Martin Luthers vierte Disputation über die Rechtfertigung (Disputatio de iustificatione) von 1536: „Man muss daher mit Paulus schlicht sagen: „Wir sind nichts“ – wie wir ja auch aus dem Nichts gemacht sind. Wer aber auf den äußeren Schein seiner Werke sieht oder nicht Nichts sein will, der wird niemals das Ausmaß dieses göttlichen Werkes verstehen. Viel weniger noch als jemand die Herrlichkeit der Sonne erkennen kann, der im Licht der Sonne den Glanz eines morschen Holzstücks rühmt.“

Martin Luthers vierte Disputation über die Rechtfertigung (Disputatio de iustificatione) von 1536

  1. Der zu rechtfertigende Mensch ist ein sündiger Mensch, der von seinen Sünden befreit werden soll.
  2. Denn nicht die Gesunden brauchen den Arzt, ebenso wenig brauchen Gerechte einen Erlöser.
  3. Es ist daher gewiss: Der Mensch kann durch seine Verdienste vor Gott nicht gerechtfertigt werden.
  4. Was könnte denn ein Sünder durch seine Verdienste – das heißt durch seine Sünden oder durch die Werke eines Sünders – bei Gott verdienen?
  5. Die Wurzel der Sünde, die Hauptsünde, ist wahrhaft tödlich – und in der ganzen Welt den Menschen unbekannt.
  6. Wie viel weniger konnte dann das Heilmittel gegen die Sünde erkannt werden, wenn die Krankheit selbst unbekannt war?
  7. Keiner der Menschen konnte auch nur denken, dass die Sünde der Welt darin besteht, nicht an den gekreuzigten Jesus Christus zu glauben.
  8. Das ist die Erbsünde nach dem Fall Adams – uns angeboren, nicht nur eine persönliche, sondern auch eine natürliche Sünde.
  9. Nicht an Christus zu glauben bedeutet, ungläubig, unwissend und von Gott abgewandt zu sein – von dem Gott, der Christus als Retter verheißen hat.
  10. Deshalb sagt Paulus zu Recht: „Alle sind in den Unglauben eingeschlossen, damit Gott sich über alle erbarme.“
  11. Dieser Unglaube bringt alle anderen Sünden mit sich, denn er ist die Hauptsünde gegen das erste Gebot.
  12. Die Scholastiker definieren die Erbsünde nur schwach und fast unverständlich: die einen als „Begierde“, andere als den „Mangel an der ursprünglichen Gerechtigkeit, die hätte vorhanden sein müssen“.
  13. Ein großer Teil von ihnen hält das grobe Übel der Lust für die Erbsünde und nennt nach deren Vergebung nur noch die Strafe, Schwäche und den „Funken der Begierde“.
  14. Noch gottloser sind jene, die behaupten, die natürlichen Kräfte seien nach dem Sündenfall sowohl bei Menschen als auch bei Dämonen unversehrt geblieben.
  15. Richtiger urteilen jene, die standhaft bekennen, dass die Natur durch Adams Sünde verdorben worden ist.
  16. Denn die Natur kann nicht zugleich verdorben und unversehrt sein – es sei denn, sie sprächen von der Unversehrtheit der tierischen Kräfte, was sie aber nicht tun.
  17. Es ist jedoch gewiss, dass dem Gläubigen weder tierische noch vernünftige Kräfte unversehrt geblieben sind.
  18. Aus derselben Unwissenheit heraus erfanden sie die Lehre, dass manche Werke weder gut noch böse, sondern „neutral“ seien.
  19. Und dann weiter, dass es eine grobe und eine unüberwindliche Unwissenheit gebe, die völlig entschuldige usw.
  20. Solches und Ähnliches zeigt, dass sie weder die Sünde noch Christus erkennen konnten, noch den Dekalog – insbesondere nicht die erste Tafel.
  21. Man könnte die Sünde zwar irgendwie aus ihren Wirkungen erkennen, wenn nicht auch die Vernunft so sehr geblendet wäre und sich der Dinge so leicht entledigte.
  22. Denn es ist nicht glaubhaft, dass die Natur – die die Vernunft für so gut hält – solche Ungeheuerlichkeiten an Bösem hervorbringen kann, wie sie täglich in der Welt geschehen.
  23. Es scheint vielmehr vernünftig: So wie aus Wahrem nichts als Wahres folgt, so sollte auch aus Gutem nichts als Gutes folgen – oder doch wenigstens weniger Übles.
  24. Jetzt aber sehen wir, wie wenig Gutes und wie viel Böses überall auf Erden herrscht und dass die Bösen zahlreicher sind als die Guten.
  25. So könnte man leicht schließen, dass in jener Natur, die die Vernunft als gut beurteilt, viel mehr Bosheit als Güte – selbst im politischen Sinn – vorhanden ist.
  26. Selbst die Dichter machen aus dem guten Mann eine Seltenheit, vergleichen ihn mit einem zweigestaltigen Ungeheuer – und ein anderer beklagt den Mangel an guten Menschen.
  27. Die Schrift hingegen, die uns über die Ursache der Sünde belehrt, bezeugt: In der menschlichen Natur ist nichts Gutes, und selbst das, was noch gut erscheint, wird böse gebraucht.
  28. Damit also die Rechtfertigung, so sehr es nur möglich ist, groß gemacht werde, muss auch die Sünde überaus groß und mächtig dargestellt werden.
  29. Denn sie ist die Heilung einer Sünde, die die ganze Welt ewig getötet hat und unendlich viel Unheil bringt.
  30. Deshalb ist das göttliche Werk der Rechtfertigung ein so großes Werk, dass keine menschliche Vernunft oder Betrachtung unserer Werke oder Bewegungen hier etwas beitragen kann.
  31. Man muss daher mit Paulus schlicht sagen: „Wir sind nichts“ – wie wir ja auch aus dem Nichts gemacht sind.
  32. Wer aber auf den äußeren Schein seiner Werke sieht oder nicht Nichts sein will, der wird niemals das Ausmaß dieses göttlichen Werkes verstehen.
  33. Viel weniger noch als jemand die Herrlichkeit der Sonne erkennen kann, der im Licht der Sonne den Glanz eines morschen Holzstücks rühmt.

D. MARTINI LUTHERI QUARTA DISPUTATIO

  1. Homo iustificandus intelligitur homo peccator, a peccatis suis liberandus.
  2. Non enim sanis necessarius est medicus, sicut nec iustis opus est liberatore.
  3. Certum igitur est, hominem suis meritis non posse coram Deo iustificari.
  4. Quid enim peccator suis meritis, hoc est, peccatis seu operibus peccatoris, mereretur apud Deum?
  5. Peccatum radicale, capitale et vere mortale est, incognitum hominibus in universo mundo.
  6. Quanto minus cognitum esse potuit remedium peccati, cuius morbus non erat cognitus.
  7. Nullus ex omnibus hominibus cogitare potuit peccatum mundi esse: non credere in Christum Iesum crucifixum.
  8. Hoc est peccatum originale post lapsum Adae, nobis ingenitum, et non tantum personale, sed etiam naturale.
  9. Non credere in Christum est incredulum et ignarum et aversum esse a Deo, qui Christum promisit salvatorem.
  10. Quare Paulus recte dicit: Omnia esse conclusa sub incredulitate, ut Deus omnium misereatur.
  11. Haec incredulitas trahit secum omnia alia peccata, cum sit primi praecepti principale peccatum.
  12. Tenuiter peneque obscurius definiunt scholastici: peccatum originale esse concupiscentiam; alii: carentiam iustitiae originalis inesse debitae.
  13. Magna enim pars crassum illud libidinis malum pro peccato originali habent, et post remissionem tantum poenam, infirmitatem et fomitem vocant.
  14. Sed illi etiam impie, qui asseruerunt naturalia mansisse post peccatum integra, tam in hominibus quam daemonibus.
  15. Rectius illi, qui constanter fatentur naturam esse per peccatum Adae corruptam.
  16. Non enim potest natura simul corrupta et integra intelligi, nisi de integritate animalium virium dicerent, id quod non faciunt.
  17. Quanquam satis certum est, fidelibus nec animales nec rationales vires relictas esse integras.
  18. Eadem ignorantia finxerunt opera quaedam esse nec bona nec mala, sed media seu neutralia.
  19. Et deinceps: ignorantiam aliam crassam, aliam invincibilem, quae excusaret a toto, etc.
  20. Haec et similia testantur nec peccatum nec Christum ab illis potuisse cognosci, nec Decalogum, praesertim in prima tabula, fuisse eis intellectum.
  21. Posset tamen peccatum ab effectibus suis cognosci utcunque, nisi ratio etiam hic esset nimium caecutiens et obiectorum tam facile oblivisceretur.
  22. Non enim verisimile est naturam (quam nimium ratio bonam esse somniat) tanta malorum monstra, quae mundus quotidie facit, perpetrare.
  23. Consentaneum certe videretur, sicut ex vero nihil nisi verum, ita ex bono nihil nisi bonum sequeretur, aut certe minus malorum sequeretur.
  24. Nunc videmus, quam parum boni et multum mali ubique regnet in orbe terrarum, et malos plures quam bonos esse in mundo.
  25. Ita facile concluderetur, in natura illa, iudicio rationis bona, multo plus esse malitiae quam bonitatis etiam politice.
  26. Poetae quoque rarum faciunt virum bonum, comparantque monstro bimembri, et alius penuriam queritur bonorum virorum.
  27. Sed scriptura causam peccati nos docens testatur nihil esse boni in natura hominis, et id quod bonum est reliquum, esse tamen in malo usu.
  28. Ut ergo iustificatio, quantum potest fieri, magnificetur, peccatum est valde magnificandum et amplificandum.
  29. Est enim sanatio peccati, quod totum mundum aeternaliter occidit et infinitis malis perdit.
  30. Quare maius est opus illud divinum, iustificatio, quam ut ulla ratio aut consideratio nostri operis aut motus hic habere debeat.
  31. Et simpliciter cum Paulo hic dicendum est: Quod nihil sumus, sicut ex nihilo facti sumus.
  32. Qui vero nostri operis speciem spectant vel aliquid esse nolunt, illi numquam intelligent magnitudinem huius operis divini.
  33. Multo certe minus, quam ille videre possit gloriam solis, qui putridi ligni fulgorem iactet lucente sole.

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