Alfons Deissler, Mensch im Alten Testament: „Da der Mensch ein eminent geschichtliches Wesen ist, gewinnt die Geschichte der Mensch­heit eine bedeutsame anthropologische Trag­weite für die Menschen aller Generationen. Die nach Genesis 3 in die Frühmenschheit ein­gebrochene Sünde wird zu einer Geschichts­macht, die nach Genesis 4—11 in der Vorzeit die Taten und die Geschichte der Völkerwelt prägt, freilich so, dass Gottes Gericht und Gottes Gnade immer neu einander ablösen. Gott bleibt dabei seinem bundeswilligen Ja zum Men­schen treu und beruft schließlich Abraham und damit Israel in ein gnadenhaft gewährtes Bundesverhältnis, über welchem die universale Verheißung steht: ‚In dir sollen alle Sippen des Erdbodens sich als gesegnet erfahren‘ (Genesis 12,3).“

Mensch im Alten Testament

Von Alfons Deissler

1. Die Hauptbezeichnungen für den Menschen sind ’adam und ’enosch. Öfter tritt auch ’īsch (Mann) im Sinne von „Mensch“ auf (z. B. Ex 22,30; Num 23,19; Jes 2,9.11.17; 52,14; Jer 2,6; 23,24; Hos 11,9 u. a.; vgl. franz, „homme“, engl. „man“). Die Etymologie von ’adam ist zwar umstritten, aber biblisch sind ’adam und ’adamah (Kulturland, Erdboden) eng einander zugeordnet (vgl. Gen 2,7; Mensch = Erdling!). ’adam ist zumeist ein Kollektivbegriff, wird aber in Gen 3 zugleich der Name des Stamm­vaters der Menschheit, ’enosch wird vorexilisch kaum gebraucht und findet sich vorab in poetischen Texten. Seiner Etymologie nach schwer ableitbar, wird es aber an manchen Stellen wohl mit hebr. ’anasch = schwach sein zusammengedacht (vgl. Ps 103,15; Ijob 7,1; Jes 13,12 u. a. = „Menschlein“, M. Buber).

2. Das AT kennt keine philosophische Defini­tion des Menschenwesens und seiner „Kompo­nenten“. Von „Dichotomismus“ oder „Trichotomismus“ zu reden ist ihm unangemessen. Der Mensch wird zuallererst als lebendige Ganzheit gesehen, die allerdings ihre verschiedenen „Aspekte“ hat, vorab die von baśar, nephesch und rūach. baśar bedeutet als „Fleisch“ die leibliche Seite am Menschen, die er mit dem Tier gemeinsam hat (vgl. „alles Fleisch“ als Ausdruck für Mensch und Tier in Gen 6,17.19 u. a.), kann aber auch einfach Synonym zu ’adam sein (vgl. Ps 56,5.12 u. a.). Der Gedanke an die Hinfälligkeit tritt bei baśar öfter stark in den Vordergrund (vgl. Jes 31,3; Jer 17,5; Dtn 5,26 u. a.). nephesch (ursprünglich = Kehle, Hals, „Atemkanal“!) bezeichnet ganz allge­mein das im Atmen zum Ausdruck kommende Leben, als dessen eigentlicher Sitz das Blut gilt (vgl. Gen 9,4; Lev 17,10.11.14 u. a.). Die Über­setzung „Seele“ ist darum zumeist ein Notbe­helf, wiewohl nephesch häufig auch das seeli­sche Leben meint (vgl. Gen 34,3; Jes 1,14; Hos 4,8; Ps 11,5; 42,6; 86,4 u. a.) und das geistige Erkennen (vgl. Spr 19,2; Ps 139,14; Klgl 3,20 u. a.) und selbst die religiösen Seelenregungen impliziert (vgl. Dtn 4,29; 6,5 u. a.: Ps 42,2f.; 62,6 u. a.); nephesch wird in diesen Fällen Synonym zu „Herz“ (leb, lebab; vgl. Dtn 6,5), das für den Israeliten das Zentrum des Den­kens, Wollens und Fühlens ist. rūach, meist mit „Geist“ übersetzt, geht etymologisch und semasiologisch nephesch weithin parallel und kann darum sogar von der Tierwelt ausgesagt werden (vgl. Gen 6,17; Ps 104,29f. u. a.). Beim Menschen hat das Wort ein schärferes Profil als nephesch und dient – besonders seit Ezechiel – zur spezifischen Kennzeichnung des Sitzes der Erkenntnisse und Empfindungen, häufig in Parallele zu Herz (vgl. Ps 51,12.19 u. a.; Ez 11,19; 18,31 u. a.; Jes 57,16 u. a.). nephesch und rūach meinen so, wenn auch mit je ver­schiedenem Akzent, die eine Lebenskraft, auf welche die vegetativen, sensitiven, seelischen und geistigen Lebensäußerungen des Men­schen zurückgehen. Sie erreichen aber keines­wegs die Prägnanz des Begriffes „Geistseele“ und werden so wesenhaft mit baśar zusammen­gedacht, daß selbst von baśar die Prädikate „sinnen, hoffen, wünschen, sich freuen, er­schreckt sein, sündigen“ usw. ausgesagt wer­den können (vgl. Ps 63,2; 84,3; 119,120; Spr 4,22; Ijob 14,22; 21,6; Koh 5,5 u. a.). Wie stark der Mensch im AT als Leibwesen gesehen wird, kommt auch darin zum Ausdruck, daß nicht nur dem Herzen, sondern auch den Eingeweiden (Jes 16,11; Jer 4,19; 31,20 u. a.), den Nieren (Ps 7,10; Jer 11,20 u. a.), der Leber (Klgl 2,11; Spr 7,23; Ps 16,9 u. a.) seelische Funktio­nen zugeschrieben werden. Eine Annäherung an die griechische Sicht des Menschen als eines Kompositums aus Geist und Leib finden wir erst in der griechischen Zeit, insbesondere im Buche der Weisheit. Erst dieses letzte Weis­heitsbuch lehrt die Unsterblichkeit der Seele (vgl. 2,22f.; 3,4 u. a.). Die Weiterexistenz eines „Substrates“ des Menschen (nicht mit der Geistseele gleichzusetzen!) in der Unterwelt ist allgemeine Überzeugung in Israel gewesen (vgl. 1 Sam 28,7ff.; Jes 14,9ff.), aber daß diese Existenz echtes Leben, sogar Leben in Verbin­dung mit Gott sein könne, scheint nur von wenigen – und dies relativ spät – geahnt oder gar erwartet worden zu sein, wie Ps 16,9ff.; 49,16; 73,23ff. vermuten lassen. Näher lag der atl. Ganzheitsschau des Menschen die endzeit­liche Auferweckung des Einzelmenschen, wovon in der Spätzeit Jes 26,19; Dan 12,2f.; 2 Makk 7,14 sprechen.

3. Wie die atl. Autoren ganz allgemein das Wesen einer Sache gern durch Beschreibung ihres Werdens in den Blick bringen, so gilt dies erst recht für die Lehre über den Menschen. Der Mensch ist danach wie alles andere ent­standen durch einen Schöpfungsakt Gottes, aber er ist Gottes Geschöpf in einer ihn beson­ders auszeichnenden Weise. Dies besagt schon die ältere Schöpfungserzählung in Gen 2,7 (J). Der Mensch ist dabei zwar wie die Tiere (vgl. 2,19) von der Erde genommen und damit von Natur aus sterblich wie sie (vgl. Ps 104,29; Ijob 24,14.15), aber der „Odem des Lebens“ in ihm (nischmat chajjim) stammt aus Gottes „Anbla­sen“, was bei Erschaffung der Tiere nicht ge­sagt wird (vgl. 2,19). Das Lebensprinzip im Menschen (nischmat chajjim ist ein Synonym zu rūach, vgl. Ijob 27,3; Jes 57,16 u. a.) stammt also aus dem göttlichen Lebenshauch, so daß der Mensch trotz seiner oft betonten Hinfällig­keit (Staubwesen!) eine besondere Wesens­beziehung zum Schöpfer hat. Darum kann er den Tieren auch den Namen „zurufen“ (2,19f.). Diese Benennung der Tiere drückt die Herr­scherstellung des Menschen aus, macht aber auch auf seine gottähnliche Fähigkeit des Sprechens aufmerksam. In diesem Zusammen­hang ist es bezeichnend, daß der Hebräer das Getier, vorab das Großgetier, gern behemah (vgl. Gen 3,14 u. a.), d. h. „das Stumme“, nennt, obwohl es „Laut gibt“. Das innere Denken und äußere Sprechen machen den Menschen zu einem „personalisierten Leibwesen“, das sich in der Sprache Gott und den Mitmenschen zu eröffnen und mitzuteilen vermag.

Der jüngere Schöpfungsbericht in Gen 1,26ff. (P) zeichnet den Menschen dadurch als beson­deres Geschöpf aus, daß das feierliche göttliche Entschlußwort: „Lasset uns Menschen machen als unser Bild, uns ähnlich!“ den Menschen in seine Existenz hebt. Seine Essenz wird als „göttliches Abbild“ gekennzeichnet. Erläutert wird diese Bildhaftigkeit an der Herrscherlichkeit des Menschen gegenüber der Natur, vorab der Tierwelt (vgl. 1,26b; Ps 8; Sir 17,3f.). Doch wird darin offenbar nicht die ganze „Bild-Relation“, die verschiedene Aspekte auf­weist, gesehen. Diese besteht wurzelhaft in der Personhaftigkeit des Menschen, wie auch die göttliche Herrscherlichkeit in Gottes absoluter Personalität – er ist absolutes „Selbst“ – grün­det. Damit aber ist für den Menschen eine Doppelbeziehung Wesenskonstituente: Er ist Repräsentant Gottes in der irdischen Welt und zugleich das „Du“ Gottes in dieser Welt. Diese Ich-Du-Beziehung zwischen Gott und Mensch ist ihrem Wesen nach grundsätzlich wechsel­seitig, auch wenn der Mensch vor dem unend­lichen und heiligen Gott nur „Staub“ und „Asche“ ist (Gen 18,27).

Dieser göttliche Adel, vom Schöpfer einem jeglichen Menschen eingestiftet, gilt sowohl dem Manne wie der Frau. Die bildhafte Erzäh­lung Gen 2,21 ff. (J) will gerade die Gleich­wesentlichkeit von Mann und Frau aufweisen. Das Wort „Hilfe“ (ergänzt durch „als sein Ge­genüber“, Hebr.) ist dabei keineswegs im ab­wertenden Sinn verwendet. „Hilfe“ ist für den Hebräer sogar eine Bezeichnung des Rettergottes JHWH (vgl. Ps 33,20; 40,18; 46,2; 70,6; 94,17 u. a.). Bedeutsam ist, daß ihr eheliches Miteinander vorab als Hochform menschlicher Partnerschaft vorgestellt wird („Fleisch“ ist mehr als „Leib“!). Gen 1,28 (P): „Gott schuf den Menschen als sein Abbild, als göttliches Abbild schuf er ihn, als männlich und weiblich schuf er sie“ stellt Mann und Frau auf die gleiche Ebene der Ebenbildlichkeit, wiewohl faktisch in Israel (insbesondere im späteren Israel) diese Gleichwertigkeit nicht realisiert wurde. Das Zusammen der beiden Geschlech­ter wird dabei in Gen 1 auf die Fruchtbarkeit hingeordnet. Doch ist der Imperativ: „Seid fruchtbar und mehrt euch!“ (1,28) hier Explika­tion eines göttlichen Segenswortes, also kein göttlicher Befehl im eigentlichen Sinne.

Die Geschlechtlichkeit der Menschen ist nach der Bibel göttlicher Entwurf und göttliche Set­zung. Eine manichäische Abwertung des Ge­schlechtlichen ist schlechthin bibelfremd. Die Hauptregionen menschlicher Versuchlichkeit sind nach der biblischen Offenbarung vorab die Gebiete der „Macht“ (vgl. auch Mt 4,8ff.) und des „Geldes“. Erst in dritter Linie wird der gottgewollte Gebrauch der Sexualkräfte ange­mahnt.

Gen 1 und 2 stellen zwei verschiedene Arten einer narrativen Theologie dar und wollen, wie ihre naturkundliche Widersprüchlichkeit klar aufzeigt, keine Naturhistorie lehren. Sie bilden also keine Glaubensinstanz gegen die heute herrschende naturwissenschaftliche Aszendenztheorie. Diese „Werde-Geschichten“ ha­ben die Funktion von „Wesens-Beschreibun­gen“. Sie bezeugen auf verschiedene Weise dieses eine: Der Mensch ist von seinem Schöp­fer als ein seiner eigenen göttlichen Personalität entsprechendes personales Lebewesen in die sichtbare Schöpfungswelt hineingestellt, um sie zu „bebauen und zu bewahren“ (Gen 2,15) und „herrscherlich“ (Herrscherlichkeit ist bi­blisch immer zusammengedacht mit Hege) an ihr zu walten und sie zu gestalten, doch dies immer im Dialog mit dem Schöpfergott. Denn das „Offensein zu Gott“ ist ein Wesenskonstitutivum des Menschen, zumal nach bibli­scher Überzeugung Gott nicht nur Schöpfer der Menschheit, sondern auch jedes einzelnen Menschen ist (vgl. Ps 119,73; 139,13; Ijob 10,8ff.; 31,5).

4. Die Theologie unterscheidet (zu generell!) zwischen Schöpfungsordnung und Erlösungs­ordnung (oft unter „Heilsgeschichte“ firmie­rend). Diese Unterscheidung entspringt der Doppelfrage: Was gehört „von Natur aus“ zum Wesen des Geschöpfes Mensch, und was ist ihm darüber hinaus aus Gottes freier Selbst­verfügung dazugeschenkt? Nach Gen 2-3 (J) ist der Mensch von Anfang an in eine besondere Gemeinschaft mit JHWH hineingerufen (vgl. das Bild vom Gottesgarten Eden 2,8ff.). Fak­tisch finden sich auf der Bühne dieses Textes alle Wesenselemente dessen, was später den Bund „JHWH / Israel“ ausmacht: JHWH schenkt dem Menschen seine erfahrbare Zu­wendung in der Zusage, von „allen Bäumen des Gottesgartens“ essen zu dürfen (mit einer einzigen Ausnahme), um nicht dem Sterben-Müssen ausgeliefert zu sein. Dem Menschen wird es anheimgestellt, in einem konkreten Ja zum bundeswilligen Ja Gottes zu ihm die be­reits bestehende Gnadengemeinschaft mit JHWH dadurch zu ratifizieren, daß er nicht in egoistischer Weise die Souveränität über „gut“ und „böse“ anstrebt (vgl. das Bild vom geheim­nisvollen „Baum der Erkenntnis des Guten und des Bösen“). Zum „Nein“ kommt es dadurch, daß es der Versuchermacht gelingt, die Güte Gottes in den Augen des Menschen abzu­blenden und so Gott als dunkle Willkürmacht darzustellen und andererseits ein subjek­tives Glücken ohne Grenzen zu verheißen. Nur auf diesem Umweg kommt es zum freien menschlichen „Nein“, also zur „Ursünde“ mit all ihren Folgen. Sie ist nicht zuerst „Ungehor­sam“, sondern beginnt mit dem „Unglauben“, der Gott seine bundeswillige Güte nicht mehr glaubt. Dadurch wird das radikale „Nein“ zur Weisung Gottes, die Wegweisung zur Lebens­fülle ist (vgl. Dtn 30,15f.), dem Menschen möglich. In Gen 3 ist also Israel vor Augen gestellt, wie der Mensch in die bundesbrüchige Schuldverstrickung geraten ist und immer neu gerät.

Da der Mensch ein eminent geschichtliches Wesen ist, gewinnt die Geschichte der Mensch­heit eine bedeutsame anthropologische Trag­weite (für die Menschen aller Generationen). Die nach Gen 3 in die Frühmenschheit ein­gebrochene Sünde wird zu einer Geschichts­macht, die nach Gen 4—11 in der Vorzeit die Taten und die Geschichte der Völkerwelt prägt, freilich so, daß Gottes Gericht und Gottes Gnade immer neu einander ablösen. Gott bleibt dabei seinem bundeswilligen Ja zum Men­schen treu und beruft schließlich Abraham und damit Israel in ein gnadenhaft gewährtes Bundesverhältnis, über welchem die universale Verheißung steht: „In dir sollen alle Sippen des Erdbodens sich als gesegnet erfahren“ (Gen 12,3). Damit wird ein Bogen angesetzt, der über alles Unheil und Heil der Geschichte Got­tes mit der Menschheit, in ihren markierenden Punkten im „Ersten“ und im „Neuen Testa­ment“ vergegenwärtigt, hinüberschwingt in JHWHs „Königreich“, das in Zusammen­fassung aller eschatologischen Verheißungen 1 Kor 15,28 so definiert: „Gott wird alles in allem und in allen sein.“ Freilich ist aller Men­schen Weg dahin durch eine mühsame Wan­derschaft und durch bald übernommene, bald versagte Verantwortungen gekennzeichnet und vermag letztendlich nur durch JHWH selbst – für Christen ist er vorab im „Menschen der Menschen“, in Jesus dem Christus, handelnd gegenwärtig – die Menschen ans „Ziel aller Ziele“ zu bringen.

Lit.: J. Hempel, Gott und Mensch im AT, Stuttgart 21936; P. Volz, Die Würde des Menschen im AT (FS G. Wehrung), Stuttgart 1940, 1-8; G. v Rad / H. Schlier u. a., Der alte und neue Mensch, München 1942; W. Eichrodt, Das Menschenverständnis des AT, Zürich 21947; W. Zimmerli, Das Menschenbild im AT, Mün­chen 1949; P Pidoux, L homme dans l’AT, Neuchâtel 1953; A.-M. Dubarle, La conception de l’homme dans l’AT, in: Sacra Pagina 1, Leuven 1959, 522-536; G. v. Rad, Theologie des AT 2, München 1960, 359-364; F J. Stendebach, Der Mensch, wie ihn Israel vor 3000 Jahren sah, Stuttgart 1972; O H. Steck, Die Her­kunft des Menschen. Zürich 1983; H.W. Wolff, Anthro­pologie des AT, 41984; A. Deissler, Wer bist du, Mensch? Die Antwort der Bibel, Freiburg 1985; W. H. Schmidt, „Was ist der Mensch?“ Anthropologische Ein­sichten des AT, GuL 4 (1989) 111-129.

Quelle: Johannes B. Bauer (Hrsg.), Bibeltheologisches Wörterbuch, völlig neu bearb. Aufl., Graz-Wien-Köln: Styria, 1994, S. 410-414.

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