Von Matthias Viertel
Das im Alten Testament formulierte Gebot der Nächstenliebe »Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst« (Lev 19,18) regelt das Zusammenleben in der Sippe bzw. im Stammesverbund, wobei der Begriff der Liebe in der weitläufigen Deutung als Tugend im Umfeld von Achtung, Gerechtigkeit, Treue und Barmherzigkeit verstanden werden muss und mit einer romantischen Deutung im Sinne einer Gefühlsregung nichts zu tun hat. Diese Grundregel für das Zusammenleben ist immer wieder aufgegriffen, diskutiert und kommentiert worden. Dabei war es zunächst die Bestimmung des Nächsten, die Anlass zur Debatte bot. Als Nächste gelten in erster Linie die Angehörigen der Familie, der Sippe und des Volkes, darüber hinaus wird das Gebot auch auf jene ausgeweitet, die ihrer Herkunft nach als Fremde gelten, jedoch in der eigenen Sippe vorübergehend oder dauerhaft wohnen (Lev 19,34). Im Neuen Testament wird dieses alttestamentliche Gebot der Nächstenliebe von Jesus aufgegriffen und mit der Forderung der Gottesliebe (Dtn 6,5) zu dem sogenannten »Doppelgebot« zusammengebunden (Mk 12,28-31). Damit wird nicht nur verdeutlicht, dass Nächstenliebe und Gottesliebe argumentativ aufeinander bezogen sind, denn »Gott selbst ist die Liebe« (1 Joh 4,8), die er an die Menschen verschenkt, die sich ihrerseits als dankbare Empfänger erweisen, indem sie die Liebe an den Nächsten weitergeben. Darüber hinaus wird mit dieser Verpflichtung zur Barmherzigkeit als Folge der empfangenen Gottesliebe aber auch die Problematik des Gebots der Nächstenliebe deutlich: Indem Gott Schöpfer aller Menschen ist und somit auch seine Liebe allen gelten muss, ist die Grenze zwischen Nächsten, Fremden und Feinden kategorisch kaum mehr zu vollziehen.
Das Problem erweist sich darin, dass prinzipiell jeder Mensch durch Zufall zum Nächsten werden kann. Das Gleichnis vom Barmherzigen Samariter (Lk 10,25-37) behandelt eben diese Fragestellung und kommt zu dem Ergebnis, dass selbst derjenige, der außerhalb des eigenen Stammesverbandes lebt, der sogar als Feind gelten mag – wie die Samaritaner den Juden – unter gegebenen Umständen zum Wohltäter und zum Inbegriff der Nächstenliebe werden kann. Jesus selbst ist also nicht Begründer der Nächstenliebe, er greift dieses alttestamentliche Gebot lediglich auf, um es in radikaler Weise von den Nächsten über die Fremden bis zu den Feinden auszuweiten. In seiner Argumentation reiht er dabei das Gebot der Nächstenliebe in den Kontext des Gesetzes (Mt 19,18f.), schließt von der Liebe zum Nächsten implizit auf eine Ausgrenzung der Feinde (»Ihr habt gehört: Du sollst deinen Nächsten lieben und deinen Feind hassen« Mt 5,43), um dann die Forderung der Nächstenliebe in das Gebot zur Feindesliebe umzuwandeln (»Ich aber sage euch: Liebet eure Feinde und bittet für die, welche euch verfolgen« Mt 5,44). Dadurch, dass Jesus das Gebot der Nächstenliebe unter den Aspekten der Notfallsituation bzw. der Konfliktregelung interpretiert und dabei zu der Forderung der Feindesliebe kommt, wird die Forderung der Nächstenliebe zugleich als ein universaler Anspruch geltend gemacht. So kann Paulus schließlich aus dieser Deutung der Nächstenliebe ein allgemeines ethisches Prinzip ableiten (»Wenn dein Feind hungert, so speise ihn … überwinde das Böse durch das Gute« Röm 12,20f.), das als christlicher Maßstab zur Überwindung ideologischer Feindbilder gilt, ohne dabei die Differenzierung der Kategorien von Freund und Feind zu übersehen oder gar die Notwendigkeit von Strafe, Verteidigung etc. schwärmerisch zu negieren. Die Forderung der Feindesliebe setzt die Wahrnehmung von Feindsituationen voraus, sie überspielt diese nicht in geschwisterlicher Gleichmacherei, sondern fordert in radikaler Weise die Liebe auch für jene, die tatsächlich Feinde sind, wobei die Forderung »liebet!« allein auf tugendhafte Behandlung hinweist.
Quelle: Matthias Viertel (Hrsg.), Grundbegriffe der Theologie, München: DTV, 2005, S. 89-338f.