Johann Baptist Metz – Verhüllte Freiheit. Meditationsgedanken zum Gleichnis vom Unkraut unter dem Weizen (Mt 13,24-30)

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Ein wunderschön geschriebener Text über die Freiheit stammt von Johann Baptist Metz aus dem Jahr 1963. Im Gleichnis vom Unkraut unter dem Weizen zeichnet er feinsinnig die Versehrtheit menschlicher Freiheit nach:

Wir sind nicht die Götter des Gerichtes unseres in Freiheit „gerichteten“ Le­bens. Wir können nicht end-gültig den Weizen von der Spreu sondern, immer begegnen wir uns im Spiegel unseres Bewußtseins als die, die gut und böse sind, obwohl unser Ende gut oder böse ist. Und so bleiben wir vor uns selbst die Zweideutigen, das Rätsel, das sich nicht selber reimen kann, das Antlitz ohne Spiegel, die wahrhaft Unheimlichen, die Ausgelieferten, die in dem, worin sie ganz sie selber sind, gerade nicht sich selbst gehören. Alles hängt daran, daß wir uns annehmen, wie das Gleichnis uns deutet: daß wir die Unheimlichkeit unseres frei getanen Daseins vor uns kommen lassen, daß wir uns bejahen als die Freiheit, die immer un­geschützt in die Hände Gottes sinkt. „Nimm hin, o Herr, meine Freiheit!“

Denn sein ist das Gericht. Und so gibt es in einem recht verstandenen Sinn schließlich auch nur eine Sünde, die schon auf den ersten Blättern der Schrift in schlichter Sprache aufgezeich­net ist, und die sich vom Anbeginn der Menschheit her in ungezählten Spielarten variiert: der Versuch nämlich, selbst endgültig verfügbar zu wissen, was gut und böse an uns ist, „das Gute und Böse zu erkennen“ (vgl. Gen 2,17; 3,5); die Armut der Ausgeliefertheit unserer Freiheit niederzuhalten, sich in der unverfügbaren Zweideutigkeit unseres gefreiten Daseins nicht anzunehmen, das endgültige Gericht vorwegzunehmen – entweder in einem pharisäischen oder skrupelhaften Willen zur Selbstgerechtigkeit; oder in einer gefährlichen „Sündenmystik“, in der wir das Unheimliche unserer Zweideutigkeit zwischen Gut und Böse dadurch verharm­losen, daß wir diesen Zwiespalt verabsolutieren; oder aber in einer endgültigen Verzweiflung über uns selbst. Denn auch diese Verzweiflung ist eine Art Vermessenheit, eine Vorwegnah­me des Gerichtes, ein Protest gegen die Ausgeliefertheit unserer Freiheit: Wer keine Engel mehr annehmen will in all seinen Zusammenbrüchen, der hat Gott schon die Hände gebunden; wer sich zum Sünder, zum Verlorenen erklärt, wer seiner schuldig gewordenen Freiheit keine größere, heiligere Zukunft mehr gibt, hat ebenso verwegen in Gottes letztes Wort hineinge­redet wie jener, der selbstgerecht auf die vergewisserte Reinheit seines Gewissens pocht. In jedem Fall sucht er sich selbst das letzte Wort zu geben und sich vor der Ausgesetztheit seines Daseins zu absolvieren. In Wahrheit aber bleibt nur eines: die Armut dieser unbefragbaren Ausgesetztheit, die wir selber sind, anzunehmen in der „Tugend der Armen“, in der Hoffnung. Denn immer gilt das Wort aus dem ersten Korintherbrief, in dem Paulus auf seine Art unser Gleichnis wiederholt: „Ich kann mich nicht einmal selbst richten: Ich bin mir ja keiner Sache bewußt; aber damit bin ich noch nicht gerechtfertigt, sondern der mich richtet, bleibt der Herr. Darum sollt ihr über nichts vor der Zeit richten, ehe der Herr kommt: Er wird ans Licht brin­gen, was im Finstern verborgen ist, wird offenbar machen die bewegenden Absichten der Her­zen, und dann wird einem jeden sein Lob von Gott werden“ (4,4f.).

Hier der vollständige Text als pdf.

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