Hans G. Ulrich – Wie „Ethik“ zu lernen ist

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Gestern in Erlangen auf dem Symposion „Die Tradierung der Ethik im Gottesdienst“ anlässlich des 75. Geburtstages von Prof. em. Dr. Hans G. Ulrich ist in vielfältiger Weise zur Sprache gekommen, wie Hans Ulrich in seiner ganz besonderen Weise  Theologiestudierende und Doktoranden hat Ethik lernen lassen. Hierzu findet sich von ihm ein schon etwas älterer Text Wie „Ethik“ zu lernen ist, in dem sich folgende Passage findet:

Was heißt „Ethik“ lernen (inhaltliche Aspekte)?

(1) „Ethik“ lernen heißt nicht nur, zu dieser oder jener Sache Stellung nehmen lernen, heißt nicht nur, sich an diesen oder jenen Konfliktpunkten bewegen zu lernen, sondern es heißt zunächst einmal lernen, sich in den Fragen menschlicher Lebenskunst, in Fragen des mensch­lichen Zusammenlebens „ethisch“ bewegen zu können. Diese Mitte ethischer Arbeit, die all­tägliche und „normale“ Aufgabe ethischer Rechenschaft gilt es in den Blick zu fassen. Christ­liche Ethik kann als Lehre von der „Lebenskunst“ und den „Lebensformen“ verstanden wer­den. „Ethik“ hat nicht nur Argumentationsstrategien (etwa zur Rechtfertigung alltäglichen Handelns) vorzuführen, sondern sie vermag etwas zu zeigen: sie hat einen „Gegenstand“ vorzuführen. Sie hat zu zeigen, wie Menschen leben können. Mit Aristoteles gesagt: Ethik hat das „gute Leben“ zu zeigen, das in der (politischen) Gemeinschaft mit anderen gelebt wird. Christliche Ethik hat zu zeigen, wie Menschen als die Geschöpfe Gottes leben.

Dies bewegt sich auf mehreren Ebenen, auf der Ebene der Moralität, wo es um die universale Geltung geht, und auf der Ebene der Sittlichkeit, wo es um die Geltung von bestimmten Le­bensformen geht. Darin die Fäden zusammenlaufen zu lassen, also Ethik durchaus in einer solchen konzentrischen Weise zu lehren – und „Ethik“ nicht zu reduzieren, etwa auf die Dis­kussion von diesen oder jenen Problem„lösungen“, wird für die didaktische Arbeit entschei­dend sein (oder wieder neu werden) müssen.

(2) Ethik lernen heißt eine „Sprache“ lernen, die Sprache ethischer Rechenschaft lernen.

Die „Sprache der Moral“ oder der ethischen Argumentationen enthält auf allen Ebenen Be­griffe, bei denen oft unklar ist, wohin sie gehören. So wird von „Wer­ten“ geredet, von „Nor­men“, von „Verantwortung“. Und immer ist ein spezifi­sches, oft mit anderen unvereinbares (um mit Wittgenstein zu reden:) „Sprachspiel“ im Gang. Es kommt darauf an, solche Sprach­spiele zu „kennen“, also sich auf Beschreibungen einzulassen (wer hat wie von „Werten“ ge­redet?). Dann aber – vor allem – kommt es darauf an, sich auf die Frage einzulassen, welche „Sprache“ dann wirklich zur Sprache derjenigen „Ethik“ werden kann, die dem christlichen Reden von Gott entspricht.

An dieser Stelle setzt die theologische Arbeit ein. Sie kann nicht darin bestehen, die Suche nach den „Werten“ mit christlichen Wertvorstellungen aufzufüllen, ohne die Rückfrage zu stellen, inwiefern denn Christen überhaupt von „Werten“ zu reden haben. Die theologische Arbeit in der Ethik kann auch nicht darin beste­hen, „Normen“ oder „Maximen“ des Handelns in ihrer Verbindlichkeit festzustel­len, ohne zu fragen, was in der christlichen Lebensform „Handeln“ heißt. „Ethik“ lernen heißt, in diese Arbeit an der moralischen Sprache eintreten. Wie reden Christen von „Verantwortung“, wie reden sie von „guten Werken“, vom „Gewis­sen“, von „Freiheit“, von „Gerechtigkeit“?

Das führt dann auch dazu, sich in der ethischen Theorie, im Diskurs bewegen zu lernen. Man wird die verschiedenen Ebenen der moralischen Sprache zugleich im Blick behalten, nicht die eine gegen die andere abgrenzen. Die Ebene des theoreti­schen und analytischen Diskurses (z.B. die Diskussion über „Verfahrensethik“, oder über „Verantwortungsethik“) thematisiert direkt die Frage, wie ethisch zu reden ist – und diese Rede betrifft dann direkt die Praxis ethischer Rechenschaft und Verständigung. Denn im ethischen Urteil kommen auch die theoretischen Begriffe wie „Verantwortung“ oder „Gewissen“ vor. (Vgl. als biblisches Bei­spiel: Jesus zeigt, wie vom „Nächsten“ zu reden ist, im Gleichnis vom barmherzigen Samari­ter: Lk 10,25-37.)

Hier der vollständige Text als pdf.

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