Rupert Berger über Bittgebet und Fürbitten: „Erhörung ist dabei dem ‚Gebet im Namen Jesu‘ versprochen; damit wird der Horizont der Bitten geweitet, auch meine Ölbergangst hineingestellt in die Heilssorge Gottes für die ganze Welt. Christliches Bittgebet denkt darum nicht nur an die eigenen Probleme, sondern betet für den anderen; in der Taufe in Christus eingegliedert und mit ihm zum Heilsdienst an der Welt berufen, leidet der Christ mit allen Gliedern des Herrenleibes mit; er drückt sich in der Fürbitte nicht um die geforderte Hilfe, sondern solidarisiert sich mit den Leidenden, auf deren Seite Christus getreten ist, und hilft so ganzheitlich.“

Bittgebet/Fürbitte

Von Rupert Berger

Dem aufgeklärten Menschen der Neuzeit, der mit seinen technischen Mitteln die Welt wirksam gestalten kann, aber auch dem im Glauben angefochtenen Menschen, der Gott ganz an den Rand seiner Existenz setzt, ihnen dünkt es sinnlos, sich im Bittgebet von Gott Lösung von Problemen, Änderung einer Situation zu erwarten. Auch die Fürbitte in den Nöten der Welt im Gottesdienst ist ihnen nicht verstehbar; sie wird zur Bewußtseinsänderung umgeformt. Mit welchem Recht schließlich bitten wir Gott, wenn er in seiner Allmacht und Weisheit den Lauf der Welt schon festgelegt hat?

1. Zeugnis der Schrift

Von solchen Überlegungen nicht angekränkelt, schreit der Mensch der Bibel in seinen Ängsten und Sorgen voll Vertrauen zum Bundesgott. Die weitaus meisten Lieder des atl. Psalters sind individuelle Klagelieder, Gebete des Menschen in seinen verschiedenen Nöten. Das ganze Gottesvolk ruft in seinen Bedrängnissen zu Gott und erfährt, daß Gott sein lautes Klagen hört: „Ich kenne ihr Leid; ich bin herabgestiegen, um sie der Hand der Ägypter zu entreißen“ (Ex 3,7f). Mose betet für Aaron und Mirjam (Num 12,13) und für das ganze sündige Volk (Num 14,13-19), ebenso Daniel (Dan 9,4-19). Wie Jakobs Kampf mit Gott an der Furt des Jabbok (Gen 32,23-33) paradigmatisch zeigt, versteht der gläubige Israelit sein Leben geradezu als ein Ringen mit dem ihm oft unverständlichen, ja ihn umwerfenden Willen Gottes; doch er vertraut darauf, daß Gott ihn auf seinen Wegen behütet, ihm Brot zum Essen und Kleider zum Anziehen gibt (Gen 28,20); er dankt ihm, weil er sein Gebet am Tag der Bedrängnis erhört hat und auf seinem Weg mit ihm war (Gen 35,3). Mit demselben Vertrauen bittet Jesus für seine Jünger (Lk 22,32; Joh 17) und seine Henker (Lk 23,34) wie für sich selber in seiner Todesangst (Mk 14,34-36 parr). Er ruft Gott dabei regelmäßig an als „Abba-Vater“; er weiß: Ihm ist alles möglich, ihm kann ich alles anvertrauen. Er mahnt auch die Jünger zum Bittgebet (Mt 7,7-11); und das Gebet, das er sie lehrt, ist eine Bitte an den Vater in der Sorge auch um das tägliche Brot (Mt 6,9-13 par). So fordert schließlich der Apostel die Gemeinden auf zu Bitten und Gebeten, zur Fürbitte für alle Menschen, für die Herrscher und die Machthaber
(1 Tim 2,1-4).

2. Bittgebet im Leben der Kirche und des Christen

Der gläubig betende Mensch fragt nicht, wie die Erhörung seiner Bitte mit dem Vorauswissen und der Allmacht Gottes verträglich sei, daß Gott etwa seine Bitte schon vor aller Zeit in seinen Heilsplan aufgenommen habe, sondern er flüchtet mit seinen Ängsten fraglos vertrauensvoll zu ihm, wie das Kind zum Vater; er weiß, „daß Gott bei denen, die ihn lieben, alles zum Guten führt“ (Röm 8,28). Darum hat die Kirche zu allen Zeiten auch in den „weltlichen“ Sorgen der Gläubigen, bei Hunger und Krieg, bei Unwetter und Seuchen, in der Angst vor Erdbeben und Katastrophen Fürbitten, Votivmessen, Bittgänge und Wettersegen gehalten. Erhörung ist dabei dem „Gebet im Namen Jesu“ versprochen (Joh 16,23f); damit wird der Horizont der Bitten geweitet, auch meine Ölbergangst hineingestellt in die Heilssorge Gottes für die ganze Welt. Christliches Bittgebet denkt darum nicht nur an die eigenen Probleme, sondern betet für den anderen; in der Taufe in Christus eingegliedert und mit ihm zum Heilsdienst an der Welt berufen, leidet der Christ mit allen Gliedern des Herrenleibes mit (1 Kor 12,26); er drückt sich in der Fürbitte nicht um die geforderte Hilfe, sondern solidarisiert sich mit den Leidenden, auf deren Seite Christus getreten ist, und hilft so ganzheitlich.

LITERATUR: W. Krötke, Beten heute (München 1987); B. Kleinheyer, Vom Bitten der Glaubenden, in: J. Plöger (Hrsg.), Gott feiern (Freiburg 21980) 159-169; J. Schreiner (Hrsg.), Freude am Gottesdienst (Stuttgart 1983) 53-89.

Quelle: Christian Schütz (Hg.), Praktisches Lexikon der Spiritualität, Freiburg 1992, Sp. 160f.

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