Hans G. Ulrich, Wie „Ethik“ zu lernen ist: “ „Ethik“ lernen heißt nicht nur, zu dieser oder jener Sache Stellung nehmen lernen, heißt nicht nur, sich an diesen oder jenen Konfliktpunkten bewegen zu lernen, sondern es heißt zunächst einmal lernen, sich in den Fragen menschlicher Lebenskunst, in Fragen des mensch­lichen Zusammenlebens „ethisch“ bewegen zu können.“

Hans G. Ulrich bei einem Vortrag in Oxford im September 2006

Gestern in Erlangen auf dem Symposion „Die Tradierung der Ethik im Gottesdienst“ anlässlich des 75. Geburtstages von Prof. em. Dr. Hans G. Ulrich ist in vielfältiger Weise zur Sprache gekommen, wie Hans Ulrich in seiner ganz besonderen Weise  Theologiestudierende und Doktoranden hat Ethik lernen lassen. Hierzu findet sich von ihm ein schon etwas älterer Text Wie „Ethik“ zu lernen ist:

Wie „Ethik“ zu lernen ist

Von Hans G. Ulrich

1. Zur Orientierung in der ethischen Diskussion

(1) Für die Orientierung in der ethischen Diskussion ist es notwendig, die Problemstellungen, auf die sie sich bezieht, zu lokalisieren versuchen. Das heißt, es ist nötig, zu vergewissern, was der Entdeckungszusammenhang dieser Problemstellungen ist: sind es veränderte geistesgeschichtliche Bindungen, gesellschaftliche Perspektiven, neue Diskurslagen usf.? Zu viele Problemstellungen dominieren die Diskussion, ohne daß ihr Ort bestimmt worden wäre. So ist es keineswegs selbstverständlich, daß etwa die Frage nach der „universalen“, für alle Menschen zugänglichen Begründung, die leitende Frage sein müßte. Es ist mit Recht gefragt worden, ob überhaupt das Problem der „Begründung“ im Vordergrund stehen muß und ob das Problem der „Verständigung“ in pluralen Kontexten nicht weiter gefaßt werden muß, als es die Frage nach der Begründbarkeit von ethischen Urteilen nahelegt. Ethik hat sich nicht nur mit dem zu befassen, was sein „soll“ („Was sollen wir tun?“), sondern auch mit dem, was „ist“ („Was haben wir empfangen?“ „Womit dürfen wir rechnen?“ „Wie können wir es wahrnehmen?“).

Das soll nur angedeutet bleiben. Nötig ist es jedenfalls, immer wieder zu fragen, welcher Problemstellung der Vorrang eingeräumt wird und warum dies so ist. Beispiele für solche Diskussionen gibt es nicht wenige. Zu nennen ist etwa die Diskussion um den Utilitarismus. Daß diese Richtung ethischen Denkens in den Vordergrund rückt, mag zum Teil darin begründet sein, daß die Frage nach dem Zweck und dem Nutzen der Realität produzierender Arbeit, in der wir leben, näher ist als manche ethischen Fragen nach „gut“ und „böse“. Zu nennen ist auch die Auseinandersetzung um die „pragmatische Wende“, also die Diskussion der unterschiedlichen Konsequenzen, die sich aus der Philosophie Kants und der Philosophie des späten Wittgenstein für die Ethik ergeben. Hier geht es darum, das Begründungsproblem für die Ethik neu zu formulieren. „Pragmatische Wende“ meint – abgekürzt gesagt –, daß Begründungen nicht jenseits dessen, was wir tun und reden, zu finden sind, sondern innerhalb des Tuns und Redens, als dessen (implizite) Regeln. In der theologischen Ethik sind solche Veränderungen bisher eher nur indirekt wahrgenommen worden. Es wird nötig sein, solche Standortreflexionen direkt auszutragen. Diese sind vorrangig wichtig – im Unterschied zu generellen zeitdiagnostischen Perspektiven. [238]

(2) Es wäre denkbar, hier eine umfassende Diagnose zur gegenwärtigen geistigen und gesellschaftlichen Situation zu geben, um daraufhin die Aufgabe der theologischen Ethik zu beschreiben. Auf eine solche Diagnose soll hier ausdrücklich verzichtet werden. Da es nicht wenige Richtungen und Ebenen solcher Diagnosen gibt, bedürfte es einer eigenen Diskussion darüber, wenn auf diesem Wege Orientierung gewonnen werden soll. Die in der Diskussion dominante Frage nach der Differenz von Moderne und „Postmoderne“ etwa ist – auch in bezug auf die Ethik – weit vorangetrieben worden. Geistesgeschichtliche Vorgänge, die damit verbunden sind, insbesondere die „pragmatische Wende“, haben die Problemstellungen in der ethischen Diskussion tiefgreifend verändert. Ohne eine Gesamtdiagnose versuchen zu müssen, können jedenfalls solche Grenzlinien skizziert werden, an denen die Auseinandersetzung sich befindet.

2. Ein Dreh- und Angelpunkt

Im Verzicht auf eine Gesamtdiagnose soll hier ein Punkt formuliert werden, der als Dreh- und Angelpunkt für die Arbeit an der Ethik zunehmend deutlich in den Blick gerückt ist. In ihm laufen m.E. viele Linien der Auseinandersetzung und Diskurse zusammen: der Zusammenhang von Ethik und „Lebenskontext“, Ethik und „Lebenswelt“, Ethik und „Lebensform“. Die Begriffe, die zur Bestimmung des Problems verwendet werden, sind heterogen und zeigen ihrerseits verschiedene Problemstellungen an. So ist etwa (von Charles Taylor, dessen Arbeiten zur „modernen Identität“ hier zu beachten sind) folgendes kritisch bemerkt worden:

„Das moderne Verständnis von Freiheit und Vernunft favorisiert ein von praktischen Handlungskontexten weitgehend unabhängiges Denken, das bestrebt ist, sich so wenig wie möglich auf das implizite Wissen der Subjekte, die in praktischen Kontexten handeln, zu berufen, und das gleichzeitig bemüht ist, wo auch immer die Möglichkeit dazu besteht, explizite Kriterien anzugeben, die die Verständlichkeit und Unabhängigkeit des Diskurses von partikularen Erfahrungen der Lebenswelt und des kulturellen Hintergrundes gewährleisten sollen.“

Dem hält Taylor entgegen:

„Es ist charakteristisch für die praktische Vernunft, daß sie an den Kontext eines impliziten Verständnisses des Guten gebunden ist, sei es, daß sie durch eine Praxis vermittelt ist, der dieses Gute immanent ist, oder durch Handlungsweisen, die für das Gute ursächlich und konstitutiv sind, oder durch die Beziehung zu paradigmatischen Modellen realer oder fiktiver Art. Der Irrtum des modernen Rationalismus besteht darin, anzunehmen, daß dieses Denken unausweichlich im status quo gefangen bleiben muß, daß unsere moralische Urteilskraft nur um den Preis einer Unabhängigkeit von praktischen Hand-[239]lungskontexten kritisch sein kann.“[1]

Taylor mag hier für eine weitreichende Wahrnehmung stehen, die die ethische Rechenschaft in ihrem Eingebundensein in praktische Kontexte sieht. Dies berührt eine tiefgreifende Differenz in der ethischen Verständigung, die hier noch einmal eine akute Form annimmt.

Damit ist unser Problem verbunden: wie wird „Ethik“ gelernt? Läßt sich „Ethik“ als eine „Praxis“ ethischer Rechenschaft – und nicht als ein „Wissen“ über (z.B. Argumente) … – lernen, wenn diese „Praxis“ eingefügt ist, wie Taylor sagt, in die verschiedenen Lebenskontexte?

3. Ethik und Lebensform

Diese Voraussetzung einer in Lebenskontexte eingebundenen ethischen Rechenschaft freilich wird sofort die Frage auslösen, ob denn solche „Kontexte“, in denen „ethische“ Rechenschaft vorkommt, überhaupt noch aufzufinden sind. Ist nicht „die“ „Lebenswelt“, oder sind nicht „die“ „Lebenswelten“ unendlich zerrissen? Hier muß – gewiß – weiter gefragt werden. Aber die Voraussetzung, daß sich „Ethik“ nicht in einem von jeder sozialen Verbindlichkeit entleerten Raum bewegen kann, bleibt bestehen. So ist mit der Frage, wie „Ethik“ vollzogen werden kann, immer zugleich die Frage gestellt, wie „Ethik“ möglich ist. Diagnosen darüber sind diskutiert worden. Von besonderer Wirkung war die Analyse von Alasdair MacIntyre.[2] MacIntyre zeigt den Verlust einer kohärenten moralischen Sprache und damit zugleich eines Lebenszusammenhanges, in dem diese Sprache ihren Ort hätte. Wer redet heute etwa noch von „Tugend“? Aus der moralischen Sprache vieler Jahrhunderte jedoch ist dieser Begriff nicht wegzudenken. Wer andererseits von „Werten“ redet, tut dies oft, ohne sich darum zu kümmern, ob dies nicht einem ideologischen Hintergrund verhaftet bleibt und mit anderen Elementen moralischer Sprache im Widerstreit ist. Auf das Lernen von Ethik als das Lernen einer Sprache werden wir zurückkommen. [240]

4. Ethik lernen

Die Frage nach dem „Lernen“ von Ethik betrifft hier nicht den selbstverständlichen Sachverhalt, daß eben alles, was man „können“ will, auch „gelernt“ werden muß. Die Frage zielt auf einen starken, auf einen exponierten Begriff des Lernens für die „Ethik“. „Ethik“ ist nur präsent, sofern sie als „gelernte“ und „lernbare“ erscheint. Sonst wäre „Ethik“ nur irgendwie gegeben. „Ethik“ aber besteht in einer Praxis der Rechenschaft, die wir mit anderen ausdrücklich teilen. Insofern ist sie zu lernen.

In diese Frage ist eingeschlossen, wie denn „Sozialisation“ vor sich geht, wie „Identität“ ausgebildet wird – nicht aber allein im Blick auf diese oder jene „Prozesse“ der Bewußtseinsbildung oder der gesellschaftspsychologischen Veränderungen, sondern immer im Blick darauf, was wir denn einsetzen, was wir denn tun für das „Erlernen“ von diesem und jenem, auch für das Erlernen einer christlichen Ethik.

(1) Der Hintergrund (der auch gesellschaftsdiagnostisch zu beleuchten ist) dieser Überlegungen ist also unter anderem auf die „Bildung“ und die „Bildungskonzepte“ bezogen. Leider ist dies ein Thema, das – blickt man etwa auf die Universitäten – in unserem Zusammenhang kaum noch ein Profil hat. Eine ernsthafte Auseinandersetzung mit Studienreformen findet nicht statt; diese müßte sehr tief auch in die inhaltlichen Fragen eingreifen.

Zur Erläuterung eine Anmerkung: Bei dieser Perspektive hat mich nicht zuletzt die nordamerikanische Diskussion bestärkt, wie sie etwa in Alasdair MacIntyres Kritik an den Bildungsstrategien hervortritt.[3] Seine Kritik an der am Wissen orientierten, „enzyklopädischen“ Ausrichtung der Bildung und der Wissensvermittlung muß zu denken geben, ebenso wie seine Alternative. Sie zielt auf das „Erlernen“ von „Praxis“, nicht im Gegensatz zu „Denken“ oder „Theorie“. Als eine solche Praxis gilt vielmehr auch die „Ethik“. Sie stellt eine „Praxis“ des Erkennens, Urteilens und Kommunizierens dar, die zu lernen ist. Leider sind wir (in der Diskussion über „Ethik“) von einer solchen Sicht und ihrer Diskussion weit entfernt. Nach wie vor werden vor allem im enzyklopädischen Sinne Wissensbestände produziert und verteilt. So lernen Studenten beispielsweise, was in der Tradition zum Begriff „Gewissen“ gesagt wurde. Wie aber lernen sie, vom „Gewissen“ in ethisch rechenschaftsfähigen Situationen zu reden? Wie finden sie Gelegenheit, ihre moralische Sprache daraufhin zu prüfen, wie darin etwa „Gewissen“ vorkommt? Wie lernen sie urteilen?

Das großangelegte Lexikon „Theologische Realenzyklopädie“ ist ein über die Maßen beredtes Zeugnis von der vorherrschenden enzyklopädischen Orientierung. [241] Die Kritik an diesem Unterfangen (zu dem ja nahezu alle Theologen etwas beitragen) ist bislang nicht deutlich artikuliert oder auch nicht gehört worden. Als Konsequenz gibt es dann Diskussionen über Lernstoff und Reduktion von Lernstoff, die aber auf die entscheidende Frage, wie denn Ethik zu lernen ist, keine Antwort geben. Wo auch könnten sie eine finden?

(2) So weit einige Andeutungen zum Hintergrund der folgenden Bemerkungen, die mehr als Bemerkungen auch nicht sein wollen. Damit also zur Maulwurfsperspektive des Lehrens von Ethik:

Jeder, der an irgendeinem Punkt in die theologische Arbeit eintritt, jeder der über Fragen des Christseins spricht, bemerkt, daß darin immer eine ethische Wahrnehmung eingeschlossen ist. Im Blick sind dabei nicht nur Fragen der sittlichen (an Normen orientierten) „Entscheidung“, sondern generell die Frage: wie kann ich leben, wie soll ich leben? „Ethik“ erscheint in dieser Perspektive als das „universelle“ Medium theologischer Arbeit. Das hat nicht mit dem spezifischen Punkt zu tun, daß Glauben und Leben zusammengehören, sondern zunächst auch damit, daß in allem, was über „Gott, Mensch und Welt“ geredet wird, präsent ist, was wir tun, wie wir leben. In unsrem Handeln, Leben, Zusammenleben – im praktischen Kontext – hat das Reden von „Gott“, „Welt“, „Mensch“ seine Bedeutungen. Diese – von der Sprachphilosophie, nicht zuletzt der von Ludwig Wittgenstein angestoßene – Einsicht aber ist in ihrer Reichweite und ihren Konsequenzen nicht zur Geltung gekommen.

Im Blick darauf ist hier von der „Lernbarkeit“ (und Lehrbarkeit) von Ethik zu reden. Schließlich geht es um nicht mehr und nicht weniger als „leben“ zu lernen. „Ethik“ meint dann, davon Rechenschaft geben zu „können“. Die Rechenschaft vom guten Leben ist selbst Teil dieses exponierten „Lebens“.

(3) Die „Botschaft“ ist hier eine doppelte: Erstens: „daß Ethik gelernt werden muß“ und – zweitens: „daß Ethik gelernt werden kann“. Es legt sich der Vergleich mit einem Handwerk nahe (vgl. auch dazu A. MacIntyre): „Ethik“ ist zu lernen wie ein Handwerk. Es kommt nicht einfach irgendwie auf glückliche Umstände der religiösen Sozialisation an, nicht auf ein glückliches Zusammentreffen von natürlicher Intelligenz und einer brauchbaren (irgendwie erworbenen) Einstellung. Es geht zunächst nicht um eine solche tiefgreifende Pädagogik. Wir könnten im Blick darauf rasch an der Frage verzweifeln, wie denn eine im Menschen verankerte „Sittlichkeit“ gelernt werden kann, um dann am Ende doch nur „Wissen“ über Moral und Sittlichkeit zu lehren. Vielmehr geht es hier darum, daß es wirklich „etwas“ gibt, das zu erlernen ist, das von der Tradition her weitergegeben wird, das aber auch in der Gegenwart mit neuen Konturen versehen wird. „Was“ da zu lernen ist, kann wie eine Sprache, es kann als eine Sprache gelernt werden. Daß Ethik gelernt werden muß, ist vor allem darin begründet, daß „Ethik“ heißt, „Rechenschaft“ geben gegenüber anderen, für andere, in der Kommunikation mit [242] anderen. Aufgabe des Lernens und Lehrens ist, daß Menschen nicht nur etwas „wissen“, ein Bewußtsein „haben“, eine Einsicht erworben haben usw., sondern wirklich auskunftsfähig und rechenschaftsfähig werden.

„Ethik“ meint so gesehen eine „Kunst“ (ein Handwerk) auch des Wahrnehmens und Urteilens. Erst bezogen darauf gibt es auch „Wissen“ (z.B. über Konzeptionen, Theorien), erst darauf bezogen gibt es auch sinnvollerweise historische Kenntnisse vom Gang der Dinge.

Diese Linie sollte angedeutet sein, ohne jetzt hier weiter zu gehen und damit das Gespräch auf eine bestimmte Konzeption hin eng zu führen. Wichtig ist – ganz im Gegenteil – die Kunst des Wahrnehmens und Urteilens in den Vordergrund zu rücken und uns von der direkten Abhängigkeit von Diagnosen, Konzeptionen, aber auch Theorien zu lösen.

Das scheint mir (zunächst einmal) „dran“ zu sein – damit die Selbständigkeit im Wahrnehmen, Urteilen und Vermitteln erreicht wird, die von jedem – öffentlich – abverlangt wird. Es geht um jene „Freiheit eines Christenmenschen“, der gelernt hat, die „Not des Nächsten“ wahrzunehmen und von seinem Tun Rechenschaft zu geben. Seine „Freiheit“ besteht darin, daß er zu solcher Wahrnehmung und Rechenschaft findet, statt in anderen Strategien gebunden zu sein, die – worauf auch immer sie hinauslaufen – von der ethischen Aufgabe ablenken.

Für die Theologie und die kirchliche Praxis ist entscheidend: jeder wache Blick auf die Gegenstände der Theologie zeigt, daß „Ethik“ nicht ein Wissensgebiet neben anderen ist, sondern ein „Medium“ theologischen Wahrnehmens und Urteilens, nicht anders als die „Dogmatik“ (die „Dogmatik“ ist auch entsprechend in ihrer Rechenschaftsfähigkeit zu beschreiben!). „Ethik“ ist Medium theologischer Wahrnehmung und Verständigung, sofern „Ethik“ eine Sprache hat. Das Reden in dieser Sprache, die ethische Sprachpraxis ist zu lernen.

5. Was heißt „Ethik“ lernen (inhaltliche Aspekte)?

(1) „Ethik“ lernen heißt nicht nur, zu dieser oder jener Sache Stellung nehmen lernen, heißt nicht nur, sich an diesen oder jenen Konfliktpunkten bewegen zu lernen, sondern es heißt zunächst einmal lernen, sich in den Fragen menschlicher Lebenskunst, in Fragen des menschlichen Zusammenlebens „ethisch“ bewegen zu können. Diese Mitte ethischer Arbeit, die alltägliche und „normale“ Aufgabe ethischer Rechenschaft gilt es in den Blick zu fassen. Christliche Ethik kann als Lehre von der „Lebenskunst“ und den „Lebensformen“ verstanden werden. „Ethik“ hat nicht nur Argumentationsstrategien (etwa zur Rechtfertigung alltägli-[243] chen Handelns) vorzuführen, sondern sie vermag etwas zu zeigen: sie hat einen „Gegenstand“ vorzuführen. Sie hat zu zeigen, wie Menschen leben können. Mit Aristoteles gesagt: Ethik hat das „gute Leben“ zu zeigen, das in der (politischen) Gemeinschaft mit anderen gelebt wird. Christliche Ethik hat zu zeigen, wie Menschen als die Geschöpfe Gottes leben.

Dies bewegt sich auf mehreren Ebenen, auf der Ebene der Moralität, wo es um die universale Geltung geht, und auf der Ebene der Sittlichkeit, wo es um die Geltung von bestimmten Lebensformen geht. Darin die Fäden zusammenlaufen zu lassen, also Ethik durchaus in einer solchen konzentrischen Weise zu lehren – und „Ethik“ nicht zu reduzieren, etwa auf die Diskussion von diesen oder jenen Problem„lösungen“, wird für die didaktische Arbeit entscheidend sein (oder wieder neu werden) müssen.

(2) Ethik lernen heißt eine „Sprache“ lernen, die Sprache ethischer Rechenschaft lernen.

Die „Sprache der Moral“ oder der ethischen Argumentationen enthält auf allen Ebenen Begriffe, bei denen oft unklar ist, wohin sie gehören. So wird von „Werten“ geredet, von „Normen“, von „Verantwortung“. Und immer ist ein spezifisches, oft mit anderen unvereinbares (um mit Wittgenstein zu reden:) „Sprachspiel“ im Gang. Es kommt darauf an, solche Sprachspiele zu „kennen“, also sich auf Beschreibungen einzulassen (wer hat wie von „Werten“ geredet?). Dann aber – vor allem – kommt es darauf an, sich auf die Frage einzulassen, welche „Sprache“ dann wirklich zur Sprache derjenigen „Ethik“ werden kann, die dem christlichen Reden von Gott entspricht.

An dieser Stelle setzt die theologische Arbeit ein. Sie kann nicht darin bestehen, die Suche nach den „Werten“ mit christlichen Wertvorstellungen aufzufüllen, ohne die Rückfrage zu stellen, inwiefern denn Christen überhaupt von „Werten“ zu reden haben.[4] Die theologische Arbeit in der Ethik kann auch nicht darin bestehen, „Normen“ oder „Maximen“ des Handelns in ihrer Verbindlichkeit festzustellen, ohne zu fragen, was in der christlichen Lebensform „Handeln“ heißt. „Ethik“ lernen heißt, in diese Arbeit an der moralischen Sprache eintreten. Wie reden Christen von „Verantwortung“, wie reden sie von „guten Werken“, vom „Gewissen“, von „Freiheit“[5], von „Gerechtigkeit“?

Das führt dann auch dazu, sich in der ethischen Theorie, im Diskurs bewegen zu [244] lernen. Man wird die verschiedenen Ebenen der moralischen Sprache zugleich im Blick behalten, nicht die eine gegen die andere abgrenzen. Die Ebene des theoretischen und analytischen Diskurses (z.B. die Diskussion über „Verfahrensethik“, oder über „Verantwortungsethik“) thematisiert direkt die Frage, wie ethisch zu reden ist – und diese Rede betrifft dann direkt die Praxis ethischer Rechenschaft und Verständigung. Denn im ethischen Urteil kommen auch die theoretischen Begriffe wie „Verantwortung“ oder „Gewissen“ vor. (Vgl. als biblisches Beispiel: Jesus zeigt, wie vom „Nächsten“ zu reden ist, im Gleichnis vom barmherzigen Samariter: Lk 10,25-37.)

6. Ethik lernen in Bezug auf Tradition – Dogmatik – Wissenschaften

Ergänzend und zusammenfassend ist zu sagen:

(1) Ethik lernen heißt, eine Tradition des ethischen Redens kennenlernen. Zur Tradition evangelischer Ethik gehört das Reden von der „Freiheit“ und das Reden von der Geschöpflichkeit des Menschen, zu der auch gehört, daß Menschen sich durch Gottes Wort neu erschaffen lassen (das ist der Ansatzpunkt zur Zwei-Reiche-Lehre).

Es geht darum, diese Traditionen zu interpretieren und zu analysieren. Dies nicht nur im Sinne einer „historischen“ Aufklärung, sondern im Blick darauf, wie die Traditionen in Gebrauch zu nehmen sind: Was heißt es, im „Sinne“, in der „Logik“ dessen zu denken, was christliche „Freiheit“ meint?[6]

Entscheidend ist dabei auch die Unterscheidung zwischen einer „Geschichte“ der Ethik (notwendigerweise eingefügt in eine Sozialgeschichte – z.B. heißt das zu fragen: „wie ist es dazu gekommen, daß Menschen von ‚Werten‘ reden?“) und der „Traditionsgeschichte“ der Ethik. Die Tradition der Ethik steht in ihrer spannungs- vollen Beziehung zu dieser oder jener geschichtlichen Entwicklung.

Es kommt darauf an, wie „Tradition“ thematisiert wird: wir könnten sie als das „Sprachspiel“ verstehen, das nicht wir neu erfinden, sondern in das wir uns „einspielen“, sicher um dann unser Spiel zu spielen und unsere Spielzüge zu unternehmen.

(2) Ethik lernen heißt lernen, sie mit den theologischen Sachverhalten zusammen zu lernen, mit denen sie vermittelt ist.

In der Ethik geht es immer darum, sie auf die „Wirklichkeit“ zu beziehen, die die [245] Theologie wahrzunehmen und zu erkennen sucht. Das macht deutlich, daß die ethische Frage nicht darauf reduziert ist, was Menschen tun oder (gar nur) verwirklichen sollen, sondern in der Wahrnehmung und Erkenntnis dessen begründet ist, was Menschen im Guten erfahren, was ihnen gegeben ist, wofür sie nicht einzustehen haben. Hier liegt eine der grundlegenden Aufgaben evangelischer Ethik: in dieser Weise das Evangelium von Gottes bewahrendem und rettendem Handeln hörbar werden lassen.

Die Vermittlung von Dogmatik und Ethik zu sehen, bleibt dabei nicht nur eine dringliche Aufgabe, sondern sie wird zu einer unermeßlichen Bereicherung der Ethik führen. Als Beispiel dafür können die Bemühungen um die Ethik wahrgenommen werden, die den Menschen nicht nur als handelndes Subjekt, sondern in seiner Geschöpflichkeit sieht. Eine Ethik von daher zu entfalten, steht weitgehend noch aus. Das schließt die Wahrnehmung der Leiblichkeit des Menschen ein.[7]

(3) Ethik lernen heißt, im weitesten Sinne diskursfähig zu werden. Das meint nicht nur „gesprächsfähig“ in der persönlichen Kommunikation, sondern das meint auch kommunikationsfähig in der Verständigung, im Medium des Wahrnehmens und Argumentierens. Diskursfähigkeit zu lernen kann nicht dadurch geschehen, daß „man“ Diskussionsergebnisse, Argumente usf. kennt, sondern heißt sich in den „diskursiven“, auf die Sache bezogenen Gang der Diskussion „einspielen“. Manche kennen zwar dieses oder jenes Argument, der Diskurs aber als Ganzer bleibt ihnen verschlossen. Ein Diskurs, auch wenn er noch offen ist, hat einen inneren Zusammenhang; auf diesen kommt es an. Beispiel: die Diskussion um Probleme der Wirtschaftsethik.

Hier ist der hervorragende Ort, mit anderen Wissenschaften zusammenzutreffen. Es gibt nicht wenige Bereiche in der „christlichen“ Ethik, in denen dies zu kurz kommt: Zu nennen ist (trotz neuerer Bemühungen) die „Wirtschaftsethik“ ebenso wie die politische Ethik. Dabei wird es vor allem darauf ankommen, die dramatischen Veränderungen in der wissenschaftstheoretischen Selbstwahrnehmung dieser Wissenschaften zu beachten. Von daher zeichnen sich längst neue Erwartungen an die Theologie und den christlichen Glauben ab, die ernst genommen werden wollen. Das betrifft z.B. die Frage, wie sich „Empirie“ und „Erfahrung“ zueinander verhalten. Die Theologie wird dabei auf neue Weise als Erfahrungswissenschaft angesprochen. Eine veränderte Wahrnehmung der Wissenschaften und ihrer Beziehung zur Theologie ergibt sich auch aus der Perspektive des „postmodernen Wissens“. Hier entsteht die Frage neu, wie sich verschiedene Arten des Wissens und seiner Legitimation zueinander verhalten. Auch dies betrifft ganz besonders die Ethik. [246]

7. Bemerkungen zur Didaktik und zum Studium

(1) Zum Curriculum „Ethik“

Aus den voranstehenden Überlegungen ergibt sich die Notwendigkeit, über ein „Curriculum“ Ethik nachzudenken, das nicht an den Wissensbeständen „Ethik“, „christliche Ethik“ usf. orientiert ist, sondern auf das Lernen ethischer Rechenschaftspraxis zielt. Politische Ethik, Wirtschaftsethik, Ethik des Zusammenlebens der Geschlechter sind als übergreifende Themen in dem Sinne zu verstehen, daß sie umgreifende ethische „Sprachspiele“ enthalten. Gelernt werden muß aber immer an einzelnen Sachverhalten und Beispielen: z.B. politische Ethik am Thema „Macht“, Wirtschaftsethik am Thema „Arbeit“. Es ist kein Zufall, daß es solche Schlüsselthemen oder „paradigmatische“ Themen gibt.

Zugleich aber ist zu bedenken, inwiefern die „politische Ethik“ etwa ein notwendiger Rahmen, ein notwendiges Element für jedes ethische Thema ist. Entsprechendes gilt (neuerdings deutlicher erkannt) für die Rechtsethik. So gehört die Frage, was „Handeln“ heißt, was „Praxis“ ist, in die politische Ethik.

(2) Diskurs und Texte

Zu lernen ist Ethik im Disput. Diesen gilt es zu „organisieren“, nicht nur als „Diskussion“ zu führen, sondern daraufhin, daß „Klärungen“ erfolgen. Am Ende sollten analytisch gewonnene Festlegungen stehen, so oder so zu reden. Die ethische Sprache ist wie beim Sprachunterricht durch sprachliche Verständigung einzuüben. Auch darüber braucht es eine Verständigung: es geht weder nur um eine „formale“ Übereinstimmung (z.B. durch Einhaltung von Abstimmungsregeln), noch um eine inhaltliche „Konsensbildung“, sondern um einen ethischen Diskurs, der bezogen auf ethische Sachverhalte zu einer gemeinsamen Urteilspraxis führt. Wenn am Ende am Einzelbeispiel die Urteile auseinander gehen, dann muß immer noch gewährleistet sein, daß die eine Position der anderen ihre Begründung verständlich machen kann.

Sofern Ethik-lernen heißt eine „Sprache“ lernen, ist die Lektüre von Texten grundlegend. „Texte“ sind aber dann nicht nur zu lesen, um sie auf „Aussagen“ hin auszubeuten usf., sondern wiederum analytisch: wie wird darin geredet? Dort, wo dies zu sehen und lernen ist, kann man von paradigmatischen (vielleicht auch von klassischen) Texten sprechen. Beispiele dafür gibt es zahlreiche; entscheidend ist, sie nach diesem Kriterium auszuwählen. Ein neueres Beispiel von vielen Einzeltexten stellen etwa die Arbeiten von Hans Jonas dar. Damit sind solche Texte im Blick, die selbst schon einen Zugang zur Frage des Ethik-Lernens und des Sprache-Lernens haben. [247]

(3) Moral-Erziehung und Ethik lernen

Eine Sprache wirklich sprechen, heißt die Lebensform zu teilen, die mit dieser Sprache verbunden ist. Insofern ist es nicht möglich, „Ethik“ sich „anzulernen“. Einen Handwerker prägt sein Handwerk. Aber: es bleibt auch dies noch ein Lernen von „etwas“ und nicht eine „Moral-erziehung“, die direkt auf die Veränderung von Lebensweisen zielt. Das Verhältnis von Moral-Erziehung und „Ethik“ lernen muß neu bedacht werden.

Quelle: Verantwortlich leben, Band II: Ergänzende Texte, erarbeitet und zusammengestellt von Karl Friedrich Haag; Arbeitshilfe für den evangelischen Religionsunterricht an Gymnasien, Themenfolge 99, hrsg. von der Gymnasialpädagogische Materialstelle der Evang.-Luth. Kirche in Bayern, Erlangen 1994, Seiten 237-247.


[1] Charles Taylor: Die Motive der Verfahrensethik, in: Wolfgang Kuhlmann (Hg.): Moralität und Sittlichkeit, Frankfurt 1986, S. 101-134; hier: S. 129f.

[2] Der Verlust der Tugend. Zur moralischen Krise der Gegenwart [engl. 1981], Frankfurt/Main 1987.

[3] Vgl. A. Maclntyre: Three Rival Versions of Moral Enquiry, Notre Dame 1990.

[4] Vgl. z.B. Eberhard Jüngel: Wertlose Wahrheit. Christliche Wahrheitserfahrung im Streit gegen die ‚Tyrannei der Werte‘, in: Ders. Wertlose Wahrheit, München 1990, S. 90-109.

[5] Vgl. Freiheit im Leben mit Gott. Texte zur Tradition evangelischer Ethik; hg. von Hans G. Ulrich, (Theologische Bücherei) Gütersloh 1993.

[6] Vgl. als umfassendes Beispiel: Bernd Wannenwetsch: Die Freiheit der Ehe. Das Zusammenleben von Frau und Mann in der Wahrnehmung evangelischer Ethik, Neukirchen 1993.

[7] Vgl. dazu Oswald Bayer, Leibliches Wort, Tübingen 1993.

Hier der Text als pdf.

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