Rudolf Bultmanns Weihnachtsbesinnung von 1953: „Wir sind die, die wir im Lichte der Gnade Gottes sind“

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Image by Gerd Altmann from Pixabay

Weihnachten

Von Rudolf Bultmann

Warum entzünden wir an Weihnachten Kerzen und freuen uns ihres Glanzes? Welches auch die historischen Gründe sein mögen, auf die dieser Brauch zurückgeht, für uns sind sie nicht mehr wirksam. Aber ist damit der Glanz der Weihnachtslichter nur zu einem festlichen Schmuck geworden, wie er zur frohen Stimmung festlicher Tage gehört? Ist er uns lieb, weil in seinem Schein Erinnerungen wach werden, Erinnerungen bis in die Tage der Kindheit, wehmütig und beglückend zugleich? Gewiß wird es so sein. Aber ist es das Einzige und Entscheidende?

Wer gefragt ist, warum wir an Weihnachten Kerzen anzünden, wird, wenn er sich besinnt, gewiß sagen: Die Antwort liegt nicht fern; die Lichter, die wir anzünden, sind ein Symbol des Lichtes, von dem es heißt:

„Das ewige Licht geht da herein,
gibt der Welt einen neuen Schein.
Es leucht’ wohl mitten in der Nacht
und uns des Lichtes Kinder macht.“

Dann würde uns also der Lichterglanz nicht nur ästhetisch und stimmungsvoll beglücken, sondern als Symbol würde er uns etwas zu sagen haben, wäre gleichsam ein uns anredendes Wort. Was aber will dieses Wort sagen? Nun eben dieses, daß das „ewige Licht“ in unsere dunkle Welt hineinscheinen will.

In unsere „dunkle“ Welt? Dann also ist eines vorausgesetzt, wenn wir den Sinn des „ewigen Lichtes“, das „mitten in der Nacht“ leuchtet, verstehen wollen. Dieses nämlich, daß wir dessen inne werden, wirklich „mitten in der Nacht“ zu stehen, in einer dunklen Welt zu [77] leben. Ist das heute schwer zu verstehen? Es scheint nicht. Denn auch für die Menschen, deren Daseinssicherheit nicht in dem Maße erschüttert ist wie in den direkt von den Weltkriegen und ihren Folgen betroffenen Ländern, ist die drohende Gefahr, die über uns allen schwebt, nicht verborgen — jene Gefahr, die aus den politischen und wirtschaftlichen Verwirrungen erwächst, und die mit ihr Hand in Hand gehende Gefahr, die aus der Entwicklung der modernen Technik und ihrer Anwendung auf die Kriegswaffen emporsteigt. Man braucht das ja heute nur anzudeuten.

Vielleicht ist unsere Lage nicht aussichtslos; vielleicht bleibt das ernste Bemühen der verantwortlichen Männer nicht erfolglos. Vielleicht sind wir also doch nicht „mitten in der Nacht“ und es ist die Welt doch nicht ganz dunkel, sondern erhellt von einigen Hoffnungsstrahlen, die die Wolken dunklen Bangens durchbrechen? Aber daß diese Welt, in der wir leben, unheimlich ist, wer könnte es leugnen? Und ist nicht eine unheimliche Welt im Grunde eine dunkle Welt, eine Welt, in der wir nicht recht aus noch ein wissen?

Es mag wohl sein, daß wir heute besonders empfänglich sind für den Sinn des Lichtsymbols. Aber wir würden uns täuschen, wenn wir die Unheimlichkeit und Dunkelheit der Welt nur als den Charakter einer Epoche, die zufällig unsere Epoche ist, verstünden. Kommt in ihr nicht nur besonders deutlich, besonders aufdringlich zutage, was das Wesen der Welt zu allen Zeiten ist? Eben ihre Unheimlichkeit? Wußte das nicht jenes alte Lied mit seinem „media in vita in morte sumus“? Und galt das, was das Weihnachtslied von dem „ewigen Licht“ sagt, das „mitten in der Nacht“ leuchtet, nicht zu allen Zeiten, auch in denen der Sekurität?

Aber was ist es denn, was gerade unsere Welt heute so besonders unheimlich macht? Mythologische Vorstellungen vom Teufel und anderen dämonischen Mächten, in denen sich einst das Bewußtsein von der Unheimlichkeit der Welt verkörperte, sind für den Menschen von heute zu Bildern verblaßt. Aber es ist doch bezeichnend, daß man heute solche Bilder gerne gebraucht, daß man nicht selten von dämonischen Mächten redet, die die Menschen beherrschen und sie gegen ihren Willen in Wirrungen und Kämpfe verstricken und zu Taten führen, die sie nicht voraussahen und nicht wollten. Nicht selten hört man ja die Rede von der dämonischen Macht der Technik, die mit ihren Erfolgen auch zu Folgen treibt, vor denen ihre eigenen Meister erschrecken. Gilt nicht auch hier: [78]

„Wohin denn seh’ ich plötzlich mich geführt?
Bahnlos liegt’s hinter mir, und eine Mauer
aus meinen eignen Werken baut sich auf,
die mir die Umkehr türmend hemmt?“

Aber wer läßt denn die Technik zu einer dämonischen Macht werden? Und woran liegt es überhaupt, daß Menschen von dem gleichsam besessen werden können, über das sie meinen verfügen zu können, von dem, was sie selbst wirken und schaffen? Von dem Getriebe der Arbeit, die doch notwendig ist, das Leben zu erhalten, das eigene wie das der Gemeinschaft? Woran liegt es, daß die im Zuge solchen Arbeitsgetriebes entbundenen und wirkenden Kräfte zu Mächten werden können, die den von ihnen besessenen Menschen nicht mehr frei geben, zu tun, was er eigentlich will, und ihn — wie es in einzelnen Momenten erschreckend zum Bewußtsein kommen kann — um sein eigentliches Leben bringen?

Wenn wir auf das Gesamtbild einer Epoche, sei es auch unsere Epoche, blicken, wenn wir auf die Menschen um uns blicken, dann sind wir um eine Antwort verlegen, und so sind wir denn auch ratlos gegenüber der Frage, wie dem reißenden Zuge einer besessenen Zeit Einhalt geboten werden kann. Aber wir sollen gar nicht zuerst um uns, sondern in uns blicken! Wir kommen nicht weiter, wenn wir nur davon reden, daß die Welt, in der wir leben, unheimlich und dunkel ist, sondern nur dann, wenn wir uns eingestehen, daß es auch in uns selbst unheimlich und dunkel ist. Das „ewige Licht“, „es leucht’ wohl mitten in der Nacht und uns des Lichtes Kinder macht“! Wir gewinnen also den rechten Blick für das „ewige Licht“ nur, wenn wir dessen inne werden, daß wir selbst „des Lichtes Kinder“ werden müssen.

Sollten wir etwa, sofern wir uns zu der Gemeinschaft des christlichen Glaubens rechnen, sagen: Wir sind doch in solchem Glauben schon des Lichtes Kinder? Wir hätten dann den Sinn des ewigen Lichtes schlecht verstanden. Denn das ewige Licht wird nie zu einem hiesigen. Das meint: das ewige Licht kann nie zu unserem Besitz, zu einer Qualität unseres Wesens, zu einer Charaktereigenschaft werden. Es kann immer nur und immer nur wieder als Geschenk empfangen werden. Sein Strahl kann und muß uns immer wieder aus der Ewigkeit, aus dem Jenseits unserer Welt treffen.

Ja, es ist schon richtig: Wir sind des Lichtes Kinder. Wir sind es, weil das Licht göttlicher Liebe und Gnade, das in der Geburt Jesu Christi für die Welt aufgestrahlt ist, immer für uns alle leuchtet. Wir [79] sind es, und zwar sind wir es als die, als die wir — unser eigentlich Ich — vor Gottes Augen im Lichte seiner Gnade dastehen. Wir sollen nicht wähnen, das wirklich zu sein, als was wir den Augen anderer, ja unsern eigenen Augen erscheinen. Wir sollen es nicht wähnen, weder im Hochmut der Selbstzufriedenheit noch in der Verzagtheit der Selbstverurteilung. Wir dürfen glauben, daß unser eigentliches Leben uns selbst verborgen ist. Wir sind wohl jetzt schon „Kinder Gottes“, aber „es ward noch nicht offenbar, was wir sein werden“ (l. Joh. 3, 2).

Das ist es, was das Weihnachtslicht uns sagen will. Wir können es uns nicht selbst sagen, sondern es uns nur sagen lassen, es hören. Das ist die Weihnachtsbotschaft, das Wort, das Jesus Christus spricht, das Wort, das er selbst ist. Wir sind nicht die, die wir zu sein scheinen, zu sein meinen. Wir sind die, die wir im Lichte der Gnade Gottes sind. Wir sind, was wir hier und jetzt nie sind, aber das, was wir hier und jetzt nie sind, gerade das ist unser eigentliches Sein. Das ist die Weihnachtsbotschaft, das ist der Weihnachtsglaube.

Das „ewige Licht“ macht uns zu „Kindern des Lichtes“, indem es in uns das Licht des Glaubens anzündet. In solchem Glauben braucht und kann uns unser jetziges unheimliches und dunkles Ich nicht mehr schrecken und quälen. Aber es braucht und soll uns auch nicht mehr in unserer Lebensführung bestimmen. Die Freiheit von ihm kann und soll lebendig sein in der Freiheit gegenüber allem Verlockenden und Verführenden, allem Ängstigenden und Jagenden des weltlichen Lebens, gegenüber allen Gefahren der Besessenheit. So gibt der Glaube auch „der Welt einen neuen Schein“. Nicht nur damit, daß die Welt ihre Macht über den verliert, der weiß, daß sein eigentliches Ich jenseits ihrer geborgen ist, sondern auch damit, daß solcher Glaube die Kraft hat, die Welt zu verwandeln. Paulus hat das Wort geprägt, daß der Glaube in der Liebe wirksam ist. Liebe aber verwandelt die Welt. Freilich nicht so, als enthielte die Liebe das Programm einer besseren Organisation der Welt, wohl aber so, daß überall, wo das Licht der Liebe scheint, sich eine Helligkeit und Heiterkeit verbreitet, eine neue Atmosphäre entsteht — wohl nie ohne Kampf, aber auch nie ohne Sieg.

Haben wir so nicht auch eine Antwort gefunden auf die unbeantwortet gebliebene Frage, woran es liegt, daß aus unserem Arbeitsgetriebe die dämonischen Mächte erwachsen, die uns beherrschen? Es liegt doch immer am einzelnen Menschen. Es liegt daran, daß er das Wissen um sein eigentliches Ich verloren hat, das jenseits all seiner Bemühungen und Anstrengungen liegt und gleichsam auf ihn wartet [80] als das Geschenk, dem er sich öffnen soll. Wohl ergreift christliche Liebe auch die Verantwortung für die Ordnung der Welt, aber ihre erste Sorge ist die für den „Nächsten“, das heißt für die jeweils mit uns Verbundenen, jeweils hier und jetzt uns Begegnenden, ihnen zu helfen, daß ihnen die Augen aufgehen für jenes auf sie wartende Geschenk.

Neue Zürcher Zeitung vom 25. 12. 1953.

Hier der vollständige Text als pdf.

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