„Wer könnte vor jenem zum Himmel gehobenen Finger des sterbenden Vaters bestehen?“ Hans Joachim Iwands Gedenkrede „Umkehr und Wiedergeburt“ zur „Reichspogromnacht“

Fast 60 Jahre später wird man wohl kaum noch erahnen können, wie provozierend Hans Jochim Iwands Gedenkrede am 9. November 1958 zum 20. Jahrestag der „Reichspogromnacht“ für das Nachkriegsdeutschland gewesen ist. In jedem Falle sind Iwands Worte zur deutschen Schuld und zum Verhältnis von Juden- und Christentum auch heute noch lesenswert:

Umkehr und Wiedergeburt. Rede zum 20. Jahrestag der „Reichspogromnacht“

Von Hans Joachim Iwand

Ein Tag wie der heutige läßt unsere Gedanken sich zurückwenden auf Zeiten und Ereignisse, die zu dem Schrecklichsten, aber auch zu dem immer noch Unbegriffensten und Unbegreiflichsten gehören, das sich innerhalb der deutschen Geschichte ereignet hat. Es hat bisher in unserer politischen Geschichte — auch die deutsche Geistes- und Gesellschaftsgeschichte nicht ausgenommen — etwas dem nur annähernd Ähnliches nicht gegeben. Ich meine die religiöse Diffamierung, die gesellschaftliche Achtung und schließlich die physische Vernichtung der Juden, des Volkes Israel, in Europa, das also, was man seinerzeit als die «Endlösung der Judenfrage» bezeichnete und was ein wesentlicher Bestandteil der sogenannten Erneuerung im Zeichen des Hakenkreuzes war. Wie programmatisch diese Vernichtungsaktion im Rahmen der nationalsozialistischen Weltanschauung angesehen wurde, dafür zeugt jenes Gespräch, das der Bergassessor Kurt Gerstein in seinem Augenzeugenbericht aufgezeichnet hat. Es handelt sich um ein Gespräch mit dem Höheren SS- und Polizeiführer Odilo Globocnic, der die Vernichtungslager Belcec, Treblinca und Sobior in Polen unter sich hatte. Kurz vorher waren Hitler und Himmler bei Globocnic gewesen. Ein Begleiter Gersteins fragt, was hat denn der Führer gesagt? Darauf antwortet Globocnic: «Schneller, schneller die ganze Aktion durchführen.» Der Medizinalrat Dr. Herbert Linden vom Reichsinnenministerium, der in Hitlers Begleitung war, habe einzuwenden gewagt: «Herr Globocnic, halten Sie es für gut und richtig, die ganzen Leichen zu vergraben anstatt sie zu verbrennen? Nach uns könnte eine Generation kommen, die das Ganze nicht versteht.» Und es antwortet ihm der ehemalige Gauleiter aus Wien: «Meine Herren, wenn je eine Generation kommen sollte, die so schlapp und so knochenweich ist, daß sie unsere große Aufgabe nicht versteht, dann allerdings ist der ganze Nationalsozialismus umsonst gewesen. Ich bin im Gegenteil der Ansicht, daß man Bronzetafeln versenken [363] sollte, auf denen festgehalten ist, daß wir den Mut gehabt haben, dieses große und so notwendige Werk durchzuführen.» Darauf der Führer: «Gut, Globocnic, das ist allerdings auch meine Ansicht.»

Wir neigen dazu, alle Vorgänge um uns her zu rationalisieren. Das heißt nur das an ihnen gelten zu lassen, was sich auf der Ebene des Allgemein-Vernünftigen, des Ethischen, Psychologischen oder auch Biographischen einsichtig machen und in den allgemein üblichen Wert- und Unwerttafeln unterbringen läßt. Wir möchten jede Krankheit nach unseren «bewährten Methoden» diagnostizieren und heilen. Aber in Wahrheit ist es so, daß, wenn diese Methoden «bewährt» gewesen wären, dies nie geschehen durfte. Darum liegt das Vergehen des Dritten Reiches mit all seinen Machtmitteln gegen das Judentum immer noch unbegriffen vor uns und über uns, und daher kommt es, daß alle Versuche, dieses Ungeheuerliche zu erklären, weithin am Äußerlichen und Zufälligen haften bleiben. Man wird vor allem die Frage stellen müssen, die jedem beim Lesen der Berichte immer wieder kommt: Wie konnten die Mit-Lebenden das aushalten, wie konnten die Täter, Mittäter, die sehenden und hörenden Zeugen dieses Geschehens das ertragen? Ich denke hier etwa an eine Szene, wie sie der deutsche Zivil-Bauingenieur Hermann Gräbe berichtet, der in Wolhynien zufällig eine solche Exekution beobachtet. Sie findet in einer Grube statt. Auf einer in die Lehmwand eingegrabenen Treppe müssen die Opfer, Männer, Frauen und Kinder, völlig entkleidet, herabsteigen und sich zum Erschossen-Werden hinlegen. Dabei beschreibt Gräbe die Person auf der untersten Stufe, nachdem wir eben die Person auf der obersten Stufe kennenlernten. «Ich schaute mich nach dem Schützen um. Dieser, ein SS-Mann, saß am Rand der Schmalseite der Grube auf dem Erdboden, ließ die Beine in die Grube herabhängen, hatte auf seinen Knien eine Maschinenpistole liegen und rauchte eine Zigarette.» In dem Bericht heißt es dann weiter: «Niemand weinte, niemand flehte darum, am Leben gelassen zu werden.» Wohl aber sah der Zeuge einen Vater, der einen Jungen von etwa 10 Jahren an der Hand hielt. «Der Junge kämpfte mit den Tränen, der Vater zeigte mit dem Finger zum Himmel, streichelte ihm den Kopf und schien ihm etwas zu erklären.» Dieser zum Himmel erhobene Finger — er [364] ist eigentlich alles, was von Menschenmund zu diesem Ganzen gesagt werden kann. Er ist Hinweis auf jene andere, diesen Gewaltmenschen und Großen von damals, den Akteuren auf der obersten wie auf der untersten Ebene verborgene Wirklichkeit, die den Schlüssel für das in sich trägt, was hier in namenloser Schrecklichkeit gespielt wurde, ein Spiel, bei dem auch die vermeintlichen Führer nicht wußten, was sie taten, wie sie sich, das Volk, das ihnen folgte, und die Menschen, die ihnen dabei halfen, mit Nacht und Finsternis beladen haben. Wo mag jener SS-Mann heute sein, der das stumpfsinnig ausführende Organ in diesem weltgeschichtlichen Prozeß bildete? Ob er noch lebt? Wie mag er leben? Kann man das überleben? Ja, man kann es überleben, Tausende haben es überlebt, in gewisser Hinsicht wir alle haben es überlebt, die wir mit Bewußtsein durch jene Zeit geschritten sind. Aber was wird aus Menschen, die so etwas überleben? Sind sie noch dieselben, die sie vorher waren? Meinen wir wirklich, daß so etwas mitten unter uns geschehen könnte — und mit uns, mit den Überlebenden, sei damit nichts geschehen?

Im Bewußtsein unseres Volkes ist hier weithin ein leerer Fleck. Es wird ungeheuer schwer sein, diese Todeswunde, die wir seither an uns tragen, zu heilen. Wir haben sie nicht nur dem Judentum in Europa, nein, in einem tieferen Verstande haben wir sie verhängnisvoller und furchtbarer uns selbst beigebracht. Wer litte nicht an ihr? Wer könnte vor jenem zum Himmel gehobenen Finger des sterbenden Vaters bestehen? Wer kann sagen, wo das wahre Leben und wo der wahre Tod angesichts solchen Zeugnisses zu finden ist. Es gibt Vorgänge mitten in unserem menschlichen Dasein, die in einem solchen Maße alles Denkbare und Begreifliche übersteigen, daß sie uns entweder dazu zwingen, das überlieferte System unserer Werte und Begriffe als unbrauchbar und abstrakt zu zerbrechen und angesichts der Wirklichkeit, angesichts einer solchen, uns in die tiefste Ratlosigkeit versetzenden Wirklichkeit nach neuen Wertungen und Erkenntnissen zu verlangen, die theoretische Oberfläche zu zerbrechen, auf der so etwas geschehen konnte, oder aber das zu tun, was das Bequemste und darum für so viele das Nächstliegende ist: diesen Dingen den Rücken zuzukehren, sie wie einen erratischen [365] Block am Wege liegen zu lassen, einen Bogen um sie herum zu machen, wie um ein Mahnmal des Schreckens, das bis heute von Dämonen und Rachegeistern umlagert ist. Es gibt hier und da in der Geschichte der Völker solche Taten des Grauens, mit denen sie nie ins Reine kommen, an denen sie wie an einem Gift, das langsam den ganzen Körper vergiftet, gestorben sind. Soll das mit uns nun auch so ausgehen? Es gibt einen Weg, mit dieser Sache fertig zu werden, auch wenn sie uns das Herz zu zerbrechen und den Verstand zu nehmen droht. Hier darf nicht geschwiegen werden. Wer — wenn auch in verständlicher Absicht — den Vorhang des Schweigens vor dieses Geschehen zieht, der hilft uns nicht. Wer uns hier auszuweichen rät, weil die Tagesfragen drängender sind, der vereitelt jene Besinnung, die für unser Volk Umkehr, Wiedergeburt und geistige Erneuerung bedeutet. Darum gilt unser Dank allen, die nicht geschwiegen haben! Er gilt allen, die uns geholfen haben — oftmals waren es die Überlebenden jener Todesschatten selbst —, daß wir unser Augenmerk auf jene Taten und Tatsachen richten und fragen: Wie konnten wir das tun? Wie konnten wir das unter uns geschehen lassen? Was werden wir sagen, wenn wir einmal von der Richtung her, auf die jener ausgereckte Finger zeigt, gefragt werden? Einmal wird es von dorther tagen über unserer Gesellschaft, über unserem Volk, über unserer zeitgenössischen Christenheit! Wir Deutsche tragen seither ein Kainszeichen auf unserer Stirn und es hilft uns wenig, wenn wir unsere Ausflucht suchen bei dem Spruch: «Sollten wir der Juden Hüter sein?»

Wir müssen hier eine kurze Besinnung anstellen über das Wesen der Schuld. Schuld beginnt eigentlich erst dann, wo für den Menschen die Möglichkeit der Wiedergutmachung aufhört. Die Toten werden nicht lebendig und die zerbrochenen Herzen kann menschliche Kunst, auch menschliches Mitleid selten heilen. Hier wird wahre Schuld sichtbar. Schuld ist von Haus aus ein reziproker Begriff, sie ist eine Realität, die immer eine bestimmte Person oder eine personale Größe anspricht und verklagt. Schuld steht nicht stumm im Raum der Geschichte, wie der erschlagene Abel auch nicht stumm war, obwohl er nicht sprechen konnte. Von hier aus gesehen gibt es eine doppelte Art, von der Schuld zu reden. Die Sprache der Schuld [366] will auf eine andere Weise vernommen sein und in der Innerlichkeit unserer selbst wirksam werden als das öffentliche Gerede, das unabläßlich an unser Ohr dringt, ohne daß es uns selber sucht. Hier hören wir Zahlen und Statistiken und hier verwandeln sich tragische Schicksale in flache Sensationen. Durch unvorstellbare Zahlen wird der moderne Mensch unempfindlich für das, was sich an wirklichem Erleben unter diesen Zahlen verbirgt. Wir stehen, wenn wir nur die Millionenzahlen der Ermordeten hören, viel zu weit weg von dem eigentlichen Geschehen und sehen dieses immer noch unter jenem technisch-unmenschlichen Aspekt, in dem es faktisch vollzogen wurde. Die Hülle, mit der es umgeben ist, muß weggezogen werden, sonst kann es keine echte Bewegung der Schuld geben. Weiter als bis zum bloß Moralischen im selbstgerechten Sinne dringt diese Art, das Geschehen zu erfassen, nicht. Man wird von da aus auch ein wenig Geduld haben müssen mit der Art und Weise, wie unser Volk zunächst auf dieses Entsetzliche reagierte. Es bekam ja die Dinge nicht anders als in der Form des Juridischen und Statistischen zu sehen und es zeigte sich gar bald, wie wirkungslos und verfehlt diese Optik war. Darum bietet sich sofort ein ganz anderes Bild, wenn es gelingt, das Massenhafte aufzulösen, es sozusagen zu entfernen, und Einzelschicksale sichtbar werden zu lassen, wenn es möglich ist, begreiflich zu machen: Er ist wie Du! Darum jene wunderbare Wirkung, die von dem Tagebuch der kleinen Anne Frank ausgegangen ist — sie hat mit ihren Aufzeichnungen unendlich vielen Menschen in unserem Volk geholfen, den Weg der Umbesinnung zu finden und jene andere Stimme zu vernehmen, die persönliche, jene Stimme, der gegenüber wir nie hätten so handeln können, wie wir gehandelt haben. Es gilt dies auch noch an anderen Punkten. Ich denke z. B. an die Aufzeichnungen aus dem Warschauer Ghetto, die unter dem Namen «Der Wall» zu einem der erschütterndsten Bücher unserer Tage von einem amerikanischen Schriftsteller zusammengearbeitet wurden. Da werden die Menschen auf der anderen Seite sichtbar, wie sie in dieser furchtbaren Situation lebten, in einer Lage, in der es fast unmöglich war, noch Verantwortung zu fühlen, Liebe zu üben, nicht zu verzweifeln und nicht zu vertieren. Und doch gab es das. Oder man denke an das, was uns H. G. Adler [367] in seinem psychologisch so tiefen Werk über Theresienstadt 1941-45 geschenkt hat, oder an das Zeugnis von Leo Baeck, den großen deutschen und jüdischen Theologen, der lebend das Inferno überstand, in dem Sammelwerk: «We survived». Daneben stehen andere bedeutende Versuche nichtjüdischer Menschen, das Erleben der Verfolgten und Entrechteten zu zeichnen. Ich denke an Albrecht Goes, Alfred Andersch, Stefan Andres und nicht zu vergessen den erstaunlichen Bericht über den Endkampf im Warschauer Ghetto, den Eugen Kogon nach dem Ende des Krieges der Erinnerung der Nachwelt bewahrte. Hier ist der Dichtung eine neue Aufgabe gestellt, ähnlich neu, wie sie in anderer Lage einmal Lessing gesehen und glücklich angefaßt hat. Nur heute geht es um mehr. Es gilt dort hindurchzubrechen, wo die Schuld, auch diese unermeßliche Schuld, ihr heilvolles, ihr hilfreiches Antlitz enthüllt und wo sie die unwiederbringlichen Toten uns den Lebenden wieder recht zu leben helfen könnten. Es könnte dann gerade aus diesen Tiefen der Qual und des Schandentodes, in die wir unsere Mitbürger und Mitmenschen gestoßen und getrieben haben, das gewonnen werden, was uns die Kraft zu Umkehr und Wiedergeburt verleiht.

Lassen Sie mich noch ein paar Worte sagen zu dem, was das in Konkreto bedeuten würde. Ich denke zunächst an uns als Deutsche. Wir haben zwischen uns und unsere deutschen Mitbürger jüdischen Glaubens oder jüdischer Abstammung einen tiefen Schnitt gezogen. Wir wollten das rückgängig machen, was die Aufklärung uns geschenkt hat. Das war der Anfang alles Weiteren — und er liegt ein Jahrhundert zurück. Wir haben in dieser Antithetik zu unseren jüdischen Mitbürgern ein Verständnis vom Deutschsein herausgestellt, das uns zwangsläufig dem Neuheidentum, dem Deutschglauben und dem deutschen Gott in die Arme treiben mußte. Damit haben wir einen künstlichen, naturhaften Begriff von Deutschsein erwählt. Das Lebensgesetz aller Natur lautet aber auf Tod. Indem wir das Leben der Nation ins Rassische zurückverlegten, wählten wir selbst den Untergang. Aber nicht nur das. Wir haben damit Menschen ausgeschieden, denen wir im Aufbau von Kunst und Wissenschaft, von Staat und Wirtschaft Unersetzliches verdanken. Man denke nur einmal an die schwere Zeit nach dem ersten Welt-[368]krieg. Was für Namen leuchten da auf, wenn wir an deutsche Männer und Frauen jüdischer Abstammung denken, die damals am Wiederaufbau Deutschlands wirksam waren. Ich nenne nur ein paar: Walther Rathenau und Max Reinhardt, Albert Einstein und James Frank, Ernst Cassirer und Alfred Kantorowicz, Edmund Husserl und Edith Stein, Siegmund Freud und Franz Werfel. Es ist unmöglich, sie alle aufzuzählen, die damals in den Jahren des Unglücks uns näher gerückt sind denn je zuvor. Sie sind immer Mittler des deutschen Geistes geworden im rechten universalen Verstande. Haben wir je einmal begriffen, was wir ihnen — und haben wir je begriffen, was wir uns angetan haben damit, daß wir sie nicht Deutsche sein ließen? Damit ist das Deutschsein in Gefahr geraten, ein Naturbegriff zu sein und aus dieser falschen Wurzel wuchert bis heute ein verhängnisvoller verhärteter Nationalismus überall auf, wo es um das geistige und geschichtliche Anliegen unserer Nation geht. Die Juden sind nie ein Naturvolk gewesen und sie haben uns und andere Nationen wachgehalten, den christlichen Universalismus nicht zu opfern für das Linsengericht des völkischen Selbstbewußtseins.

Daneben möchte ich noch einen Hinweis geben auf die gesellschaftlichen Probleme, die der Antisemitismus unter uns aufgeworfen hat. Es war kein Zufall, daß unter den führenden Männern und Frauen des Sozialismus und der sozialen Verantwortung viele Führer aus dem Judentum kamen, oft von ganz anderer Herkunft und aus anderer Umgebung. Sie hatten das Brennende der sozialen Frage, sie hatten das Thema der Gerechtigkeit innerhalb der modernen Gesellschaft früh begriffen und zur Sache ihres Lebens gemacht. Sie haben gesehen oder wenigstens gehofft, daß hier ein Weg gegeben war, dem Krieg aus dem Wege zu gehen. Der Weg vieler von ihnen, ich nenne hier nur den einen Namen: Rosa Luxemburg, ist ein Leidensweg gewesen. Von den politischen Ereignissen in West und Ost untergepflügt, sind sie einsam und verlassen zugrunde gegangen. Aber täuschen wir uns nicht, das Scheitern ist kein Zeichen des Irrweges. Oft ist der Erfolg der erste Schritt zum Untergang und aus dem Zerbrochenwerden derer, die hungern und dürsten nach der Gerechtigkeit, ist oftmals köstliche Frucht geboren. Etwas [369] vom Schicksal der Propheten wird überall dort sichtbar und muß dort sichtbar werden, wo dem Reiche Gottes Gewalt angetan wird.

Der letzte bedeutsame Punkt betrifft das Nebeneinander von Kirche und Synagoge. Wir kennen die mittelalterlichen Standbilder, in denen die Kirche sehend, die Synagoge mit verbundenen Augen daneben steht. Dieses Symbol geht auf die Gegenüberstellung des Apostels Paulus im 2. Brief an die Korinther zurück. Aber haben nicht diesmal wir die Binde vor den Augen gehabt? Wir, die Menschen der christlichen Kirche? Ich weiß wohl, daß in beiden Kirchen zur Verteidigung des Alten Testamentes manches Gute und Tapfere geschehen ist — aber eines haben wir dabei nicht begriffen: daß das Schwert des Tyrannen bei diesem Morden unter den Juden — den Judenkönig, unsern Herrn Jesus Christus suchte. Genau das haben wir nicht begriffen, daß der Angriff auf die Juden — uns, der christlichen Kirche galt. Wir haben nicht mehr gesehen, daß, sobald wir die Juden herauslösen lassen aus der Mitte der Völker, wir nicht mehr bekennen können: In unser armes Fleisch und Blut verkleidet sich das ew’ge Gut. Der Angriff war so glänzend gezielt und er traf mitten hinein in die schwache Stelle unserer ganzen christlichen Existenz, daß wir verwirrt und gelähmt dem zuschauten, was neben uns geschah und doch uns selber galt. Das war anderswo nicht so. Ich denke hier vor allem an Holland. Wir aber in unserem idealistischen Verstand hatten alles Reale in der Heilsgeschichte aufgelöst, die Realität der Schöpfung und die Realität der Verheißung. Was Christus zusammengefügt hat, Heiden und Juden, ließen wir auseinanderbrechen. Als die Synagogen brannten, versuchte das Heidentum unsere christlichen Gotteshäuser für sich zurückzuerobern, ein furchtbarer Mythos von Blut und Boden überfremdete Volk und Land und die alten Götter stiegen wieder herauf.

Lassen Sie mich schließen mit einem Wort über die scheinbare Unbeweglichkeit der Vergangenheit. Alle Vergangenheit lebt durch die, die Gegenwart sind. Die Vergangenheit der Vernichtung des Judentums bleibt unsere Vergangenheit. In ihr spiegelt sich ab, was wir sind. Sind wir ungewandelt, steht auch sie fest und wird anklagend ihr Gesicht auf uns richten, setzt aber bei uns Umkehr und [370] Wiedergeburt ein, freilich etwas, was wir nicht machen, was wir aber doch erflehen können, dann bewegt sich auch die scheinbar starre Vergangenheit, und der Geist, der uns wendet, weht auch über das Feld der Totengebeine. Es gibt nur einen Trost, angesichts dieses unübersehbaren Feldes von Schuld und Tod, daß wir das Gericht  in Gottes Hand legen und — wieder ist da der zum Himmel weisende Finger — uns dessen trösten, daß seine Toten leben.

Vortrag am 9. November 1958 in der Heimvolkshochschule Bergneustadt, zum 20. Gedenktag der «Reichspogromnacht». Das Manuskript lag auch dem Südwestfunk, Baden-Baden, vor zu einer Sendung am Vorabend dieses Tages.

Quelle: Hans Joachim Iwand, Nachgelassene Werke, Bd. 2: Vorträge und Aufsätze, hrsg. v. Dieter Schellong und Karl Gerhard Steck, München: Chr. Kaiser Verlag 1966, S. 362-370.

Hier der Text als pdf.

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