„Freilich ist die göttliche Natur in der Krippe verborgen, nur hier und da leuchtet sie im Leben Jesu durch das Bettlergewand der menschlichen Natur hindurch“ – Dietrich Bonhoeffers theologischer Weihnachtsbrief 1939

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In seinem theologischen Weihnachtsbrief von 1939 erweist sich Bonhoeffer als lutherisch-orthodoxer Theologe im besten Sinne:

Theologischer Brief zu Weihnachten

Von Dietrich Bonhoeffer

Kein Priester, kein Theologe stand an der Krippe von Bethlehem. Und doch hat alle christ­liche Theologie ihren Ursprung in [538] dem Wunder aller Wunder, daß Gott Mensch wurde. „Neben dem Glanz der Heiligen Nacht brennen die unergründlichen Geheimnisse der Theolo­gie“ (Hello). Theologia sacra – sie entsteht im anbetenden Knieen vor dem Geheimnis des göttlichen Kindes im Stall. Israel hatte keine Theologie. Es kannte Gott nicht im Fleisch. Ohne die heilige Nacht gibt es keine Theologie. „Gott geoffenbart im Fleisch“, der Gott­mensch Jesus Christus, das ist das heilige Geheimnis, das zu behüten und zu wahren die Theologie eingesetzt ist. Welcher Unverstand, als sei es die Aufgabe der Theologie, Gottes Geheimnis zu enträtseln, es auf die platten, geheimnislosen menschlichen Erfahrungs- und Vernunftweisheiten herabzuziehen! Während doch allein dies ihr Amt ist, Gottes Wunder als Wunder zu bewahren, Gottes Geheimnis gerade als Geheimnis zu begreifen, zu verteidigen, zu verherrlichen. So und niemals anders hat die alte Kirche es gemeint, wenn sie sich in nicht ermüdendem Eifer um das Mysterium der Trinität und der Person Jesu Christi bemühte. Wel­che Oberflächlichkeit und Leichtfertigkeit, gerade unter Theologen, die Theologie auf den Schindanger zu werfen, sich aufzuspielen, daß man kein Theologe sei und sein wolle, damit des eigenen Amtes und der Ordination zu spotten und zuguterletzt nun doch statt einer rechten Theologie eine schlechte Theologie zu haben und zu vertreten! Aber freilich, wo wurde uns auf den theologischen Lehrstühlen das Geheimnis Gottes im Fleisch, der Geburt Jesu Christi, des Gottmenschen und Heilandes, als das unergründliche Geheimnis Gottes gezeigt und ge­lehrt? Wo hören wir es gepredigt?

Wenn es die Weihnachtszeit nicht vermag, in uns wieder so etwas wie eine Liebe zur heiligen Theologie zu entzünden, daß wir, gefangen und bezwungen von dem Wunder der Krippe des [539] Gottessohnes, den Geheimnissen Gottes andächtig nachdenken müssen, – dann wird es wohl so sein, daß die Glut der göttlichen Geheimnisse auch für unser Herz schon erloschen und erstorben ist.

Die alte Kirche hat durch mehrere Jahrhunderte hindurch über die Christusfrage nachgedacht. Sie hat dabei die Vernunft gefangen genommen in den Gehorsam Jesu Christi und hat in har­ten, widerspruchsvollen Sätzen das Geheimnis der Person Jesu Christi lebendig bezeugt. Sie hat sich nicht der modernen Täuschung hingegeben, dieses Geheimnis könne nur erfühlt oder erlebt werden; denn sie wußte um die Verderbtheit und Selbstbezogenheit alles menschlichen Fühlens und Erlebens. Sie hat freilich auch nicht gemeint, daß dieses Geheimnis logisch er­dacht werden könne; aber sie hat, indem sie sich nicht scheute, die letzten begrifflichen Para­doxien auszusprechen, gerade so das Geheimnis als Geheimnis für alles natürliche Denken bezeugt und verherrlicht. Die altkirchliche Christologie ist wirklich an der Krippe von Bethle­hem entstanden, und es liegt auf ihrem verwitterten Antlitz weihnachtlicher Glanz. Wer sie kennen lernt, dem gewinnt sie noch heute das Herz ab. So wollen wir in der Weihnachtszeit wieder bei der alten Kirche in die Schule gehen und andächtig zu verstehen versuchen, was sie zur Verherrlichung und Verteidigung des Christusglaubens gedacht und gelehrt hat. Die harten Begriffe jener Zeit sind wie die Steine, aus denen man Feuer schlägt.

Drei altbekannte Lehrstücke der Christologie, die in unsern lutherischen Bekenntnissen fortleben, wollen wir in Kürze betrachten, nicht etwa um sie den Gemeinden zu predigen, sondern um als Prediger des Wortes auch unser Denken und Erkennen in das Licht der heiligen Nacht zu stellen.

Erstens. Es hat den Vätern alles daran gelegen, auszusprechen, daß Gott, der Sohn, die menschliche Natur, nicht aber einen Menschen angenommen habe. Was bedeutet das? Gott wurde Mensch, [540] indem er die menschliche Natur, nicht aber einen einzelnen Menschen annahm. Diese Unterscheidung war notwendig, um die Universalität des Weihnachtswunders zu wahren. „Menschliche Natur“, das ist Natur, Wesen, Fleisch aller Menschen, also auch meine Natur, mein Fleisch; menschliche Natur, das ist der Inbegriff aller menschlichen Mög­lichkeiten überhaupt. Vielleicht würden wir Heutigen am verständlichsten sagen: Gott nahm in der Geburt Jesu Christi die Menschheit an, nicht nur einen einzelnen Menschen. Diese Annahme aber geschah – und das ist das einmalige Wunder der Inkarnation – leiblich. Der Leib Jesu Christi – das ist unser Fleisch. Er trägt unser Fleisch. Darum: wo Jesus Christus ist, dort sind wir, ob wir es wissen oder nicht; es ist so kraft der Menschwerdung; was Jesus Chri­stus widerfährt, widerfährt uns. Es ist wirklich unser aller „armes Fleisch und Blut“, das dort in der Krippe liegt, es ist unser Fleisch, das er im Gehorsam und Leiden heiligt und reinigt, es ist unser Fleisch, das mit ihm am Kreuz stirbt und mit ihm begraben wird. Er nahm menschli­che Natur an, damit wir ewig bei ihm seien. Wo der Leib Jesu Christi ist, dort sind wir, ja, wir sind sein Leib. Darum lautet das Weihnachtszeugnis für alle Menschen: ihr seid angenommen, Gott hat euch nicht verachtet, sondern er trägt leibhaftig euer aller Fleisch und Blut. Seht auf die Krippe! In dem Leibe des Kindleins, in dem fleischgewordenen Sohn Gottes ist euer Fleisch, ist alle eure Not, Angst, Anfechtung, ja, alle eure Sünde getragen, vergeben, geheiligt. Klagst du: meine Natur, mein ganzes Wesen ist heillos, und ich muß ewig verloren sein, so antwortet die Weihnachtsbotschaft: deine Natur, dein ganzes Wesen ist angenommen, Jesus trägt es, so ist er dein Heiland geworden. Weil Weihnachten die leibhaftige Annahme alles menschlichen Fleisches durch den gnädigen Gott ist, darum muß es heißen: Gottes Sohn nahm menschliche Natur an.

Zweitens. „Zwei Naturen und Eine Person“ – in dieser paradoxen dogmatischen Formel hat die alte Kirche ihre Weihnachtserkenntnis [541] auszusprechen gewagt. Gewagt, – denn auch sie wußte, daß hier etwas Unaussprechliches ausgesprochen wurde, ausgesprochen, einfach weil man nicht darüber schweigen konnte (Augustin). Beides fand man in der Krippe und bezeugte es: Die angenommene Menschheit im Fleisch und die ewige Gottheit, beides ver­bunden in dem einen Namen Jesus Christus, menschliche und göttliche Natur verbunden in der Person des Sohnes Gottes. Göttliche Natur, das ist die Gottheit, die Vater, Sohn und Hei­ligen Geist in Ewigkeit vereinigt. Es ist die ewige Macht, Herrlichkeit, Majestät des dreieini­gen Gottes. Wo der Sohn ist, dort bringt er diese göttliche Natur mit sich, denn er bleibt wah­rer Gott von Ewigkeit zu Ewigkeit. Ist der Sohn Gottes wahrhaftig Mensch geworden, so ist gewiß auch die göttliche Natur in aller Majestät gegenwärtig; sonst wäre Christus nicht wah­rer Gott. Es ist ja so: ist Jesus Christus nicht wahrer Gott, wie könnte er uns helfen? Ist Chri­stus nicht wahrer Mensch, wie könnte er uns helfen? Freilich ist die göttliche Natur in der Krippe verborgen, nur hier und da leuchtet sie im Leben Jesu durch das Bettlergewand der menschlichen Natur hindurch. Aber wiewohl geheimnisvoll verborgen, so ist sie doch gegen­wärtig; uns zugute verborgen, uns zugute gegenwärtig. Göttliche und menschliche Natur, in Christus vereinigt und doch nicht eins geworden; denn sonst wäre der weite Unterschied von Gottheit und Menschheit aufgehoben. Darum darf es niemals heißen: die göttliche Natur nahm die menschliche Natur an; das würde einschließen, daß auch der Vater und der Heilige Geist Fleisch annahmen und somit die endgültige (modalistisch-idealistisch-pantheistisch-Schleiermachersche) Vermischung von Gott und Mensch bedeuten. Vielmehr heißt es: der Sohn Gottes, die göttliche Person des Logos nahm die menschliche Natur an. Aber Gottheit und Menschheit, göttliche und menschliche Natur begegnen und vereinigen sich allein in der Person des Sohnes Gottes, in Jesus Christus. Nirgends sonst als in der Person Jesu [542] Christi und durch sie sind Gottheit und Menschheit miteinander vereinigt, „ungeteilt, doch unvermischt, ungetrennt, doch unverwandelt“ – wie es das Chalcedonense in höchster Para­doxie und zugleich in ehrfürchtigster Wahrung des Geheimnisses der Person des Mittlers ausgesprochen hat. Selten ist später die Vernunft so bereit gewesen, sich vor dem Wunder Gottes zu demütigen und aufzugeben, wie in diesen Worten. Selten ist aber darum auch die Vernunft zu einem besseren Werkzeug der Verherrlichung der göttlichen Offenbarung ge­macht worden wie damals. Die christologische Formel: Zwei Naturen, eine Person enthält somit zugleich höchste soteriologische Bedeutung: Gottheit und Menschheit von einander getrennt, ehe Christus kam, miteinander vereinigt allein in der Menschwerdung des Sohnes Gottes. Nur durch die Person haben die Naturen Gemeinschaft miteinander, d. h. nur durch Jesus Christus ist Gottheit und Menschheit vereinigt.

Drittens. Der Beitrag der lutherischen Kirche zu der altkirchlichen Christologie bestand in der (von den Reformierten aufs heftigste bestrittenen) Lehre vom genus majestaticum, d. h. von der in der Inkarnation geschehenen Mitteilung der Eigenschaften der göttlichen Natur an die menschliehe Natur. „Denn Lebendigmachen, alles Gericht und alle Gewalt haben im Himmel und auf Erden, alles in seinen Händen haben, alles unter seinen Füßen unterworfen haben, von Sünden reinigen etc. sind nicht erschaffene Gaben, sondern göttliche unendliche Eigenschaf­ten, welche doch nach Aussage der Schrift dem Menschen Christo gegeben und mitgeteilt sind“ (Concordienformel S. D. VIII 55). Zwar bleibt es unbegreiflich, wie die menschliche Natur, die unsere Natur ist, der Eigenschaften der göttlichen Majestät teilhaftig werden soll, aber die Schrift lehrt es so, und es ist damit tiefste und letzte Vereinigung Gottes mit dem Menschen ausgesprochen, so daß es nun mit Luther heißen kann: „Wo du kannst sagen: hier ist Gott, da mußt du auch sagen: so ist Christus der [543] Mensch auch da. Und wo du einen Ort zeigen würdest, da Gott wäre und nicht der Mensch, so wäre die Person schon zertrennt. Nein Geselle, wo du mir Gott hinsetzest, da mußt du mir die Menschheit mithinsetzen.“ „Das ist unsers Herren Gotts Ehre, daß er sich so tief herunterläßt ins Fleisch.“ Den reformierten Widerspruch, hier werde die menschliche Natur nicht mehr ernst genommen, ertrug die luthe­rische Lehre mit dem Hinweis auf das einmalige Wunder und auf die Schrift. Ja, von hier aus erschließt sich ihr erst das rechte Verständnis des Heiligen Abendmahls und der Worte des Herrn: „Das ist mein Leib“! Wenn Christus so spricht, dann muß er besser wissen als irgend­ein Mensch, was sein Leib sei und vermöge. So hängen Inkarnation und Abendmahl aufs innigste zusammen. Die Lehre vom genus majestaticum bringt diesen Zusammenhang ans Licht. Derselbe Gott, der uns zugute ins Fleisch kam, schenkt sich uns mit seinem Leib und Blut im Sakrament. „Das Ende der Wege Gottes ist die Leiblichkeit“ (Oetinger).

Es sind alte Gedanken, die wir hier ausgesprochen haben, es sind kleinste Bruchstücke vom Gebäude der kirchlichen Christologie. Aber nicht darauf kommt’s ja an, daß wir dieses Ge­bäude bewundern, sondern daß wir durch den einen oder anderen Gedanken dazu geführt wer­den, ehrfürchtiger und andächtiger das biblische Zeugnis von dem Geheimnis der Menschwer­dung Gottes zu lesen und zu betrachten, und vielleicht auch die Weihnachtslieder Luthers nachdenklicher und fröhlicher zu singen. [544]

Epiphanias. Eine theologische Besinnung

Die seltsame Unbestimmtheit, die über dem Epiphaniasfest liegt, ist so alt wie das Fest selbst. Es steht fest, daß, längst bevor Weihnachten gefeiert wurde, Epiphanias in den Kirchen des Morgen-und Abendlandes als höchster Festtag der winterlichen Jahreshälfte galt. Die Ur­sprünge sind dunkel. Gewiß ist, daß von jeher vier verschiedene Ereignisse an diesem Tag Gegenstand des Gedenkens waren: die Geburt Christi, die Taufe Christi, die Hochzeit zu Kana und die Ankunft der Magier aus dem Morgenland. Karl Holl hat in seinem Aufsatz über den „Ursprung des Epiphaniasfestes“ (Gesammelte Aufsätze II Seite 123 ff) dieses eigenartige Festgebilde auf das ägyptische Aionfest zurückzuführen versucht, das in der Nacht vom 5. zum 6. Januar gefeiert wurde und mit dem Wasserschöpfen im Nil und einem Weinwunder zusammenfiel. Wie dem auch sei, die Kirche hat seit dem 4. Jahrhundert die Geburt Christi festlich am 25. Dezember gefeiert und sie aus dem Epiphaniasfest herausgelöst. Rom hat ferner die Wasserweihe, die mit der Taufe im Zusammenhang stand, auf den Sonnabend vor Ostern verschoben, die Hochzeit zu Kana wurde in die spätere Festzeit verlegt, so daß allein die Anbetung Christi durch die Weisen aus dem Morgenland, die „Erscheinung des Sternes vor den Heiden“ in den Mittelpunkt des Epiphaniasfestes trat. Dennoch zeigen die Liturgien der abendländischen Kirchen, daß auch hier der ursprüngliche Festgehalt nicht ganz verloren ging. So ist eine gewisse Unbestimmtheit über dem Epiphaniasfest geblieben. Es bedeutet angesichts des kirchengeschichtlichen Befundes eine dogmatische [545] und pädagogische Vereinfachung, wenn wir heute sagen, Epiphanias sei das Fest der Erscheinung der Gottheit Jesu Christi vor der Welt. Doch läßt sich in der Tat der Festgehalt auf diese oder eine ähnliche Formel bringen.

Die Ablösung der Feier der Geburt Christi vom Tauftag Christi war von großer Bedeutung. Es hatte sich in gnostischen und häretischen Kreisen des Ostens der Gedanke gebildet, daß der Tauftag eigentlich erst der Geburtstag Christi als des Sohnes Gottes sei. Dazu hatte man nach­träglich eine gekünstelte Berechnung angestellt, dergemäß Jesus gerade an seinem Tauftag 30 Jahre alt geworden sei. Das gibt uns Anlaß, einen Augenblick über das Verhältnis von Geburt und Taufe Jesu Christi nachzudenken. Es war in der alten Christenheit üblich geworden, so bezeugt es noch Augustin, statt des eigenen Geburtstages den Tag der Wiedergeburt, der Tau­fe, festlich zu begehen. Es lag nun nahe, dementsprechend mit dem Tauftag Jesu zu ver­fahren und ihn als das Hauptfest auszugeben. Darin aber lag die Möglichkeit eines gefährlichen Irr­tums beschlossen, nämlich einer Mißachtung der Fleischwerdung Gottes. Die Geburt Jesu ist ja nicht der natürliche Anfang eines menschlichen Lebens dem die geistliche Wiedergeburt erst hätte folgen müssen, sondern die Geburt Jesu ist die Fleischwerdung des Sohnes Gottes zum Heil alles Fleisches. Wir haben schon in unserer Weihnachtsbetrachtung gesehen, daß es Gott gefiel, das menschliche Fleisch, die menschliche Natur anzunehmen, nicht aber den Menschen Jesus als Sohn zu „adoptieren“, wie die Irrlehrer es gegen die alte Kirche lehrten. Hätte Gott nur den Menschen Jesus in der Taufe als seinen Sohn angenommen, so blieben wir unerlöst; dann wäre Jesus zwar der unerreichbar Einzige, der Übermensch, der für sich die Seligkeit errang, aber er hätte uns andern nicht helfen können. Ist aber Jesus der Sohn Gottes, der [546] von seiner Empfängnis und Geburt an unser eigenes Fleisch und Blut angenommen hat und trägt, dann allein ist er wahrer Mensch und wahrer Gott; dann allein kann er uns hel­fen; dann aber hat uns in seiner Geburt wirklich „die rettende Stunde geschlagen“, dann ist die Geburt Christi das Heil aller Menschen; dann ist gerade die Fleischwerdung des Sohnes Got­tes der Tag, der unsere Wiedergeburt ermöglicht. Christi Geburt und unsere Wiedergeburt, das gehört zueinander, aber nicht Christi Taufe und unsere Taufe. Das wirft nun ein Licht auf die Bedeutung der Taufe Jesu. Ist sie nicht der Tag der Adoption des Gottessohnes, was ist sie dann? Wenn Jesus die Taufe begehrt, dann tut er es im Unterschied zu allen anderen Men­schen als der allein Gute, Sündlose, der Vergebung nicht Bedürftige. Als der Gute aber be­gehrt er die Taufe, obwohl er ihrer für sich selbst nicht bedarf, um derer willen, die ihrer bedürfen, um der Sünder willen. Gerade als der allein Gute läßt er sich nicht von den Sündern trennen, wird er nicht zum Pharisäer, der das Gute für sich selbst haben will. Die Sündlosig­keit, das Gutsein Jesu bezeugt sich gerade in seiner unbedingten Liebe zu den Sündern. Nicht aus Reue, sondern aus Liebe geht Jesus zur Taufe und tritt so an die Seite der Sünder. Wenn Johannes ihm die Taufe verweigern will, so darum, weil er hier nicht begreift, was Jesus tut. Die Taufe ist Jesu Selbsterniedrigung um der Sünder willen, er wird als der Sündlose zum Sünder um seiner Brüder willen. Nirgends in der ganzen Schrift findet sich eine Andeutung dafür, daß Jesus die Taufe um seiner selbst willen gebraucht habe, vielmehr ist überall gerade das Gegenteil nachdrücklich bezeugt. Jesus begehrt die Taufe allein als der, dessen Güte in der Gemeinschaft mit den Sündern besteht; so unterzieht er sich der Taufe: „denn es gebührt uns, daß wir die ganze Gerechtigkeit erfüllen“ (Matth. 3, 15). Diese „ganze“ Gerechtigkeit aber ist nicht eine selbstsüchtige Heiligkeit, sondern die vollkommene Liebe zu den Men­schen, zu den Sündern. Es ist dieser Augenblick der Verbindung des Sohnes Gottes mit den Sündern in der Taufe, in dem ihm (und den Umstehenden, vgl. Joh. 1, 31 ff und Matth. 3, 17 und [547] Apparat!) von seinem himmlischen Vater bestätigt wird, daß er sein lieber Sohn ist. Als der Sünderheiland wird Jesus als der, der er von Anfang an war, nämlich als der Sohn Gottes, proklamiert. Die Taufe ist eine Bestätigung dessen, was Jesus von Gott her ist. Sie bringt nichts Neues zu seinem Sein hinzu, aber sie bringt etwas entscheidend Neues in sein Tun, indem Jesus von nun an vor aller Welt als der handelt, der er von Ewigkeit her ist. Die Erscheinung Jesu als Gottessohn, wie sie am Epiphaniastag zum Gedächtnis der Taufe Jesu gefeiert wird, ist die Erscheinung in der Niedrigkeit, in der Gleichheit der Sünder. Der Zöllner und Sünder Geselle, das ist der Sohn Gottes, dessen Erscheinung wir liebhaben sollen.

Nicht anders steht es mit den beiden andern Inhalten des Epiphaniasfestes, der Erscheinung des Sternes bei den Weisen und der Hochzeit zu Kana. Der Stern ist kein Zeichen, das aller Welt sichtbar die Geburt des Königs der Juden angezeigt hätte. Er muß erkannt und geglaubt werden. Herodes hat ihn nicht gesehen. Er ging unter den Heiden auf und rief sie nach Jerusa­lem. Darum ist Epiphanias in besonderer Weise das Fest der Heidenchristenheit, „unser Fest“. Aber auch die heidnischen Weisen hätten den Weg nicht gefunden ohne die Weisung der Heiligen Schrift. Dem wunderbaren Ruf durch den Stern folgt der Ruf zum Glauben an die Verheißung Gottes in der Schrift. Sonst hätten sie im Kinde in Bethlehem den König nicht erkannt und geehrt. Erscheinung der Gottheit Jesu Christi gibt es auch hier nur als Ruf zum Glauben an das arme Kind in der Krippe.

Die Hochzeit zu Kana berichtet von dem „ersten Zeichen, das Jesus tat“ zur Offenbarung seiner Herrlichkeit, einem höchst wunderbaren und für unsere Begriffe fast unnötigen Zeichen seiner göttlichen Herrlichkeit angesichts eines so geringen Anlasses. Aber das Entscheidende ist, daß auch dieses Zeichen der göttlichen Macht Jesu verborgen bleibt vor den Gästen, dem Speisemeister, dem Bräutigam der Hochzeit, daß es vielmehr allein dem Glauben der Jünger dient. Jesus will sich nicht durch [548] magische Wunder die Anerkennung als Sohn Gottes erzwingen, sondern er will als solcher geglaubt sein. „Seine Jünger glaubten an ihn.“ Die Herrlichkeit Jesu ist verborgen in seiner Niedrigkeit und wird allein im Glauben geschaut. Hier schließt sich der Inhalt des Epiphaniasfestes doch wieder eng mit der Weihnachtsge­schichte zusammen, so daß es verständlich wird, daß der Epiphaniastag einst zugleich die Erscheinung dessen war, der „keine Gestalt noch Schöne hatte“. Damit weist Epiphanias auf die Zeit hin, die nun im Kirchenjahr folgt, auf die Passion. Mit gutem Sinn ist die letzte Peri­kope der Epiphanienzeit die Verklärung Jesu auf dem Wege nach Jerusalem.

Verfasst wahrscheinlich in Sigurdshof und am 15. 12. 1939 versandt als Beilage zu dem von Superintendent Friedrich Onnasch verantworteten Monatsbrief des Bruderrats der Bekennen­den Kirche in Pommern an seine Pastoren.

Quelle: Dietrich Bonhoeffer Werke, Band 15: Illegale Theologenausbildung Sammelvikariate 1937-1940, hrsg. v. Dirk Schulz, München: Chr. Kaiser Verlag 1998, S. 537-548.

Hier der Text Bonhoeffers als pdf.

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