Aus der Sitzung des Bayerischen Ministerrats vom 30. Januar 1946: Vorgänge in Erlangen im Zusammenhang mit einer Rede von Pastor Niemöller: „In einer alteingewurzelten Demokratie könne man die Sache auf die leichte Schulter nehmen. Wir könnten uns das aber nicht leisten. Es sei gegen Niemöller das Wort ‚Landesverräter‘ gefallen und der Rektor habe selbst gesagt, das Flugblatt stamme aus nationalsozialistischen und reaktionären Kreisen. Also seien solche Kreise innerhalb der Studentenschaft vorhanden. Diese müssten ausgemerzt werden, sonst gehe die Geschichte auf unseren Universitäten wieder an. Er schlage folgende Maßnahmen vor: I. Die Erlanger Studentenschaft ist auf ihre militaristische oder nationalsozialistische Gesinnung nochmals zu überprüfen. Ein Staatskommissar des Unterrichtsministeriums hat diese Überprüfung in die Wege zu leiten und zu überwachen. II. Dem Rektor der Universität Erlangen ist mitzuteilen, dass jeder Student, der bei militaristischen oder nationalsozialistischen Kundgebungen mitwirkt, rücksichtslos zu relegieren ist.“

Nachdem Martin Niemöllers Vortrag zur deutschen Schuld am 22. Januar 1946 in der Neustädter Kirche in Erlangen von Unmutsbekundungen begleitet … Mehr

Klaus Scholder über Otto Dibelius: „Was Dibelius zu sehen glaubte, war eine unaufhaltsame Entwicklung der modernen Staaten hin zum Totalitären. Dies galt ausdrücklich nicht nur für die Entwicklung im Osten, sondern auch im Westen. Es sei eine lebensgefährliche Selbsttäuschung, so schrieb Dibelius, wenn die Christenheit des Abendlandes meine, ‚dass sie den Staat von Römer 13 gepachtet habe, während der Staat von Offenbarung 13‘ – das Tier aus der Tiefe – ’nur in Rußland und einigen russisch beherrschten Ländern existiere. Es muss gesehen werden, dass der Staat über die ganze Welt hin in einer bestimmten Entwicklung begriffen ist, dass diese Entwicklung überall in der gleichen Richtung geht und daß sie die Menschheit mit Untergang und Vernichtung bedroht.’“

Otto Dibelius (1880-1967) Von Klaus Scholder Als Otto Dibelius am 10. April 1966 in der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche in Berlin seine Abschiedspredigt … Mehr

Martin Niemöller, Vortrag am 22. Januar 1946 in der Neustädter Kirche in Erlangen zur deutschen Schuld: „Es kann sein, dass unse­re Schuld viel schwerer wiegt, die wir die Botschaft von Buße und Glauben kannten. Wir hätten das wache Gewissen haben müs­sen, aber wir haben auch das Leben zum Götzen gemacht! Ich habe auch bekannt, so lange es ging, aber als ich im KZ sah, wie man die Juden misshandelte, habe ich selbst nicht mehr gewagt, meinen Mund aufzutun. Auch ich bin verantwortlich für das, was im deut­schen Volk geschehen ist. Wir Christen ha­ben diese Schuld anzufassen und zu beken­nen. Wenn wir sie nicht anfassen, bleibt diese Schuld: dreißig bis vierzig Millionen Tote durch die Hände deutscher Menschen: aber keiner in Deutschland findet sich bereit, die­se Schuld zu bekennen.“

Vortrag am 22. Januar 1946 in der Neustädter Kirche in Erlangen (auf Einladung der dortigen Evangelischen Studentengemeinde) Von Martin Niemöller … Mehr

Anna Haag in ihrem Tagebuch vom 5. Mai 1941: „Ich möchte ernsthaft wissen, wie viele »Durchschnittsdeutsche« wir haben. Dieser ist ein »Allesfresser«: er ist fromm, gottgläubig, christusgläubig, hitlergläubig, vaterlandsgläubig, er ist voller Mitleid und – voll entsetzlicher Bestialität. Es schmerzt ihn, ein kleines Tier leiden zu sehen, und er fühlt sich edel in seinem Mitleid, aber gleichzeitig ist es im »höheren« (nationalistischen) Sinn notwendig, ganze Völker auszurotten, sie auf die scheußlichste Weise vom Erdboden verschwinden zu lassen – zu »vertilgen« (wie Hitler sagt).

Tagebucheintrag vom 5. Mai 1941 Von Anna Haag Meine Nachbarin zur Rechten ist Bayerin, zugleich aber eine »gottesfürchtige« Protestantin und … Mehr

Paul Schempp über Karl Barth 1947: „Wie Barth vor aller Flucht in Weltanschau­ungen warnt, so schiebt er auch im Glauben an die Weltherrschaft des gekreuzigten und auferstandenen Christus alle optimistischen oder pessimistischen Perspektiven beiseite. Nüchterne Besonnenheit, Ge­duld, sachliche Arbeit, Absage an reaktionäre Träume, an Sehnsucht nach Führertum und Befehl, an die Sucht, immer andere haftbar zu machen, und dafür ein verantwortliches Ja zum Menschen in den gege­benen und aufgegebenen Formen und Möglichkei­ten der Gemeinschaft, das sind Forderungen Barths, die eine allgemeine Wegrichtung anzeigen. Unermüdlich ermuntert und erinnert Barth die Kirche der Reformation, ihre einzigartige, unentbehrliche, fröhliche und siegreiche Sache recht zu treiben und sich nicht zu verlieren an allerlei gutgemeinte ‚Bewegungen‘, an Bedürf­nisse und Belange und Selbstempfehlungen. Indem sie ganz für Christus da ist, ist sie auch ganz da für die Welt, für die wirkliche Not und für jede Not des Menschen, gerade auch für seine politische Not und Verlegenheit.“

Karl Barth und der Protestantismus (1947) Von Paul Schempp Es werden noch viele Bücher geschrieben werden über den Professor der … Mehr

Wilhelm Freiherr von Pechmanns Begründung seines Kirchenaustritts im Schreiben an Reichsbischof Müller (1934): „Nun habe ich zwar oft und oft protestiert: gegen die Vergewaltigung der Kirche, gegen ihren Mangel an Widerstandskraft, auch gegen ihr Schweigen zu viel Unrecht und zu all’ dem Jammer und Herzeleid, das man, aus einem Extrem ins andere fallend, in ungezählte ’nichtarische‘ Herzen und Häuser, christliche und jüdische, getragen hat. Aber ich habe bisher nur in Wort und Schrift protestiert, und immer ganz vergeblich. Es ist Zeit, einen Schritt weiterzugehen, d. h. durch den Austritt aus einer Kirche zu protestieren, die aufhört, Kirche zu sein, wenn sie nicht ablässt, die auch von Ihnen wieder proklamierte ‚Einheit zwischen National­sozialismus und Kirche‘ zu einem integrierenden Bestandteil ihres Wesens, zur Richtschnur ihrer Verwaltung zu machen; wenn sie nicht ablässt, sich einem Totalitätsanspruch zu unter­werfen, in dem ich schon an sich, vollends aber in seiner Anwendung auf Glauben und Kirche, nichts anderes zu erkennen vermag als einen Rückfall in vor- und widerchristlichen Absolutismus.“

Begleitbrief zur Kirchenaustrittserklärung an Reichsbischof Müller Von Wilhelm Freiherr von Pechmann AN DEN REICHSBISCHOF München, Ostermontag, 2. April 1934 Hochwürdigster … Mehr

Walter Sparn über Werner Elert: „Die postum herausgegebene Aufsatzsammlung hat einen vordem unveröffentlichten Vortrag Elerts von 1927 der Nachwelt aufbewahrt. Er rückt die zentrale Problematik seines Lebenswerkes, die methodische Verwicklung von historischen und dogmatischen Absichten, von Zeitansage und Geschichtsbild, er rückt aber auch die Tatsache, dass diese Problematik bis heute ungelöst geblieben ist, unter einen Aspekt, ohne den sie nicht christlich wahrgenommen und theologisch weiterbearbeitet werden kann. Gegenstand dieses Vortrags ist ‚Das Lachen in der Kirchengeschichte‘.“

Werner Elert Von Walter Sparn Werner Elert war wohl der profilierteste, freilich auch umstrittenste unter den bewußt lutherischen Theologen der … Mehr

Walter Sparn über Paul Althaus: „Althaus ist zweifellos niemals Nationalsozia­list gewesen, gleichwohl ist er angesichts der nationalen Katastrophe und ange­sichts der Entchristlichung Deutschlands einer politischen Romantik erlegen, die ihn für die Revolution von rechts votieren ließ. Die hier erhoffte Unmittel­barkeit, Versöhntheit und Heimatlichkeit war ein blinder Fleck seines Denkens; seine Annahme normativer Realitäten wie ‚Volk‘ und seine ‚theozentrische‘, dem persönlichen Majestätsgott so entscheidenden Platz einräumende Theologie haben das wechselseitig verdeckt. Aber die theologische Kritik von Identifika­tionswünschen, die sich als Selbstverständlichkeiten tarnen, ist eine Aufgabe, die auch die in manchem ernüchterten Nachgeborenen stets vor sich haben.“

Paul Althaus Von Walter Sparn Als Systematiker, Lutherforscher und Paulusausleger gehört Paul Althaus im deutschen Sprachbereich zu den wichtigsten lutherischen … Mehr

Adolf von Harnack, Weihnachten (1928): „Der Friede — für den inneren und äußeren Menschen, für Haus und Familie, für Handel und Wandel, für die Staaten und den ganzen Weltkreis, für Leben und Sterben gibt es nichts Köstlicheres als den Frieden, und wenn wir auf die Stimmen der Völker, ihrer Lehrer, Propheten und Dichter lauschen, so ist es der Friede, den sie alle preisen und heiß begehren. Aber diesem heißen Begehren ent­spricht nicht, wenn wir näher zusehen, die klare Einsicht, wie ein vollkommener Friede beschaffen sein muß, und noch weniger die Einsicht, wie man zu ihm gelangt. Wirre Stimmen hören wir vielmehr und halbwahre Urteile: ‚Der Krieg ist der Vater aller Dinge und jeglichen Fort­schritts‘, ‚Wenn du Frieden willst, so rüste den Krieg‘, ‚Dauernder Friede erschlafft die Menschen‘, ‚der frische, fröhliche Krieg‘ und ähnliches. Aber von solchen Unklar­heiten ist die Menschheit nun endlich befreit worden, befreit durch das furchtbare Erlebnis des Weltkrieges, ja, diese Befreiung ist sein einziger positiver und segensreicher Erfolg — wenn die Menschheit bereit ist, ihn zu erkennen und anzunehmen. Der Weltkrieg hat uns gelehrt, was der Krieg ist und in noch fürchterlicherer Weise sein wird — vorher haben wir das nicht gewusst — aber eben dadurch hat er uns auch gelehrt, was der Friede ist.“

Weihnachten (1928) Von Adolf von Harnack Preisen muß man es, daß jedes Jahr ein Tag wiederkehrt, an dem Freude und … Mehr