Johann Michael Sailer, Aus Fenebergs Leben (1814): „Ich war mit Feneberg auf eine Weise verbunden, die alle Scheidewände zwischen Herz und Herz niederwarf. In Landsberg sein Mitnoviz, — in Ingolstadt sein Mitschüler in der Philosophie, in Dillingen sein Mitlehrer, bei dem Antritte der Pfarrei zu Seeg sein Begleiter, in Seeg und Vöhringen oft und lange sein Hausgenosse, in seiner ersten Leidensgeschichte sein Mitleidender, in der zweiten eine Art Mitgekreuzigter, im ganzen übrigen Leben sein Freund. … So gieng Feneberg vorüber, — und dieß Vorübergehen — war sein Leben.“

Johann Michael Sailer (1751-1832), der große katholische Pastoraltheologe und spätere Bischof von Regensburg und der Vöhringer Pfarrer Johann Michael Feneberg (1751-1812) waren seit ihrem gemeinsamen Jesuitennoviziat zu Landsberg/Lech (1769/70) eng befreundet. Von Sailer stammt eine anrührende Lebensbeschreibung Fenebergs mit 256 Seiten unter dem schlichten Titel „Aus Fenebergs Leben„. Hier seine einleitenden Worte:

An Fenebergs Freunde.

Menschen befreunden sich mit Menschen, wenn sie in ihrem Hierseyn einander begegnen, und einander verstehen; Geister mögen auch nach diesem Leben einander finden;— reine Gemüther, die einmal Ein Gemüth geworden sind, bleiben einander treu im Leben, im Tode — und ewig.

Es ist keine Anmaßung des Verfasser-, wenn er glaubt, daß Feneberg durch Hülfe seines Schattenrisses, denn mehr kann und soll diese Schrift nicht seyn, neue Freunde gewinnen werde.

Gewinnen hat hier keine kaufmännische Bedeutung. Die Harmonie aller guten Wesen mit dem höchsten Gute macht im Himmel den Himmel aus; sie wird also wohl auch hienieden und drüben der reinste Gewinn seyn.

Diesen reinsten Gewinn im Auge, stelle ich Feneberg in Mitte zwischen Heggelin und Winkelhofer. — Nicht ich stelle ihn, er stellt sich selber, — leidend wie der erste, innig wie der zweite, — thätig wie beide, und doch verschieden von beiden.

Auch von dieser Stellung abgesehen, weiß ich gewiß, daß die bloße Macht des Geschehenen, unabhängig von den Tugenden oder Fehlern der Erzählung, kein edles Herz ungerührt lassen wird, und daß auch die, welche um den Glauben an Christus gekommen sind, eine Anwandlung von Respect für das Ungeglaubte in sich nicht werden unterdrücken können — wenn sich nur noch ein Pulsschlag reiner Menschlichkeit in ihnen reget.

Gern hätte der Erzähler seinen Namen aus dem Berichte weggelassen, aber er durfte und konnte es nicht, ohne den Eindruck zu schwächen. Denn, was den Roman von der Geschichte sondert, und dieser den wesentlichen Vorzug vor jenem giebt, ist gerade die Zuverlässigkeit der Erzählung. Und eben diese Zuverlässigkeit nöthiget ihn, sein Mitwissen der Ereignisse und seine Theilnahme an denselben da nicht zu verschweigen, wo es in den fernen Lesern die Glaubwürdigkeit der Thatsache verstärket; denn in unsern Gegenden ist die Geschichte landkundig geworden, und bedarf keines Zeugen.

Und nur um der auswärtigen Leser willen setzt der Verfasser noch dieß bei: Wenn irgend ein Erzähler von dem, was er erzählt, Gewißheit haben konnte, so stand sie mir, wie meine rechte Hand, überall zu Gebote. Denn ich war mit Feneberg auf eine Weise verbunden, die alle Scheidewände zwischen Herz und Herz niederwarf. In Landsberg sein Mitnoviz, — in Ingolstadt sein Mitschüler in der Philosophie, in Dillingen sein Mitlehrer, bei dem Antritte der Pfarrei zu Seeg sein Begleiter, in Seeg und Vöhringen oft und lange sein Hausgenosse, in seiner ersten Leidensgeschichte sein Mitleidender, in der zweiten eine Art Mitgekreuzigter, im ganzen übrigen Leben sein Freund: wie sollte ich ein Herz verkennen, das sich auch, vor den Feinden nicht wohl verschließen konnte, und ein Leben mißverstehen, dem ein unendliches Bedürfniß eingeboren war, sich mit allen Leiden und Freuden, Furchten und Hoffnungen in den Schooß der Freundschaft zu ergießen? Kunde hat also der Verfasser: ob er auch Muth habe, der Wahrheit Zeugniß zu geben, und Parteilosigkeit genug, um nur der Wahrheit Zeugniß zu geben, das darf und muß er auf die Probe ankommen lassen.

* * *

Ihr Lieben! wir sind nur einmal hier, und bald — sind wir hier gewesen, auch die es am längsten sind.

Aber schön ist es, in der langen oder kurzen Linie des Durchganges nie einen Stein wider seinen Nachbar aufgehoben zu haben; schöner noch, mancherlei Steine, die ihm im Wege lagen, vor seinem nahen Fußtritte noch früh genug weg-geräumt zu haben.

So gieng Feneberg vorüber, — und dieß Vorübergehen — war sein Leben.

Johann Michael Sailer

Quelle: Johann Michael Sailer, Aus Fenebergs Leben, Zweite revidirte Auflage, Sulzbach, in der J. E. von Seidelschen Buchhandlung, 1841, S. 3f.

Hier der Text als pdf.

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