Aus Freude an Gott. Warum ich Christ bin
Von Eberhard Jüngel
1. Frage auf Frage
Warum ich Christ bin?
Weil ich ein unverbesserlicher Egoist bin?
Weil ich gern etwas Besonderes wäre?
Weil andere auch etwas sind?
Weil ich das Kind im Manne nicht loswerden kann oder will?
Weil ich gern spiele: ich sehe was, was Du nicht siehst?
Weil ich ein bißchen verrückt bin? Oder ganz und gar?
Weil ich wahrheitsbesessen bin?
Weil ich frei sein will und immer freier noch werden möchte?
Und das auch anderen wünsche?
Weil ich mich immer wieder ernüchtern lasse?
Weil ich, wenn ich schon älter werde und alt, doch nicht hoffnungslos veralten möchte?
Weil ich ein neuer Mensch zu werden für interessanter halte als ein alter zu bleiben?
Weil ich den Rollenwechsel liebe?
Weil ich mich gern vergessen möchte?
Weil ich mich überhaupt erst einmal finden will?
Weil ich Wünsche habe, die längst schon erfüllt sind?
Weil ich mich meiner Ohnmacht nicht schäme oder doch wenigstens nicht schämen möchte?
Weil ich keine Angst vor der Angst habe, aber viel Angst?
Weil ich zuviel in der Bibel gelesen habe? Oder zuwenig?
Weil ich nicht aufhören möchte, Theologe zu sein?
Weil ich gern gute Choräle singe?
Weil ich gern Ja sage und nur insofern auch Nein?
Weil ich nicht aufhören möchte, Du zu sagen und Vater und wir?
Weil ich mich meiner Sünden schäme?
Weil ich Gott etwas zutraue?
Weil ich dem Teufel gern Schaden zufüge?
Weil ich mich gern erfreuen lasse?
Weil ich gern ewig leben würde und unser Leben so kurz ist?
Weil ich die Langweiligkeit hasse?
Weil ich nicht leben kann, ohne sterben zu müssen?
Weil ich nicht sterben kann, ohne mein Leben zu lieben?
Weil ich auf Gott nichts kommen lasse?
Weil ich in einem unchristlichen Elternhaus aufgewachsen bin?
Weil Pastor Beck uns summa summarum einen ordentlichen Konfirmandenunterricht erteilt hat?
Weil ich einen Hang zur Opposition habe?
Weil die Kirche interessanter war als die Schule?
Weil das Kreuz Jesu Christi mir keine Ruhe läßt?
Weil ich Ruhe und Unruhe für keine Alternative zu halten vermag?
Weil Ostern – das einzige wirklich revolutionäre Ereignis! – ein Fest ist, das ich immer wieder feiern möchte?
Weil ich gern über mich selber lache, aber auch über andere?
Weil ich Ohren habe, zu hören, und Augen, zu sehen?
Weil ich wenigstens für entscheidende Dinge ein einigermaßen gutes Gedächtnis habe?
Weil ich so undankbar nun auch wieder nicht bin?
Weil die Weltgeschichte eben nicht das Weltgericht ist und doch alles, was geschieht, ein Recht darauf hat, gerecht beurteilt zu werden?
Weil ich anerkannt werden will, ohne daß ich anerkannt zu werden verdiene?
Weil ich einfach keine Transzendenzerlebnisse habe?
Weil ich nur unter einem geöffneten Himmel der Erde treu zu bleiben vermag?
Weil ich endlich aufhören möchte, immer ich und weil ich zu sagen?
Weil ich das gern bete: Vater unser, der Du bist …?
2. Rumorende Antwort
Die Frage ist klar. Die Antwort muß erst klar werden. Sie lautet: Ich bin Christ, weil Gott für mich ein erfreuliches Wort ist. Doch warum? Was macht das Wort Gott, das für nicht wenige meiner Zeitgenossen nicht einmal mehr ein sinnvolles Wort ist, so erfreulich, daß es mich Christ sein, bleiben oder immer neu werden läßt?
Es spielt so viel mit, wenn ich sagen soll, warum ich ein Christ bin. Und ganz gleichgültig ist es für die Beantwortung dieser Frage ja auch nicht, wem ich da Rede und Antwort stehen soll. Einem hohen Gericht? Einem Christenverfolger? Einem angefochtenen Menschen? Einem der frommen Inquisitoren, die auch in der neuesten Neuzeit nicht aussterben? Einem wißbegierigen Jüngling? Einem Christen, der es selber gern wüßte? Einer neugierigen Öffentlichkeit, die eine Antwort auf diese Frage ohnehin für unmöglich hält? Oder gar keinem Menschen, sondern – Gott selbst?
Warum ich Christ bin? Ich will mich gern von jedem befragen lassen. Aber Rede und Antwort stehe ich in einer für mich so entscheidenden Sache zunächst und vor allem einmal mir selbst. Und deshalb nahm ich mir die Freiheit, auf die unbestreitbar klare Frage nicht gleich mit einer ebenso klaren, aber dafür vielleicht belanglosen Auskunft zu antworten, sondern mit einer Reihe von Fragen einzugehen, die sich jedenfalls auch stellen, wenn ich sagen soll, warum ich ein Christ bin. Dabei mochte die Antwort, die in mir rumort, wenigstens klar zu werden beginnen.
3. Eine andere Frage?
Warum ich Mensch bin? So kann man nicht fragen. Der Mensch ist ohne Warum. Ich bin, weil ich bin. Mehr wäre weniger.
Wollte man es wagen, unser Menschsein eigens mit Gründen zu versehen, so wäre man auch schon im Begriff, über die Abschaffung des Menschen zu räsonieren: heute dieses und jenes Menschen und morgen – wer weiß – so gut wie aller. Ich verbitte mir und verbiete es mir, mein Dasein noch eigens begründen zu wollen. Denn ich habe Angst, daß unser Menschsein keinem der doch immer nur nachzuliefernden Gründe genügt. Und was dann?
Zudem heißt begründen: Seiendes auf Seiendes zurückführen. Auf diese Weise läßt sich – vielleicht – erklären, warum aus dem tierischen Tier das vernünftige Tier, das »animal rationale« geworden ist, das auch Mensch heißt. Aber warum ich Mensch bin? Niemals. Der Mensch ist durch nichts zu begründen. Sein Dasein ist Sein aus dem Nichts. Und alle Familiengeschichte, Menschheitsgeschichte, Naturgeschichte – sie mag viel oder alles erklären — begründet mich nicht. Menschsein ist der Ernstfall der Frage, warum überhaupt etwas ist und nicht vielmehr nichts. Und diese Frage läßt sich nicht abermals durch den Rekurs auf etwas erledigen. Sie bleibt. Und sie zeigt an, daß Menschsein keinen Grund hat.
Andererseits: Hat denn was keinen Grund hat noch einen Sinn? Ist grundloses und unbegründbares Menschsein nicht sinnlos? Müssen wir sinnlos leben und sterben?
Ich weiß nicht, was Sinn ist. Die Frage nach dem Sein von Sinn hat mir noch niemand beantworten können. Deshalb mißtraue ich dem Verlangen nach Sinn. Wer Sinn will, will mehr als das, was da ist und da sein kann. Doch was ist eine Rose mehr als eine Rose? »Sie blühet, weil sie blühet.« Und die Liebe! Wer, wenn er liebte, würde ernsthaft noch nach dem Sinn von Liebe fragen? Wahrscheinlich stellt sich die Frage nach dem Sinn überhaupt nur dort, wo etwas fehlt. Das Verlangen nach Sinn zeigt an, daß das Leben verletzt ist. Und wie! Unverletztes Leben wäre sinnlos glücklich.
Sinn hat für mich immer den fatalen Beigeschmack von Vertröstung mit ihren im Grunde trostlosen Anleihen bei einer Zukunft, die der Gegenwart nur eben dies voraus hat, daß sie noch nicht ist und eben deshalb viel verspricht, ohne falsifiziert werden zu können. Noch nicht. Aber dann?
Trost ist besser als Sinn und Vertröstung. Trost bleibt der schmerzlichen Gegenwart treu. »Ich will Euch trösten wie einen seine Mutter tröstet.« Das ist eine Verheißung, die das Fragen nach dem Sinn sinnlos und nach dem Grund grundlos macht. Denn die Mutter tröstet ihr Kind, indem sie es jetzt in die Arme nimmt, und so, ohne einen höheren Sinn oder einen tieferen Grund zu beschwören, das verletzte Dasein ihres Kindes rechtfertigt. Nicht was sie dabei für Trostlieder singt, sondern daß sie es tut, ist entscheidend. Ihre bloße Gegenwart hilft dem Kind. Es gibt dem Dasein des Kindes zwar keinen Sinn, daß die Mutter ihm unmittelbar nah ist. Aber es tröstet. Und das getröstete Kind gewinnt aus so versöhnter Gegenwart neuen Mut zu seinem Dasein, das in nichts begründet und deshalb immer vom Nichts bedroht ist. Aus getröstetem Leben erwächst die Möglichkeit, getrost da zu sein. Warum ich Mensch bin? So kann man nicht fragen und so braucht man nicht mehr zu fragen, wenn man getrost ist. Statt nach Grund und Sinn des Menschseins zu fragen, wendet man sich dann dem zu, was da ist und bedenkt dessen Möglichkeiten. Vor allem das Menschsein ist dann frei vom Begründungszwang. Unser menschliches Wesen besteht dann in unserem Dasein, das als solches schon gerechtfertigt ist.
Das ist der Trost, den ich habe, weil ich ein Christ bin. Von einem ganz Anderen getröstet wie ein Kind von seiner Mutter erfahre ich mich und jeden Menschen als gerechtfertigtes Dasein. Menschsein heißt: ein gerechtfertigter Mensch sein. Der Christ kann etwas davon erzählen. Und er lebt von dieser Erzählung. Das unterscheidet ihn von anderen Menschen. Mehr nicht.
Doch wer erzählen will, muß die Personen der Geschichte beim Namen nennen. Ich bin Christ, weil ich etwas davon erzählen kann, daß Jesus Christus mein einziger Trost ist im Leben und im Sterben.
4. Bedachte Antwort
Warum ich Christ bin? So kann man fragen. Ein Christ ist nie bloß ein Zufall oder unbefragbare Notwendigkeit. Christsein hat Gründe. Es mag zwar viel Zufall und noch mehr blinde Notwendigkeit im Spiel gewesen sein, als ich ein Christ wurde. Doch nun bin ich es und will es gern sein. Wer Ich sagt und Christ, und wer das gern sagt Ich bin ein Christ, der hat viel gefragt und ist bereit, sich befragen zu lassen. Und inmitten vieler möglicher Antworten wird er eine einzige nennen, die ihn seines Christseins jenseits – oder auch diesseits – von Zufall und Notwendigkeit gewiß macht. Die eine einzige Antwort wird sich vielfach formulieren lassen, ohne deshalb schon eine jeweils andere Antwort zu sein. Darauf kann man es ankommen lassen. Ich formuliere sie so, daß der, der sie verstehen will, sich auf eine Geschichte einlassen muß.
Ich bin Christ, weil ich mit dem Wort »Gott« etwas anfangen kann und glaube, daß Gott erst recht mit mir – und keineswegs bloß mit mir – nicht nur etwas anfangen kann, sondern längst schon etwas angefangen hat. Von Gott aus dem Nichts ins Dasein und zur Welt gebracht worden zu sein – das ist ein guter Anfang. Durch Gott vor den Gefahren des Nichts im Dasein bewahrt zu werden – das ist mehr als nur Anfang. In Jesus Christus aus der Selbstvernichtungstendenz der Menschheit definitiv errettet dazubleiben und trotz aller selbstverschuldeten Unfreiheit als ein freier Herr aller Dinge anerkannt zu werden, der niemandem untertan ist – das ist inmitten eines sein eigenes Ende bewirkenden Lebens noch einmal ein neuer und erst recht guter Anfang, der mich, wenn ich nicht schon Christ wäre, veranlassen würde, sofort einer zu werden. Und nun bin ich gespannt, wie Gott zu Ende führt, was er längst schon begonnen hat. Im Vertrauen auf ihn lebe ich. Im Vertrauen auf ihn hoffe ich sterben zu können. Daß Gott mit mir, aber nicht nur mit mir, etwas angefangen hat, ist allerdings eine ambivalente Gewißheit. Es könnte mich wohl auch verrückt machen, daß ein Gott mich geschaffen hat samt allen Kreaturen. Denn das heißt immerhin, daß alles gleichermaßen: daß Freude und Leid, Leben und Tod, mathematische Eleganz und verhungernde Kinder, königliche Gedanken und lächerliche Zahnschmerzen, Don Giovannis Champagnerarie und die Schreie gefolterter Menschen, Botticellis Frühling und marschierende Stiefel, entzücktes und verzweifeltes Schweigen, Wirtschaftswunder und Terrorismus, der Duft der Linde im Juni und Gasmasken, Energiegewinn und Hiroshima, Seveso und wer weiß was noch, Sils-Baselgia und die Habilitationsschrift von … im Koffer, der Papst und die Pille, die Pille und der Papst, Herren und Knechte, Katzen und Mausefallen, Roter Platz und Stalins Leiche s.c., Martin Heidegger und das Dritte Reich – ganz zu schweigen von Bloch! —, meine Pflicht und mein Versagen, der gestirnte Himmel über uns, das moralische Gesetz in uns und die nur zu oft unmoralische Geschichte, die durch uns geschieht, mit ihren gleichwohl lebenswerten Einzelgeschichten – daß das alles, eines wie das andere dem Erzanfang entsprungen ist, den ein Gott gesetzt haben soll. Nein, dieser Anfang allein kann mich, weil er mir allenfalls einen allmächtigen Schöpfer, der ebensogut ein Teufel sein könnte, plausibel macht, nicht dazu bewegen, mit dem Wort »Gott« etwas anzufangen. Es sei denn, dem mit ihm Gemeinten als einem zwar unendlich überlegenen, aber zutiefst zweideutigen Herrn einen sicher vergeblichen, dafür aber um so ehrenwerteren Kampf anzusagen. Allmacht allein zwingt mich nicht in die Knie, sondern nur in den Tod und davor vielleicht in die Furcht. Das allmächtige Wesen mag ein faszinierender Gott sein; mein Gott ist es nicht.
Mein Gott fasziniert nicht. Faszinieren heißt fesseln. Mein Gott macht frei. Seine Allmacht erweist sich in der Ohnmacht des Todes, den einer von uns, den der Mensch Jesus gestorben ist. Seine Geschichte ist meine und nicht nur meine Geschichte. Mein Gott teilt menschliche Schande, menschliches Elend, mein Leid—und nicht bloß das meine. Mein Gott setzt gegen alle Machtansprüche auf Erden und im Himmel – und erst recht in der Hölle, die hier wie dort warten kann! – die Verheißung, daß am Ende nur die Liebe allmächtig ist. Liebe – das ist Allmacht konkret. Denn die Liebe fürchtet sich nicht vor ihrer eigenen Ohnmacht. Darin ist sie allmächtig. Ihre Ohnmacht erleben wir, mehr als uns heb ist. An ihre Allmacht glaube ich, weil sich in einem ohnmächtig Liebenden, im gekreuzigten Christus Gott selbst als die Liebe identifiziert hat. Das ist der neue, der unzweideutig gute Anfang, den Gott mit uns gemacht hat. Von ihm her fällt auch erhellendes Licht auf den Erzanfang, auf den Schöpfungsmorgen zurück. Und voraus auf das Ende, dem ich – und nicht bloß ich – entgegengehe.
Der Gott, der keine andere Allmacht kennt als allein die der Liebe, der kommt mir nahe. Der kommt mir näher, als ich mir selber nahe zu sein vermag – so sehr, daß ich nun nicht mehr mir selbst der Nächste sein kann, sondern aus Freiheit »ein dienstbarer Knecht aller Dinge« und in der Liebe »jedermann untertan« zu sein wenigstens immer wieder versuchen will. Denn mein Gott ist eben nicht allein mein Gott, sondern unser himmlischer Vater, der auf Erden jeden Menschen zum Dienst an der Freiheit des anderen lockt. Statt zu befehlen, statt in Marsch zu setzen, lockt und bittet er uns auf den allerdings stets gefährlichen, durch Höhen und Tiefen, vielleicht aber auch nur – noch gefährlicher! – durch langweiliges Flachland führenden Weg, den der Eine, Jesus Christus, auf seinem Weg vom Stall zum Kreuz uns allen gebahnt hat: den Weg des Vertrauens in die befreiende Macht der Liebe, die uns menschlich macht und immer noch menschlicher werden läßt.
Und wenn ich unterwegs stolpere, falle, dann bist Du bei mir, mein Herr und Gott! Weil ich mich von Dir habe locken lassen, deshalb …
Quelle: Walter Jens (Hrsg.), Warum ich Christ bin, München: Kindler, 1979, S. 207-215.