Romano Guardini, Wahrheit und Lüge (1945): „Wir müssen wissen, welches die schlimmste Zerstörung ist, die sich in den vergangenen Jahren ereignet hat. Nicht die der Häuser und Fabriken und Eisenbahnen, so groß die ist; die schlimms­te ist die innere, geistige – und darin vor allem die Zerstörung der Wahrheit: die Art, wie sie aufgefasst, wie mit ihr umgegangen und wie ihr Werkzeug, das Wort gebraucht wird. Wir wollen aus der Zerstörung heraus. Wir wollen wieder ein Leben aufbauen, das würdig und fruchtbar ist. Dazu müssen wir innerlich bei der Wahrheit anfangen.“

Wahrheit und Lüge (1945)

Von Romano Guardini

Romano Guardini (1885–1968), geboren in Verona und aufgewachsen in Mainz, wirkte seit 1923 als Professor für Religionsphilosophie und katholische Weltanschauung in Berlin und prägte zugleich als geistiger Mentor die katholische Jugendbewegung wie auch die Liturgische Bewegung. 1939 verlor Guardini sowohl seine Berliner Professur als auch seine Tätigkeit auf der Quickbornburg Rothenfels am Main. Seit dem Sommer 1943 lebte er in Mooshausen im württembergischen Allgäu im kleinen Pfarrhaus von seines Freundes Josef Weiger. Als 1945 die nationalsozialistische Herrschaft zusammenbrach und das Ausmaß von Krieg und Zerstörung sichtbar wurde, kehrte Guardini wieder in die Öffentlichkeit zurück. Sein Vortrag „Wahrheit und Lüge“ vom August 1945 ist der Versuch, inmitten von Schuld, Verwirrung und Neubeginn Maßstäbe für ein verantwortetes Denken und Leben zurückzugewinnen. Guardinis Vortrag in Ulm geht auf die Initiative Otl Aichers sowie seiner späteren Ehefrau Inge (Aicher-)Scholl zurück. Aicher gestaltete dazu das Veranstaltungsplakat. Dass der Vortrag in der Martin-Luther-Kirche gehalten wurde, hatte zwei Gründe: Zum einen hatte die Kirche in der Ulmer Weststadt die Bombardierungen 1944 relativ unbeschadet überstanden. Zum anderen war sie mit Aktionen der Weißen Rose verbunden. 1942/43 wurden im verborgenen Orgelkämmerchen hinter dem Orgelprospekt von den Pfarrerskindern Susanne und Hans Hirzel sowie von Franz J. Müller Flugblätter der Weißen Rose sortiert und zum Versand fertig gemacht.

I

Ein Mann, der in der Welt der Heiligen Schrift ebenso zu Hause ist wie in der des Menschenherzens, sagte mir kürzlich, die Katastrophe, die uns getroffen hat, enthalte bei all ihrer Furchtbarkeit auch eine große Gnade: nämlich die Tatsache, dass die Handlungen, die zu ihr geführt haben und die Katastrophe selbst in verhältnismäßig kurzer Zeit aufeinandergefolgt sind, sodass der heute Lebende das Ganze vor Augen hat. Meistens erstreckt sich ja ein solcher Zusammenhang über lange Zeit. So haben jene, welche die letzten Ereignisse erleben, nicht miterlebt, was zu ihnen führte, und empfinden die Katastrophe als etwas Unverständliches, jedenfalls Unverdientes. Infolgedessen fällt es ihnen schwer, zu erkennen, warum es so kam; Recht und Unrecht zu unterscheiden und zur inneren Läuterung und Reifung durchzudringen. Dann aber ist ein Unheil erst wirklich und vollständig Unheil, wenn wir aus ihm nichts lernen.

Was über uns gekommen ist, ist schwer [furchtbar]; [doch ist es da] und wir müssen es tragen. Wir wollen aber auch die Gnade nützen, die uns darin geboten wird: das Ganze überschauen; Ursachen und Wirkungen verstehen und das Verhängnisbringende zuerst einmal in uns selbst zu überwinden suchen. Das ist dann auch der erste Ansatz zum Neuen.

Seit geraumer Zeit hat sich eine verhängnisvolle Art eingebürgert, die Geschichte aufzufassen: man hat sich nämlich gewöhnt, ihre Ereignisse wie Vorgänge der Natur anzusehen. In dieser geht alles nach Notwendigkeiten vor sich; die Naturmächte wirken, wie sie müssen, und aus ihnen kommen unausweichlich die entsprechenden Konsequenzen. Daher bildet das Geschehen der Natur einen einheitlichen Prozess, in welchem alles geht, wie es gehen muss. In der gleichen Weise hat die Wissenschaft auch das Leben der Völker ansehen wollen; als große Prozesse, in denen immer eines mit Notwendigkeit aus dem anderen folgt. Diese Anschauung hat sich dann ins Populäre übersetzt, und so konnte man überall hören: der Krieg musste kommen, weil die wirtschaftlichen Verhältnisse Deutschlands und seiner Nachbarn so und so waren. Man musste ihn führen, wie man ihn geführt hat, weil die moderne Kriegstechnik es so forderte, und so fort.

Diese Anschauung ist bis in die Wurzel hinein falsch. Kein geschichtliches Ereignis »muss kommen«. Gewiss verändern sich die Zustände, sammeln sich Spannungen an usw. und bilden so gleichsam das Feld, auf dem die künftige Geschichte sich zuträgt. Damit sie sich aber wirklich zutrage, muss gehandelt werden; und die Handlung geht aus der Überlegung, dem Urteil, dem Entschluss eines Menschen hervor. Zu sagen, »es musste so kommen«, klingt gescheit, ist aber in Wahrheit ebenso falsch wie feige. Warum ist das, was kam, wirklich gekommen? Weil es gewollt wurde. Von wem wurde es gewollt? Von denen, welche die Macht und die Verantwortung in der Hand hatten. Und warum haben sie es so gewollt? Warum haben sie ihre Pläne so gemacht, die Situationen so beurteilt, ihre Entschlüsse so gefasst? Weil sie sich zu einer bestimmten Anschauung vom Leben, vom Menschen, vom Staate entschieden hatten. Nicht in Entwicklungen und Zuständen; nicht in einem geschichtlichen »Muss«, nicht in einem geheimnisvollen »Schicksal« liegt die wirkliche Ursache dessen, was geschehen ist, sondern in dieser inneren Entscheidung bestimmter Menschen; in dieser »Weltanschauung«, die bewusst angenommen und mit allen, auch den verwerflichsten Mitteln durchgesetzt wurde.

Darum ist auch eine Frage, wie wir sie heute stellen wollen, nämlich die nach der Bedeutung von Wahrheit und Lüge, so wichtig. Die Weltanschauung jener, die in den vergangenen zwölf Jahren Deutschland beherrscht hat, ist nämlich wesentlich durch die Absage an die Wahrheit bestimmt. Damit meine ich nicht nur, dass sie die Unwahrheit gesagt hat. Sie hat mehr getan. Sie hat die Wahrheit abgeschafft – ebenso wie sie abgeschafft hat das Recht, die Ehrfurcht und die Barmherzigkeit.

Und wir wollen unsere Frage in der richtigen Weise stellen: ruhig und sorgfältig. Die gleiche »Weltanschauung« hat nämlich auch die Ruhe und den Ernst der Besinnung unmöglich gemacht. Der Mensch sollte nicht in jenen klaren Bereich eintreten, wo er vor das Ewige gelangt und zugleich vor sich selbst; wo er versteht, wie die Dinge des Lebens sich zutragen, und prüft, ob er es richtig macht. Das durfte nicht sein; so hat man immer nur Parolen gegeben, immer nur von Aktion, Bewegung und Tempo geredet. Nun, Aktion war da und Bewegung und Tempo auch. Immer schneller ist’s gegangen, wie es auf jeder Straße zu geschehen pflegt, die in den Abgrund führt!

Wir wollen aus dem Abgrund wieder heraus; so müssen wir eines lernen, die Geduld. Lassen Sie uns mit dieser Geduld heute bei unserer Frage anfangen.

II

Was ist also Wahrheit?

Sie fängt in den Dingen an. Sie wurzelt darin, dass die Dinge sind, wie sie sind; dass sie ihr Wesen haben. Wenn ich einen Stein in der Hand halte, kann ich nicht sagen: »Jetzt lasse ich ihn los, und er soll in der Luft liegen bleiben.« Das kann er nicht, sondern er fällt, denn so will es seine Wahrheit … Ich kann nicht erwarten, dass ein Rosenstrauch zur Winterszeit, wenn alles unter Eis und Schnee liegt, im offenen Garten blüht. Das würde gegen seine Wahrheit gehen. Er muss auf den Sommer warten … [Ebenso wenig kann ich von einer Schwalbe, die ganz auf das Fliegen angelegt ist, verlangen, sie solle auf dem Boden leben wie ein Huhn, und dabei gedeihen.] Jedes Tier hat seine Natur und darin liegt seine Wahrheit. Bis zu einem gewissen Grade kann es sich anpassen; darüber hinaus fängt die Unmöglichkeit an, und es geht zu Grunde.

Auch der Mensch hat eine solche Wesenswahrheit. Sein Körper gehorcht den Gesetzen, die für alle Dinge gelten. Wenn er vom Rand einer Anhöhe hinaus in die Luft träte, könnte er sich nicht halten, sondern müsste fallen. [Soll er leben und wachsen, dann muss er Nahrung haben, sonst verkümmert er und stirbt schließlich.] Mehr als ein gewisses Maß Hitze kann er nicht ertragen; was darüber hinausgeht, schädigt ihn und richtet ihn schließlich zu Grunde. Entsprechendes ließe sich über das Seelenleben des Menschen sagen, über sein Zusammenleben mit anderen und so fort. Überall zeigen sich bestimmte Gesetze, die von der Wissenschaft erforscht werden und auf denen sie die natürliche Lehre vom Menschen aufbaut.

III

Dann aber findet sich beim Menschen noch etwas anderes. Jedes Ding hat seine Wahrheit: das Wesen, in welchem es begründet ist und in dem es besteht. Der Mensch hat nicht nur selbst eine solche Wahrheit, sondern er vermag sie auch zu erkennen – die eigene sowohl wie die der Dinge. Wenn er etwas vor sich sieht, untersucht er es, vergleicht es mit anderem, überlegt, bis ihm klar wird: »So ist das! So ist es in sich selber; so verhält es sich zu anderem; so steht es im Zusammenhang des Ganzen.«

Das vermag nur der Mensch. Das Tier kann sich wohl, wie es für sein Fortkommen notwendig ist, unter den Dingen zurechtfinden; nicht kann es ihr Wesen erkennen. Der Vogel findet [erreicht] mit Sicherheit den Baum, in dem er sein Nest hat[, wir sagen, er »kennt« den Baum]; nicht aber »erkennt« er dessen Wesen. Sein Instinkt führt ihn sicher, niemals aber denkt er nach und versteht. Das vermag nur der Mensch, weil nur in ihm die Kraft des Geistes ist. Er allein kann sich die Wahrheit, die in den Dingen ist, innerlich zu Bewusstsein bringen, sie durchdringen, [sie verstehen, geistig] in ihr leben.

Durch die Wahrheit der Erkenntnis wird uns das Wesen der Dinge durchsichtig. Solange ein Ding nicht erkannt ist, steht es als Klotz Wirklichkeit da, verschlossen, dunkel und fremd. In der Erkenntnis öffnet es sich, tritt ins Licht, wird dem Geiste vertraut und bewohnbar.

Lassen wir uns einmal nahekommen, wie wunderbar das ist: »Ich kann das Wesen der Dinge verstehen. Ich kann das, was da draußen steht, in meinen Geist hereinholen. Ich kann auch mich selbst verstehen; mein Wesen, meine Aufgaben, meinen Weg. Ich kann zu erkennen suchen, welche Bewandtnis es mit dem Dasein überhaupt hat, wie ich selbst darin stehe …« [Durch die Erkenntnis wird mir die Welt zu eigen. Denn es gibt verschiedene Weisen, wie etwas mir gehören kann: die körperliche, indem ich es greife und halte; die seelische, indem ich es durch meinen Willen beeinflusse; aber auch die geistige, indem ich sein Wesen erkenne. Darin wird es zu meinem Eigentum.]

Der Mensch bedarf der Wahrheit. Von Wesen her trägt er in sich die Fragen: »Was ist das? Warum ist das so? Wie hängt das mit dem Übrigen zusammen? Was ist der Sinn davon? Wohin führt es?« Die Antwort auf diese Fragen ist die Wahrheit. Ihrer bedarf der Geist, so wie der Leib der Nahrung bedarf. Solange der Mensch nicht erkennt, ist er geistig in Dunkelheit und Gefangenschaft. Durch die Erkenntnis wird es in ihm hell, und es öffnet sich der innere Raum. Darin atmet und entfaltet sich sein Geist. Darin hat er Umgang mit dem Wesen der Dinge.

[In irgend einem Maße sucht jeder Mensch nach der Wahrheit, die seinen Geist hell und frei macht. Manche haben nach ihr ein solches Verlangen, dass sie ihr ganzes Leben an sie setzen und Entbehrung und Mühe auf sich nehmen, um sie zu erringen. Und wenn ihnen das in einem entscheidenden Schritt glückt, dann ist das eine Freude, als würden sie in die Werkstatt Gottes eingelassen.]

IV

Und nun kommt etwas anderes hinzu, scheinbar selbstverständlich, weil altgewohnt und täglich gebraucht, in Wirklichkeit aber ebenso groß und geheimnisvoll wie die Wahrheit selbst: das Wort. Der Mensch vermag die Wahrheit nicht nur zu erkennen, sondern auch sie zu sagen. Alle tiefere Erkenntnis fängt damit an; dass der Mensch die scheinbare Selbstverständlichkeit abstreift, die ja in Wirklichkeit nur Gewöhnung ist; dass er [der Mensch] vom Wesen eines Dinges berührt wird, und innehält: »Wie seltsam, wie mächtig, wie beunruhigend ist das!« Solche Verwunderung kann man natürlich nicht machen, sondern die muss über einen kommen; immerhin kann man sich Mühe geben, das Gewöhntsein abzuschütteln und sich innerlich aufzutun. Versuchen wir es diesem seltsamen Ding gegenüber, »Wort« genannt.

Es ist ein Gebilde von Tönen und Geräuschen. Der Mensch bildet es mit der Luft, die er ausatmet; durch die Schwingungen seiner Kehle und die Bewegungen seines Mundes. Es besteht in raschem Vorübergang; beginnt mit dem ersten Laut, endet mit dem letzten und ist nachher nur noch im Gedächtnis da. In dieses flüchtige Gebilde aus Lauten tut der Mensch die Wahrheit, die er im Sinn hat, und sendet es hinaus, buchstäblich aus seinem Munde hinaus, zum anderen Menschen hinüber. Es geht durch den Raum und langt beim anderen an – und was geschieht da? Zuerst ist die Wahrheit in meinem Bewusstsein [Gedächtnis] eingeschlossen. Was ich denke und empfinde, weiß nur ich selbst. Nun bilde ich das Wort und sende es zum anderen hinüber. Es enthält das, was vorher in mir verborgen war und trägt es durch den Raum. Rasch ist es verstummt, und alles ist wieder still – aber der drüben hat es vernommen. Es ist in sein Ohr, in seine Vorstellung, in seinen Geist eingegangen, und nun ist die Wahrheit, die erst nur in mir war, auch in ihm … Dann antwortet er; sendet seinerseits das in ihm Verborgene, die Erkenntnis, die sich an der meinigen entzündet [zum Mindesten bestimmt] hat, im Wort hinaus; es langt bei mir an, und nun ist sie in ihm und auch in mir. So geht die Wahrheit hinüber und herüber und wir beide gewinnen Anteil an ihr [und ebendamit Gemeinschaft unter uns].

Ist das nicht wunderbar, eine solche Rede und Gegenrede, ein solches Gespräch? Ich habe die Wahrheit in mir und teile sie dem anderen mit. Er nimmt sie auf; gibt, zustimmend oder widersprechend, einschränkend oder fortführend, das Seine hinzu und sendet mir das Ergebnis zurück? So wächst in uns beiden die Einsicht. Aber nicht nur das, es geschieht mehr: Wir haben in der Wahrheit Gemeinschaft

[Das ist etwas ganz Einzigartiges. Bedenken wir doch: den Geist als solchen kann man nicht sehen, hören, greifen. Er ist verborgen, er ist innerlich. Soll man ihn erfassen, dann muss er sich ausdrücken. Das tut er durch die Miene des Antlitzes, die Gebärde der Hand, die Haltung der Gestalt, den Laut eines Ausrufes. Das alles beschränkt sich aber auf einfache Dinge, Zuneigung oder Hass, Güte oder Härte, Bereitschaft oder Ablehnung. Was darüber hinausgeht: Wissen um das Wesen der Dinge; Absichten, die man hat; Werke, die einem im Sinn liegen; persönliche Beziehungen in ihrer Mannigfaltigkeit – alles das kann man nur im Wort ausdrücken. Im Wort wird der Geist offenbar. Und er, der an sich in die eigene Einsamkeit eingeschlossen ist, gewinnt durch den Austausch des Wortes mit dem anderen Geiste die Gemeinschaft der Wahrheit.]

Und wie die Gemeinschaft der Wahrheit, gibt es auch den Kampf um sie. Der Eine geht von diesem Standpunkt aus, der Andere von jenem; jeder sieht Richtiges, aber auch Falsches: in der Auseinandersetzung fördern sie sich gegenseitig. Mit den Stellungnahmen zu einer Frage verbindet sich auch Persönliches und droht die Wahrheit zu trüben: im Ringen der einen Persönlichkeit mit der anderen läutert sich die Sache heraus. Es gibt auch den Angriff auf die Wahrheit, wir werden noch davon zu sprechen haben: im Kampf wird sie geschützt, bestätigt, vertieft und entfaltet.

Die Gemeinschaft in der Wahrheit und der Kampf um sie: wie groß ist das! In Menschendingen gibt es nichts, was größer wäre – nur noch solches, das im Rang ebenbürtig ist: die Gerechtigkeit und die Liebe.

V

Die Erkenntnis der Wahrheit und das Wort, in dem sie sich ausspricht, bilden die Grundlage unseres ganzen Lebens.

So ist das schon in den alltäglichen Dingen. Wenn man nach dem Wege fragt, nimmt man als selbstverständlich an, dass man nicht irregeführt wird. Wenn einer sagt: »Draußen ist jemand«, verlässt man sich unwillkürlich darauf und sieht nach.

Bedeutungsvoller werden Wahrheit und Wort in den tieferen Beziehungen des Daseins. Freundschaft zum Beispiel kann nur auf der Grundlage der Wahrheit bestehen. Gewiss muss mir ein Mensch sympathisch sein, wenn er mein Freund werden soll, und damit senken sich die Wurzeln der Freundschaft in die Tiefe des unmittelbaren Lebens. Was aber aus dem bloßen Gefühl wirkliche Freundschaft macht, ihr Sinn und Charakter gibt, ist die Tatsache, dass zwischen uns Wahrheit herrscht. Jeder von uns muss wissen: »Der andere meint es aufrichtig mit mir. Wenn er mir etwas sagt, dann ist es so. Wenn er mir etwas verspricht, hält er es. Wenn es darauf ankommt, redet er.« … Freundschaft ist anspruchsvoll; wirkliche Freunde kann man nicht viele haben. Wohl aber kann man mit vielen in einer guten Kameradschaft stehen; etwa im Beruf, oder in der Sorge für die Dinge des öffentlichen Lebens. Hier ist die Wahrheit von vornherein die Hauptsache, denn Kameradschaft ist etwas Klares und Sachliches [Zuverlässiges]. So muss man wissen, der andere steht redlich zur Aufgabe [Sache] und redlich zum Kameraden … Wahrheit muss auch sein zwischen dem Arzt und dem Kranken. Dieser muss ehrlich sagen, wie er sich fühlt, wie er gelebt hat und was ihm zugestoßen ist, damit der Arzt Bescheid weiß. Der Arzt andererseits muss aufrichtig die Sache des Kranken vertreten, sodass dieser sich auf ihn verlassen kann … Auf Wahrheit und Vertrauen ruht das Verhältnis zwischen Lehrer und Schüler; zwischen dem Rechtsanwalt und dem, der seine Hilfe in Anspruch nimmt; zwischen dem Beamten und dem Staatsbürger, der ihm im Dienst begegnet und so fort. Alle Berufe sind auf Wahrheit und Vertrauen aufgebaut … Auf der Wahrheit ruht aber auch die Familie. Mann und Frau, Eltern und Kinder, Geschwister untereinander können nur dann richtig zusammen [miteinander] leben, wenn – trotz aller Heimlichkeiten im Einzelnen; wir wissen ja, wie leicht es dazu kommt – im ganzen doch Ehrlichkeit zwischen ihnen besteht.

Man kann das menschliche Leben als ein unendlich vielfältiges [kompliziertes] Gewebe aus lauter Beziehungen zwischen den Menschen ansehen. Manche, wie eine kurze Begegnung, sind flüchtig; in anderen knüpfen sich festere Bindungen, die vielleicht sogar, wie in einer Freundschaft oder eine Ehe, durch das ganze Leben dauern. [Manche sind oberflächlich, denken wir an solche des gesellschaftlichen und beruflichen Lebens; andere hingegen gehen tief, vielleicht bis ins innerste Herz.] Bei manchen geht es um das Persönliche, wie in den verschiedenen Formen der Sympathie; bei anderen um die Sache, so bei der Zusammenarbeit im Beruf und im öffentlichen Leben. Was auch der Inhalt all dieser Beziehungen sein mag: letztlich ruhen sie darauf, dass der eine es dem anderen gegenüber ehrlich meint und sein Wort verlässlich ist.

So sehr tragen Wahrheit und Vertrauen das ganze Leben, dass man sich darüber gar keine besonderen Gedanken macht. Nimmt man nicht unwillkürlich an, dass ein Mensch, den man fragt, mit der Wahrheit antwortet? Ist das Sagen der Wahrheit nicht das Selbstverständliche, Natürliche, Menschliche, gleichsam ein Grundrecht des Daseins? Muss man nicht erst durch bittere Erfahrungen darüber belehrt werden, wie oft das nicht der Fall und Vorsicht am Platz ist?

VI

Das ist aber tatsächlich so – denn derselbe Mensch, der die Ehre hat, die Wahrheit sagen zu können, kann auch lügen. [Das Tier kann es nicht, denn es kann auch nicht die Wahrheit sagen, sondern existiert in den Notwendigkeiten seiner Natur. Die verschiedenen Formen des Sich-Verstellens etwa, die wir im Tierreich finden, sind keine Lüge, denn in ihnen wird nichts behauptet. Der Käfer, der keine Bewegung mehr macht, wenn man ihn anrührt »stellt sich nicht tot«, denn er weiß weder vom Tot- noch vom Lebendigsein; sein Körper ist vielmehr so gebaut, dass er auf die Berührung mit dem Starrwerden antwortet. Nur der Mensch kann die Wahrheit verraten, weil er allein sie sagen kann; und nur er kann sie sagen, weil er allein der Erkenntnis fähig ist.]

In vielfacher Weise kann der Mensch den Verrat an der Wahrheit begehen. Er kann in einem Augenblick, in dem die Wahrheit gesagt werden müsste, sie verschweigen, sodass falsche Voraussetzungen entstehen. Er kann sie nur zum Teil sagen und dadurch das Ganze schief machen. Er kann die Dinge nach einer bestimmten Richtung hin färben und so bewirken, dass alles richtig und falsch zugleich wird – bis zur vollständigen Lüge, die einfachhin ableugnet, was ist, oder behauptet, was nicht zutrifft. Das alles aber nicht etwa nur im Scherz, sodass der andere merkt, es ist nicht ernst gemeint; auch nicht so, wie es im gesellschaftlichen Leben oft geschieht, dass der andere wissen muss, die Worte haben nur einen äußerlichen Sinn – sondern mit der Absicht, den anderen irrezuführen. Er soll sich auf das verlassen, was man sagt und glauben, was nicht wahr ist.

Wir wollen gewiss keine Sittenrichter sein und die Schwächen des Menschen zu Verbrechen machen, müssen uns aber doch klarmachen, was eigentlich in der Lüge geschieht. Vorhin haben wir gesehen, welch wunderbare Sache das Wort ist, das zum anderen Menschen hinübergeht und die Wahrheit zu ihm trägt; das Gespräch, welches sich zwischen Mensch und Mensch vollzieht und Gemeinschaft in der Wahrheit schafft. Wir haben gesehen, wie auf der Verlässigkeit [sic!] des Wortes unser ganzes Leben ruht. Und nun kommt die Lüge, [setzt seine Würde voraus,] rechnet darauf, dass der Mensch unwillkürlich bereit [geneigt] ist, ihm zu vertrauen, und missbraucht es. Sie trägt dem Hörenden, der auf Wahrheit wartet, Unwahrheit zu. Sie drängt ihn, der sich auf die Gemeinschaft in der Wahrheit verlässt, ins Verkehrte ab. So zerstört sie tatsächlich die Grundlage aller menschlichen Beziehungen.

Warum aber? Warum sagt der Mensch, was nicht ist? Warum täuscht er das Vertrauen? Wir kennen die Gründe gut. Man sieht eine Unannehmlichkeit vor sich und sucht sich ihr zu entziehen. Man kann einen Vorteil auf geradem Wege nicht erreichen und versucht es auf krummem. Man hat Abneigung gegen jemand und will ihm schaden – und so fort.

Unzählige Gründe gibt es für die Lüge, einen immer armseliger und schlimmer als den anderen – bis zur Versuchung [Lust], sich an der Wahrheit zu vergreifen, und zum Hass, sie zu zerstören.

Und nun bitte ich aufrichtig sprechen zu dürfen. Immer haben die Menschen die Unwahrheit gesagt; immer hatten sie kleine und große Gründe, das Vertrauen des anderen zu täuschen – aber noch nie in der deutschen Geschichte ist die Lüge zu einer solchen Macht geworden, wie in den vergangenen zwölf Jahren. In dieser Zeit gab es vieles, was einen wohlgeschaffenen Menschen bedrückte: all die Ungerechtigkeit, die er hinnehmen musste; all die Gewalt, die ihm angetan wurde; all die Zerstörung dessen, was ihm heilig war [die ganze Flut der Minderwertigkeit, die sich auf allen Gebieten des Daseins eindrängte] – eines aber war besonders schlimm: die [von den Führern des öffentlichen Lebens ausgehende] unablässige Lüge.

Um mit dem zu beginnen, was uns unmittelbar im Gedächtnis steht: Wie ist das Volk über die Dinge des Krieges getäuscht [belogen] worden: über die Leistungsfähigkeit der Industrie, über den Stand der Ernährung, über die Bedeutung neuer Waffen, über den sicheren Sieg … Und nicht nur so, wie das immer geschieht, um [das Volk] zur Ausdauer und Leistung anzuspornen, solange ein Erfolg möglich ist, sondern auch, als schon alles verloren war, und nur noch das private Interesse der Verantwortlichen für den Kampf sprach.

Aber die Lüge hat nicht erst da angefangen, sondern schon gleich zu Beginn des dritten Reiches, das tausend Jahre dauern sollte und nach zwölfen zusammengebrochen ist. Sehen wir ab von all den unzähligen Täuschungen, um zur Macht zu gelangen. Sprechen wir von der Art, wie man »führte« und »baute« und die »neue« hohe Kultur begründete.

Da ist vor allem die Lüge über sich selbst. Im Eigenen gab es nur Vortrefflichkeit; das Schlimme war immer anderswo. Der deutsche Mensch wurde dazu erzogen, die Ursache aller Übel nur bei anderen zu suchen, nie bei sich selbst. Das Ganze unterbaut durch eine »Wissenschaft« von der Rasse, über welche ernste Forscher nur den Kopf schütteln konnten. Haben wir uns schon einmal klargemacht, was für eine furchtbare Sache es ist, wenn jemand, gar ein ganzes Volk, einen Sündenbock hat, der an allem schuld ist; ob dieser Universalschuldige nun das Judentum [der Jude] ist, oder das Christentum? Dass es das Ende jedes sittlichen Ernstes bedeutet, weil der Mensch, der so denkt, überhaupt nicht mehr dazu kommt, sich selbst zu prüfen? Weil er blind und taub im Unrecht wird? Das ist aber geschehen, unablässig, überall und in jeder Weise [in Rede, Zeitung, Rundfunk, Schule, Lager].

Wie hat man die deutsche Geschichte verfälscht [mit vollem Bewusstsein und voller Absicht], sodass der Hörer meinen musste, von den Zeiten eines Bonifatius bis 1933 sei nur Verrat am deutschen Wesen getrieben worden, und die eigentliche deutsche Geschichte habe jetzt erst begonnen! Soweit man es nicht fertig brachte, die Vergangenheit nach dem eigenen Programm umzulesen [umzulügen], bis zu Grotesken [Ungeheuerlichkeiten] wie denen, der grundchristliche Johann Sebastian Bach, der lautere Hölderlin und der kindlich fromme Bruckner hätten zur neuen Weltanschauung gehört – sie, die sich mit Empörung von ihr abgewendet haben würden!

Was hat man vom Christentum behauptet! Wie hat man seine Lehren entstellt, seine Einrichtungen heruntergerissen, seine großen Persönlichkeiten besudelt; bewusst, methodisch, in der Schule, im Lager, in der Zeitung und im Buch, vor Kindern, vor Jugendlichen, vor Erwachsenen, bei jeder nur erdenklichen Gelegenheit! Wie hat man seine Gesinnung ins Gefährliche und Verächtliche verkehrt, sodass jeder, der nicht im Stande war, die Unwahrheit zu durchschauen, vor ihr Abscheu empfinden musste!

Und so fort, auf jedem Gebiete – sodass es gar nicht zu begreifen ist, wie in dem edlen deutschen Volke, das die geistigen Dinge immer so hoch gehalten hat, Derartiges möglich werden konnte. Hat man nicht den eigenen Anhängern eingeprägt: »Behauptet darauf los, immer wieder, trotz aller Widerlegungen; am Schluss bleibt immer etwas hängen, und Ihr habt gewonnen«? … Hat man nicht eine richtige Technik der doppelten Wortbedeutungen ausgebildet, und gehörte es nicht zur politischen Tüchtigkeit, sie so zu brauchen, dass man jederzeit von der einen auf die andere hinüberwechseln konnte? Haben nicht viele Worte einen doppelten Boden gehabt, den man nach Belieben herauszog? Nehmen Sie ein Beispiel für viele: das »positive Christentum«, von dem immer die Rede war. Das konnte bedeuten, man wolle an Stelle eines veräußerlichten, politisierten Christentums das richtige, die Frömmigkeit des Herzens und den Ernst der sittlichen Gesinnung setzen; es konnte aber auch etwas bedeuten, das sich vom Unglauben überhaupt nicht mehr unterschied … Hat man nicht das System der verschiedenen Initiativen geschaffen, von denen die eine so sagte, und die andere das Gegenteil tat? Ist nicht von verantwortungsvollster Stelle das Wort geprägt worden: »Was der Staat wegen seines empfindlichen Organismus nicht kann, das macht die Partei?« Was bedeutete das? Es bedeutete zum Beispiel, dass der Staat einen feierlichen Vertrag mit der Kirche schloss, worin er dieser mit klaren Worten die volle Freiheit des religiösen Lebens zusicherte; die Partei aber, das heißt die Leitung des gesamten öffentlichen Lebens in jeder Weise das religiöse Leben hinderte, unterhöhlte, verächtlich machte … Musste das alles dem Menschen nicht die Möglichkeit nehmen, sich ein Urteil zu bilden? Ruht aber nicht auf Urteil und Überzeugung alles das, was Charakter heißt? Und war es nicht die letzte Absicht dieser ganzen Lügentechnik, dem Volke den Charakter zu nehmen, und es so zu einer willenlos preisgegebenen Masse zu machen?

Dazu kam, dass niemand sich gegen all die Lüge wehren konnte. Wir haben vorhin vom Kampf um die Wahrheit gesprochen: dazu gehört aber die Möglichkeit offenen Redens. Doch die gab es nur für die regierende Weltanschauung. Gegen das, was ihr nicht genehm war, gegen das Christentum zum Beispiel, durfte das Böseste und Verächtlichste gesagt und geschrieben werden; die aber, denen so ihr Heiligstes angegriffen wurde, konnten sich nicht verteidigen. Sie konnten nichts sagen oder schreiben, was den Entstellungen und Entehrungen wirksam entgegengetreten wäre. Hier gab es weder Freiheit noch Recht. Auf Deutschland hat nicht nur die Macht, sondern der Terror der Lüge gelastet!

Alles das kann man aber nicht durch Jahre hin tun, ohne dass es die Gesinnung des Volkes selbst erfasst. So wurde die Unwahrhaftigkeit weithin zur selbstverständlichen Haltung. Weithin wurde der als rechter Kerl angesehen, dem, wenn es galt, die Lüge [natürlich und] mühelos vom Munde ging. Ja, Erzieher und Fürsorgetätige stellen mit Schrecken fest, dass bei vielen der Sinn für Wahr und Falsch überhaupt verloren gegangen ist. Dass an Stelle des Maßstabes: »ist das wahr?« bei ihnen getreten ist: »hat es Erfolg? komme ich durch?« Und wenn der Erfolg erzielt, wenn man durchgekommen ist, dann ist alles in Ordnung. Aber es war ja noch schlimmer! Das Überhandnehmen der Lüge war nicht nur politische Skrupellosigkeit, die nicht sah, dass sie um ihrer Zwecke willen die Grundlagen alles volklichen und staatlichen Lebens zerstörte, sondern es ging weithin aus Grundsatz hervor. Das klingt hart, trifft aber zu … Es ist wichtig, zu sehen, dass die Praxis des Alltags auf geistigen Entscheidungen ruht, welche durch bedeutende Menschen vollzogen worden sind. So geht auch die Weltanschauung, welche zwölf Jahre auf uns gelastet hat, auf verschiedene Ahnen zurück; einer der wirksamsten, dessen Gedanken denn auch bewusst verbreitet wurden, war Friedrich Nietzsche. Er hat gesagt: Das Entscheidende im Dasein ist nicht die Wahrheit, das Gute, das Rechte, sondern das Leben. [Nicht soll sich das Leben nach der Wahrheit, sondern die Wahrheit soll sich nach dem Leben richten.] Wahrheit ist überhaupt nichts, was in sich selber steht und gilt, sondern wahr ist der Gedanke, der das Leben fördert. »Wahr« ist, was stark macht; »Lüge« ist, was schwächt – und so fort, in unzähligen Abwandelungen [szc/]. Wie Nietzsche zu solchen Sätzen kam, können wir hier nicht untersuchen; wir müssten die Krankheitsgeschichte des abendländischen Geistes durch Jahrhunderte zurückverfolgen. Jedenfalls hat er die Wahrheit vom Throne gestoßen, und an ihre Stelle die Kraft, den Reichtum, das Gedeihen des Lebens gestellt. Nehmen Sie aber diesen Gedanken aus der Hand eines hochstehenden und sehr kultivierten Geistes, der Nietzsche war, und geben Sie ihn in die skrupelloser, halbgebildeter Leute, dann entsteht daraus, was entstanden ist.

Sie dürfen mir glauben, verehrte Zuhörer, das alles habe ich nicht gesagt, um mir Luft [große Worte] zu machen, oder um etwas herunterzureißen, sondern aus Überzeugung und Pflicht. Ich hatte unter dem besonderen Gesichtspunkt unseres Themas zu zeigen, wie es denn mit dem steht, was sich im Laufe der letzten zwölf Jahre als die »Weltanschauung des deutschen Menschen« ausgegeben und in Wirklichkeit alles dem echten deutschen Menschen Ehrwürdige verneint hat.

Die Folgen aber sind unabsehbar. Was durch diese Entfesselung der Lüge in der Ethik des öffentlichen Lebens, in den Beziehungen zwischen Lehrer und Schüler, Arzt und Kranken, Beamten und Staatsbürger, ja bis in das Gefüge der Familien hinein zerstört worden ist, können wir heute noch gar nicht beurteilen. Es wäre sicher für jeden eine heilsame Übung, in der eigenen Umwelt einmal darauf zu achten.

Hier möchte ich nur noch auf etwas hinweisen, an das man selten denkt. Vor Zeiten sprach ich mit einem klugen Arzt darüber, was eigentlich »Krankheit« bedeute. Die Rede ging naheliegenderweise zuerst auf die Krankheit des Körpers: was sie im Haushalt des Lebens bewirkt, wie sie einerseits zerstört, andererseits aber auch aufbaut und so fort. Dann fragten wir uns, ob es auch eine Krankheit des Geistes gebe? Gewiss, war die Antwort, alle jene Störungen und Zerstörungen, die man in den Nervenheilanstalten behandelt. Betreffen die aber eigentlich den Geist? Sind es nicht in Wahrheit Krankheiten des Gehirns und der Nerven; Störungen in der Art, wie sich die Vorstellungen bilden und aneinanderreihen, wie die Gefühle ablaufen, wie der Wille Richtung nimmt und so fort? Kann der Geist selbst krank werden? So meinten wir zuerst, das gehe doch wohl nicht, denn der Geist sei ja etwas ganz Unkörperliches und Einfaches, das keiner Zerstörung zugänglich sei. Trotzdem hatten wir das Gefühl, damit sei die Sache noch nicht erledigt, und schließlich wurde uns klar: Auch der Geist kann erkranken – und zwar dann, wenn der Mensch von der Wahrheit abfällt. Nicht schon, wenn er lügt. Auch nicht, wenn er es oft tut. Das ist natürlich schlimm; es greift aber sozusagen nur die Tätigkeiten und Gewohnheiten des Geistes an, noch nicht seine Substanz. Das geschieht erst, wenn ein Mensch von der Wahrheit abfällt; wenn er sich überhaupt nicht mehr um sie kümmert; wenn er sich und andere gewöhnt, nicht mehr zu fragen: »was ist wahr« sondern nur: »wie komme ich durch«; wenn er den Unterschied zwischen Wahrheit und Lüge überhaupt nicht mehr fühlt – dann wird der Geist selbst krank, weil er von der Wahrheit lebt.

Und man kann sich nicht helfen: Wenn man sieht, wie die Dinge in Deutschland in der letzten Zeit gegangen sind; wie der Krieg fortgesetzt wurde, als kein Sinn noch Verstand darin war; wie man eine Stadt um die andere, eine Provinz um die andere zerstören ließ, für nichts und nichts und noch einmal nichts; und nicht nur solche das taten, die sich dadurch noch für eine Weile von der Rechenschaft für ihre Handlungen [Taten] retten wollten, sondern auch so und so viele andere in einem völlig [unbegreiflichen] sinnlosen »Gehorsam« – meine verehrten Zuhörer, dann muss man sich sagen: Hier hat eine furchtbare Krankheit des Geistes gewütet. Die ist weder aus Überanstrengung, noch aus Entbehrung, noch aus erlittenen Ängsten, oder aus welchen psychologischen Gründen sonst gekommen, sondern aus dem Abfall von der Wahrheit, den die für die Erziehung und Führung des deutschen Volkes Verantwortlichen in sich selbst vollzogen und durch eine unablässige Beeinflussung – Propaganda, Erziehung, Schulung – in das Volk hineingetragen haben. Dadurch ist der Sinn für die Wirklichkeit, für das Verhältnis von Hauptsache und Nebensache, von Groß und Klein, von Dauer und Augenblick, mit einem Wort, für die Ordnung des Daseins in einer Weise zerrüttet worden, dass zuletzt im Verhalten der Gesamtheit überhaupt kein Sinn mehr zu erkennen war.

Jeder aber wird sich – in großem Ernst und in der Verantwortung für sich und für andere – fragen müssen, wie weit er selbst diese Krankheit in seinen Lebensbereich eingelassen hat. Und eines bedenken: die körperliche Krankheit wird geheilt, indem man die beschädigten Organe behandelt, gestörte Funktionen reguliert und fehlende Stoffe zuführt. Eine psychische Krankheit, indem man die Nerven beruhigt und das Gefüge der Triebe und Vorstellungen in Ordnung bringt. Was aber die geistige Krankheit angeht, so gibt es für sie nur einen Weg zur Gesundung: der von ihr Betroffene muss seine Gesinnung ändern. Er muss erkennen, dass er von der Wahrheit abgefallen ist und sich mit dem Innersten seines Herzens wieder zu ihr hinkehren. Er muss in seinem Leben wieder die Hoheit der Wahrheit aufrichten. Von da aus wird sich allmählich seine Gesundung vollziehen … [Das Furchtbare ist nur, dass die Führung und Menschenbildung der vergangenen zwölf Jahre an vielen Stellen einen Menschentypus herangezüchtet hat, der – menschlich gesprochen – einer solchen inneren Umkehr nicht mehr fähig scheint.]

VII

Was wir da bedacht haben, war nicht schön, aber wir mussten uns darüber klar werden. Wir müssen wissen, welches die schlimmste Zerstörung ist, die sich in den vergangenen Jahren ereignet hat. Nicht die der Häuser und Fabriken und Eisenbahnen, so groß die ist; die schlimms­te ist die innere, geistige – und darin vor allem die Zerstörung der Wahrheit: die Art, wie sie aufgefasst, wie mit ihr umgegangen und wie ihr Werkzeug, das Wort gebraucht wird.

Hier liegt unser aller Aufgabe. Entschuldigen Sie diese moralische [sittliche] Anrede, die ja eigentlich nicht in einen Vortrag gehört; aber die Not der Zeit drängt so sehr, dass sie rechtfertigt, was sonst nicht am Platze wäre. Hier, im Verhältnis zur Wahrheit liegt für uns alle eine große von der Zeit her gestellte Aufgabe. Wir wollen aus der Zerstörung heraus. Wir wollen wieder ein Leben aufbauen, das würdig und fruchtbar ist. Dazu müssen wir innerlich bei der Wahrheit anfangen.

Erinnern Sie sich, was die Heilige Schrift über den Beginn des Bösen auf Erden sagt? Sie sagt, dass er in einer Lüge bestand. Der Versucher redete den Menschen ein, Gott habe ihnen den Baum der Entscheidung deshalb verboten, weil Er ihnen die Erkenntnis nicht gönne. Dieses Wort hat den Sinn der Wahrheit in ihre ewige Wurzel, in Gottes Gesinnung hinein verdreht. Damit hat das Böse angefangen. Also fängt das Gute, fängt der Aufbau jedes guten Daseins damit an, dass man sich zur Wahrheit entschließt.

[Zum Wesen der Wahrheit gehört die Hoheit. Sie gilt unbedingt, ohne Warum und Wozu. So muss sie um ihrer selbst willen, ohne Rücksicht noch Seitenblick bejaht werden.

Nietzsche – und vor ihm der Pragmatismus haben gesagt: Es gibt keine in sich selbst gültige Wahrheit. Was es gibt, ist nur Lebenswichtigkeit. Ein Gedanke ist »wahr«, wenn er dem Leben voranhilft; wenn er stärker, reicher, froher, freier macht. Um dieser Bedeutung willen wird er angenommen. Sobald er diese Bedeutung nicht mehr hat, hört er auf, »wahr« zu sein, und man muss ihn »umwerten«. Das heißt aber, dass die »Wahrheit« sich im Laufe der Geschichte wandelt, und, was für ein Zeitalter wahr ist, für ein anderes falsch sein kann. Damit ist nicht nur gemeint, dass der Mensch in seinem Forschen weiterkommt und Anschauungen voraufgehender Zeiten als Irrtum erkennt, sondern dass sich die Wahrheit in sich selbst ändert, etwa so, wie das die Sitten oder die Formen des Gesellschaftslebens tun.

Das klingt sehr philosophisch, und es können dazu sehr tiefsinnige Dinge gesagt werden; Tatsache ist, dass von hier aus nur wenige Schritte führen bis zu dem Satz: »Wahr ist, was mir hilft.« Das heißt aber, zur Lüge als Grundsatz und Lebenstechnik. Nein, die richtige Gesinnung der Wahrheit gegenüber fängt damit an, dass der Mensch nicht fragt: »was wirkt sie und wozu dient sie?«, sondern: »was sagt sie, in sich selbst, ohne Warum und Wozu?« Die richtige Gesinnung fängt damit an, dass er die Hoheit der Wahrheit erkennt und ehrt.]

Vom mehrfach genannten Nietzsche stammt das Wort: »Wehe dem Leben, das keine Höhe über sich hat.« Das ist tief wahr. Wehe dem Leben, das sich selbst überlassen ist, in sich selbst wuchert und wühlt und wütet. Es muss eine »Höhe über sich« haben; etwas, nach dem es sich richtet, und an das es sich hält. »Höhe« ist das, was »Hoheit« hat: die Wahrheit, die in sich gilt; die Gerechtigkeit, die um ihretwillen fordert. Ebendadurch, dass Wahrheit und Gerechtigkeit keinen Zwecken unterstehen, sondern in sich selbst gelten, helfen sie dem Leben. Das Wichtigste für das Leben ist, dass es auf etwas stoße, was sich vor ihm nicht beugt, sondern vor dem es selbst sich beugen muss, unbedingt, ohne Zweck noch Absicht, ohne Rücksicht noch Seitenblick. Darin wird es frei; darin berührt es die Ewigkeit, darin hat es Halt und Richtung.

Erster Vortrag im Rahmen der »Religiösen Ansprachen über christliche Weltanschauung«, gehalten am Sonntag, 5. August 1945, in der Kirche St. Johann Baptist in Memmingen, am Donnerstag, 16. August 1945, in der Martin-Luther-Kirche in Ulm, sowie am Sonntag, 23. September 1945, im katholischen Gesellenhaus in Stuttgart.

Quelle: Romano Guardini, 1945. Worte zur Neuorientierung, hrsg. v. Alfons Knoll unter Mitarbeit von Max A. Oberdorfer, Ostfildern-Paderborn: Grünewald–Schöningh, 2015, S. 61–80.

Hier der Text als pdf.

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