„Der Tod und die Hölle gaben die Toten heraus, die darin waren …“ – wie die neue Luther-Bibel 2017 alle Verstorbenen in die Hölle schickt

Hieronymus Bosch – Die Hölle (Ausschnitt aus dem Triptychon „Der Garten der Lüste“, rechte Tafel Innenseite)

Mit der Hölle hat die Luther-Bibel 2017 ihre Schwierigkeiten. Nimmt man für bare Münze, wie dort von ihr die Rede ist, müsste man bei christlichen Beerdigungen als Pfarrer davon sprechen, dass die Verstorbene nun – zumindest vorübergehend – in die Hölle fährt.

Es geht um die Übersetzung des griechischen Wortes hádēs im Neuen Testament. In der neuen Einheitsübersetzung wird es wörterbuchgemäß mit „Unterwelt“ übersetzt. Die Zürcher Bibel von 2007 übersetzt sowohl mit „Unterwelt“ wie auch mit „Totenreich“, während die englischsprachigen Übersetzungen wie RSV, NRSV und NASB von dem „Hades“ sprechen. Die Luther-Bibel 2017 hingegen belässt es weiterhin mit „Hölle“ bzw. kehrt in Offenbarung 20,13f zu dieser Übersetzung zurück, wenn es dort bezüglich des Jüngsten Gerichts heißt: „Und das Meer gab die Toten heraus, die darin waren, und der Tod und die Hölle [Luther 56 bzw. 84: „der Tod und sein Reich“] gaben die Toten heraus, die darin waren; und sie wurden gerichtet, ein jeder nach seinen Werken. Und der Tod und die Hölle [Luther 56 bzw. 84: „der Tod und sein Reich“] wurden geworfen in den feurigen Pfuhl. Das ist der zweite Tod: der feurige Pfuhl.

Nun hat Martin Luther bei der Übersetzung des Neuen Testaments nicht zwischen hádēs (lat. inferus bzw. infernum) als Unter- bzw. Totenwelt (z.B. in Apg 2,27.31) und géhenna (lat. gehenna) als Strafort (z.B. in Mt 5,29f) unterschieden, sondern beide griechischen Wörter mangels begrifflicher Differenzierungsmöglichkeiten mit „Helle“, also „Hölle“ übersetzt. Dass der hádēs der ewige Ort leiblicher Qualen sein soll, ist freilich dem biblischen Zeugnis nicht zu entnehmen. Man kann zwar in der Geschichte vom reichen Mann und armen Lazarus (Lk 16,19-31) die Unterwelt (hádēs) singulär als Ort der Qual wahrnehmen,  aber die Gleichsetzung mit der leiblichen Hölle ist auch für Luther nicht möglich. So führt er in seiner Predigt über Lukas 16,19-31 vom 22. Juni 1522 dazu aus:

„Also wiederum kann die Hölle an diesem Ort nicht sein die rechte Hölle, die am jüngsten Tage angehen wird. Denn des Reichen Leichnam ist ohn Zweifel nicht in die Hölle, sondern in die Erden begraben. Es muss aber ein Ort sein, da die Seele sein kann und keine Ruhe hat: derselbe kann nicht leiblich sein. Darum achten wir, diese Hölle sei das böse Gewissen, das ohn Glaube und Gottes Wort ist, in welchem die Seele vergraben ist und verfasset bis an jüngsten Tag, da der Mensch mit Leib und Seele in die rechte leibliche Hölle verstoßen wird.“ (WA 10/III, 192, 11-18)

Allgemein wird im Neuen Testament die Unterwelt (hádēs) entsprechend der hebräischen šeōl als strafneutrales, wenn auch gottfernes Totenreich vorgestellt. Wenn gegenwärtig – egal ob in der Kirche oder in der Gesellschaft – von „Hölle“ die Rede ist, sind damit untrennbar Vorstellungen von Strafe bzw. von leiblichen Qualen verbunden. Von daher ist nicht nachvollziehbar, dass nun die Luther-Bibel 2017 entgegen dem ökumenischen Konsens die begriffliche Differenzierung zwischen Totenreich (bzw. Unterwelt) und Hölle zurücknimmt. Folgt man dieser Übersetzung, müsste man verstorbenen Menschen an Stelle einer Totenruhe (bis zum Jüngsten Gericht) generell postmortale Höllenqualen in Aussicht stellen.

Hans Bietenhard hat seinerzeit für das Theologische Begriffslexikon zum Neuen Testament einen Artikel zur Topologie von Himmel und Hölle geschrieben, der immer noch lesenswert ist. Hier findet man seinen Text Himmel/Hölle. Hermeneutische Überlegungen als pdf.

2 Kommentare

  1. Lieber Mitbruder, da wünscht man sich ja fast die vorreformatorischen Jahre zurück, als man sich für ein Paar Taler aus dieser zeitlichen Hölle – sprich purgatorium- freikaufen konnte. Vielen Dank für Ihre immer wieder interessanten und aufschlussreichen Hinweise. Herzlichen Gruß Hans Kammerer

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