„sich dem christlichen Menschenbild verpflichtet wissen“ – Über die neue AfD-Klausel im bayerischen Kirchenvorstandswahlgesetz

Menschenbild

In der neuen Fassung des Kirchenvorstandswahlgesetz der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern heißt es nun unter § 8 Wählbarkeit: „(1) Wählbar als Kirchenvorsteher und Kirchenvorsteherinnen sind wahlberechtigte Kirchengemeindeglieder, die a) sich dem christlichen Menschenbild verpflichtet wissen und durch die Teilnahme am kirchlichen Leben Vorbild sind.“

Was in § 29 Abs. 2 Satz 1 der Kirchengemeindeordnung (KGO) bezüglich den Amtspflichten der Kirchenvorsteher und Kirchenvorsteherinnen heißt: „Sie sollen der Kirchengemeinde durch einen christlichen Lebenswandel und durch die Teilnahme am kirchlichen Leben Vorbild sein“, ist nun im Kirchenvorstandswahlgesetz auf ein „sich dem christlichen Menschenbild verpflichtet wissen“ umgeschrieben worden. Und genau da fangen die Schwierigkeiten an:

Wie sollen sich Menschen einem Menschenbild verpflichtet wissen? Bilder mögen einem zusagen oder für einen vorstellbar sein. Aber eine „Bildverpflichtung“ ist nur als Idolatrie denkbar. Passend dazu schreibt Hans G. Ulrich: „In Gottes Wirken und Tun ist auch beschlossen, was Menschen Gottes Ebenbild sein lässt, in Gottes Handeln an Menschen, in Gottes bildnerischen Han­deln. Das verbietet es, allgemein von einem »Menschenbild« zu reden. Ein sol­ches irgendwie fixiertes Menschenbild fällt unter das Bilderverbot. Statt ein Bild zu schaffen, gilt es, wahrzunehmen, was diesen Menschen als Gottes Ge­schöpf in seiner Geschichte (story) kennzeichnet. Vom Menschen reden heißt nicht, auf »den Menschen« (ad hominem) zu sprechen zu kommen, sondern von diesem Geschöpf (de homine) zu reden, von ihm und seiner Geschichte mit Gott zu erzählen und auszuloten, was ihm als Geschöpf widerfährt.“ (Wie Geschöpfe leben. Konturen evangelischer Ethik, 96) Ulrich H. J. Körtner macht zudem darauf aufmerksam, dass „die stereotype Rede von dem Menschenbild, z.B. dem christlichen, eine unhistorische Konstruktion ist“ (EvStL, 463f).

Man hätte also stattdessen schreiben können, dass sich die wählbaren Kirchengemeindeglieder der christlichen Lehre vom Menschen verpflichtet wissen. Dies  hätte freilich mit Artikel 2 des Augsburger Bekenntnisses beinhaltet, dass „nach Adams Fall alle natürlich geborenen Menschen in Sünde empfangen und geboren werden, das heißt, dass sie alle von Mutterleib an voll böser Lust und Neigung sind und von Natur keine wahre Gottesfurcht, keinen wahren Glauben an Gott haben können, ferner dass auch diese angeborene Seuche und Erbsünde wirklich Sünde ist und daher alle die unter den ewigen Gotteszorn verdammt, die nicht durch die Taufe und den Heiligen Geist wieder neu geboren werden.

Wo in der evangelisch-lutherischen Kirche Schrift und Bekenntnis in Geltung stehen, erübrigen sich Beschwörungen eines uns selbst imaginierten christlichen Menschenbildes, um sich in Kirchenvorständen von Rassismus und Nationalismus abzugrenzen. Der Taufbefehl des auferstandenen Jesus  „Mir ist alle Macht gegeben im Himmel und auf Erden. Geht nun hin und gewinnt alle Völker zu Jünger: Tauft sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes, und lehrt sie alles halten, was ich euch geboten habe. Und seid gewiss: Ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende.“ (Mt 28,19f) ist das kirchliche Antirassismusprogramm.

Dass nun im bayerischen Kirchenvorstandswahlgesetz ein christliches Menschenbild zum Wählbarkeitskriterium erhoben worden ist, steht für eine fortschreitende Ideologisierung in den Kirchenleitungen der verfassten Kirchen: An die Stelle von Lehrbindung und Christusglaube tritt die „richtige“ ideologische Gesinnung.

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