In der neuen Perikopenordnung ist in der ersten Predigtreihe für den 3. Advent Römer 15,4-13 vorgesehen. Karl Barth, dessen 50. Todestag ja am 10. Dezember ansteht, hatte über diese Perikope genau 35 Jahre vor seinem Tod, also am 10. Dezember 1933 im Universitätsgottesdienst in Bonn gepredigt und dabei sein Augenmerk auf die Juden und das Volk Israel gerichtet:
Von Karl Barth
Der Gott aber der Geduld und des Trostes gebe euch, daß ihr einerlei gesinnt seid untereinander nach Jesu Christo, auf daß ihr einmütig mit einem Munde lobet Gott und den Vater unseres Herrn Jesu Christi. Darum nehmet euch [297] untereinander auf, gleichwie uns Christus hat aufgenommen zu Gottes Lobe. Ich sage aber, daß Jesus Christus sei ein Diener gewesen der Beschneidung um der Wahrheit willen Gottes, zu bestätigen die Verheißungen, den Vätern geschehen; daß die Heiden aber Gott loben um der Barmherzigkeit willen, wie geschrieben steht: «Darum will ich dich loben unter den Heiden und deinem Namen singen». Und abermals spricht er: «Freuet euch, ihr Heiden, mit seinem Volk!» Und abermals: «Lobet den Herrn, alle Heiden, und preiset ihn, alle Völker!» Und abermals spricht Jesaja: «Es wird sein die Wurzel Jesses, und der auferstehen wird, zu herrschen über die Heiden; auf den werden die Heiden hoffen». Der Gott aber der Hoffnung erfülle euch mit aller Freude und Frieden im Glauben, daß ihr völlige Hoffnung habet durch die Kraft des heiligen Geistes.
Liebe Freunde! Die Kirche Jesu Christi ist ein Haufe, eine Schar, eine Versammlung — eine «Gemeinde», wie das alte schöne Wort lautet, das wir nur wieder ganz neu verstehen lernen müssen —, die nicht durch gemeinsame Interessen zusammengehalten ist, auch nicht durch das gemeinsame Blut und nicht einmal durch gemeinsame Meinungen und Überzeugungen, wohl aber dadurch, daß in ihr immer wieder, nicht zum Schweigen zu bringen und nicht zu verfälschen und mit keinem anderen Ton zu verwechseln, diese Stimme ertönt, die wir am Anfang und am Ende unseres Textes hören: «Der Gott aber der Geduld und des Trostes gebe euch …!» «Der Gott aber der Hoffnung erfülle euch …!» Die Stimme, die so mit uns redet, so bittend und zugleich so schenkend, so ernst und auch so freundlich, ist in den Worten des Apostels Paulus die Stimme des göttlichen Wortes selber, aus dem die Kirche Jesu Christi geboren ist und aus dem sie sich auch immer wieder nähren muß und allein nähren kann. Gott weiß, wer Gott ist; und in seinem Wort sagt er es uns: Er ist der [298] Gott, der Geduld gibt, Trost und Hoffnung. Gott weiß, daß wir ihn nötig haben wie nichts Anderes und seiner doch so gar nicht mächtig sind; und in seinem Wort sagt er es uns, reißt er unser Denken und Wollen zusammen und zu sich hin, daß wir flehen müssen: Er gebe uns! Er erfülle uns! Und Gott weiß, wie nahe er uns, wie bereit er für uns ist; und in seinem Wort sagt er es uns, indem er es uns als einen Seufzer aus größter Nähe und in tiefstem, gewissestem Vertrauen zu ihm auf unsere eigenen Lippen legt: Er, er gebe uns! Er erfülle uns! Mag diese Stimme, mit der uns Gott sagt, was er von sich selber und von uns weiß, von weither ertönen — der Apostel Paulus ist ja wirklich weit weg von uns, und die ganze Bibel ist sehr weit weg von den sämtlichen Büchern und Zeitungen, die wir sonst lesen —, wenn sie nur eben noch ertönt mit ihrem Klang, ihrer Botschaft, ihrem Anspruch und Zuspruch, dann ist die Kirche Jesu Christi da, in welcher auch ich, indem ich diese Stimme höre, «ein lebendiges Glied bin und ewig bleiben werde» (Heidelberger Katechismus, Frage 54).
Aber wir haben in dieser Adventszeit Anlaß zu bedenken: daß es ein Wort Gottes für uns und also eine Kirche Jesu Christi gibt als Stätte des Trostes, der Geduld und der Hoffnung, die von Gott kommen, das versteht sich nicht von selbst. Das ist nicht wie die Luft immer und überall wirklich. Das ist uns weder durch die Natur noch durch die Geschichte in die Hand gegeben, so daß wir damit umgehen könnten wie mit etwas, das uns gehört. Daß es Wort Gottes in der Kirche gibt, das ist weder im menschlichen Seelenleben begründet, noch ist es eine Kulturerrungenschaft, noch gehört es zum Wesen und zur Art irgend eines Volkes oder einer Rasse, noch ist es begründet im notwendigen Lauf der Weltgeschichte. Es ist vielmehr ein Geheimnis, mit dem unsere Existenz — nicht etwa von innen her ausgestattet, sondern von außen her umkleidet ist, das in keinem Sinn in uns, sondern ganz und gar in einer fremden Kraft und Gewalt über uns begründet ist. Daß es Kirche gibt und Wort Gottes, das ist darum und nur darum wahr, weil, wie unser Text sagt, «Christus uns aufgenommen hat», aufgenommen wie einen Bettler von der Straße, aufgenommen als Leute, die gar nicht daran dachten noch denken konnten, ihn aufzunehmen, sondern die wirklich nur aufgenommen werden konnten. Wir können auch sagen: angenommen, wie ein Waisenkind angenommen wird an Kindesstatt, angenommen zu etwas, das wir von [299] Hause aus gar nicht sind, nämlich zu seinen Brüdern und zu Kindern seines Vaters. Wir können auch sagen: mitgenommen oder hineingenommen in den Bezirk, wo er, der Sohn Gottes, führt, regiert, die Verantwortung trägt und schafft, so daß außer ihm niemand Kummer und Sorge haben darf. Wir wären von uns aus nie mitgekommen und hineingekommen in diesen Bezirk. Er aber hat uns hineingenommen. Das ist die Botschaft der Weihnacht, die wir jetzt bald wieder feiern dürfen: Christus hat uns aufgenommen! Und zwar aufgenommen «zum Lobe Gottes»: nicht als ob es so hätte sein müssen, nicht nach irgend einem Naturgesetz oder weil Gott unser bedurft hätte, und auch nicht um unserer Bedürfnisse und Wünsche willen, sondern weil es ihm in seiner Freiheit recht war, darin groß und herrlich zu sein, daß wir von seinem Sohn aufgenommen, angenommen, mitgenommen und hineingenommen würden. Darum haben die Engel in der Christnacht gesungen: Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden unter den Menschen des Wohlgefallens [Lk. 2, 14] — seines, des göttlichen Wohlgefallens! Aber das alles ist nun gerade nach unserem Text in einem wohl zu beachtenden doppelten Sinne wahr:
Es bedeutet einmal gewiß auch das alles Umfassende: Er hat Menschsein angenommen, nämlich angenommen, um als Gott unser Nächster und zugleich als Mensch Gottes Nächster zu sein. So daß in ihm Gottes Reich zu uns, die wir Menschen sind, nahe herbeigekommen ist [Mt. 4, 17] und wiederum in ihm wir, die wir Menschen sind, als Gott wohlgefällig vor Gottes Thron stehen dürfen. Weil Gott selber in Jesus Christus sich mit Menschsein umkleidet hat, darum sind wir vom Geheimnis des Wortes und der Kirche umkleidet.
Aber darüber hinaus wird uns hier etwas Besonderes zu bedenken gegeben. Es ist nicht selbstverständlich, daß wir zu Jesus Christus gehören und er zu uns. «Christus ist gewesen ein Diener der Beschneidung um der Wahrheit Gottes willen, zu bestätigen die Verheißungen, den Vätern geschehen.» Das will sagen: Christus gehörte zum Volk Israel. Dieses Volkes Blut war in seinen Adern das Blut des Sohnes Gottes. Dieses Volkes Art hat er angenommen, indem er das Menschsein annahm, nicht um dieses Volkes, nicht um des Vorzugs seines Blutes und seiner Rasse willen, sondern um der Wahrheit, d.h. um des Erweises der Wahrhaftigkeit, der Treue Gottes willen. Um deswillen, weil Gott mit diesem und nur diesem Volk, einem halsstarrigen und bösen Volk [vgl. Ex. 32, 9 u. ö.], aber ausgerechnet mit diesem Volk, einen Bund geschlossen, seine Gegenwart ihm [300] geschenkt, die Verheißung einer Erlösung sondergleichen ihm gegeben hatte — nicht um die Juden zu belohnen und auszuzeichnen, sondern um diese freie, gnädige Verheißung Gottes, «den Vätern gegeben», zu bestätigen, zu erfüllen, ist Jesus Christus ein Jude gewesen. Er hat einmal selber von sich gesagt: Zu den verlorenen Schafen aus dem Hause Israels und nur zu ihnen sei er gesandt (Mt. 15, 24; vgl. 10, 5f.). Das bedeutet für uns, die wir nicht Israel sind, eine verschlossene Türe. Wenn sie nun dennoch offen ist, wenn Christus nun dennoch auch zu uns gehört wie wir zu ihm, dann muß es wohl noch einmal in besonderem Sinne heißen: «Christus hat uns aufgenommen zum Lobe Gottes.» Daß dem so ist, daran erinnert uns die Existenz des jüdischen Volkes bis auf diesen Tag. Friedrich der Große soll seinen Leibarzt Zimmermann einmal gefragt haben, ob er ihm einen einzigen ganz sicheren Beweis für das Dasein Gottes nennen könne, und soll die lakonische Antwort bekommen haben: «Eure Majestät, die Juden!» Der Mann hatte recht. Der Jude erinnert uns mit seiner Existenz daran, daß wir keine Juden sind und also eigentlich «ohne Christus, fremd und außer der Bürgerschaft Israels und fremd den Testamenten der Verheißung, ohne Hoffnung und ohne Gott in der Welt» (Eph. 2, 12). Der Jude erinnert uns daran, daß es etwas Besonderes, Neues und Wunderbares ist, wenn wir nun dennoch «nicht mehr Gäste und Fremdlinge, sondern Mitbürger der Heiligen und Gottes Hausgenossen» sind (Eph. 2, 19). Wir sind das nicht von Hause aus. Der Jude ist in seiner so rätselhaft fremdartigen und ebenso rätselhaft unzerstörbaren Existenz mitten unter allen anderen Völkern der lebendige Beweis dafür, daß Gott frei ist zu erwählen, wen er will, daß er es uns keineswegs schuldig ist, uns auch zu erwählen, daß es Gnade ist, wenn er uns auch erwählt. Es könnte wohl sein, daß man sich gegen diesen allerdings strengen Gottesbeweis, gegen den Gott der freien Gnade wehrt, wenn man sich allzu leidenschaftlich gegen die Juden wehrt.
Darin aber besteht das Besondere, Neue, Wunderbare dessen, daß Christus — obwohl ein «Diener der Beschneidung um der Wahrheit Gottes willen» — nun auch uns aufgenommen hat: darin, daß Israel das er [301] wählte und begnadigte Volk an diesem seinem Erlöser nicht anders gehandelt hat, als — alle Völker aller Zeiten und Länder es an seiner Stelle auch getan haben würden. Es hat ihn nämlich verworfen und ans Kreuz geschlagen, nicht in törichter Übereilung, nicht aus einem Mißverständnis, sondern in genauer, bewußter Fortsetzung der Art, wie es an seinem Gott immer gehandelt hatte. «Mein Volk», wie Gott dieses Volk so oft genannt hatte, erwies sich noch einmal und nun endgültig als «Nicht mein Volk» [Hos. 1, 9]. Aber der Prophet Hosea hatte ja gerade das Umgekehrte gesagt, und so wurde es jetzt in der Kreuzigung Christi wahr! «Es soll geschehen an dem Ort, da man zu ihnen gesagt hat: ‹Ihr seid nicht mein Volk›, wird man sagen: ‹O ihr Kinder des lebendigen Gottes›» (Hos. 2, 1). «Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun!» [Lk. 23, 34] — das ist diesem Volk gesagt auf Golgatha. Nur daß dies nun eben nicht mehr bloß ihm gesagt sein konnte. Indem Israel sich den anderen Völkern gleichstellte, stellte es auch die anderen Völker sich selber gleich. Die verschlossene Türe ging auf. Israel selbst mußte sie öffnen. Gottes Bund und Wahrheit wurden nicht gebrochen, sondern gingen in Erfüllung an denen in Israel — aber nun auch an denen unter den Heiden, die jetzt Gottes Barmherzigkeit als das Werk seines Bundes und seiner Wahrheit erkannten und annahmen. Denn das war die Erfüllung des Bundes, die Treue Gottes gerade im Kreuzestode Christi: «Gott verschloß alle unter den Unglauben, auf daß er sich aller erbarme» (Röm. 11, 32).
Darum kann es jetzt weiter heißen: «Die Heiden loben Gott um der Barmherzigkeit willen.» Vernehmt es wohl: nicht weil sie besser, reiner, aufrichtiger wären als die Juden! Gäbe es einen Vorzug, so hätten ihn noch heute die Juden, nicht wegen irgendwelcher guter Eigenschaften, aber weil es Gott gefallen hat, sie zu erwählen, mit ihnen den Bund zu schließen, den er in Christus erfüllte, um ihn auch mit uns zu halten. Darum also loben die Heiden Gott, weil Gott an ihnen, die nicht Israel waren, in dem in der Mitte Israels gekreuzigten Christus seine Barmherzigkeit auch an ihnen erwiesen und bestätigt hat. Weil der Bund mit Israel für Israel und für die Heiden offenbar wurde als Bund der Gnade für Sünder, die sich keiner gehaltenen Treue rühmen können, die nur von Barmherzigkeit leben können, die aber wirklich auch von Barmherzigkeit leben dürfen. Damit hört der Vorzug der Juden und unser Nachteil auf. Das ist’s, was ein echter Jude bis auf diesen Tag nicht verstehen kann: daß eben der Bund, den Gott allerdings mit seinem und nur mit seinem Volke [302] geschlossen hat, in der Verwerfung Christi durch dieses sein Volk offenbar geworden ist als die freie, ungeschuldete Güte, die Gott an allen tun will. Eben dieser Bund!, sagt Paulus und läßt gerade das Buch dieses einen alten und nun erfüllten Bundes reden und zeugen für die Herrlichkeit Gottes unter den Heiden: «Darum will ich dich loben unter den Heiden und deinem Namen singen.» «Freuet euch, ihr Heiden, mit seinem Volk!» «Lobet den Herrn, alle Heiden, und preiset ihn, alle Völker!» «Es wird sein die Wurzel Jesses, und der auferstehen wird, zu herrschen über die Heiden; auf den werden die Völker hoffen.» So also hat uns Christus aufgenommen zum Lobe Gottes. «Das Heil kommt von den Juden» (Joh. 4, 22). Jesus Christus war ein Jude. Aber indem er in der Sünde der Juden die Sünde der ganzen Welt, auch die unsrige, getragen und hinweggetragen hat [vgl. Joh. 1, 29], ist das Heil von den Juden auch zu uns gekommen. Dieser weit aufgehenden Türe freuen wir uns, wenn wir uns dessen freuen, daß es ein Wort Gottes für uns und also eine Kirche Jesu Christi gibt. Wie sollten wir nicht jedesmal, wenn wir darüber nachdenken, vor Allem an die Juden denken müssen? Und wie sollten wir nicht jedesmal, wenn wir über die Juden nachdenken, vor Allem daran denken: «Die Heiden loben Gott um der Barmherzigkeit willen»?
Wir können nun das Andere verstehen, was unser Text von der Kirche Jesu Christi uns zu sagen hat: Wie Christus uns aufgenommen hat zum Lobe Gottes, so «nehmet euch untereinander auf». Das ist ein Gesetz, vor dem es kein Ausweichen gibt. Das ist ein Befehl, und zwar ein strenger, unerbittlicher Befehl. Aber die Heiden und die Juden, alle die von Christus Aufgenommenen, die Gott loben um der Barmherzigkeit willen, erfüllen diesen Befehl. Sie nehmen sich untereinander auf. «Sich aufnehmen», das heißt: sich gegenseitig so sehen, wie Christus uns sieht. Er sieht uns alle als Bundbrüchige, aber auch als solche, an denen Gott seinen Bund dennoch halten will. Er sieht uns in unserer frommen und weltlichen Gottlosigkeit, aber auch als solche, zu denen das Reich Gottes nahe herbeigekommen ist. Er sieht uns als solche, die schlechterdings auf Barmherzigkeit angewiesen sind, aber auch als solche, denen Barmherzigkeit schon widerfahren ist. Er sieht uns als Juden im Streit mit dem wahren Gott und als Heiden im Frieden mit den falschen Göttern, aber er sieht uns auch beide vereint als «Kinder des lebendigen Gottes» [Hos. 2, 1]. So können wir uns freilich von uns aus gegenseitig nicht sehen. Wenn wir einander von uns aus sehen, dann geht es regelmäßig so, daß [303] uns sowohl das Erste: daß wir bundbrüchig sind, wie das Zweite: daß Gott seinen Bund dennoch hält, entgeht. Wir nehmen dann sowohl die Vortrefflichkeiten wie die Fehler, die wir aneinander wahrnehmen, viel zu wichtig; wir loben uns dann viel zu laut, und wir tadeln uns dann viel zu heftig. Wir nehmen uns dann so oder so nicht auf. Wir sind dann auf dem Markte und nicht in der Kirche. Das Wort Gottes schweigt dann wohl. Wenn es aber nicht schweigt, wenn wir bedenken, daß wir von Jesus Christus aufgenommen sind zum Lobe Gottes, dann sehen wir uns mit den Augen Jesu Christi, und das heißt dann gewiß, daß uns unsere tiefe Bundbrüchigkeit, Gottlosigkeit und Erbärmlichkeit, aber auch die unverrückt über einem jeden von uns waltende Treue Gottes unverborgen sind und daß wir uns über Vortrefflichkeiten und Fehler, Lob und Tadel hinweg — so wichtig sie an ihrer Stelle sein mögen — nur noch die Hände geben können, um miteinander die Treue Gottes an uns, den Ungetreuen, zu preisen. Wenn wir uns so sehen, dann nehmen wir uns untereinander auf, dann sind wir in der Kirche Jesu Christi. Denn das ist die Kirche Jesu Christi: die Gemeinde derer, die sich, hörend auf das Wort des Gottes der Geduld, des Trostes und der Hoffnung, untereinander aufnehmen, wie Jesus Christus uns aufgenommen hat. Das ist «die Gemeinschaft der Heiligen». Das Lob Gottes um der Barmherzigkeit willen hat sie zusammengeführt und wird sie durch alles hindurch zusammenhalten. So zusammenhalten, wie keine Freundschaft, keine Gesinnungsgemeinschaft, keine Volksgemeinschaft, kein Staat Menschen zusammenhalten kann. So zusammenhalten, wie auf der ganzen Welt nur die Glieder am Leibe Christi durch ihn selbst, das Haupt, zusammengehalten sind [vgl. Kol. 2, 19].
Und nun können wir schließen mit dem kurzen Hinweis auf die Dinge, um die in unserem Text gebetet wird.
Es ist einmal dies, «daß ihr einerlei gesinnt seid untereinander nach Jesus Christus, auf daß ihr einmütiglich mit einem Munde lobet Gott und den Vater Jesu Christi». Will sagen: Aus dem gegenseitigen Sichaufnehmen, wie Christus uns aufgenommen hat, müßte dies folgen, daß in der Kirche Jesu Christi ein Gedanke und ein Wille in allen lebendig und kräftig wäre — nicht irgend eine menschliche Denk- und Willenseinigkeit freilich, sondern eine Einigkeit des vielleicht sehr verschiedenen menschlichen Denkens [304] und Wollens in der Absicht, nun eben das Lob Gottes um der Barmherzigkeit willen laut werden zu lassen, weiterzugeben, wachzurufen auch in denen, die jetzt noch nicht wissen, daß ihnen Barmherzigkeit widerfahren ist. Diese Absicht müßte dann notwendig «einmütiglich mit einem Munde» ausgeführt werden. Das heißt aber: die Kirche Jesu Christi müßte eine Gemeine sein, die das gehörte Wort miteinander erkennt, um es miteinander zu bekennen. Sie müßte! Ist sie es? Wenn sie es ist, wo bleibt ihre Erkenntnis und ihr Bekenntnis? Und wenn sie es nicht ist, warum ist sie es nicht? Unser Text heißt uns einfach beten für die Kirche, daß sie eine Kirche der Erkenntnis und des Bekenntnisses werde. Wenn wir doch nur schon wieder einmütig darum beten würden! Was heißt beten? Schreien, rufen, sich ausstrecken danach, daß es auch für uns wahr sei, was doch ein für allemal wahr ist: Christus hat uns aufgenommen. Kirchliche Erkenntnis und kirchliches Bekenntnis würden wohl solchem Gebet, wenn es ernstlich wäre [vgl. Jak. 5, 16], folgen wie der Donner dem Blitz.
Das Andere ist dies: Daß Gott «euch erfülle mit aller Freude und Frieden im Glauben, daß ihr völlige Hoffnung habt durch die Kraft des heiligen Geistes». Will sagen: Aus dem gegenseitigen Sichaufnehmen, wie Christus uns aufgenommen hat, müßte dies folgen, daß in der Kirche Jesu Christi alle Unfreudigkeit mindestens unterwegs wäre zur Freude, alle Unfriedlichkeit mindestens unterwegs wäre zum Frieden, alle Trübsal der eigenen Gegenwart irgendwo letztlich überströmt würde von der Hoffnung auf die Gegenwart des Herrn. Fehlt es darum am Bekenntnis und [an der] Erkenntnis in unserer Kirche, weil soviel unbewegte und unbewegliche Unfreudigkeit, Unfriedlichkeit und Trübsal in uns ist? Oder ist darum soviel starre Unfreudigkeit, Unfriedlichkeit und Trübsal in uns trotz unseres vermeintlichen Glaubens, weil es unserer Kirche an der Erkenntnis und am Bekenntnis fehlt? Es wird wohl so sein, daß hier ein bestimmter Zusammenhang besteht. Und darum ist es verständlich, daß wir auch hier einfach darauf verwiesen werden, daß wir für die Kirche beten müssen, beten darum, daß Freude und Friede in ihrem Glauben überhandnehmen, daß wir — nicht durch unsere Gemütskräfte, aber durch die Kraft des heiligen Geistes — einer völligen, einer überströmenden Hoffnung teilhaftig sein möchten. Und wieder wird ja unser Beten einfach das Seufzen darum sein müssen, daß uns das doch nicht so verborgen bleibe: daß Christus uns aufgenommen hat zum Lobe Gottes. Wenn uns das verborgen bleibt, dann werden wir uns untereinander schwerlich aufnehmen, [305] und solange wir uns untereinander nicht aufnehmen, wie sollten wir dann Friede, Freude und Hoffnung haben? Sie warten gewißlich vor unserer Tür. Und sie werden uns gegeben werden, wenn wir ernstlich bitten um das Eine, um das man bitten muß.
Vieler Menschen Gedanken sind in dieser Zeit ernstlicher als früher beschäftigt mit dem, was der Kirche und was uns in der Kirche fehlt. Beachten wir, daß unser Text nicht davon redet, sondern daß er da, wo er davon reden könnte, einfach betet und also auch uns beten heißt zu dem Gott der Geduld, des Trostes und der Hoffnung, der der Herr der Kirche ist. Wenn wir das hören und uns gesagt sein lassen, daß wir einfach beten sollen, dürfen und können, dann mag uns daran klar werden, daß Eines, und zwar das Entscheidende, der Kirche und uns in der Kirche auch heute tatsächlich nicht fehlt: das Wort, aus dem sie geboren ist. Wenn wir das hören, daß es ein Gebet gibt, das viel vermag [vgl. Jak. 5, 16], dann haben wir gewiß das Wort Gottes. Halten wir es, indem wir tun, was uns durch das Wort Gottes so nahegelegt ist! Vielleicht ist diese Zeit darum über unsere Kirche gekommen, damit wir es lernen möchten, anders und besser als bisher zu beten und damit zu halten, was wir haben [vgl. Apk. 3, 11].
Gehalten am 10. Dezember 1933, 2. Advent, im Universitätsgottesdienst in der Schlosskirche Bonn.
Quelle: Karl Barth, Predigten 1921-1935 (GA I.31), hrsg. v. Holger Finze-Michaelsen, Zürich: TVZ 1998, S. 298-305.