Du wolltest sein wo ich bin. Nun bist du bei mir. Nun weiß ich, daß du auch in der Stunde meiner Not mich nicht verläßt. Ich glaube, lieber Herr, hilf meinem Unglauben.

Nicht nur Versuchung und Leiden, sondern vor allem Kampf wird euch euer Glaube bringen. Konfirmanden sind heute wie junge Soldaten, die in den Krieg ziehen, in den Krieg Jesu Christi gegen die Götter dieser Welt. Dieser Krieg fordert den Einsatz des ganzen Lebens. Sollte Gott, unser Herr, dieses Einsatzes nicht wert sein? Der Kampf ist schon im Gange und ihr sollt jetzt mit einrücken. Abgötterei und Menschenfurcht stehen allenthalben gegen uns. Aber glaubt nicht, daß hier irgendetwas mit großen Worten geschafft sei. Es ist ein Kampf mit Zittern und Zagen; denn der schwerste Feind steht ja nicht uns gegenüber, sondern in uns selbst. Ihr dürft es wissen, daß gerade die, die mitten in diesem Kampf standen und stehen, es am allertiefsten erfahren haben: Ich glaube, lieber Herr (ja, lieber Herr!), hilf mei­nem Un­glau­ben. Und wenn wir trotz aller Versuchung doch nicht fliehen, sondern stehen und kämpfen, so ist das nicht unser starker Glaube und unser Kampfesmut, unsere Tapferkeit, son­dern es ist ganz allein dies, daß wir ja nicht mehr fliehen können, weil Gott uns festhält, daß wir von ihm nicht mehr loskommen. Gott führt den Kampf in uns und gegen uns und durch uns.

„Hilf meinem Unglauben“ Gott erhört unser Gebet. Er hat mitten in Versuchung, in Leiden und Kampf eine Freistatt des Friedens geschaffen. Das ist sein Heiliges Abendmahl. Hier ist Vergebung der Sünde, hier ist Überwindung des Todes, hier ist Sieg und Friede. Nicht wir haben ihn erfochten. Gott selbst hat es getan durch Jesus Christus. Sein ist die Gerechtigkeit, Sein ist das Leben, Sein ist der Friede. Wir sind in der Unruhe, und bei Gott ist Ruhe. Wir sind im Streit, bei Gott ist Sieg. Ihr seid zum Abendmahl berufen. Kommt und empfangt im Glauben Vergebung, Leben und Frieden. Es bleibt euch zuletzt in der Welt doch nur dieses: Gottes Wort und Sakrament. Amen.

Predigt anlässlich der Konfirmation von Maximilian von Wedemeyer, Spes von Bismarck und Hans-Friedrich von Kleist-Retzow in Kieckow, dem Gut der Familie Kleist-Retzow, am 9. 4. 1938.

Quelle: Dietrich Bonhoeffer Werke, Band 15: Illegale Theologenausbildung Sammelvikariate 1937-1940, hrsg. v. Dirk Schulz, München: Chr. Kaiser Verlag 1998, S. 476-481.

Hier die Predigt Bonhoeffers als pdf.

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