Friedrich Naumann, National-sozialer Katechismus. Erklärung der Grundlinien des National-Sozialen Vereins (1897): „1. Warum nennt ihr euch nationalsozial? Weil wir überzeugt sind, dass das Nationale und das Soziale zusammengehören. 2. Was ist das Nationale? Es ist der Trieb des deutschen Volkes, seinen Einfluss auf der Erdkugel auszudehnen. 3. Was ist das Soziale? Es ist der Trieb der arbeitenden Menge, ihren Einfluss innerhalb des Volkes auszudehnen. 4. Wie hängt beides zusammen? Die Ausdehnung des deutschen Einflusses auf der Erdkugel ist unmöglich ohne Nationalsinn der Masse, und die Ausdehnung des Einflusses dieser Masse im Volke ist unmöglich ohne weitere Entwickelung der deutschen Macht auf dem Weltmarkte.“

Wenn einem theologischen Liberalismus das „eschatologische Bureau“ (Ernst Troeltsch) geschlossen ist, kann dieser seine politische Hoffnung nicht auf die Wirklichkeit des Reiches Gottes (wie Christoph Blumhardt d.J.) setzen. Bei Friedrich Naumann (1860-1919) – im Unterschied zu Ernst Troeltsch – tritt die religiös angeeignete Nation als umfassender Heilsagent auf. Leibliche Wohlfahrt und Seelenheil werden von einer umfassenden nationalen Integration bzw. Mobilisation erwartet, die in einer Konfliktstellung zu anderen Nationen gesehen wird.

National-sozialer Katechismus.
Erklärung der Grundlinien des National-Sozialen Vereins

Von Friedrich Naumann.

Fünftes bis achtes Tausend [1897]

Berlin.

Buchverlag der „Zeit“

Bousset & Kundt.

Vorwort.

Am 24. November 1896 wurde in Erfurt der national-soziale Verein gegründet. Er hat seinen Sitz in Leipzig (Vereinssekretär M. Wenck, Blücherstr. 45I). Die Grundlinien dieses Vereins werden auf den folgenden Blättern dargelegt. Für das Einzelne in diesen Darlegungen ist nur der Verfasser verantwortlich. Er bittet alle Freunde, in der Agitation für unsere Grundlinien unermüdlich zu sein.

Berlin, 1. März 1897.

Fr. Naumann.

Grundlinien.

§ 1. Wir stehen auf nationalem Boden, in dem wir die wirtschaftliche und politische Machtentfaltung der deutschen Nation nach außen für die Vor¬aussetzung aller größeren sozialen Reformen im Innern halten, zugleich aber der Überzeugung sind, daß die äußere Macht auf die Dauer ohne Nationalsinn einer politisch interessierten Volksmasse nicht erhalten werden kann. Wir wünschen darum eine Politik der Macht nach außen und der Reform nach innen.

§ 2. Wir wünschen eine feste und stetige auswärtige Politik, die der Ausdehnung deutscher Wirtschaftskraft und deutschen Geistes dient. Um sie zu ermöglichen, treten wir für die ungeschmälerte Durchführung der allgemeinen Wehrpflicht, für eine angemessene Vermehrung der deutschen Kriegsflotte, sowie für Erhaltung und Ausbau unserer Kolonien ein. Im Interesse der vaterländischen Macht und Ehre werden wir Mißstände in unseren militärischen und kolonialen Einrichtungen stets offen bekämpfen.

§ 3. Wir stehen fest auf dem Boden der deutschen Reichsverfassung und wünschen ein kräftiges Zusammenwirken der Monarchie und der Volksvertretung. Wir sind für Unantastbarkeit des allgemeinen Wahlrechts zum Reichstage und für Ausdehnung desselben auf Landtage und Kommunalvertretungen. Wir fordern Verwirklichung der politischen und wirtschaftlichen Vereinsfreiheit und ungeschmälerte Erhaltung der staatsbürgerlichen Rechte aller Staatsbürger.

§ 4. Wir wollen eine Vergrößerung des Antheils, den die Arbeit in ihren verschiedenen Arten und Formen in Stadt und Land unter Männern und Frauen an dem Gesammtertrag der deutschen Volkswirtschaft hat, und erwarten dieselbe nicht von den Utopien und Dogmen eines revolutionären marxistischen Kommunismus, sondern von fortgesetzter politischer, gewerkschaftlicher und genossenschaftlicher Arbeit auf Grund der vorhandenen Verhältnisse, deren geschichtliche Umgestaltung wir zu Gunsten der Arbeit beeinflussen wollen.

§ 5. Wir erwarten, daß die Vertreter deutscher Bildung im Dienst des Gemeinwohls den politischen Kampf der deutschen Arbeit gegen die Übermacht vorhandener Besitzrechte unterstützen werden, wie wir andererseits erwarten, daß die Vertreter der deutschen Arbeit sich zur Förderung vaterländischer Erziehung, Bildung und Kunst bereit finden werden.

§ 6. Wir sind für Regelung der Frauenfrage im Sinne einer größeren Sicherung der persönlichen und wirtschaftlichen Stellung der Frau und ihre Zulassung zu solchen Berufen und öffentlich rechtlichen Stellungen, in denen sie die fürsorgende und erziehende Thätigkeit für ihr eigenes Geschlecht wirksam entfalten kann.

§ 7. Im Mittelpunkt des geistigen und sittlichen Lebens unseres Volkes steht uns das Christenthum, das nicht zur Parteisache gemacht werden darf, sich aber auch im öffentlichen Leben als Macht des Friedens und der Gemeinschaftlichkeit bewähren soll.

§ 1.

Wir stehen auf nationalem Boden, indem wir die wirtschaftliche und politische Machtentfaltung der deutschen Nation nach außen für die Voraussetzung aller größeren sozialen Reformen im Innern halten, zugleich aber der Überzeugung sind, daß die äußere Macht auf die Dauer ohne Nationalsinn einer politisch interessierten Volksmasse nicht erhalten werden kann. Wir wünschen darum eine Politik der Macht nach außen und der Reform nach innen.

1. Warum nennt ihr euch nationalsozial?

Weil wir überzeugt sind, daß das Nationale und das Soziale zusammengehören.

2. Was ist das Nationale?

Es ist der Trieb des deutschen Volkes, seinen Einfluß auf der Erdkugel auszudehnen.

3. Was ist das Soziale?

Es ist der Trieb der arbeitenden Menge, ihren Einfluß innerhalb des Volkes auszudehnen.

4. Wie hängt beides zusammen?

Die Ausdehnung des deutschen Einflusses auf der Erdkugel ist unmöglich ohne Nationalsinn der Masse, und die Ausdehnung des Einflusses dieser Masse im Volke ist unmöglich ohne weitere Entwickelung der deutschen Macht auf dem Weltmarkte.

5. Inwiefern hängt die Ausdehnung deutschen Einflusses auf der Erdkugel vom Nationalsinn der Masse ab?

Weil die großen Opfer, welche für Flotte und Heer gebracht werden müssen, wenn Deutschland in Asien, Afrika, Amerika und vor allem auch in Europa etwas bedeuten soll, nicht auf die Dauer ohne den Willen der arbeitenden Menge aufgebracht werden können.

6. Kann denn die arbeitende Menge die Bewilligungen für Flotte und Heer hindern?

Heute kann sie es noch nicht, aber sie wird es vielleicht in zehn oder zwanzig Jahren können, wenn ihr politischer Einfluß weiterhin steigt.

7. Ist es wahrscheinlich, daß der Einfluß der arbeitenden Menge steigen wird?

Es ist nicht nur wahrscheinlich, sondern sogar gewiß, denn die Zahl und die Bildung der arbeitenden Bevölkerung wächst unaufhörlich.

8. Wird es aber nicht gerade zu wünschen sein, daß durch den steigenden Einfluß der arbeitenden Menge die Bewilligung von Kriegsmitteln gehindert wird?

Nein, denn dadurch werden die Kriege selbst nicht aus der Welt geschafft.

9. Sind also noch große Kriege zu erwarten?

Ja, sehr große. England, Rußland und China sind die drei großen Mächte, deren Zusammenstoß unvermeidlich ist.

10. Sollte man diesen Mächten nicht Schiedsgerichte vorschlagen?

Dies würde ganz vergeblich sein.

11. Können wir Deutschen uns nicht in den großen Kämpfen der Zukunft neutral verhalten?

Wir können es, wenn wir wollen, daß unser Volk untergeht.

12. Inwiefern würde eine Neutralität den Untergang herbeiführen?

Weil sie zu unserer wirtschaftlichen Abschließung und damit zu Mangel und Not führen müßte.

13. Wird uns nicht die Großmut der anderen Völker schützen?

Wer das glaubt, kennt die Weltgeschichte nicht. In den Völkerkämpfen gilt ein Volk nur so viel als es leistet.

14. Ist dann das Steigen des politischen Einflusses der arbeitenden Menge nicht sehr gefährlich?

Sehr gefährlich für das ganze Volk, wenn diese Menge nicht national denken lernt.

15. Ist es darum nötig, den Einfluß der arbeitenden Menge zu dämpfen?

Es würde nötig sein, wenn keine Hoffnung bestände, daß die Menge Nationalsinn erwirbt. Dann müßte um der Volkserhaltung willen der Versuch gemacht werden, den Sieg nicht nationaler Volksteile zu verhindern.

16. Wäre dies nicht eine Verzweiflung am deutschen Volke?

Jawohl, denn jede Dämpfung der wachsenden Menge kann nur vorübergehenden Erfolg haben. Es ist unmöglich, daß eine von der Menge bekämpfte Minderheit auf die Dauer Deutschlands Größe erhält.

17. Ist also die Gewinnung des Nationalsinnes der Masse das einzige Mittel der Erhaltung der deutschen Macht?

Ja!

18. Wie kommt es, daß die politisch interessierte Volksmenge bis jetzt nicht national denkt?

Weil sie bis jetzt kein Gefühl ihrer politischen Verantwortlichkeit besitzt.

19. Warum hat sie noch kein Gefühl der politischen Verantwortlichkeit?

Weil sie bisher nur als Oppositionspartei aufgetreten ist, aber die Erhaltung der Staatskraft ihren politischen Gegnern überlassen hat.

20. Ist ein solches Verhalten nicht ganz erklärlich?

Es ist erklärlich, aber nicht klug. Erklärlich ist es durch den Gegensatz gegen die bisherigen herrschenden Klassen, unklug aber ist es, weil nur ein vaterländischer Sozialismus Aussicht auf Erfolge hat.

21. Warum ist ein internationaler Sozialismus aussichtslos?

Weil die Kulturstufe der verschiedenen Völker sehr verschieden und der Fortschritt eines Volkes vom Rückgang eines anderen abhängig ist.

22. Kann sich der Einfluß aller Kulturvölker nicht gemeinsam ausdehnen?

Nein, denn dazu ist der Absatzmarkt für die Waren dieser Völker nicht groß genug. Dieser Markt wächst langsamer als das Streben nach Ausdehnung in den Kulturvölkern. Der Kampf um den Weltmarkt ist ein Kampf um’s Dasein.

23. Ist es nicht richtiger, den Markt im eigenen Volke ausdehnen?

Dies soll soviel als möglich geschehen, aber es wird der Thatsache nichts ändern, daß wir immer mehr Getreide, Petroleum, Baumwolle und andere Lebensbedürfnisse vom Ausland beziehen müssen, wenn wir leben wollen.

24. Was ist am internationalen Gedanken richtig?

Richtig ist, daß durch den Weltverkehr der alte Gegensatz der mitteleuropäischen Völker unter sich geringer wird, und daß zahlreiche neue Vereinbarungen der Staaten der Erdkugel unter einander und der Berufsverbände aller Länder notwendig werden. Gegen internationale Ver-bindungen der Arbeitervereine ist nichts einzuwenden.

25. Was ist am internationalen Gedanken falsch?

Falsch ist, daß man die jetzigen Staaten schwächen will, statt sie zu stärken.

26. Was ist der Staat?

Der Staat ist das Volksleben selbst, soweit es in Gesetzgebung und Verwaltung zu Tage tritt. Er ist nicht eine Einrichtung der herrschenden Klasse, obwohl er von dieser gemißbraucht wird.

27. Worin besteht dieser Mißbrauch?

Er besteht in der ungebührlichen Ausnutzung der arbeitenden Volksmenge mit Hilfe der Gesetzgebung und Verwaltung.

28. Wie kann dieser Mißbrauch beseitigt werden?

Dadurch, daß die arbeitende Menge ihren Einfluß innerhalb des Staates ausdehnt.

29. Wird die arbeitende Menge die ganze Staatsgewalt erlangen können?

Nein, denn dazu ist sie wirtschaftlich zu abhängig. Sie wird aber einen Teil der Macht erlangen und die „Macht der bisherigen herrschenden Klassen wesentlich einschränken können.

30. Läßt sich die wirtschaftliche Abhängigkeit der Volksmenge nicht vermindern?

Ja, dieses ist das Ziel der sozialen Reform. Der Erfolg der Reform hängt von dem Gedeihen des Volkskörpers im ganzen ab.

31. Inwiefern hängt die soziale Reform vom Gedeihen des ganzen Volkskörpers ab?

Weil in einem sinkenden Volke keine neuen wirtschaftlichen Schichten sich emporarbeiten können, wie man in Spanien und Italien sehen kann.

32. Was versteht man unter einem sinkenden Volke?

Ein Volk, dessen Menschenzahl nicht wächst und dessen Unternehmungslust nicht zunimmt. In einem solchen Volke kann die Arbeiterbewegung so wenig etwas erreichen, wie sie in einem abwärtsgehenden Arbeitszweig einen Lohnkampf gewinnen kann.

33. Ist Deutschland ein sinkendes Volk?

Nein, es ist, Gott sei Dank! ein aufsteigendes Volk mit wachsender Bevölkerungszahl und wachsender Unternehmungslust.

34. Hat also die Sozialreform in Deutschland gute Aussichten? ‚ ‚

Ja, sobald sie in Zusammenhang mit der Machterweiterung des deutschen Volkes betrieben wird.

35. Hängt auch der englische Arbeiter von der Macht Englands ab?

Ja, denn wenn England seinen Weltmarkt an die Deutschen oder Franzosen verliert, so kann sich der Einfluß der arbeitenden Menge in England nicht ausdehnen.

36. Warum kann sich dieser Einfluß dann nicht ausdehnen?

Weil dann der englische Arbeiter froh sein wird, sich ein notdürftiges Leben zu erhalten.

37. Aus welchem Grunde muß also die arbeitende Menge national sein?

Aus Selbsterhaltungstrieb.

38. Was für eine Politik muß sie demnach fordern?

Eine Politik der Macht nach außen und der Reform nach innen.

§ 2.

Wir wünschen eine feste und stetige auswärtige Politik, die der Ausdehnung deutscher Wirtschaftskraft und deutschen Geistes dient. Um sie zu ermöglichen treten wir für die ungeschmälerte Durchführung der allgemeinen Wehrpflicht, für eine angemessene Vermehrung der deutschen Kriegsflotte, sowie für Erhaltung und Ausbau unserer Kolonien ein. Im Interesse der vaterländischen Macht und Ehre werden wir Mißstände in unseren militärischen und kolonialen Einrichtungen stets offen bekämpfen.

39. Was versteht ihr unter einer Politik der Macht nach außen?

Wir verstehen darunter eine Politik, wie sie jetzt von England, Rußland und Frankreich betrieben wird, eine Politik, welche davon ausgeht, daß in der gegenwärtigen Zeit die Erdoberfläche verteilt wird.

40. Warum wird gerade jetzt die Erdoberfläche verteilt?

Weil nach der Entdeckung des inneren Afrika die Zeit der Entdeckung neuer Länder beendigt ist und weil nach dem Bau der sibirischen Eisenbahn der Kampf um Ostasien beginnen wird.

41. Inwiefern hat es für Deutschland einen Wert, sich an der Verteilung der Erdoberfläche zu beteiligen?

Weil uns, wenn wir uns nicht beteiligen, große Kraftverluste bevorstehen.

42. Welche Kraftverluste stehen uns dann bevor?

Wir verlieren den deutschen Seehandel, die deutschen Kolonien und die deutsche Auswanderung, wir verlieren unsere Großindustrie und damit die Quelle der Ernährung für die deutsche Bevölkerungsvermehrung, wir verlieren aber auch den Einfluß deutschen Geistes in der Welt.

43. Was heißt Ausdehnung deutschen Geistes?

Es heißt: ob die deutsche Sprache nur im alten Deutsch¬land gesprochen werden und ob die Nachkommenschaft unserer Auswanderer englisch werden soll. Bis jetzt giebt es kein deutsches Sprachgebiet in fremden Erdteilen.

44. Wie groß ist der deutsche Seehandel?

Wir besitzen mehr als 1000 Handelsdampfer und über- treffen damit die Handelsflotte aller Länder außer England. England hat 5700, Frankreich 500, Nordamerika 440, Spanien 350, Rußland 300, Japan 240 und Italien 200 Handelsdampfer.

45. Wie groß ist unsere Einfuhr?

Sie betrug im Jahre 1895 nicht weniger als 4,246 Millionen Mark. Darunter befanden sich 55 Millionen Doppel-Zentner Getreide, 14 Millionen Doppel-Zentner Öl und Petroleum, 14 Millionen Doppel-Zentner Material- und Kolonialwaren, 10 Millionen Doppel-Zentner Droguen und Apothekerwaren, 6 Millionen Doppel-Zentner Wolle und Baumwolle, über 2 Millionen Stück Vieh.

46. Wie groß ist unsere Ausfuhr?

Sie betrug im Jahre 1895 nicht weniger als 3,424 Millionen Mark. Darunter befanden sich 19 Millionen Doppel-Zentner Material- und Spezereiwaren, 16 Millionen Doppel-Zentner Eisenwaren, 8 Millionen Doppel-Zentner Getreide, 6 Millionen Doppel-Zentner Droguen und Apothekerwaren. Die Ausfuhr enthält meist verarbeitete Stoffe, während die Einfuhr vielfach aus Rohstoffen besteht.

47. Warum soll sich Ausfuhr und Einfuhr beständig vergrößern?

Weil die Volkszahl Deutschlands in jedem Jahrzehnt um 5 bis 6 Millionen Menschen zunimmt. Für diesen Zuwachs brauchen wir Brot von außen und Arbeit nach außen.

48. Ist dieser Zuwachs an Menschen ein Segen?

Ja, denn er ist lebendige Kraft.

49. Kann dieser Zuwachs zum Fluch werden

Ja, wenn unsere Volkswirtschaft sich nicht beständig erweitert.

50. Was ist also die Aufgabe einer festen und stetigen auswärtigen Politik?

Die Ausdehnung deutscher Wirtschaftskraft und deutschen Geistes.

51. Was ist der größte Schaden unserer jetzigen äußeren Politik?

Die Geheimniskrämerei.

52. Worin zeigt sich dieser Schaden?

In dem mangelnden Interesse und Verständnis des Volkes für die äußere Politik und der aus diesem Mangel zu erklärenden Abneigung, für die Erweiterung der deutschen Macht Opfer zu bringen.

53. Wie kann ein Interesse des Volkes für seine äußere Politik erweckt werden?

Wenn die Grundsätze der äußeren Politik im Reichstag regelmäßig erörtert werden.

54. Ist durch die Erörterung allein schon Festigkeit und Stetigkeit garantiert?

Nein, es muß eine Partei entstehen, welche vom Standpunkte der Volksmasse aus vaterländische Politik treibt und feste Grundsätze über solche Politik der Volksmenge einprägt.

55. Welcher Art können solche Grundsätze sein?

Es muß festgestellt werden, ob wir uns für einen großen Kampf gegen die erste Seehandelsmacht der Erde, d. h. gegen England, vorzubereiten haben, wenn wir unseren wirtschaftlichen Einfluß ausdehnen wollen und ob bei Gegnerschaft gegen England nicht der alte Gegensatz gegen Frankreich geringer werden und die politische Freundschaft mit Rußland nötig sein wird.

56. Welche Folgen müßte ein solcher Plan der äußeren Politik haben?

Er müßte dazu veranlassen, die Kampfmittel daraufhin anzusehen, wie sie sich zur Durchführung eines Streites mit England eignen.

57. Wird durch einen solchen Plan das Landheer überflüssig?

Nein, denn ohne Landheer können wir uns bei jetziger Lage der Dinge in Europa nicht erhalten. Erst ein glücklicher gemeinsamer Seekrieg kann Frankreich und Deutschland veranlassen, sich des Gedankens europäischer Grenzstreitigkeiten zu entschlagen.

58. Was fordert ihr darum hinsichtlich des Landesheeres?

Ungeschmälerte Durchführung der allgemeinen Wehrpflicht.

59. Was aber fordert ihr hinsichtlich der Flotte?

Angemessene Vermehrung der deutschen Kriegsflotte.

60. Wie groß ist jetzt die deutsche Kriegsflotte?

Die deutsche Kriegsflotte gilt jetzt für die sechste, d. h. sie kommt nach den Flotten von England, Frankreich, Rußland, Italien und Nordamerika, während unsere Handelsflotte an zweiter Stelle steht.

61. Was heißt eine angemessene Vermehrung der Flotte?

Eine solche Vermehrung, die der Größe der Handelsflotte entspricht.

62. Welche Kosten erfordert bis jetzt die deutsche Flotte?

Im Jahre 1895 kostete die deutsche Flotte 86 Millionen Mark. Auf den Kopf der Bevölkerung bedeutet dies 1,66 Mark. Diese Summe kann von dem deutschen Volke ohne Not getragen werden, sobald man sie auf tragkräftige Schultern legt.

63. Wer wird dafür sorgen, daß die Opfer für die Flotte auf tragfähige Schultern gelegt werden?

Dafür wird die arbeitende Menge sorgen, sobald sie zu größerem politischen Einfluß gelangt ist.

64. Warum sagt ihr Kriegsflotte und nicht Verteidigungsflotte?

Weil eine Verteidigungsflotte nur die deutschen Küsten, aber nicht unsere überseeischen Besitzungen schützen kann.

65. Wie denkt ihr über Kolonien?

Wir halten Kolonialbesitz für eine Notwendigkeit, da ohne ihn die Erhaltung deutscher Kraft in anderen Erdteilen nicht gesichert werden kann.

66. Genügen die bisherigen deutschen Kolonien euren Anforderungen?

Nein, aber sie sind besser als gar keine Kolonien und müssen deshalb festgehalten werden.

67. Was für Kolonien sind zu erstreben?

Kolonien in gemäßigtem Klima, wo deutsche Ansiedelungen möglich sind.

68. Bei welchen Gelegenheiten können solche Kolonien gewonnen werden?

Bei Friedensschlüssen nach glücklichen Seekriegen.

69. Giebt es nicht in den Kolonien auch arge Mißstände?

Ja, es kommen leider grobe Ungerechtigkeiten und Unsittlichkeiten gegen die eingeborene Bevölkerung vor.

70. Finden sich ähnliche Mißstände nicht auch bei der Flotte und besonders beim Landheer?

Ja, es kommen Mißhandlungen der Soldaten und Mißachtung des übrigen Volkes durch die Offiziere vor.

71. Soll man um solcher Mißstände willen Kolonien, Flotte und Heer verwerfen?

Nein, keinesfalls, denn Mißstände kommen bei allen guten Sachen vor.

72. Ist es nicht besser, wenn solche Mißstände vertuscht werden?

Nein, denn solche Vertuschung verbittert die Menge des Volkes gegen Kolonien, Flotte und Heer.

73. Was wollt ihr also thun?

Wir wollen im Interesse der vaterländischen Macht und Ehre solche Mißstände stets offen bekämpfen.

§ 3.

Wir stehen fest auf dem Boden der deutschen Reichsverfassung und wünschen ein kräftiges Zusammenwirken der Monarchie und der Volksvertretung. Wir sind für Unantastbarkeit des allgemeinen Wahlrechts zum Reichstage und für Ausdehnung desselben auf Landtage und Kommunalvertretungen. Wir fordern Verwirklichung der politischen und wirtschaftlichen Vereinsfreiheit und ungeschmälerte Erhaltung der staatsbürgerlichen Rechte aller Staatsbürger.

74. Welche Aussichten hat die arbeitende Menge, einen Einfluß auf die äußere und innere Politik zu gewinnen?

Sie hat Aussicht, durch das allgemeine Wahlrecht die Zahl ihrer parlamentarischen Vertreter fortdauernd zu vermehren.

75. Hat sie Aussicht, im nächsten Menschenalter die Gesetzgebung nachhaltig zu beeinflussen?

Nur in dem Fall, daß die Vertreter der arbeitenden Menge den Staat selbst anerkennen.

76. Warum nur in diesem Falle?

Weil die Staatsregierung nicht dauernd gemeinsame Politik mit einer Partei machen kann, die den Staat selbst schwächen will.

77. Kann aber die arbeitende Menge nicht die Staatsregierung stürzen?

Nein, das kann sie nicht, denn dazu ist sie viel zu schwach.

78. Inwiefern ist sie dazu zu schwach?

Weil sie aus Leuten besteht, die jeder für sich abhängig sind von ihren Arbeitgebern, Kunden und Gläubigern, die nur zum geringeren Teile ein selbständiges Verständnis für Politik haben und denen die Übung der Erledigung von Staatsgeschäften fehlt.

79. Kann sie nicht wenigstens vorübergehend die Regierung beseitigen?

Nein, denn die Regierung hat die militärische Macht und wird im Fall des Angriffs von der ganzen Macht der besitzenden Schichten gestützt werden. ‚

80. Welche Wahl haben also die parlamentarischen Vertreter der arbeitenden Menge?

Sie können wählen zwischen einer dauernden grundsätzlichen Opposition, die den Staat schwächen will, ohne die Regierung stürzen zu können, und einer geordneten politischen Interessenvertretung auf Grund der vorhandenen Reichsverfassung.

81. Was von beiden ist das erfolgreichere?

Die Vertretung der Interessen der Arbeit auf Grund der Reichsverfassung.

82. Schließt diese Anerkennung nicht auch die Anerkennung der Monarchie ein?

Jawohl.

83. Aber ist denn nicht die Monarchie der Arbeiterbewegung entgegengesetzt?

Einzelne Äußerungen des Monarchen mögen so verstanden werden, aber die Monarchie als Einrichtung ist der Arbeiterbewegung günstig.

84. Wie ist das zu verstehen?

Da es die erste Aufgabe der Monarchie ist, die Macht und Größe der Nation zu erhalten, wird die Monarchie sich nicht dauernd nur auf Volksteile stützen können, die an wirtschaftlicher und politischer Bedeutung verlieren.

85. Welche Volksteile sind dies?

Die preußischen Großgrundbesitzer.

86. Warum verlieren diese an Bedeutung?

Weil es kein Mittel giebt, ihnen auf dem heutigen Getreidemarkt eine bevorrechtete Stellung zu sichern.

87. Welche Folgen wird die Umwandlung des Großgrundbesitzes in landwirtschaftliche Geschäftsunternehmungen haben?

Sie wird die Folge haben, daß die Macht der bisherigen einflußreichen Klassen für sich allein nicht ausreicht, die für die Staatsregierung verantwortliche Monarchie in den großen nationalen Zukunftsaufgaben zu unterstützen.

88. Was wird also voraussichtlich die Monarchie in Zukunft thun?

Sie wird ihren Frieden mit der Arbeiterbewegung machen wollen.

89. Wann geschahen bereits Annäherungen in dieser Richtung?

In den Jahren 1881 und 1890 durch kaiserliche Botschaften und Erlasse.

90. Warum haben die kaiserlichen Erlasse von 1890 nicht größere Folgen gehabt?

Weil die Vertreter der arbeitenden Menge damals ihrerseits der Monarchie nicht entgegenkamen.

91. War dieses eine große Versäumnis?

Ja, eine Versäumnis von mindestens 10 Jahren für die Arbeiterbewegung.

92. Wird der Zustand von 1890 wiederkehren?

Er wird sich mit Notwendigkeit im Verlauf der politischen Entwicklung wieder einstellen müssen, da die Gründe, welche 1881 und 1890 wirksam waren, sich inzwischen sehr verstärkt haben.

93. Welche Haltung müssen bei Wiederkehr der Annäherung der Monarchie die Vertreter der Arbeit einnehmen?

Sie müssen staatserhaltend sein wollen, damit die Monarchie für die Interessen der arbeitenden Menge eintreten kann.

94. Wünscht ihr absolute Monarchie?

Keineswegs, sondern ein kräftiges Zusammenwirken der Monarchie und der Volksvertretung.

95. Wie seht ihr das gegenwärtige Verhältnis von Monarchie und Volksvertretung an?

Es sind zwei gleichberechtigte Größen, von denen jede nur Gott und ihrem Gewissen verantwortlich ist und welche beide vom deutschen Volke hochgehalten werden müssen.

96. Sind Privatäußerungen des Monarchen für euer politisches Verhalten maßgebend?

Nein.

97. Wollt ihr das Kaisertum gegen jeden Angriff mit aller eurer Kraft verteidigen?

Ja, das Kaisertum und das allgemeine Wahlrecht zum Reichstage.

98. Warum gerade diese beiden Stücke?

Weil sie die Grundpfeiler der Reichsverfassung sind.

99. Ist die Reichsverfassung besser als die Verfassung der meisten deutschen Einzelstaaten?

Ja, denn die preußische, sächsische und andere Landesverfassungen schließen den politischen Einfluß der arbeitenden Menge aus.

100. Worauf muß also hingearbeitet werden?

Es muß darauf hingearbeitet werden, daß die Verfassungen der Einzelstaaten den Grundsätzen der Reichsverfassung entsprechen.

101. Gilt dies auch von Kommunalvertretungen?

In noch höherem Grade als von den Landtagen, denn der Geist der Stadtverwaltungen ist für das Leben der arbeitenden Menge von höchster Bedeutung.

102. Wird die arbeitende Menge reif sein, in Kommunalverwaltungen mitzuwirken?

Sie ist es, wie verschiedene süddeutsche Länder beweisen, überall da, wo sie seit längerer Zeit zur Kommunalpolitik hinzugezogen wurde.

103. Wie ist im allgemeinen über die jetzige Verwaltung unserer großen Städte zu denken?

Sie ist meist technisch gut, aber nicht darauf bedacht, den Bodenwucher zu hindern und die städtischen Arbeiter musterhaft zu behandeln. Auch muß für das Schulwesen der ärmeren Kinder noch mehr gethan werden.

104. Welches ist der Hauptgegensatz in städtischen Vertretungen?

Der Gegensatz von Grundstücksbesitzern und Mietern.

105. Auf wessen Seite werdet ihr stehen?

Auf Seite der Mieter.

106. Wie ist im allgemeinen über die jetzige Verwaltung der kleineren Ortsgemeinden zu denken?

Sie geschieht von und für Grundbesitzer unter Geringachtung der übrigen Bevölkerungsteile.

107. Ist heute die arbeitende Menge im stande, sich das allgemeine Wahlrecht für Landtage und Kommunalvertretungen zu erkämpfen?

Nein. Wir sehen an der Wahlverkürzung im Königreich Sachsen, wie wenig der Protest der arbeitenden Menge bis jetzt nutzt.

108. Hat sich die Volksmasse das allgemeine Reichstagswahlrecht selbst erkämpft?

Nein, es ist ihr durch Bismarck aus Gründen der äußeren und inneren Politik gegeben worden, ehe sie im stande war, es zu erkämpfen.

109. Ist heute die arbeitende Menge im stande, das allgemeine Reichstagswahlrecht zu schützen?

Nur mit Hilfe bürgerlicher Kreise.

110. Was muß geschehen, damit die politische Kraft der Menge wächst?

Sie muß ernsthaft und fortdauernd über politische Fragen aufgeklärt und in Verwaltungsangelegenheiten erzogen werden.

111. Wie kann das geschehen?

Durch Bildung politischer oder beruflicher Vereinigungen.

112. Welches ist das Haupthindernis derartiger Vereinigungen?

Der jetzige Zustand der Vereinsgesetzgebung in den meisten deutschen Einzelstaaten.

113. Wodurch kann dieser Mißstand beseitigt werden? Durch ein freiheitliches Reichsgesetz über politische und wirtschaftliche Vereinsbildungen.

114. Soll man allen Richtungen im Volksleben freie Bewegung gewähren?

Ja, sofern sie nicht gegen allgemein gültige Gesetze verstoßen.

115. Wie ist darüber zu denken, daß von Staatswegen gewisse Volksteile verfolgt werden?

Es ist unklug und ungerecht.

116.Gilt das auch hinsichtlich der Juden?

Ebenso wie hinsichtlich der Ultramontanen und Sozialdemokraten.

117. Warum würde es unklug sein, durch staatliche Maßregeln das Judentum einzuschränken?

Weil man dieselbe Erfahrung machen würde wie beim Kulturkampf und beim Sozialistengesetz.

118. Worin besteht diese Erfahrung?

Durch Ausnahmegesetze schafft man Staatsfeinde.

119. Besteht eine Judenfrage?

Ja.

120. Worin besteht sie?

Darin, daß die Israeliten ein anderer Stamm sind als die Deutschen.

121. Befinden sich in Deutschland noch andere nichtdeutsche Stämme?

Die Wenden, Litthauer, Polen, Dänen, Franzosen.

122. Läßt sich ein Staat herstellen, der nur germanische Staatsbürger hat?

Das ist völlig unmöglich.

123. Läßt es sich erreichen, daß die Israeliten allein die Staatsbürgerrechte verlieren?

Es läßt sich nicht erreichen, aber selbst, wenn es erreichbar wäre, würde es ein Unglück sein.

124. Inwiefern würde es ein Unglück sein?

Die geeinigte Kraft des Judentums würde dann staatsfeindlich werden. Es giebt nichts unklügeres, als eine einflußreiche Minorität in die Staatsfeindschaft zu treiben, ohne sie doch entkräften zu können.

125. Ist aber nicht der Gegensatz zwischen Deutschen und Israeliten durch ihre Verschiedenheit begreiflich?

Er ist begreiflich und wird als gesellschaftlicher Gegensatz nur insoweit überwunden werden, als die Israeliten deutsche und christliche Denkweise annehmen. Der gesell¬schaftliche Gegensatz hat aber mit der Politik nichts zu thun. Er gehört zu den Privatangelegenheiten der einzelnen Staatsbürger.

126. Inwieweit ist die soziale Frage eine Judenfrage?

Sie ist es nur in einzelnen Gegenden und Berufszweigen und wird in diesen nicht durch politischen Antisemitismus, sondern durch wirtschaftspolitische Maßregeln der Lösung näher geführt werden.

127. Wird sich nicht eine Schließung der Ostgrenze gegen nicht deutsche Elemente überhaupt empfehlen?

Wenn es möglich ist, den Wandertrieb von Osten nach Westen durch staatliche Mittel einzuschränken, so werden wir ohne Zweifel zustimmen.

128. Was für ein Geist soll im deutschen Reiche walten?

Ein gerechter, freier, deutscher, christlicher Geist.

§ 4.

Wir wollen eine Vergrößerung des Anteils, den die Arbeit in ihren verschiedenen Arten und Formen in Stadt und Land unter Männern und Frauen an dem Gesamtertrag der deutschen Volkswirtschaft hat, und erwarten dieselbe nicht von den Utopien und Dogmen eines revolutionären marxistischen Kommunismus, sondern von fortgesetzter politischer, gewerkschaftlicher und genossenschaftlicher Arbeit auf Grund der vorhandenen Verhältnisse, deren geschichtliche Umgestaltung wir zu Gunsten der Arbeit beeinflussen wollen.

129. Worin besteht eure Sozialreform?

In der Vergrößerung des Anteils der Arbeit am Gesamtertrag der deutschen Volkswirtschaft.

130. Wie entsteht der Gesamtertrag der deutschen Volkswirtschaft?

Er wird einerseits gewonnen durch Bebauung des vaterländischen Bodens, Benutzung seiner Flüsse, Seen und Bergwerke und Pflege seines Viehstandes, andererseits durch den Ertrag unseres Land- und Seehandels mit anderen Völkern und durch Anlage deutscher Kapitalien im Ausland.

131. Wodurch steigt das Nationaleinkommen?

Durch seine lebhafte, treue, erfindungsreiche Arbeit auf allen diesen Gebieten und durch staatliche Förderung einer vaterländischen Wirtschaftspolitik im Innern und nach Außen.

132. Soll sich Deutschland nur der Vermehrung seines Einkommens aus Landwirtschaft, Viehzucht, Bergbau und Fischfang widmen?

Das würde eine Unmöglichkeit sein, da diese Arten des Einkommens gar nicht so wachsen können wie unsere Bevölkerungszahl wächst.

133. Soll sich Deutschland nur der Vermehrung seines Einkommens aus Handel und Kapitalanlage widmen?

Das würde die größte Gefahr für das Vaterland sein, denn ohne eine gesunde zahlreiche Landbevölkerung werden wir an wirtschaftlicher, körperlicher und geistiger Kraft verlieren.

134. Was ist also von der Frage nach Industriestaat oder Agrarstaat zu halten?

Sie ist nicht richtig, da beides nötig ist. Die widerstreitenden Interessen von Handel und Industrie einerseits und Landwirtschaft andererseits müssen um der Volkserhaltung willen von Fall zu Fall vereinbart werden.

135. Was für ein Staat soll Deutschland werden?

Ein Arbeitsstaat.

136. Was heißt das?

Das Nationaleinkommen soll in erster Linie der Arbeit gehören.

137. Wem gehört es jetzt?

Es gehört fast zur Hälfte dem Zins und der Rente.

138. Sind Zins und Rente grundsätzlich zu verwerfen?

Nein, denn sie gehören noch immer zu den Vorbedingungen des Fortschrittes, da sie die Entstehung von Luxus, von Betriebsvermehrung und von Gewinn aus anderen Ländern ermöglichen.

139. Ist der Luxus verwerflich?

Er kann es sein, sobald er im Gegensatz zum Elend auftritt, im ganzen aber ist er nötig, denn durch den Luxus Einzelner hebt sich die Lebenshaltung der Masse. Je kräftiger der Einfluß der Menge ist, desto leichter wird der Luxus Gemeingut des Volkes werden.

140. Ist Betriebsausdehnung verwerflich?

Sie kann verwerflich sein, wenn sie kleinere Betriebe tötet, ohne den Markt zugleich zu erweitern; im ganzen aber ist Betriebsausdehnung nötig, denn nur durch sie kann immer neue Arbeit für die immer neuen Arbeitskräfte beschafft werden.

141. Ist Kapitalgewinn aus fremden Ländern verwerflich?

Er kann verwerflich sein, wenn er durch Unterdrückung und Grausamkeit gewonnen wird, im ganzen aber ist er sehr zu wünschen, ebenso wie es erreicht werden muß, daß wir nicht anderen Völkern zinspflichtig sind.

142. Welche Arten von Zins und Rente müssen demnach bekämpft werden?

Diejenigen Arten, durch welche der Ertrag der Arbeit in Deutschland geschmälert wird.

143. Welches sind diese Arten?

Die Reichs-, Staats- und Gemeindeschulden und die städtische und ländliche arbeitslose Bodenrente.

144. Was ist hinsichtlich der Reichs-, Staats- und Gemeindeschulden zu erstreben?

Daß ihr Wachstum dadurch aufhört, daß Reich, Staat und Gemeinde gewinnbringende Großunternehmungen selbst betreiben, daß bestehende Schulden durch Vermögenssteuer abgetragen und daß laufende Ausgaben aus regelmäßigen Steuern gedeckt werden.

145. Ist zu wünschen, daß die arbeitende Menge steuerfrei sei?

Es ist zu wünschen, daß alle Bürger im stande sind, Steuern zu bezahlen, weil das Recht der Steuerbewilligung das wichtigste politische Recht der Masse ist, und sie ohne dieses Recht keinen Einfluß im Staat gewinnen kann.

146. Was muß die arbeitende Menge hinsichtlich des Steuerwesens verlangen?

Daß die Verteilung den Kräften entspricht und daß die Besteuerung von Lebensmitteln aufhört, besonders die Besteuerung solcher Dinge, die in Deutschland nicht hergestellt werden oder deren Herstellung nicht von dem Zollschutz ab- hängt, wie Petroleum, Kaffee und Salz.

147. Welche gewinnbringenden Unternehmen eignen sich zur Übernahme in die öffentliche Hand?

Alle solche Unternehmungen, welche völlig durch Beamte betrieben werden können und in denen die freie Konkurrenz aufgehört hat, den Preis zu bestimmen, wie z. B. Kohlenbergwerke und Hypothekenbanken.

148. Warum soll das Hypothekenwesen in öffentliche Hand kommen?

Weil es nicht zulässig ist, daß der Staat die größte Sicherung des Besitzes, die es giebt, an Privatpersonen abtritt, ohne dadurch für die ganze Volkswirtschaft etwas zu gewinnen, und weil es durchaus falsch ist, den mühelosen Gewinn aus der steigenden Bodenrente den zufälligen Besitzern steigender Bodenteile zu überlassen.

149. Wer führt die Steigerung der Bodenrente herbei?

Das wachsende arbeitende Volk.

150. Wer genießt die Steigerung der Bodenrente?

Die Grundstücks- und Hypothekenbesitzer.

151. Wer trägt die Verluste an Bodenrente?

Der Besitzer solcher Grundstücke, die an Wert verlieren.

152. Soll der Staat Gewinn und Verlust der Bodenrente in gleicher Weise tragen?

Er kann es, denn der Gewinn übersteigt den Verlust bei weitem. Wenn das ganze deutsche Land dem deutschen Volke in seiner Menge dient, wird die Vaterlandsliebe sehr gekräftigt sein.

153. Läßt sich die Bodenreform mit einem Male durchführen?

Sie läßt sich nicht mit einem Male durchführen, weil sie kein einzelner Gesetzesvorschlag ist, sondern eine Richtung innerhalb der Wirtschaftspolitik.

154. Welches sind die nächsten Ziele der Bodenreform?

Außer der Übernahme obligatorischer Hypothekenbanken durch die öffentliche Hand ist es eine Wohnungspolitik im Interesse der arbeitenden Menge und eine allmähliche Zer- teilung des Großgrundbesitzes im östlichen Deutschland in Bauernland.

155. Inwiefern würde eine solche Zerteilung des Großgrundbesitzes der arbeitenden Masse nützen?

Sie würde Raum schaffen für zahlreiche Familien, würde dem Handwerk, das heute im Gebiet des Großgrundbesitzes weit mehr darniederliegt als im Gebiet der Großindustrie, einen gewissen Aufschwung im deutschen Osten sichern und zugleich verhüten, daß zuviel ungelernte Arbeitskräfte vom Osten nach Westdeutschland auswandern, während Polen in den Osten eindringen.

156. Wer gehört zur arbeitenden Menge?

Jeder, dessen Einkommen mehr auf Arbeit beruht als auf Zins und Rente.

157. Rechnet ihr also auch Kaufleute, Unternehmer, Beamte, Handwerker, Bauern zum arbeitenden Volke?

Vollständig, und wir wollen ihre Interessen vertreten, soweit es Interessen der Arbeit gegenüber dem Besitz sind. Sie alle sind, soweit sie von Arbeit leben, an der Beseitigung der Staatsschulden, an einer anderen Steuerpolitik und an der Bodenreform interessiert.

158. Sind im übrigen die wirtschaftlichen Interessen dieser Berufsgruppen gemeinsam mit denen der Industriearbeiter und Handarbeiter?

Sie können es sein, müssen es aber nicht sein. Es kann Fälle geben, in denen die Wünsche der Gehilfen und Meister, des Gesindes und der Bauern, des Handwerks und der Industrie, der Arbeit in Stadt und Land, unter Männern und Frauen sich direkt gegenüberstehen.

159. Für wen wollt ihr in solchen Fällen eintreten?

Für diejenige Gruppe, deren Bestand für das Staatsganze am notwendigsten, deren Organisationskraft am größten und deren Notlage am drohendsten ist.

160. Würde es nicht besser sein, eine Sozialpolitik zu machen, die allen nützt und keinem schadet?

Eine solche Politik gehört in das Gebiet der frommen Wünsche und heißt deshalb Utopie.

161. Oder würde es nicht besser sein ein für allemal anzugeben, wie das Verhältnis der verschiedenen Volksteile geordnet sein soll?

Eine solche Angabe würde ein Dogma sein, welches keine Beziehung zum wechselnden praktischen Leben hat.

162. Bei wem finden sich sozialpolitische Utopien und Dogmen?

Utopien finden sich bei fast allen Oppositionsparteien, die den ganzen Staatsbestand erschüttern wollen, und Dogmen finden sich bei allen Parteien, die keine Gegenwartspolitik treiben.

163. Wie steht ihr zur Sozialpolitik der Sozialdemokratie?

Wir erkennen in ihr alles an, was zu praktischen Erfolgen für die arbeitende Menge führen kann, erwarten aber nichts von den Utopien und Dogmen des marxistischen Kommunismus.

164. Ist dieser marxistische Kommunismus schädlich?

Er hat gewisse Vorteile bei der Agitation gehabt, hindert aber heute eine Sozialpolitik innerhalb der gegebenen Verhältnisse, indem er die Arbeiterbewegung international, revolutionär und darum unfähig macht, die Gesetzgebung dauernd zu beeinflussen.

165. In welcher Weise soll die Gesetzgebung von den einzelnen Volksgruppen beeinflußt werden?

Es müssen besondere Programme der einzelnen Volksteile aufgestellt werden, z. B. für Industriearbeiter, Landarbeiter, Handwerker, Bauern, arbeitende Frauen, Unterbeamte, Handelsangestellte, Kaufleute.

166. Wollt ihr dahin arbeiten, daß solche Spezialprogramme aufgestellt werden?

Wir halten dies für eine unserer dringendsten Aufgaben. Die Spezialprogramme werden für unsere praktische Politik von grundlegender Bedeutung werden.

167. In welcher Weise kann sonst noch der Anteil der Arbeit am Nationaleinkommen vermehrt werden?

Durch Gewerkschaften und Genossenschaften.

168. Welche Aufgaben haben die Gewerkschaften?

Sie sind Unterstützungsverbände, Lohnkampforganisationen und sozialpolitische Erziehungsanstalten für die Lohnarbeiter und Angestellten eines Berufes. Es ist anzustreben, daß sich aus ihnen Arbeitervertretungen entwickeln, die von der Staatsregierung und den Unternehmerverbänden anerkannt werden, und welche einen mitbestimmenden Einfluß auf die deutsche Wirtschaftspolitik gewinnen.

169. Welche Aufgaben haben die Genossenschaften?

Sie sind Einkaufs-, Kredit-, Arbeits- oder Verkaufsverbände, die für Kleinbauern, Handwerker und Kleinkaufleute die Mißstände der wirtschaftlichen Vereinzelung dadurch beseitigen sollen, daß sie ihn zum Glied eines größeren Wirtschaftskörpers machen, die beim häuslichen Konsum die Nachteile des kleinen Käufers gegenüber dem Verkäufer vermindern, und in denen ein Korpsgeist der sonst unzusammenhängenden Berufe entstehen kann.

170. Sind die Genossenschaften nicht eine Schädigung kleiner Gewerbetreibender?

Sie können es in einzelnen Fällen sein, sind aber in viel höherem Grade ein Schutz kleiner Existenzen im Wirtschaftskampfe, auch der Kleingewerbetreibenden selbst.

171. Genügt nun aber das alles, um eine neue Gesellschaftsordnung herbeizuführen?

Eine Gesellschaftsordnung giebt es überhaupt nicht, sondern nur ein stets sich entwickelndes Volks- und Wirtschaftsleben.

172. Welche Aufgabe haben wir hinsichtlich der beständigen geschichtlichen Umgestaltung?

Wir wollen sie zu Gunsten der Arbeit mit allen Kräften beeinflussen. Mehr kann keine Partei und keine menschliche Gewalt thun.

§ 5.

Wir erwarten, daß die Vertreter deutscher Bildung im Dienst des Gemeinwohls den politischen Kampf der deutschen Arbeit gegen die Übermacht vorhandener Besitzrechte unterstützen werden, wie wir andererseits erwarten, daß die Vertreter der deutschen Arbeit sich zur Förderung vaterländischer Erziehung, Bildung und Kunst bereit finden werden.

173. Bringt ihr neue Kräfte für die soziale Bewegung?

Mit uns kommen zahlreiche Vertreter deutscher Bildung.

174. Wen rechnet ihr zu diesen Vertretern deutscher Bildung?

Diejenigen Leute, die eine höhere Schulbildung genossen haben, ohne mit den Interessen des Besitzes verbunden zu sein, also beispielsweise zahlreiche Geistliche, Lehrer, Juristen, Ärzte, Techniker, kaufmännische Beamte, Privatangestellte, Künstler, Schriftsteller.

175. Wie beurteilt ihr den politischen Einfluß dieser Kreise?

Der direkte Einfluß ist gering, aber der indirekte ist sehr groß.

176. Inwiefern ist der direkte Einfluß der Bildungsvertreter gering?

Sie können keine eigene politische Partei gründen, sondern müssen sich stets an andere Gruppen anschließen.

177. Warum kann es eine politische Partei der Gebildeten nicht geben?

Weil ein großer Teil der Bildungsvertreter direkte Staatsbeamte und schon dadurch dem Mitwirken bei der Oppositionsbewegungen entzogen sind, weil ein anderer Teil indirekte Staatsbeamte oder Gemeindebeamte und dadurch am freien Auftreten gehindert sind, weil ein weiterer Teil im Dienst kapitalistischer Unternehmungen steht oder doch von besitzenden Schichten abhängig ist, und weil im Ganzen die Zahl der Bildungsvertreter zu eigener Politik zu gering ist.

178. Wie verhält es sich mit der Zahl der Bildungsvertreter?

Sie betragen annähernd 2% der Gesamtbevölkerung, sind aber ziemlich gleichmäßig über das ganze Land verstreut und können deshalb nirgends als achtunggebietender politischer Körper auftreten.

179. Inwiefern ist der indirekte Einfluß der Bildungsvertreter sehr groß?

Sie sind in den Parteien die Träger des Wissens, Schriftsteller, Redner und oft auch Organisatoren.

180. Wie ist bis jetzt das Verhältnis der Bildungsvertreter zur Arbeiterbewegung?

Gegenüber der Sozialdemokratie und der Gewerkschaftsbewegung war es bis jetzt ein ablehnendes. Nur wenige Akademiker haben sich der Arbeiterbewegung angeschlossen.

181. Ist es wünschenswert, daß mehr Gebildete an der Gewerkschaftsbewegung teilnehmen?

Es ist unbedingt notwendig, wenn mehr als bisher erreicht werden soll. Die Gewerkschaften müssen sich eine Vertretung schaffen, die an geistiger und technischer Tüchtigkeit den Vertretungen der Arbeitgeber nicht nachsteht, und bedürfen regelmäßig einer starken Mitwirkung der Gebildeten, wenn sie die geistige und sittliche Hebung ihrer Mitglieder erzielen wollen.

182. Ist es wünschenswert, daß mehr Gebildete am politischen Sozialismus teilnehmen?

Es ist unbedingt notwendig, wenn der Sozialismus sich an den Arbeiten der Gesetzgebung und Verwaltung erfolgreich beteiligen will.

183. Warum halten sich bis jetzt die Gebildeten von der sozialistischen Bewegung fern?

Weil sie die besitzende Schicht als Grundlage von Erziehung, Bildung und Kunst ansehen und weil sie den bisherigen Sozialismus für verderblich halten.

184. Warum halten sie den bisherigen Sozialismus für verderblich?

Sie sehen, daß er dem Gemeinwohl des deutschen Volkes nicht dient, weil er nur einseitige Klassenpolitik treibt ohne nationale Grundgedanken.

185. Sind die Gebildeten an sich Vertreter des Klassenkampfes?

Nein, sie sind im Gegenteil Vertreter des Staatsgedankens, des Rechtes und der Wohlfahrt des Ganzen. Gerade, weil sie nicht im Stande sind, selbst als Partei aufzutreten, können sie die Interessen der Gesamtheit rückhaltslos vertreten.

186. Welche Bedeutung hat es, wenn die Bildungsvertreter sich einer politischen Bewegung zuwenden?

Es bedeutet, daß diese politische Bewegung eine geschichtliche Notwendigkeit für die Entwicklung der Gesamtheit ist.

187. Welches ist die jetzige politische Lage zahlreicher Bildungsvertreter?

Sie sind politisch heimatlos, weil sie an die staats- erhaltende Kraft der alten Parteien nicht mehr glauben und zu der sozialistischen Bewegung noch kein Zutrauen haben. Was muß der Sozialismus thun, um die Mitwirkung der Bildungsvertreter zu gewinnen?

188. Was muß der Sozialismus thun, um die Mitwirkung der Bildungsvertreter zu gewinnen?

Er muß die Interessen der Gesamtheit zugleich mit den Interessen der arbeitenden Menge vertreten wollen.

189. Wie kann er das thun?

Wenn er sich zum staatserhaltenden, nationalen Sozialismus umgestaltet.

190. Warum sind die Bildungsvertreter national gesinnt?

Weil sie die deutsche Geschichte am besten kennen und im vorigen Menschenalter zur Auf­richtung des deutschen Reiches wesentlich beigetragen haben.

191. Aus welchen Gründen werden sie sich einem nationalen Sozialismus anschließen?

Aus Liebe zu ihrem Volk und aus Interesse für die Entwicklung von Erziehung, Wissenschaft und Kunst.

192. Welches ist das Verhältnis der Besitzenden zu Erziehung, Wissenschaft und Kunst?

Sie pflegen sie, soweit es den Interessen ihrer Schicht entspricht, hemmen sie aber, wenn sie zur Stärkung des Einflusses der arbeitenden Menge dienen.

193. Woraus kann man dieses erkennen?

Aus den beständigen Klagen über „Kathedersozialisten“ und politische Pastoren, aus der sogenannten „Umsturzvorlage“, aus der Ablehnung von Lehrerbesoldungsanträgen und dem Verbot volksfreundlicher Kunstdarstellungen.

194. Was kann die heutige besitzende Schicht der Kunst bieten?

Geld aber keine Ideale.

195. Was für eine Kunst wird also durch diese Schicht gefördert?

Eine Kunst, bei der die Kunstfertigkeit höher steht als der Geist.

196. Was kann die arbeitende Menge der Kunst bieten?

Einen Geist des Kampfes und der Hoffnung, aber bis jetzt keine materiellen Mittel.

197. Welches Ziel muß die soziale Bewegung hinsichtlich der Kunst haben?

Sie muß auf die Ermöglichung einer volkstümlichen Kunst hinarbeiten.

198. Was versteht ihr unter volkstümlicher Kunst?

Eine Kunst, welche den Luxus Einzelner zum Eigentum der Menge macht.

199. Wo kann solche Kunst ihre Heimat finden?

In öffentlichen Gebäuden aller Art, insbesondere in Volksmuseen, Lesehallen, Badehallen, Schulen, Kirchen, Versammlungssälen, in Volkstheatern, öffentlichen Konzerten und dichterischen Vorträgen.

200. Kann es auch eine volkstümliche Wissenschaft geben?

Der Betrieb der Wissenschaft selbst kann immer nur von einer Minderzahl geleitet und verstanden, aber die Teilnahme der arbeitenden Menge an der Wissenschaft kann sehr gehoben werden.

201. Wodurch kann dies geschehen?

Durch Volkshochschulen, Vorträge und eine von wissenschaftlichen Kräften hergestellte Volkslitteratur.

202. Was ist der Hauptschaden unserer jetzigen Litteratur?

Die mangelnde Kaufkraft der Menge.

203. Kann auch die Erziehung volkstümlicher werden?

In mancherlei Weise, besonders aber durch die allgemeine Volksschule und durch die Unentgeltlichkeit der Lehrmittel.

204. Welches ist das Ziel der allgemeinen Volksschule?

Die Kinder aller Stände sollen wenigstens in den ersten Schuljahren einen gemeinsamen Unterricht haben, damit die Trennung der verschiedenen Volksteile gemindert wird.

205. Warum verlangt ihr Unentgeltlichkeit der Lehrmittel?

Um den begabten Kindern armer Eltern das Emporsteigen zu ermöglichen.

206. Was verlangt ihr von den höheren Schulen?

Daß sie weniger Lateinschulen und mehr deutsche Schulen werden.

207. Was ist das Ziel aller Erziehung?

Eine alle Volksteile umfassende und in ihren wesentlichen Bestandteilen einheitliche deutsche und christliche Bildung.

208. Wodurch kann eine volkstümliche Erneuerung von Erziehung, Bildung und Kunst herbeigeführt werden?

Sie kann nur durch den wachsenden politischen Einfluß der arbeitenden Menge herbeigeführt werden.

209. In welchem Wort spricht sich dieser Gedanke aus?

In dem Wort: „Arbeit und Bildung!“

§ 6.

Wir sind für Regelung der Frauenfrage im Sinne einer größeren Sicherung der persönlichen und wirtschaftlichen Stellung der Frau und ihre Zulassung zu solchen Berufen und öffentlich rechtlichen Stellungen, in denen sie die fürsorgende und erziehende Thätigkeit für ihr eigenes Geschlecht wirksam entfalten kann.

210. Warum bekümmert ihr euch um die Frauenfrage?

Weil Frauen die Hälfte unseres Volkes, die Mütter unserer Kinder und unsere Schwestern sind.

211. Worin besteht die Frauenfrage?

In dem Streben der Frauen nach größerer materieller, rechtlicher und geistiger Selbständigkeit.

212. Wodurch ist dieses Streben hervorgerufen?

Durch die Veränderung der Betriebsweise und durch die Vermehrung der allgemeinen Bildung der Frauen.

213. Worin besteht diese Veränderung der Betriebsweise?

Sie besteht in der beständigen Zunahme lohnarbeitender Frauen und Mädchen in Fabrikindustrie, Hausindustrie, Handel und auch in litterarischen und künstlerischen Arbeitszweigen.

214. Wie groß ist die Zahl der selbständigen Personen?

In selbständigem Erwerb standen nach der letzten Berufszählung 5 264 000 und als berufslose selbständige Frauen und Mädchen wurden gezählt 1 116 000.

215. Ist es denkbar, diese große Zahl wieder in ihre häusliche Betriebsweise zurückzuführen?

Es ist ganz undenkbar.

216. Was ist die Folge dieses Zustandes?

Da einmal die Frauen so zahlreich in das Erwerbsleben eingetreten sind, so müssen sie auch diejenigen Rechte erhalten, die zu ihrem Schutze nötig sind.

217. Welche Rechte sind das?

Sie müssen in bürgerlichen Rechtsfragen ebenso selbständig auftreten können wie die Männer und volle Freiheit ihrer Organisation besitzen.

218. Wie verhält es sich mit den nichtselbständigen Frauen?

Sie sind entweder Ehefrauen und Hausangehörige oder stehen im Dienstverhältnis.

219. Was ist für Ehefrauen zu verlangen?

Das Recht selbständiger Vermögensverwaltung und gesicherter Anspruch auf standesgemäßen Unterhalt, solange der Mann diesen leisten kann.

220. Wie groß ist die Zahl der dienenden Frauen und Mädchen?

Es sind 1 314 000 dienende Frauen und Mädchen, von denen die Mehrzahl in der Landwirtschaft stehen

221. Was ist für diese zu verlangen?

Aufhebung der Gesindeordnung und Einführung der Gewerbeordnung.

222. Sollen den Frauen alle Berufe geöffnet werden?

Alle diejenigen Berufe, in denen Gesundheit oder Sittlichkeit nicht in besonderem Maße gefährdet sind, insbesondere aber diejenigen, wo es sich um einen Dienst an Kindern oder Frauen handelt.

223. Soll man höhere Schulen für Frauen errichten?

Man soll es thun, soweit es zur Vorbildung für solche Berufe nötig ist, die von Frauen ausgefüllt werden können.

224. Welche öffentlichen Stellungen eignen sich für Frauen?

Sie kann als Erzieherin, Ärztin, Gewerbeinspektorin in öffentlichem Berufe stehen und in den Vertretungskörpern für Schulverwaltung und Armenpflege eine den Männern gleichwertige Stellung einnehmen.

225. Kann das Ziel der Frauenbewegung die Gewinnung aller von Männern ausgeübten Thätigkeiten sein?

Keineswegs, denn es giebt Berufe, die sich niemals für Frauen der Kulturvölker eignen werden, wie Kriegsdienst, Staatsleitung, Pfarramt.

226. Können die Frauen die Ziele ihrer Bewegung aus eigener Kraft erreichen?

Sie können es nicht, denn sie haben bis jetzt eine zu geringe politische Bedeutung und sind mit wenigen Ausnahmen persönlich zu abhängig, um einen erfolgreichen Kampf für Frauenrechte beginnen zu können.

227. Was sollen die Frauen thun, um an politischer Bedeutung zuzunehmen?

Sie sollen alle vorhandenen Mittel zu ihrer Fortbildung benutzen und sich in Frauenvereinen an gemeinsames Wirken gewöhnen.

228. Welcher Art soll dieses gemeinsame Wirken sein?

Die Frauen der besser gestellten Schicht sollen soziale Hilfsarbeit an solchen thun, die der Hilfe bedürfen, die Frauen und Mädchen aber, die um ihr Brot arbeiten, sollen sich der Gewerkschaftsbewegung anschließen.

229. Sind besondere weibliche Gewerkvereine erwünscht?

Im allgemeinen sind sie schwer herzustellen und wahrscheinlich wenig lebensfähig. Es empfiehlt sich überall da, wo es möglich ist, der Anschluß an männliche Organisationen.

230. Ist eine Gewerkschaftsthätigkeit der Frauen den Männern schädlich?

Im Gegenteil, sie ist eine Förderung des sozialen Kampfes der Männer, denn nur die unorganisierte Frau ist eine gefährliche Konkurrentin der Männer.

231. Welchen Grundsatz sollen arbeitende Frauen in der Lohnfrage vertreten?

Für gleiche Leistung gleicher Lohn!

232. Können heute die Frauen politisches Wahlrecht erlangen?

Nein, denn heute ist es schwer, das allgemeine Wahlrecht der Männer zu erhalten und durchzuführen.

§ 7.

Im Mittelpunkt des geistigen und sittlichen Lebens unseres Volkes steht uns das Christentum, das nicht zur Parteisache gemacht werden darf, sich aber auch im öffentlichen Leben als Macht des Friedens und der Gemeinschaftlichkeit bewähren soll.

233. Warum habt ihr in eurem Programm einen Platz für die Religionsfrage?

Weil sie die wichtigste Frage des geistigen Volkslebens ist und weil wir uns nach unserer eigenen Vergangenheit über diesen Punkt aussprechen müssen.

234. Welches ist eure Vergangenheit?

Viele unserer Freunde sind christlich-sozial gewesen.

235. Warum nennt ihr euch jetzt nicht mehr christlich-sozial?

Weil wir das Christentum nicht zur politischen Parteisache machen wollen.

236. Welche Gefahren hat es, wenn das Christentum zur Parteisache gemacht wird?

Dadurch wird die Bedeutung des Christentums für das gesamte Volksleben verkannt und die Entwicklung christlicher Gesinnungen in anderen Parteien gehindert.

237. Giebt es hierfür geschichtliche Beweise?

Durch die parteimäßige Vertretung des Christentums bei den Konservativen wurde die Abneigung des Liberalismus gegenüber dem Christentum vergrößert und durch die parteimäßige Vertretung desselben beim Zentrum werden Katholiken, die sich der Politik des Zentrums nicht anschließen können leicht zu einem Gegensatz gegen das Christentum gebracht.

238. Aber ist nicht vielleicht eine konservative Politik christlicher als eine liberale?

Sowohl konservative als liberale Politik kann von wahren Christen betrieben werden.

239. Aber ist nicht doch eine sozialistische Politik christlicher als die Politik der alten Parteien?

Sie kann es im einzelnen Falle sein, aber ist es nicht mit Notwendigkeit.

240. Warum ist sie es nicht mit Notwendigkeit?

Weil die Emporentwicklung der arbeitenden Menge im Volke nicht ohne gewisse Härten und Rücksichtslosigkeiten möglich sein wird.

241. Kann man denn nicht eine Politik machen, die niemanden schädigt?

Nein, denn jede neue Rechtsbildung ist Beseitigung früherer Rechte.

242. Kann es eine Politik der reinen Gerechtigkeit geben?

Nein, da es sich in der Politik stets um den Kampf von Kräften handelt, bei denen geschichtliches und sittliches Recht verschieden verteilt sind.

243. Kann es wenigstens eine Politik der reinen Barmherzigkeit geben?

Nein, denn in schwierigen Fällen steht die Lebenserhaltung der Gesamtheit höher als das Mitleid mit dem Einzelnen.

244. Bedeuten also Gerechtigkeit und Barmherzigkeit für die Politik nichts?

Im Gegenteil, sie bedeuten sehr viel, denn sie sind die edelsten Triebkräfte öffentlichen Handelns, nur soll keine Partei sagen, daß sie allein und in vollem Maße diese Triebkräfte besitze, während sie bei anderen Parteien gar nicht vorhanden seien.

245. Ist es denkbar, daß entgegengesetzte politische Standpunkte von gläubigen Christen vertreten werden?

Es ist nicht nur denkbar, sondern es entspricht der Wirklichkeit.

246. Worin wird sich in solchen Fällen das Christliche in der Politik zeigen?

In der Art und Weise wie der notwendige politische Kampf geführt wird.

247. Worin besteht diese Art und Weise?

Auch in den Kämpfen des öffentlichen Lebens soll sich das gemeinsame Christentum als Macht des Friedens und der Gemeinschaftlichkeit bewähren.

248. Was ist das Christentum?

Es ist die ganze geistige Bewegung, die von der Person Jesu Christi aus durch die Menschheit geht.

249. Besitzt das Christentum ein bestimmtes politisches Programm?

Es besitzt keins, denn in der Geschichte der christlichen Völker finden sich patriarchalische, absolutistische, konstitutionelle und demokratische Verfassungsformen, ohne daß eine dieser Formen für das Christentum unentbehrlich geworden wäre.

250. Besitzt das Christentum ein bestimmtes wirtschaftliches Programm?

Es besitzt keins, denn in der Geschichte der christlichen Völker sind die verschiedensten Betriebs- und Rechtsformen aufgetreten ohne den Einfluß der Person Jesu Christi wesentlich zu vermehren oder zu vermindern.

251. Warum ist der Einfluß der Person Jesu Christi unauslöschlich?

Gerade weil er uns nicht zeitgeschichtlich veränderliche Grundsätze bringt, sondern Offenbarung ewiger Wahrheit für die Menschen ist.

252. Wird die soziale Bewegung in ein Verhältnis zum Christentum treten?

Sie wird es müssen, sobald der Materialismus als Weltanschauung sich ausgelebt haben wird, da die aufstrebende arbeitende Menge einer gemeinsamen Geistesrichtung bedarf die den Willen und die Gemeinsamkeit weckt.

253. Werdet ihr für den Übergang vom Materialismus zum Christentum eintreten?

Wir werden es thun ohne aber damit einen Druck oder Zwang auf unsere Freunde oder Mitarbeiter ausüben zu wollen.

254. Was hat in dieser Hinsicht der erste national-soziale Vertretertag in Erfurt beschlossen?

Er hat folgende Resolution angenommen: „Der Delegiertentag erklärt ausdrücklich, daß § 7 der Grundlinien nicht ein Gewissenszwang für die einzelnen Mitglieder sein soll. Jeder, der ehrlich an der Erreichung unserer nationalen und sozialen Ziele mitarbeiten will, ist uns zur Mitarbeit willkommen.“

255. Warum werdet ihr trotz dieser Resolution für den Übergang vom Materialismus zum Christentum eintreten?

Weil eine aufstrebende Völkerbewegung in ihrer Gesamtheit nicht ohne eine ideale Gesamtanschauung sein kann und wir überzeugt sind, daß bei der gegenwärtigen Lage des geistigen Lebens für die sozialistische Bewegung der Anschluß an ein geläutertes Christentum natürlich und notwendig ist.

256. Ist es wahrscheinlich, daß der soziale und politische Fortschritt von christlichen Einflüssen gefördert wird?

Es ist sehr wahrscheinlich, daß sowohl die sozialen wie auch die politischen Ideale der sozialen Bewegung in ihren Anfängen von stark religiös bewegten Personen und Gruppen ausgehen.

257. Hat nicht das Christentum auch oft den Fortschritt gehindert?

Dem Fortschritt war mehr das Kirchentum als das Christentum hinderlich.

258. Was ist Kirchentum?

Es ist ein zur Form oder zum irdischen Machtmittel gewordenes Christentum.

259. Seid ihr gegen die Kirche?

Keineswegs, aber wir sehen die Kirchen als veränderungsbedürftige und veränderungsfähige Organisationen an.

260. Inwieweit wollt ihr euch mit kirchlichen und konfessionellen Fragen befassen?

Soweit es durch staatspolitische Interessen gefordert ist. Unsere Behandlung kirchenpolitischer Fragen wird von dem Gesichtspunkt ausgehen müssen: wie werden die kirchlichen Organisationen für die geistige Entwickelung der arbeitenden Menge am besten gestaltet?

261. Wollt ihr eine besondere Konfession vertreten?

Nein, sondern wir wollen Evangelische aller Formen und Bekenntnisse, Katholische und sonstige Christen als Vertreter eines gemeinsamen praktischen und lebendigen Christentums in gleicher Weise heranziehen.

262. Wie denkt ihr über das Verhältnis von Staat und Kirche?

Wir sehen die Lockerung ihres alten Verhältnisses für eine geschichtliche Notwendigkeit an, glauben aber, daß sie allmählich erfolgen wird.

263. Wie denkt ihr über das Verhältnis von Kirche und Schule?

Wir halten eine kirchliche Herrschaft in der Schule für verwerflich, aber eine Mitwirkung für nötig. Die geistliche Ortsschulinspektion muß durch Fachaufsicht ersetzt werden.

264. Wollt ihr auch Israeliten zur Mitarbeit hinzuziehen?

Wir wollen es thun, sobald sie nationalsozial denken und dem Christentum nicht feindlich gegenüberstehen.

265. Liegen in dieser ganzen Stellung zur Religionsfrage für eine politische Partei nicht große Schwierigkeiten?

Die Schwierigkeit liegt darin, daß die Religion nicht als Parteisache angesehen und doch in ihrer allgemeinen Bedeutung anerkannt werden soll.

266. Läßt sich diese Schwierigkeit nicht vermeiden?

Nur dadurch, daß man einen dieser beiden Gesichtspunkte außer Acht läßt. Die Schwierigkeit liegt in der Natur der Dinge selbst.

267. Werden sich diese Schwierigkeiten vermindern?

Sie werden es in dem Maße thun, in dem sich die christliche Gesinnung innerhalb unserer Richtung als wirkliche Förderung des Aufstrebens der arbeitenden Menge erweist.

268. Was ist also euer Grundbekenntnis?

Nationaler Sozialismus auf christlicher Grundlage.

Druck von Hempel & Co., Berlin SW., Zimmerstr. 7.

Hier der Text als pdf.

Hinterlasse einen Kommentar