Hans Joachim Iwands Adventspredigt vom 18. Dezember 1943 über Lukas 1,67-79: „Wer nicht jemals schon empfunden hat, daß Gott schweigt, der wird auch nie begreifen, daß er redet. Wer nie darüber fast zerbrochen ist, daß Gott sich von seinem Volk entfernt hat; wer nie darauf gewartet hat, daß ein Frühling einbrechen würde über dem Volk Gottes, dem wird auch nie der Tag kommen, da seine Zuge gelöst wird und er loben kann.“

Die Dortmunder Innenstadt nach dem Bombenangriff vom 23./24. Mai 1943 mit der Marienkirche

Im Benedictus, dem Lobgesang des  Zacharias, ist von der herzlichen Barmherzigkeit unseres Gottes die Rede, „durch die uns besuchen wird das aufgehende Licht aus der Höhe, auf dass es erscheine denen, die sitzen in Finsternis und Schatten des Todes, und richte unsere Füße auf den Weg des Friedens.“ (Lk 1,78f) Hans Joachim Iwand hat darüber am Samstag vor dem 4. Advent, dem 18. Dezember 1943 gepredigt. Da lag die Dortmunder Innenstadt nach dem Bombenangriff vom 23./24. Mai 1943 in Trümmern. Mit folgenden Worten lässt Iwand den „Aufgang aus der Höhe“ zu Wort kommen:

Lob der Treue Gottes. Predigt über Lukas 1,57-80 (Benedictus)

Von Hans Joachim Iwand

Und Elisabeth kam ihre Zeit, daß sie gebären sollte; und sie gebar einen Sohn. Und ihre Nachbarn und Gefreunden hörten, daß der Herr große Barmherzigkeit an ihr getan hatte, und freuten sich mit ihr. Und es begab sich am achten Tage, da kamen sie, zu beschneiden das Kindlein, und hießen ihn nach seinem Vater Zacharias. Aber seine Mutter antwortete und sprach: Mitnichten, sondern er soll Johannes heißen. Und sie sprachen zu ihr: Ist doch niemand in deiner Freundschaft, der also heiße. Und sie winkten seinem Vater, wie er ihn wollte heißen lassen. Und erforderte ein Täfelein und schrieb also: Er heißt Johannes. Und sie verwunderten sich alle. Und alsbald ward sein Mund und seine Zunge aufgetan, und er redete und lobte Gott. Und es kam eine Furcht über alle Nachbarn; und diese ganze Geschichte ward ruchbar auf dem ganzen jüdischen Gebirge. Und alle, die es hörten, nahmen’s zu Herzen und sprachen: Was, meinst du, will aus dem Kindlein werden? Denn die Hand des Herrn war mit ihm. Und sein Vater Zacharias ward des heiligen Geistes voll, weissagte und sprach: Gelobet sei der Herr, der Gott Israels! denn er hat besucht und erlöst sein Volk und hat uns aufgerichtet ein Horn des Heils in dem Hause seines Dieners David, wie er vorzeiten geredet hat durch den Mund seiner heiligen Propheten: daß er uns errettete von unsern Feinden und von der Hand aller, die uns hassen, und Barmherzigkeit erzeigte unsern Vätern und gedächte an seinen heiligen Bund und an den Eid, den er geschworen hat unserm Vater Abraham, uns zu geben, daß wir, erlöst aus der Hand unserer Feinde, ihm dienten ohne Furcht unser Leben lang in Heiligkeit und Gerechtigkeit, die ihm gefällig ist. Und du, Kindlein, wirst ein Prophet des Höchsten heißen. Du wirst vor dem Herrn hergehen, daß du seinen Weg bereitest und Erkenntnis des Heils gebest seinem Volk, das da ist in Vergebung ihrer Sünden; durch die herzliche Barmherzigkeit unsers Gottes, durch welche uns besucht hat der Aufgang aus der Höhe, auf daß er erscheine denen, die da sitzen in Finsternis und Schatten des Todes, und richte unsere Füße auf den Weg des Friedens. Und das Kindlein wuchs und ward stark im Geist; und er war in der Wüste, bis daß er sollte hervortreten vor das Volk Israel. [104]

Ehe wir an die Krippe von Bethlehem treten und unsere Knie dort beugen vor dem Wunder, »den aller Weltkreis nie beschloß«, führt uns der Evangelist an die Wiege eines anderen Kindes, des Vorläufers, des Kindes der Elisabeth. Wir treten hinein in jene frohbewegte Gemeinschaft der Eltern, Nachbarn und Verwandten, die alle zusammengekommen sind, um das große Ereignis zu begehen, daß Elisabeth, hochbetagt, frei geworden ist von dem Makel der Unfruchtbarkeit; daß ihr Gott einen Sohn geschenkt hat und daß nun Freude und Fortbestand in die Familie des Zacharias gekommen ist. Es ist ja so bei den vornehmen Geschlechtern, und die Familie des Zacharias stammte aus den vornehmsten Geschlechtern der israelitischen Priesterschaft, daß eine besondere Trauer darüber steht, wenn solch ein Geschlecht ausstirbt. Nun sind sie alle froh, daß Elisabeth einen Sohn geboren hat. Nun wird das Geschlecht nicht aussterben. Es ist sehr merkwürdig, indem uns der Evangelist an die Wiege des Täufers führt, wie da auf einmal ein innerer und ein äußerer Kreis da ist. Im innern, da steht der Vater und die Mutter, im äußeren stehen die Verwandten, von denen uns so auffällig viel erzählt wird. Es ist fast wie ein Kampf zwischen diesen beiden, den Eltern und den Verwandten. Die Verwandten sehen in dieser Geburt nichts anderes als die Fortpflanzung des Geschlechtes, eine Gabe für den irdischen Fortbestand des Namens. Darum wollen sie auch, daß das Kind den Namen des Vaters habe. Aber Elisabeth, von der wir sonst so wenig hören, Elisabeth wird hier an der Wiege des Kindes zum Zeugen und sagt: nein. Es wird ihr vielleicht nicht leicht gefallen sein gegenüber den Verwandten, wahrscheinlich denen ihres Mannes, den Namen ihres Mannes abzulehnen, zu sagen: nein, er soll Johannes heißen. Elisabeth weiß, dieses Kind verdanke ich nicht Fleisch und Blut; das wird geboren, weil es seinen Weg machen muß in dem Kommen des Reiches Gottes; dieses Kind gehört nicht mir, es ist wirklich nur ein Geschenk für mich unter dem Glanz und unter der Hilfe der göttlichen Barmherzigkeit. Und darum ist es so wunderbar an dieser Mutter, daß sie es an ihn abtritt. Ja, daß sie dessen ganz froh wird und ganz sicher, daß das eigentlich ihre große Freude ist. Wunderbar, wenn ein solches altes Priestergeschlecht darin enden darf, daß aus ihm der Mann kommt, von dem Jesus selber sagt, daß er größer ist als alle, die von Weibern geboren sind.

Der Prediger in der Wüste, der selber so niedrig war, daß er von sich sagte, er wollte nur die Stimme sein, eine Stimme Gottes in der Wüste der Welt. Ist das nicht die Erfüllung alles Priestertums? Daß das geschieht, daß Gott so ein Werkzeug annimmt aus Menschenhand, welches nichts anderes ist als eine Stimme, als ein Ruf, ein Schrei in der Wüste: Kehrt um! Gottes Herrschaft ist nahe! Als ein Ruf zur Vergebung, als eine ausgereckte [105] Hand, hinweisend auf den Aufgang aus der Höhe, auf das Morgenrot, das von Gott her leuchtet, damit sich die Herzen der Väter bekehren zu den Kindern und die der Kinder zu den Vätern. Eine wunderbare Erfüllung dessen, was in diesem Geschlecht angelegt war. Wer weiß noch etwas von den Geschlechtern von damals? Aber alle wissen etwas von Johannes, und wo immer der Advent gefeiert wird, steht er da. Dann steht bei ihm Elisabeth und sein Vater Zacharias, wirkliche priesterliche Menschen, die Gott das Beste geben, was sie haben – den erstgeborenen Sohn.

Zacharias kann auf einmal wieder sprechen. Er ist durch eine tiefe Dunkelheit gegangen, der Unglaube hatte ihm seine Zunge gebunden. Und er konnte jetzt so reden, wie er bisher noch nie geredet hatte: Er wird der Kirche den Lobgesang singen, der über der Krippe von Bethlehem steht. Er wird den Herrn loben aus ganzem Herzen und ganzem Gemüt, der gekommen ist, um sein Volk Israel zu erlösen.

Ach, meine Freunde, es ist oft so schwer, wenn das Lob Gottes, das wahre Lob Gottes geboren werden soll aus unseren Herzen, nicht wahr, das wissen wir alle. Wir müssen an so vielen Abgründen vorüber gehen, wir müssen so oft schweigen und verstummen, weil dieses Lob nicht heraus will aus unserem Herzen, daß es uns geht wie dem Zacharias. Wir Menschen sind so schwach im Glauben, daß wir meistens nicht für wahr halten können, was Gott sagt und verheißt, bis es geschieht. Das ist eine große Hilfe, die der alte Priester jetzt erfährt, als er das Kind vor sich sieht; daß ihm Gott nun wirklich zeigt, daß sein Wort, das Gesicht im Tempel, nicht nur ein Wort war, sondern daß es wirklich geschieht.

Ich denke manchmal, das wahre Lob Gottes aus unserem Herzen, das wird wohl auch erst aufsteigen können zu Gott, wenn einmal der Tag kommen wird, da auch an uns geschieht, was Gott verheißen hat; da die Gotteskindschaft, die uns verheißen ist, nicht nur so sein wird, daß sie wie eine Verheißung über uns steht, sondern daß sie Wirklichkeit werden wird; da das Kind wahrhaft geboren wird, das wir sein sollen vor Gott in jener letzten Stunde, wo der alte Mensch seine Hülle abstreift und der neue Mensch hervorgehen wird in aller Gerechtigkeit und Heiligkeit, wie es hier im Lobgesang des Zacharias heißt. Wir wandern alle jener Stunde entgegen, wo wir nach langem Schweigen so Gott loben werden, der unsere Zunge lösen wird nach allen Schmerzen, nach allen Sünden, nach aller Verzweiflung, nach allen Sorgen.

Es bewegt mich so, wenn ich heute durch das Volk gehe und mit den Menschen rede, daß sie im Grunde alle schweigen. Alles, was sie reden, ist im Grunde Schweigen, es ist kein Lob Gottes darunter; ja, es ist schlimmer als das Schweigen. Es ist ein Hadern mit Gott. Es ist so, daß sie alle weithin mit Gott hadern, wie er sie so führen kann, wie er das zulassen [106] kann. Wir sind darum alle so fern vom Lob Gottes, wir müssen alle darauf warten, daß er uns wieder die Zunge löst, daß er an uns das tut, was uns frei macht, wirklich ihn zu loben, ihm die Ehre zu geben, wirklich da zu stehen, wo die Engel stehen, wenn sie singen: »Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen!« Alles hängt vom Glauben ab. Wenn wir dahin kommen werden, daß wir das, wenn auch nur anfänglich, wieder tun können: daß wir Gott loben können, auch mitten in den Wegen, die wir nicht verstehen, dann wird das Licht aus der Höhe, der Aufgang aus der Höhe uns ganz nahe.

Und dann sind da die Verwandten. Sie verstehen von alledem nichts, sie sehen das Ganze an als ein Familienfest, als eine Fortpflanzung des Geschlechts, sie tragen das Kindlein zur Beschneidung. Sie meinen, nun sei das Geschlecht, die Sippe geadelt, fortgeführt, gerettet. Lukas zeigt uns eigentlich damit, daß da, wo ein Mensch so von Gott berufen wird, die Menschen zwar im äußerlichen Sinne nah sein können, aber im Innern ganz fern. Eine Furcht kommt sie an, etwas Unheimliches. Sie sind sicher fromme Leute, die ständig in die Kirche gehen, die einen großen Wert darauf legen, daß einer der Ihren der Priester Zacharias war. Aber daß das jetzt geschehen soll, daß es auf einmal heißt, daß Gott sich erweisen könnte in einem Menschen, das ist etwas Furchterregendes. Das erschüttert auf einmal die Selbstverständlichkeit ihres Lebens. Wer weiß, ob sie sich später nicht zurückgezogen haben von diesem Verwandten, als sein Haupt auf der blutigen Schüssel des Herodes lag; als er dahinsank als ein Staatsfeind – wo es darauf ankommt, Gottes Wege zu gehen und zu erkennen. Fleisch und Blut haben uns das nicht offenbart. Dahin kann uns nur bringen, was Gott selbst gibt, sein Heiliger Geist, sein Wort, seine Tat an unserem Herzen: »Die ihn aber aufnahmen, denen gab er Macht, Gottes Kinder zu heißen«, Menschen, die nach dem Willen des Geistes geboren werden, nicht nach dem Fleisch. Menschen, die aus dem Geist geboren sind. Und als ob wir nun etwas hören sollten von jener Geburt des Geistes, stimmt Zacharias diesen Lobgesang an. Damit endet der Advent. Nachdem der Lobgesang verklungen ist, treten Elisabeth und Zacharias zurück. Ihre Namen werden kaum noch genannt. Aber der Lobgesang, der geht mit, der steht gleichsam als ein menschliches Bekenntnis, als Bekenntnis der alttestamentlichen Gemeinde über dem Kinde, das jetzt geboren werden soll.

Zwei Dinge sind der eigentliche Inhalt des Lobgesanges. Das erste ist das Lob der Treue Gottes. Meine Freunde, haben wir denn wirklich einmal auf Gott gewartet, daß Gott uns etwas gibt, daß er einen Wunsch erfüllt? Wir haben darauf gewartet, ob es geschehen sollte oder nicht. Aber haben wir schon so auf Gott gewartet, wie hier vom Warten auf Gott die Rede ist? [107] Dieser Priester hat offenbar wirklich auf Gott gewartet, der sein Volk erlöst. Er hat auf Gott gewartet – nicht für sich und seine Brüder, sondern er hat das Leid des Volkes gesehen, er hat gesehen, wie diese Menschen von den Gottlosen verführt und in Bande geschlagen werden; er hat gesehen, wie alle gottfeindlichen Mächte, die Mächte der Sünde und des Irrtums und des Wahnes, über dieses Volk gehen; und seine Seele will verbluten über dem Leid seines Volkes. Gott hat so lange nicht mehr zu seinem Volk geredet. Und alles, was er tat, war nichts anderes, als daß noch einmal das Gesetz gesagt wird; daß das Volk in Bande geschlagen wurde.

Meine Freunde, wer nicht jemals schon empfunden hat, daß Gott schweigt, der wird auch nie begreifen, daß er redet. Wer nie darüber fast zerbrochen ist, daß Gott sich von seinem Volk entfernt hat; wer nie darauf gewartet hat, daß ein Frühling einbrechen würde über dem Volk Gottes, dem wird auch nie der Tag kommen, da seine Zuge gelöst wird und er loben kann. Es ist eben nicht so, wie viele meinen, daß das Christentum da sei wie eine unveränderliche, sich nie wandelnde Idee; so wie eine Kirche aus Stein, die eben steht und darauf wartet, daß die Menschen sie füllen – so ist Gott nie da. Sondern Gott hat seine Zeiten, da er sein Volk besucht, da er uns besonders nahe ist – und da er schweigt. Er hat Zeiten, da seine Worte verfälscht werden und seine Wahrheit untergeht; da das ganze christliche Leben nichts anderes ist als ein leerer äußerer Betrieb. Und er hat Zeiten, da von den Enden der Welt her sein Licht aufblüht, da die Menschen, die in den Banden des Todes wandeln, etwas sehen von dem Aufgang aus der Höhe. Wir können gar nicht genug darum beten, danach schreien, darum ringen, daß Gott sich uns wieder zeigt; daß das Wort seines Evangeliums, der Geburt seines Sohnes, wieder anfängt zu laufen; daß wirklich etwas geschieht in unserem Volk, unter denen, die da sitzen in Finsternis und Schatten des Todes; daß wir selbst, die wir müde sind, auf einmal etwas spüren von der großen Verheißung: »Die auf den Herrn harren, kriegen neue Kraft«; daß sich etwas zeigen möchte von dem Licht, das da leuchtet; daß etwas Unbegreifliches geschehen mag, daß auf einmal Menschen da sind, die mitten in der Nacht dieser Tage etwas begreifen von diesem Licht, das in die Welt gekommen ist und da vor uns hintritt, damit alle das Licht des Lebens haben. Meint ihr nicht, daß auch für unsere Zeit so etwas kommen muß, daß all unser Leid im letzten Grunde nur enden kann im Gebet: »O Heiland, reiß den Himmel auf«; daß einer allein uns befreien kann von den Mächten der Tiefe, unter denen unser ganzes Volk leidet – Gott. Calvin sagt: Die Reformation der Kirche ist so ein Gotteswerk, das kann kein Mensch, das ist so ein Wunder wie die Auferstehung der Toten. Wir können im Advent auch sagen: Das ist so ein großes Wun-[108            ]der wie die Geburt des Herrn. Darauf müssen wir warten. Es nützt nichts, daß das einmal geschehen ist. Gottes Worte wollen immer neue Gegenwart sein, uns neu gesegnet und zu neuen Menschen machen. Was wird denn da geschehen, wo Jesus Christus wahrhaft erkannt und geglaubt wird?

Das sagt Zacharias im zweiten Teil seines Lobgesanges, als er den Blick auf sein Kind richtet: Du wirst ein Diener des Höchsten heißen. Du wirst die Vergebung der Sünden verkündigen, und du wirst darin dem Volk die eine Botschaft bringen: daß alle die Vergebung der Sünden und die Barmherzigkeit Gottes haben. Ist denn das so etwas Großes, Vergebung der Sünden? Meine Freunde, wenn wir das eine begriffen, daß dazu Gott Mensch werden mußte; daß dazu dieser Mensch über die Erde gehen und sein Leben für uns hergeben mußte, daß die Welt die Vergebung der Sünden empfängt – dann würden wir wissen, daß das das Große ist. Weil sonst niemand die Sünden vergeben kann, darum kannst du nicht froh werden, darum ängstet dich der Tod, darum verzweifelst du – weil am Ende das eine übrig bleibt: meine eigene Schuld; weil zwischen Gott und uns, zwischen dem Kind und dem Vater die letzten Dinge nicht in Ordnung sind.

Wir können viel tun, um darüber hinweg zu kommen. Wir können leichtsinnig sein oder tapfer; wir können leichtsinnig sein, indem wir unser Lebensschiff so flach bauen, daß es nicht anstößt an die Klippen und Felsen an der Oberfläche. Aber wir merken irgendwie, wir sind das alles nur darum, weil wir im Letzten getrieben sind von einer ungelösten Frage. Wir können versuchen, fromm zu sein, uns zwingen zu Gebet und Heiligkeit. Wir werden erleben, daß, je mehr wir das versuchen, wir desto stärker spüren, daß damit in unserem Leben etwas ist, das alle unsere Bemühungen verdirbt. Wir werden dann erkennen, daß uns nur der vergeben kann, vor dem wir schuldig sind; daß darum kein Mensch uns vergeben, uns Frieden schenken kann; daß Gott selber uns besuchen muß von seiner Höhe her; daß er selbst uns die Hand aufs Haupt legen muß; daß er selbst uns an sein Herz ziehen muß; daß er selbst uns, wie der großen Sünderin, das Wort der Vergebung zusprechen muß.

So steht er mitten unter uns. So wird er geboren in Bethlehem. So kommt er zu uns im Evangelium. So sagt er zu uns allen: »Sei getrost, deine Sünden sind dir vergeben.« »Wo aber Vergebung der Sünden ist, da ist Leben und Seligkeit.« Gott gebe, daß wir dieses Leben, diese Seligkeit mitnehmen dürfen, daß wirklich der Aufgang aus der Höhe uns auch besuchen kann; daß wir begreifen möchten, daß die Vergebung der Sünde ein so großes Ding ist, daß Gott um dessentwillen geboren wird und sterben mußte, damit wir sie lebendig haben, damit sie uns je erreicht – das gebe euch und mir der ewige Gott.

Gehalten am Samstag, 18. Dezember 1943 in Dortmund.

Quelle: Hans Joachim Iwand, Nachgelassene Werke. Neue Folge, Bd. 5: Predigten und Predigtlehre, Gütersloh: Chr. Kaiser. Gütersloher Verlagshaus 2004, Seiten 103-108.

Hier die Predigt als pdf.

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