„Wer könnte vor jenem zum Himmel gehobenen Finger des sterbenden Vaters bestehen?“ Hans Joachim Iwands Gedenkrede „Umkehr und Wiedergeburt“ zur „Reichspogromnacht“

Fast 60 Jahre später wird man wohl kaum noch erahnen können, wie provozierend Hans Jochim Iwands Gedenkrede am 9. November 1958 zum 20. Jahrestag der „Reichspogromnacht“ für das Nachkriegsdeutschland gewesen ist. In jedem Falle sind Iwands Worte zur deutschen Schuld und zum Verhältnis von Juden- und Christentum auch heute noch lesenswert:

Ich denke hier etwa an eine Szene, wie sie der deutsche Zivil-Bauingenieur Her­mann Gräbe berichtet, der in Wolhynien zufällig eine solche Exeku­tion beobachtet. Sie findet in einer Grube statt. Auf einer in die Lehmwand eingegrabenen Treppe müssen die Op­fer, Männer, Frauen und Kinder, völlig entkleidet, herabsteigen und sich zum Erschossen-Werden hinlegen. Dabei beschreibt Gräbe die Person auf der untersten Stufe, nachdem wir eben die Person auf der obersten Stufe kennenlernten. «Ich schaute mich nach dem Schützen um. Dieser, ein SS-Mann, saß am Rand der Schmalseite der Grube auf dem Erdboden, ließ die Beine in die Grube herabhängen, hatte auf seinen Knien eine Maschinenpistole liegen und rauchte eine Ziga­rette.» In dem Bericht heißt es dann weiter: «Niemand weinte, nie­mand flehte darum, am Leben gelassen zu werden.» Wohl aber sah der Zeuge einen Vater, der einen Jungen von etwa 10 Jahren an der Hand hielt. «Der Junge kämpfte mit den Tränen, der Vater zeigte mit dem Finger zum Himmel, streichelte ihm den Kopf und schien ihm etwas zu erklä­ren.» Dieser zum Himmel erhobene Finger — er ist eigentlich alles, was von Menschen­mund zu diesem Ganzen ge­sagt werden kann. Er ist Hinweis auf jene andere, diesen Gewalt­menschen und Großen von damals, den Akteuren auf der obersten wie auf der untersten Ebene verborgene Wirklichkeit, die den Schlüssel für das in sich trägt, was hier in namenloser Schrecklichkeit gespielt wurde, ein Spiel, bei dem auch die vermeintlichen Führer nicht wuß­ten, was sie taten, wie sie sich, das Volk, das ihnen folgte, und die Menschen, die ihnen dabei halfen, mit Nacht und Finsternis beladen haben. Wo mag jener SS-Mann heute sein, der das stumpf­sinnig ausführende Organ in diesem weltgeschichtlichen Prozeß bil­dete? Ob er noch lebt? Wie mag er leben? Kann man das überleben? Ja, man kann es überleben, Tausende ha­ben es überlebt, in gewisser Hinsicht wir alle haben es überlebt, die wir mit Bewußtsein durch jene Zeit geschritten sind. Aber was wird aus Menschen, die so etwas überleben? Sind sie noch dieselben, die sie vorher waren? Meinen wir wirklich, daß so etwas mitten unter uns geschehen könnte — und mit uns, mit den Überlebenden, sei damit nichts geschehen?

Im Bewußtsein unseres Volkes ist hier weithin ein leerer Fleck. Es wird ungeheuer schwer sein, diese Todeswunde, die wir seither an uns tragen, zu heilen. Wir haben sie nicht nur dem Judentum in Europa, nein, in einem tieferen Verstande haben wir sie ver­hängnisvoller und furchtbarer uns selbst beigebracht. Wer litte nicht an ihr? Wer könnte vor jenem zum Himmel gehobenen Finger des sterbenden Vaters bestehen? Wer kann sagen, wo das wahre Leben und wo der wahre Tod angesichts solchen Zeugnisses zu finden ist. Es gibt Vorgänge mitten in unserem menschlichen Dasein, die in einem solchen Maße alles Denkbare und Begreifliche übersteigen, daß sie uns entweder dazu zwingen, das überlieferte System unse­rer Werte und Begriffe als unbrauchbar und abstrakt zu zerbrechen und angesichts der Wirklichkeit, ange­sichts einer solchen, uns in die tiefste Ratlosigkeit versetzenden Wirklichkeit nach neuen Wer­tun­gen und Erkenntnissen zu verlangen, die theoretische Oberfläche zu zerbrechen, auf der so etwas geschehen konnte, oder aber das zu tun, was das Bequemste und darum für so viele das Nächstliegende ist: diesen Dingen den Rücken zuzukehren, sie wie einen erratischen Block am Wege liegen zu lassen, einen Bogen um sie herum zu machen, wie um ein Mahnmal des Schreckens, das bis heute von Dämonen und Rachegeistern umlagert ist. Es gibt hier und da in der Geschichte der Völker solche Taten des Grauens, mit denen sie nie ins Reine kom­men, an denen sie wie an einem Gift, das langsam den ganzen Körper vergiftet, gestorben sind. Soll das mit uns nun auch so ausgehen? Es gibt einen Weg, mit dieser Sache fertig zu werden, auch wenn sie uns das Herz zu zerbrechen und den Ver­stand zu nehmen droht. Hier darf nicht geschwiegen werden. Wer — wenn auch in verständlicher Absicht — den Vorhang des Schwei­gens vor dieses Geschehen zieht, der hilft uns nicht. Wer uns hier auszuweichen rät, weil die Tagesfragen drängender sind, der ver­eitelt jene Besinnung, die für unser Volk Umkehr, Wiedergeburt und geistige Erneuerung bedeutet. Darum gilt unser Dank allen, die nicht geschwiegen haben! Er gilt allen, die uns geholfen haben — oftmals waren es die Über­le­benden jener Todesschatten selbst —, daß wir unser Augenmerk auf jene Taten und Tatsa­chen richten und fragen: Wie konnten wir das tun? Wie konnten wir das unter uns geschehen las­sen? Was werden wir sagen, wenn wir einmal von der Richtung her, auf die jener ausge­reckte Finger zeigt, gefragt werden? Einmal wird es von dorther tagen über unserer Gesell­schaft, über unserem Volk, über unserer zeitgenössischen Christen­heit! Wir Deutsche tragen seither ein Kainszeichen auf unserer Stirn und es hilft uns wenig, wenn wir unsere Ausflucht suchen bei dem Spruch: «Sollten wir der Juden Hüter sein?»

Hier der vollständige Text als pdf.

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