Das Schuldbekenntnis der Kirchlich-theologischen Sozietät in Württemberg vom 9. April 1946 aus der Feder von Paul Schempp: „Wir sind mutlos und tatenlos zurückgewichen, als die Glieder des Volkes Israel unter uns entehrt, beraubt, gepeinigt und getötet worden sind.“

Paul Schempp 1952 komp

„Wir sind mutlos und tatenlos zurückgewichen, als die Glieder des Volkes Israel unter uns entehrt, beraubt, gepeinigt und getötet worden sind. Wir ließen den Ausschluss der Mitchristen, die nach dem Fleisch aus Israel stammten, von den Ämtern der Kirche, ja sogar die kirchliche Verweigerung der Taufe von Juden geschehen.“ Diese Worte aus der Erklärung der Kirchlich-theologischen Sozietät in Württemberg vom 9. April 1946 stammen wohl aus der Feder von Paul Schempp (1900-1959), einem württembergischen Pfarrer, der 1939 vom Oberkirchenrat in einem Disziplinarverfahren amtsenthoben wurde und dennoch auf Wunsch seiner Kirchengemeinde Iptingen sein Pfarramt weiterführen konnte, bis er Ende 1943 resigniert aus der Landeskirche austrat.

Erklärung der Kirchlich-theologischen Sozietät in Württemberg vom 9. April 1946

Die Kirchlich-theologische Sozietät in Württemberg hat sich auf ihrer Tagung in Stuttgart am 9. April 1946 entschlossen, durch folgende Erklärung Rechenschaft zu geben über ihren kirchlichen Willen, die Gemeinschaft am Leibe Jesu Christi in ihrer kirchlichen und theologischen Arbeit und Verantwortung zu bezeugen, und sie bittet um den Dienst der Liebe, dieses ihr Wort zu prüfen, damit wir eines Sinnes seien in der Kraft des Geistes und in der Zucht des Herrn.

I.

Wie wir im Kampf gegen falsche Lehre den Erklärungen der Bekennenden Kirche in Barmen und Dahlem im Glauben zugestimmt haben, so stimmen wir auch in der Beugung unter Gottes Gericht der Erklärung des Rats der Evangelischen Kirche in Deutschland vom 18. Oktober 1945 (Stuttgarter Erklärung) einmütig zu und bekennen insonderheit unsere Schuld als Prediger und Glieder der Gemeinde Christi.

Wir sind mutlos und tatenlos zurückgewichen, als die Glieder des Volkes Israel unter uns entehrt, beraubt, gepeinigt und getötet worden sind. Wir ließen den Ausschluß der Mitchristen, die nach dem Fleisch aus Israel stammten, von den Ämtern der Kirche, ja sogar die kirchliche Verweigerung der Taufe von Juden geschehen. Wir widersprachen nicht dem Verbot der Judenmission. Wir wehrten nicht der militaristischen Verfälschung der Vaterlandsliebe. Wir haben indirekt dem Rassedünkel Vorschub geleistet durch die Ausstellung zahlloser Nachweise der arischen Abstammung und taten so dem Dienst am Worte der frohen Botschaft für alle Welt Abbruch. Wir haben zu wenig Widerspruch gewagt gegen die Vergötzung unseres Volkes und seiner Machthaber, gegen die Knechtung der Gewissen, gegen die Auflösung des Rechts, gegen die Vergiftung der Jugend, gegen die in Angst oder Unverstand erfolgte Selbstauslieferung der Christen einschließlich der Geistlichen an die Leib und Seele fordernde Diktatur eines irrenden Menschen, gegen die Massenermordung von Unschuldigen und gegen den Überfall und die Ausbeutung der Nachbarländer. Wir waren schwach im Glauben, träge in der Liebe und setzten nicht unsere Hoffnung allein auf die Gnade unseres allmächtigen Vaters. Wir haben Fleisch und Blut mehr geliebt als den, der uns durch sein Sterben und Auferstehen frei gemacht hat zum furchtlosen Bekenntnis seiner unverbrüchlichen Verheißung und zur Heiligung seines Namens. Insoweit wir Pfarrer waren, sind wir dadurch besonders unseren Gemeinden gegenüber schuldig geworden. Wir bekennen unsere Schuld vor allen denen, die unschuldig leiden mußten, vor allen denen, die ungewarnt Gottes Gebote mit verkehrtem Willen zertreten haben und vor allen denen, die heute mehr als wir selber die furchtbare Last aller Folgen des gemeinsamen Irrwegs zu tragen haben. Wir bitten Gott um Jesu willen um Gnade und Vergebung für uns, für unsere Gemeinden, für die Kirchen, für die besiegten Völker und für alle Menschen, und wir bitten alle unsere Mitchristen, an denen wir schuldig geworden sind, uns zu vergeben, damit wir alle zusammen fröhliche Zeugen der Gnade unseres Herrn vor aller Welt sein und bleiben mögen.

II.

Wir richten nun aber auch unsere ernste Bitte an alle in der Evangelischen Kirche in Deutschland zusammengeschlossenen Kirchen evangelischen Glaubens, sie möchten uns helfen, in Lehre und Ordnung zu dem einen Wort und Auftrag des Herrn der Kirche zurückzukehren, nämlich zu verkündigen alles, was der Herr seinen Aposteln aufgetragen hat, und in der Liebe zu bezeugen, daß wir seine Jünger sind.

Wir sind ernstlich besorgt, man könnte und möchte die Erklärungen von Barmen und Dahlem heute nur noch als strategische Kampfmittel einer überwundenen Krise betrachten und nicht als aus der Schrift geschöpfte Einsichten von. richtunggebender Bedeutung für die Verkündigung, für das Wesen und für die Ordnung der Kirchen in der Welt und für das rechte Verhalten gegenüber und in den Ordnungen der Staaten.

Wir sind ernstlich besorgt, man könnte und möchte heute nur eine Stabilisierung der kirchlichen Autorität erstreben, ohne die demütigende Erkenntnis unseres Versagens fruchtbar werden zu lassen für die Leitung des kirchlichen Lebens und für die Verantwortung aller Glieder der Kirche.

Wir warnen deshalb vor der Wiederaufrichtung des falschen Grundsatzes der erzwungenen Ordnungseinheit unter ungeprüfter Verschiedenheit der Lehre. Wir warnen vor dem Blendwerk einer äußerlichen Uniformierung und Bürokratisierung der Kirchen, und wir warnen vor der Versuchung, die gnädige Wohltat der staatlichen Freiheit zu mißbrauchen für den Dienst kirchlicher Machtpolitik.

Wir sind ernstlich besorgt, man könnte und möchte heute die Schwachheit der Vielen verdecken und rechtfertigen durch die Standhaftigkeit weniger und durch Steigerung der Tätigkeit, durch Pflege der Frömmigkeit und durch Befriedigung geistlicher Bedürfnisse der wirklichen Erneuerung der Kirche ausweichen. Wir warnen deshalb vor einer Flucht in eine Volkskirche frommer Rhetorik, vor einer billigen Propaganda des Evangeliums als der bewährten Religion der Vorfahren und vor dem trügerischen Inflationsgewinn aus wohlmeinender Amnestierung der Masse aller jeweils zeitgerechten Mitläufer.

Wir sind ernstlich besorgt, man könnte und möchte heute die evangelischen Kirchen bauen nach dem bestechenden Vorbild des Katholizismus, hierarchisch und volkstümlich zugleich, liturgisch-sakramental und politisch einflußreich, weltflüchtig nach innen und welterobernd nach außen, geistlich anmaßend und weltlich klug.

Wir bitten deshalb die Kirchenleitungen, in der Furcht Gottes ihr eigenes Wort der Buße ernst zu nehmen, daß wir nicht die Gnade unseres Herrn Jesu Christi predigen und doch auch unsere eigene Gerechtigkeit aufrichten, daß wir nicht die Liebe Gottes predigen und doch auch von der Gunst der Welt leben, daß wir nicht die Gemeinschaft des Heiligen Geistes predigen und doch auch der Werke des Gesetzes uns rühmen. Wir glauben, daß auch das Gericht dieser Zeit am Hause Gottes angefangen hat und halten dafür, daß eine große Zerrüttung und eine ebenso große Verhärtung der Herzen das Werk Gottes in uns aufhält und die Kirchen hindern will, allein im Namen Jesu das Heil zu ergreifen und es auch der Welt zu bezeugen und darum freudig und getrost zu sein, damit wir allein in ihm reich seien. Die das Verlorene suchende und findende Gnade des Herrn allein macht die Kirche groß und nicht der mühselige Versuch, sich selbst zu behaupten und zu stärken. Auch das kirchliche Hilfswerk der Liebe, das wir begrüßen und fördern, muß frei sein von jedem Gedanken der Konkurrenz und des Selbstruhms, aber auch von der Herrschaft kirchlicher Verwaltungsmaschinerie.

III.

Weil wir nicht nur unsere persönlichen, sondern erst recht unsere kirchlichen Sorgen auf den Herrn werfen, halten wir es für seinen gnädigen Willen, auch uns zu Dienern seines Wortes zu machen und zu Mitarbeitern an den Gemeinden seiner Herde. Wir sind nicht vermessen und eigensüchtig, aber wir halten uns, ein jeder nach dem Maß des Glaubens, für gebunden an das Wort der Schrift nach den Zeugnissen der Reformation, und erstreben und fordern deshalb ein einmütiges kirchliches und geistliches Handeln in klarer Ausrichtung auf bestimmte Aufgaben, von denen wir nur einige, die uns die vordringlichsten zu sein scheinen, nennen:

  1. Konzentrierung aller Arbeit auf die lautere Wortverkündigung und zuchtvolle Sakramentsverwaltung;
  2. Verselbständigung der Gemeinden, der Gemeindevertretungen und des Pfarramtes:
  3. Förderung der Kenntnis der Bibel als einer Einheit göttlichen Offenbarungszeugnisses und nicht einer Spruchsammlung oder weltanschaulichen Tradition;
  4. Schaffung eines Katechismus als eines Bekenntnisbuches der heutigen Gemeinden;
  5. Abwehr der Zersplitterung der Gemeinden in Sonderorganisationen;
  6. Abbau des weltlich juristischen Verwaltungsapparates;
  7. Anbahnung einer geistlichen Kirchenzucht durch die Gemeinden und echter Visitation durch die Kirchen;
  8. Predigt der Verantwortlichkeit der Gemeinden, nicht bloß der Einzelnen für Familie, Wirtschaft, Staat, Kultur und Völkerwelt;
  9. Steigerung der wissenschaftlichen Anforderungen für die Vorbildung der Geistlichen;
  10. Klärung der geistlichen Gemeinschaft oder Trennung gegenüber den anderen Konfessionen und den sogenannten Freikirchen.

Wir halten dafür, daß erst eine solche, auf lange Sicht, mit großer Geduld, mit ernstem Fleiß und unbestechlicher Wahrheit und Liebe unternommene kirchliche Arbeit die Voraussetzung schafft für den Neuaufbau der Kirche, nicht aber eine von oben und von außen in Hast und rascher Ausnützung augenblicklich günstig erscheinender Umstände unternommene Renovation der Kirche als eines Sammelbeckens religiöser Betätigung oder Interessen der Menschen, als eines Refugiums vor dem Zusammenbruch der menschlichen Gesellschaft oder als eines Teils der internationalen und kulturellen Großmacht »Christentum«. Wir halten dafür, daß nur die evangelische Kirche imstande, daß sie deshalb aber auch verpflichtet ist, durch Erfüllung ihrer eigenen Aufgabe – abgesehen von der vorbildlich durchzuführenden Entnazifizierung gemäß den allgemein gültigen Verordnungen – über den Geist des Nationalsozialismus wirklich Herr zu werden. Und wir halten dafür, daß nur die evangelische Kirche imstande, daß sie deshalb aber auch verpflichtet ist, durch Erfüllung ihrer eigenen Aufgabe einen wirksamen Damm aufzurichten gegen die drohende Auflösung aller gesellschaftlichen, rechtlichen und gesetzlichen Bindungen.

IV.

Wir erwarten von unsern Gliedern und Freunden den Einsatz aller Kraft zum willigen Dienst am Evangelium Jesu Christi in Wort und Tat, aber auch die Abkehr von aller knechtischen Berufserfüllung in bloßer Erledigung von Dienstobliegenheiten und Anweisungen. Wir erwarten von ihnen ehrliche Freiheit und Natürlichkeit des gewissenhaften Lebenswandels in Liebe und Dankbarkeit und die Abwehr aller Versuche, den Alltag durch angeblich christliche Lebensordnungen knechtisch zu regulieren. Wir erwarten von ihnen auch ehrliche Teilnahme und entschlossene Mithilfe gegenüber den furchtbaren Nöten und Fragen des staatlichen Beisammenseins auf Grund nüchterner und selbstloser Prüfung der Tatsachen, und wir wehren uns gegen die Forderung der politischen Neutralität der Geistlichen. Wir kennen weder in der Schrift noch in der Reformation eine sich selbst dienende Christenheit und Kirche und kein Christentum, das um des äußeren Friedens und der äußeren Sicherheit der Kirche willen zwischen einem Bereich der inneren Erbauung, der kultischen Gemeinschaft, der Jenseitshoffnung und des sicheren Glaubensbesitzes einerseits und einem Bereich der weltlichen Bezogenheiten und Verantwortungen und der persönlichen Eingliederung in Familie, Beruf und Staat andererseits hin und her schwankt. Wir kennen kein Christentum, das nach Belieben sich seine Bindungen kirchlich diktieren läßt oder seine Freiheiten weltlich behaupten dürfte. Und wir kennen auch keine Geistlichkeit, die unter anderen Lebensregeln als die übrigen Glieder der Gemeinde zu stehen hätte. Wir bestehen in der Freiheit, gerade weil die Liebe des Gesetzes Erfüllung ist, auch des Gesetzes der politischen Verantwortung.

Daß wir mit Leib und Seele, in Zeit und Ewigkeit, in Welt und Kirche einem und nur einem Herrn gehören, der uns erlöst und zum Licht der Heiden gesetzt hat, das ist Quelle und Norm unseres Glaubens, unserer Verkündigung und unseres Lebens, wie es auch der Grund unserer Hoffnung ist. Auf einem anderen Grund gibt es keine Kirche, weil es gar keinen anderen Grund gibt. Wir geben diese Erklärung als Richtschnur für unsere gegenwärtige kirchliche und theologische Arbeit, als Begründung unserer positiven Kritik und Opposition und als Bekenntnis unserer Gemeinschaft am Heiligtum der einen Kirche Jesu Christi aller Zeiten.

Im Namen und Auftrag der Kirchlich-theologischen Sozietät in Württemberg:
Hermann Diem – Ebersbach/Fils
Christian Berg – Kirchheim
Heinrich Fausel – Heimsheim/Maulbronn
Kurt Müller – Stuttgart
Paul Schempp – Kirchheim

Hier die Erklärung der Kirchlich-theologischen Sozietät in Württemberg vom 9. April 1946 als pdf.

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