Hans Joachim Iwand, Die Schrift (1951): „Es führt ein Weg vom Sinai nach Golgatha, aber kein Weg von Golgatha nach Sinai. Und nur wenn man auf dem Sinai nach Golgatha hinschaut, wird man das Wort vom Sinai verste­hen. Genau so, wie man das Wort von Golgatha nur verstehet, wenn man nicht auf den Sinai zurückschaut. Das ist das Thema von Gesetz und Evangelium.“

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Berg Sinai nach Sonnenuntergang

Zum Schluss seiner Vorlesung „Theologie als Beruf“, die Hans Joachim Iwand im Sommersemester 1951 in Göttingen gehalten hat, kommt er auf die Schrift zu sprechen. Darin entfaltet er den Anspruch der Bibel als Gottes Wort:

Die Schrift

Von Hans Joachim Iwand

Heinrich Holzmann hat gesagt, das Christentum sei eine Buchreligion. Das ist richtig, wenn man den Ton auf das «Buch» legt. Es ist entscheidend, daß das Zeugnis von Jesus Christus nicht zu denken ist ohne ein bestimmtes Buch. Aber umgekehrt ist auch zu fragen, ob dieses Buch zu denken ist ohne seine lebendigen Zeugen! Wahrscheinlich nicht, dies Buch weist immer über sich hinaus, es weiß sich verbunden mit einem bestimmten Volk, mit einem bestimmten Geschehen in der Welt. Und umgekehrt wäre wohl das Zeugnis dieser Zeugen unsachlich, wenn es nicht immer wieder bezogen wäre auf dieses Buch?

Warum?

1. Dieses Buch hat nur insofern Wahrheit, als Gott redet. Gott aber redet nie «an sich», er redet nie zu den «Toten», sondern immer zu den Lebenden.

2. Wenn wir sagen, die Bibel ist Gottes Wort, dann meinen wir: hier wird und kann es gesche­hen, weil es geschehen ist, daß wir Gott hören. Das Dasein der Bibel als Buch und das Dasein des Wortes Gottes als Ereignis stehen auf zwei verschiedenen Ebenen. Zu dem Dasein der Bibel als Dokument gehört zugleich das Dasein aller anderen gegenständlichen Momente. Aber Gottes Wort ist nie «da». Sondern es ist nur so da, wie Gott da ist. Indem wir es hören! Indem es mich trifft. Indem es geschieht.

3. Das Besondere an der Bibel ist der schlichte sachliche Unterschied zwischen all dem, was dasein kann, und Gottes Reden. Hier ist das Menschliche und menschlich Faßbare auf der einen Seite und das Unfaßbare auf der anderen (Emmausjünger, Jesajavision, Auferstehung).

4. Es ist darum zu fragen, wie weit wir bei der Auslegung der Bibel die Sache der Bibel tref­fen, wenn wir nur die Meinung, Erfahrung, das Erlebnis und die Gedanken der hier auftreten­den Zeugen erfassen. Alle diese Zeugnisse können nur von der Richtung aus verstanden wer­den, auf die sie weisen.

5. Welches ist diese Richtung? Erstens: Gott schuf Himmel und Erde – das ist das Erste. Das Woher all dessen, was ist, ist etwas – [270] ist einer, der nicht ist! Der Schöpfer steht nicht auf ein und derselben Ebene mit allem anderen Sein. Keine analogia entis! Dann wäre er nicht A und O. Darum steht die Unterscheidung zwischen Ewigkeit und Zeit, zwischen dem was ist – in Ewigkeit –, und dem, was «seine Zeit hat», voran.

6. Dieser Gott (Himmels und der Erden) ist mitten unter uns! Einheit von Genesis und Ge­schichte Jesu in Joh 1! Das, was unfaßbar ist, ist «Da». Indem es da ist, ist das Ende da. Das Gericht und der Tod! Die Geschichte des Adam ist zu Ende – Jesus ist das Ende des sich vor Gott auf Erden versteckenden, vor ihm auf Erden sicher seienden Menschen. Gott ist mitten unter uns, die Erde ist seine Wohnstatt!

7. Aber nicht um das Seiende zu bejahen, sondern um die Nähe der Auferstehung anzuzeigen. Um alles los zu machen, frei zu machen für diese Nähe. Darum keine Bejahung ohne Vernei­nung, in der Verneinung erst ist die Bejahung! Auferstehung ist das Ja in dem Nein. Gott kommt nicht, um zu vernichten, sondern um zu retten.

8. Wie kann man diese Sache auslegen? Warum sind so mannigfaltige Zeugnisse dieser einen Sache nötig? Ist der Kanon die Vollständigkeit der Offenbarung? Oder bleibt er grundsätzlich offen? Gibt es eine Methode der Auslegung? Ist die Predigt eine der philologischen Methode nachgeordnete Auslegung oder ist die ihr vorgeordnet.

9. Kann man das Wort Gottes «probeweise» hören, also hören, um sich erst nachträglich dafür oder dagegen zu entscheiden? Gibt es eine objektive Wahrheit? Wenn nicht, wie ist es dann noch wissenschaftlich zu fassen? Die Form seiner Erfaßbarkeit ist die des jeweiligen Gesche­hens des Wortes an die Menschen.

Wir haben in der vorigen Stunde zweierlei deutlich gemacht: einmal, daß die Christenheit, wo immer sie auftritt und in welchen Verfallserscheinungen auch immer sie sich befinden mag, an einem erkennbar ist: an der Schrift! Sie, ihre Einheit und ihre Gegensätze, ihre Bekenntnis­se, aber auch ihre Häresien, ihre Geschichte in den zwei Jahrtausenden, ihre wissenschaftliche Bemühung und ihre [271] Form der Verkündigung – all das wäre nicht denkbar ohne die Bi­bel. Wo immer Christen sind, da wird in irgendeiner Weise die Bibel in Erscheinung treten, und wenn sie auch nur noch wie ein unverstandenes Buch durch die Masse getragen wird wie im Gottesdienst der orthodoxen Kirche. Immerhin – sie wird verlesen und sie ist da. Sie hat ihren besonderen Platz im Gottesdienst, sie steht nicht mit anderen Büchern, Gedichten oder Geschichten auf einer Stufe, sie nimmt ihren Rang allein für sich ein.

Und zweitens: sie nimmt ihn darum ein, weil sie den Anspruch in sich enthält, daß sie Gottes Wort ist. Nicht nur also, daß sie Zeugnisse davon enthält, wie Menschen einmal Gottes Reden vernahmen, wie sie es sich dachten, ihn erlebten und erfuhren, sondern die Bibel ist das, was sie ist, wenn das Reden Gottes nicht ins Perfektum oder ins Futurum verschoben wird. Sie enthält ein Heute dieses Redens, das nie ein Gestern wird, ein «nunc aeternum». Die Bibel bedeutet also, daß Gott ebenso heute zu uns reden möchte und reden wird, wie er das zu un­seren Vätern getan hat. Man kann dieses Angebot der Gnade Gottes auch mißverstehen, in­dem man diese allein in Gott liegende Möglichkeit zu einer Gegebenheit macht, über die wir verfügen! Das dürfte der Fehler eines biblischen Fundamentalismus sein, der das Wort und die Schrift identisch setzt, der also nicht von der Schrift her nach dem Wort fragt, sondern meint, das Wort in der Schrift haben zu können. Er sieht dann in der Schrift die Fleischwer­dung des Wortes – nicht mehr in Christus. Das ist der Fehler der Schwärmer.

Aber machen wir uns weiter klar, was es nun heißt, daß wir in der Bibel Gottes Wort haben! Das heißt doch wohl: wenn ihr nicht gewillt seid, darauf Rücksicht zu nehmen, in wessen Bereich und Wirklichkeit ihr eintretet, wenn ihr euch nicht von der Bibel an die Hand nehmen laßt, dann freilich werdet ihr gerade die Sache der Bibel nicht begreifen. Ihr werdet sie zer­schlagen und auseinandernehmen wie eine Uhr in viele, viele kleine Teilchen, ihr werdet diese Teilchen genau untersuchen und studieren, aber ihr werdet sie nicht wieder zusammensetzen können und das Uhrwerk – der ihm eigentümliche Gang und Stundenschlag – wird vernichtet sein. Aber es kommt ja nicht darauf an, daß wir das Räderwerk im ein-[272]zelnen studieren, sondern daß wir auch erkennen, wie es ineinandergreift und eine Bewegung alles erfüllt und in Gang hält. Jede Auslegung der Heiligen Schrift will uns in das Ganze dieser Bewegung hineinnehmen, die nichts anderes ist als die Bewegung, der Aufbruch des Volkes Gottes zu dem ihm gesteckten Ziel. Ohne daß auch wir uns bewegen, können wir offenbar der Bewe­gung nicht ansichtig werden, die sich hier vollzieht. Hier laufen alle, – wer nicht mitläuft, kann nicht sehen, welches Ziel dem Sieger winkt.

Diese Bewegung wird erstens in der Schrift angezeigt durch das Nebeneinander zweier Testa­mente. Es handelt sich offenbar bei diesem, Reden Gottes mit uns immer um eine Ankündi­gung und um eine Erfüllung, es handelt sich immer darum, daß wir immer erst herausgeführt werden aus unserem «Vaterlande», aus der bekannten, sicheren und vertrauten Welt – um dann jene neue Welt, jenes «Land» zu finden, das er uns zeigen will. Wir müssen also immer erst das Hoffen lernen, ehe wir die Erfüllung erfassen. Ohne das AT würde das NT dastehen wie eine bloß historische, bloß als Tradition, bloß als Vergangenheit und Erbe zu tradierende Sache. Wer nicht hungert, der wird nie begreifen, was Brot ist! Wer nicht sucht und wartet, der wird nie erfassen, was Erfüllung ist.

So bedeutet das Vorhandensein zweier Testamente immer wieder, daß wir «zwischen den Zeiten» leben, zwischen Verheißung und Erfüllung, daß wir diese Brücke nur finden, wenn wir über sie gehen, daß die Bewegung von dort nach hier und von hier nach dort von uns mitvollzogen werden muß, wenn anders wir in der Bibel leben wollen (Hofmanns Schrift­beweis).

Es bedeutet weiter: daß wir ein Ineinander von graphe und euanggelion vor uns haben. Ein Geschriebenes, das immer wieder als frohe Botschaft kund werden möchte! Ein Buch, das immer wieder aufhören möchte, ein Buch zu sein. Das dahin ausläuft, daß es – redet! Es hat eine bestimmte Offenheit nach der Rede hin. Es kann nicht nur gewußt, gelernt, kanonisiert werden – das haben die Juden gemacht (Talmud-Lehrbuch), sondern es will «gehört» werden. Darum geht durch die ganze Bibel das Nebeneinander von Buchstabe und Geist, von Schrift und Wort! Aber nun nicht so, daß diese Reihenfolge umkehrbar wäre, – der Geist will nicht auch [273] umgekehrt Buchstabe werden und die Rede nicht umgekehrt Schrift, sondern wie die Raupe zum Schmetterling wird, aber dieser nicht wieder zur Raupe, so wird der Buchstabe Geist- um damit und darin sich zu erfüllen! Wer es umkehrt, wird in Gefahr sein, aus dem Buchstaben etwas Stillstehendes, ein «Gesetz» zu machen, etwas «Tötendes», und aus der Schrift etwas Formales, etwas Ungeschichtliches. Jenes ist die Gefahr der Gesetzesmenschen, diese die der Bekenntnisschriften. Dort tritt an die Stelle des Willens Gottes die «Menschen­satzung», hier an die Stelle des lebendigen Wortes die eigene Weisheit.

Es bedeutet die Unterscheidung drittens: daß es eine bestimmte Polarität in der Geschichte Gottes mit seinem Volk gibt, die durch die beiden Gipfel Sinai und Golgatha gekennzeichnet ist. Es führt ein Weg vom Sinai nach Golgatha, aber kein Weg von Golgatha nach Sinai. Und nur wenn man auf dem Sinai nach Golgatha hinschaut, wird man das Wort vom Sinai verste­hen. Genau so, wie man das Wort von Golgatha nur verstehet, wenn man nicht auf den Sinai zurückschaut. Das ist das Thema von Gesetz und Evangelium.

Können wir nun einige Regeln über die Auslegung der Schrift aufstellen? Die erste ergibt sich aus dem eben Gesagten: es darf jene Bewegung nie vergessen werden, die freilich immer unter der Einheit von Gottes Offenbarung steht, aber eben doch Bewegung ist. Es darf zwei­tens das Gegenüber nicht zerstört werden, das hier zwischen Gott und den mit ihm in Verkehr tretenden Menschen gesetzt ist. So erst kommt es dann zu jenem Suchen, das die Vorausset­zung alles Findens ist.

Daraus dürften sich dann auch bestimmte Regeln für die Auslegung ergeben:

1. Wir könnten gar nicht die Schrift als Gottes Wort auslegen, wenn sie uns selbst nicht die Freiheit dazu erschlösse. Barth nennt das die Freiheit unter dem Wort. Freiheit auf Grund der verlorenen Freiheit! Damit ist zugleich die Grenze gegeben, es ist nicht die historische oder die philologische Freiheit, sie werden sich ganz bestimmte Begrenzungen gefallen lassen müssen – aber anders können wir die Freiheit unter dem Wort nicht gewinnen. [274]

2. Wir werden auf eine Botschaft stoßen, die ungeheuer vielfältig ist, in vielen Farben glänzt, aber immer doch im Grunde dieselbe ist: Botschaft von der Nähe und das heißt von der Gnade und das heißt von der Treue Gottes. Die Vielfalt der Anwendung dieser Botschaft ist so ange­legt, daß in ihr alle menschlichen Möglichkeiten erschöpft sind, auch jede Häresie ist bereits dort angelegt. Weil in diesem Zentrum der Menschheit um Zion und seine Offenbarung alle unsere Möglichkeiten erschlossen sind. Es geht darum, den Menschen von der Bibel her zu verstehen.

3. Wir werden die philologischen, historischen, philosophischen Methoden anwenden müssen – andere haben wir nun einmal nicht –, um immer wieder zu sehen, daß sie uns nur bis zu der Grenze führen, wo sie aufgehoben, von der der Bibel eigentümlichen Sache her zerbrochen werden. So wird die Auslegung immer zugleich ein Ereignis sein. Von hier aus wäre dann über die Predigt zu sprechen. Der Ereignischarakter der Auslegung ist Verkündigung.

Quelle: Hans Joachim Iwand, Nachgelassene Werke, Bd. 1: Glauben und Wissen, hrsg. v. Helmut Gollwitzer, München: Chr. Kaiser Verlag 1962, Seiten 269-274.

Hier der Text als pdf.

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