Rudolf Bultmanns „Was ist der Sinn unseres Weihnachtsfestes heute?“ von 1964: „Die alte Welt ist für das Auge des Glaubens transparent geworden in dem Sinne, dass hinter ihr die transzendente, die jenseitige Welt sichtbar wird.“

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Was Rudolf Bultmann 1964 im Feuilleton der Süddeutschen in Sachen Weihnachten geschrieben hat, dürfte in der einen oder anderen Weihnachtspredigt auch 2016 zur Sprache gekommen sein:

Was ist der Sinn unseres Weihnachtsfestes heute?

Von Rudolf Bultmann

Das Weihnachtsfest unterscheidet sich von den Festen antiker und fremder Religionen dadurch, daß in ihm das Ereignis einer vergangenen Geschichte gefeiert wird, während die Feste antiker und fremder Religionen ein gegenwärtig geschehendes Ereignis feiern, etwa die Epiphanie der Gottheit, den Beginn des Frühjahrs oder der Ernte. Ja, die Festfeier gehört hier geradezu zu dem Ereignis selbst, indem es zu seiner Verwirklichung mitwirkt. Auch im alten Israel scheint es ein solches Fest gegeben zu haben, das Fest der „Thronbesteigung Jahwehs“. Im übrigen wurden aber in den israelitischen Festen Ereignisse der Vergangenheit gefeiert, wie der Auszug aus Ägypten und Ereignisse aus der Zeit der Wüstenwanderung. Dabei handelt es sich um Ereignisse der Volksgeschichte. Das christliche Weihnachtsfest aber hat einen anderen Sinn. Wohl wird auch in ihm ein Ereignis der Vergangenheit gefeiert, die Geburt Jesu von Nazareth. Aber diese ist kein Ereignis der Volksgeschichte, sondern ein Ereignis der Weltgeschichte. Jedoch nicht so, daß es ein weltgeschichtliches Ereignis wäre, auf dessen segensreiche Folgen in der Geschichte des Geistes man zurückblickt, wie etwa auf den Tod des Sokrates oder auf die Erhebung des Augustus zum römischen Imperator, oder auch auf Luthers Thesen-Anschlag 1517.

Was also ist das Eigentümliche der christlichen Weihnachtsfeier? Wenn ich es in theologischer Sprache ausdrücken darf, so ist es dieses, daß ein historisches Ereignis zugleich als das „eschatologische“ Ereignis gilt, d. h. als das Ereignis, in dem die alte Welt ihr Ende gefunden hat und eine neue Welt heraufgeführt worden ist, wie es in Luthers Weihnachtslied heißt:

„Das ewig Licht geht da herein,
Gibt der Welt ein neuen Schein.“ [139]

Wenn wir von einer neuen Welt reden, so darf das freilich nicht im weltgeschichtlichen Sinne verstanden werden. Gewiß hat das Ereignis der Geburt Jesu von Nazareth auch weltgeschichtliche Folgen gehabt, und gerne führt man dafür an, daß das Liebesgebot vorher in der menschlichen Ethik nicht die entscheidende Rolle gespielt hat wie seitdem. Aber wir wissen, und Gegner des christlichen Glaubens weisen oft darauf hin, daß das Christentum die Welt im Grunde nicht erneuert hat.

Die „neue“ Welt ist nur für das Auge des Glaubens sichtbar geworden. Äußerlich gesehen ist die Welt die alte geblieben. Aber die alte Welt ist für das Auge des Glaubens transparent geworden in dem Sinne, daß hinter ihr die transzendente, die jenseitige Welt sichtbar wird. Das bedeutet, wenn ich es mit einem Ausdruck Dietrich Bonhoeffers sagen darf: für den Glauben ist Gott nicht der Fernste, sondern der Nächste. Diesen Gedanken hat ja der anglikanische Bischof John A. T. Robinson fruchtbar zu machen gesucht in seinem Buch „Honest to God“, das in der deutschen Übersetzung „Gott ist anders“ weit verbreitet ist und ebenso Befremden wie freudige Zustimmung gefunden hat. Es kommt darauf an — das wollen Bonhoeffer wie Robinson sagen —, daß wir in unserem täglichen Leben offen sind für die Begegnung des jenseitigen Gottes, der uns als der diesseitige begegnet in den Mitmenschen, wenn wir die Verantwortung wahrnehmen, die wir für sie tragen, die uns beschenken mit ihrer persönlichen Eigenart, wenn wir nur offene Augen für sie haben, die uns bereichern auch gerade darin, daß sie im konkreten Fall unsere Liebe in Anspruch nehmen. Ebenso aber auch in den Sorgen, den Ängsten und Erschütterungen des Lebens, in denen wir der Endlichkeit, ja, Nichtigkeit unseres menschlichen Daseins inne werden. Ihnen gilt es standzuhalten, um eben darin einer jenseitigen Welt gewiß zu werden.

Was hat das nun mit der Frage nach unserer Weihnachtsfeier zu tun? Es soll uns zum Bewußtsein bringen, daß wir an Weihnachten jene eigentümliche Paradoxe feiern, daß ein historisches Ereignis zugleich das „eschatologische“ Ereignis ist. Dieses Bewußtsein soll freilich unsere ganze Existenz auch im Alltag tragen in dem Sinne, daß wir dessen inne werden, daß jeder Augenblick unseres Lebens die Möglichkeit hat, ein „eschatologischer“ Augenblick zu sein. Wem das etwas Geringes zu sein scheint, den möchte ich an einen Vers von Andreas Gryphius erinnern:

„Mein sind die Jahre nicht, die mir die Zeit genommen,
Mein sind die Jahre nicht, die etwa möchten kommen.
Der Augenblick ist mein, und nehm ich den in Acht,
So ist Der mein, der Jahr und Ewigkeit gemacht.“

Ebenso auch an ein Wort aus T. S. Eliots „Four Quartets“:

„Vergangene Zeit und kommende Zeit,
Was gewesen sein könnte und was gewesen ist,
Zielt auf ein Ende hin, das stets Gegenwart ist.“

Gewiß, weder Andreas Gryphius noch T. S. Eliot reden von Weihnachten, sondern sagen, wie es immer ist oder sein sollte. Aber eben das, was immer ist und sein sollte, und was doch nur so spärlich von uns im Durchschnitt unseres Lebens verwirklicht wird —, eben das will uns Weihnachten jedesmal aufs neue zum Bewußtsein bringen. Weihnachten hat seinen Sinn in dem Satz, daß das historische Ereignis, Jesus von Nazareth, das „eschatologische“ Ereignis ist. Aber dieser Satz erfüllt seinen Sinn an uns nur, wenn wir unser Leben unter das Licht der Weihnacht stellen, das bedeutet: wenn wir dafür offen bleiben, daß jeder Augenblick unseres Lebens ein „eschatologischer“ Augenblick sein kann und als solcher von uns erfaßt und verwirklicht werden soll. Zu solcher Bereitschaft ruft uns das Wort Gottes, wie es in der Weihnachtsgeschichte aus Engelsmund erklingt: „Siehe, ich verkündige euch große Freude!“

Zuerst erschienen in: Süddeutsche Zeitung, Nr. 308/309/310 (Feuilleton-Beilage für den 25./26./27.12.1964).

Hier der Text als pdf.

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