Von Günter Brakelmann
Die Zeiten des Vormärz, der Revolutionsjahre, der Reaktionsphase, des Norddeutschen Bundes und der Anfangsphase des Zweiten Deutschen Kaiserreiches sind es, in die das Leben und Wirken des Mannes Johann Hinrich Wichern eingebettet sind. Als zunächst verborgener, aber dann mit zunehmender Zeit deutlich werdender Cantus firmus dieser politischen Epochen ist jedoch die ökonomisch-gesellschaftliche Veränderung zu sehen, die sich mit dem Prozeß der neuzeitlichen Industrialisierung vollzog. Nimmt man die Jahrzehnte von 1830 bis 1880, also ein halbes Jahrhundert, so hat die damalige deutsche Welt in dieser Epoche entscheidende Veränderungen hinter sich gebracht. Aus einem politisch und wirtschaftlich zerrissenen Deutschen Bund war über einige Zwischenphasen hinweg ein moderner Nationalstaat unter der eindeutigen Führung der Hohenzollernmonarchie geworden. Aus einem zurückgebliebenen Agrarstaat war ein moderner Industrie- und Handelsstaat gewachsen. Der Siegeszug der angewandten Naturwissenschaften bestimmte mehr und mehr das Alltagsleben einer sich formierenden bürgerlich-industriellen Gesellschaft.
Wichern hat diese Prozesse des gesellschaftlichen Wandels vom Spätfeudalismus Preußen-Deutschlands zum Industrialismus des Deutschen Reiches bewußt miterlebt. Die sozialen Folgen der industriellen Revolution werden für ihn das eine große Thema. Und die Gründe und Folgen der politischen Revolution werden für ihn das andere große Thema. Beides aber wird von der einen zentralen Frage umgriffen: welche Aufgaben hat die Kirche mit ihrer Verkündigung des Evangeliums und mit ihrem Tatzeugnis der Liebe in und gegenüber den epochalen Wandlungsprozessen? Es war eine zentral theologisch-kirchliche Frage, eine Frage des Glaubens und der sozialen Verantwortlichkeit von Kirche und Christen, auf die Wichern mit seinem Lebenswerk eine Antwort zu geben versuchte. Die eigene Gegenwart einer sich säkularisierenden und industrialisierenden Gesellschaft als Herausforderung an christlichen Glauben und christliches Handeln begriffen zu haben, durchzieht als Leitmotiv das Leben dieses Mannes.
Begonnen hatte dieses Leben am 21. April 1808 in Hamburg. Sein Vater hatte sich durch Zähigkeit und Fleiß eine kleinbürgerliche Existenz als Notar und Übersetzer erkämpft. Als der Vater früh verstarb, lag die Last der Familienerhaltung auf den Schultern der Mutter und ihres ältesten Sohnes Johann Hinrich, der den Besuch des Gymnasiums aufgeben mußte, um beim Broterwerb für die Familie mithelfen zu können. Entscheidend wurde für ihn die Mitarbeit als Erziehungsgehilfe in einem Knabeninstitut zu Pöseldorf bei Hamburg. Der Leiter entdeckte Wieherns pädagogische Talente im Umgang mit den Kindern. Auch Wichern selbst sieht für sich in der Arbeit mit Kindern schon sehr früh einen möglichen späteren Lebensauftrag. Seine damalige geistige und religiöse Entwicklung und Fundierung geschieht im engen Umgang mit älteren und jüngeren Männern und Frauen aus der Hamburger Erweckungsbewegung. Durch sie erhält er auch Eingang in einen Teil der Hamburger Bürgerschaft, die ihm sonst von der Herkunft her verschlossen geblieben wäre. Es sind einige reichere fromme Hamburger Bürger, die ihm finanziell helfen, die Schulausbildung zu vollenden und ein Theologiestudium zu beginnen. 1828 geht ein junger Mann ins Studium nach Göttingen, der zwei Erfahrungen gemacht hatte, die ihn auf immer prägen sollten: die Erfahrung der Armut im Leben der eigenen Familie und die Erfahrung der Hilfe Gottes, vermittelt durch andere Christen, die es mit dem Christus- glauben und mit den Taten der Liebe ernst meinten. Seine eigene Frömmigkeit hatte sich in enger Gemeinschaft mit anderen Christen entwickelt, denen es im Gegensatz zum entarteten durchschnittlichen Kirchentum und im Widerspruch zur rationalistischen Theologie um Herzensfrömmigkeit und lebendiges Gemeinschaftsleben ging. Auch in seinem Studium in Göttingen und später in Berlin hat Wichern solche Theologieprofessoren bevorzugt, die seiner Hamburger Prägung entgegenkamen und in der Lage waren, seine Frömmigkeit menschlich und theologisch zu vertiefen. Seine pietistische Erfahrungsfrömmigkeit erhielt ihre biblische Fundamentierung, ihre kirchengeschichtliche Vergewisserung und ihre praktisch-theologische Zielbestimmung bei Professoren wie Lücke, Neander und Schleiermacher. Vor allem von Neander übernahm er die für seinen Glauben und für seine Ethik zentrale Vorstellung vom Reich Gottes, das sich durch die Arbeit der Gläubigen in der Welt durchsetzte und durch die im Glauben tätige Liebe zum Siege komme.
In Berlin kam Wichern mit dem Führer der Berliner Erweckungsbewegung, dem Baron von Kottwitz in Berührung. Er lernte dessen „Armenbeschäftigungsanstalt“ und seine seelsorgerliche und diakonische Arbeit kennen. Auch das „Rettungshaus“ von Kopf, eine „Anstalt zur Erziehung sittlicher verwahrloster Kinder in Berlin“, hat er besucht. Und bei einem Dr. Julius hörte er Vorlesungen über die Probleme des Gefängniswesens. Dies sind wieder drei Begegnungen und Erfahrungen, die später für sein eigenes Leben wichtig werden sollten.
1831 legt Wichern sein theologisches Examen in Hamburg ab. Ein ihm bekannter Pfarrer hatte seit 1825 in Hamburg nach englischem Vorbild die Sonntagsschularbeit eingerichtet. In dieser praktischen Arbeit und bei seiner Mitarbeit in einem Besuchsverein kommt Wichern in unmittelbare Berührung mit der sozialen, sittlichen und religiösen Lage der Unterschicht in den Hamburger Hafen- und Arbeitervierteln. Wichern, von Jugend auf an methodische Kleinarbeit gewöhnt, macht über seine Besuche bei Familien in den Elendsquartieren genau Notizen und schreibt eine kleine Sozialreportage über „Hamburgs wahres und geheimes Volksleben“. Schon hier zeichneten sich bei Wichern Fähigkeiten ab, die sich immer mehr entfalten sollten: genaueste Beobachtungsgabe, Sinn für Details, Dialogfähigkeit im Umgang mit Menschen am Rande der Gesellschaft. Wichern berichtet von einzelnen Schicksalen in Ehe, Familie und bei der Arbeit. Er zeichnet ein ungeschminktes Bild der existentiellen, der moralischen und religiösen Situation dieser verproletarisierten Großstadtunterschicht, die nur noch über Reste von allgemeiner Bildung verfügte. Das Alltagsleben dieser Menschen ist geprägt von Diebstahl, Hurerei, Alkohol, Gewalttätigkeiten und Krankheiten. Was fehlt, sind geregelte Arbeit, Familienleben und religiös kirchliche Bindungen.
Dieses konkrete Elend eines verstümmelten Menschentums ist es, das Wichern gewissensmäßig nicht mehr losläßt. Vor allem sind es die Kinder ohne Jugend und Zukunft, die ihn nach praktischen Wegen der Hilfe suchen lassen. Er denkt an die Einrichtung der Rettungshäuser für Kinder, wie sic Johannes Falk in Weimar, Kopf in Berlin und andere gegründet hatten. Im „Bergedorfer Boten“ macht er die Hamburger Leser mit diesen Einrichtungen bekannt. Es zeigt sich wieder ein Charakteristikum des Wichernschen Vorgehens: er fragt angesichts einer eigenen Herausforderung nach Vorläufern in der Praxis, um ihre Erfahrungen in ein eigenes Konzept einbringen zu können. Das führt ihn zu historischen Studien, die seinen eigenen Gründungen immer vorauslaufen oder sie begleiten. Wichern sieht sich selbst zunächst immer in der Tradition der Liebesarbeit der Kirche. Dazu gehören ihm selbstverständlich auch die Erfahrungen von Zeitgenossen in ähnlicher Arbeit, auf deren Sachurteil er größten Welt legt. Und da für ihn jede Form der Arbeit der rettenden Liebe ihren letzten Grund im Glauben an den menschgewordenen Sohn Gottes hat, ist die biblisch-theologische Begründung des beabsichtigten Tuns für ihn das Fundament, das alles zu tragen hat.
Und auch dieses ist Stil bei Wichern: er ist nicht der einsame Gründer, sondern als Initiator steht er in Verbindung mit anderen Christen, die sein Werk mittragen. So auch jetzt 1833, als in einer Versammlung von Freunden und Gleichgesinnten beschlossen wird, für Hamburg ein eigenes Rettungshaus für Kinder zu gründen. Ohne die geistliche und praktische Vorarbeit und spätere Hilfe durch einen breiten Freundeskreis wäre es nie zur späteren großen Anstalt des „Rauhen Hauses“ in Horn bei Hamburg gekommen. Karl Sieveking ist es gewesen, der Wichern eine kleine Bauernkate für seine Arbeit zur Verfügung stellte. Am 1. November 1833 bezieht Wichern mit seiner Mutter und einer seiner Schwestern das kleine Anwesen, das bald die ersten Knaben als Zöglinge aufnehmen sollte. Wichern hat 1856 in 3. Auflage ein umfangreiches „Festbüchlein des Rauhen Hauses“ herausgegeben, in dem die äußere und innere Geschichte seines Rettungswerkes geschildert wird. Fast in jedem Jahr wurde ein neues kleines und manchmal größeres Anwesen errichtet, so daß mit der Zeit ein großer Anstaltskomplex erstand, der neben einer Reihe von Wohnhäusern für Kinder und deren Erzieher auch andere Funktionsgebäude umfaßte. Ein Betsaal kam später hinzu. In jedem Wohnhaus lebten bis zu 12 Kinder verschiedenen Alters (zunächst nur Jungen, später auch Mädchen) zusammen mit einem „Bruder“ als „Hausvater“, der eine umfassende pädagogische Aufgabe zu erfüllen hatte. Er hatte dafür zu sorgen und darüber zu wachen, daß sich in seiner „Familie“ zwischen den Kindern und im Verhältnis zu ihm selbst familienähnliche Beziehungen entwickeln konnten. Wichern ging in seiner pädagogischen Konzeption davon aus, daß die Familie das gottgewollte Zentrum der Erziehung sei, und daß an ihr junge Menschen sowohl zu Individualität wie zur Gemeinschaftsfähigkeit gebildet und eingeübt werden müßten. Er machte deshalb für seine Heimerziehung das Familienprinzip zur Grundlage des äußeren und inneren Aufbaus seines „Rauhen Hauses“. Er blieb sich aber immer bewußt, daß jede Heimerziehung – und sei sie noch so von der Praxis der Freiheit und des Vertrauens bestimmt – nur ein
Ersatz für ein richtiges Familienleben sein konnte. Aber auch unter diesem Vorbehalt war ihm eine organische Erziehung von verwahrlosten und schwer erziehbaren Kindern am ehesten noch unter den Bedingungen familienähnlicher Korporationen sinnvoll. Das gemeinsame Leben, das die persönliche Unverwechselbarkeit des Kindes und seiner individuellen Bedürfnisse respektierte, aber es gleichzeitig in die Notwendigkeiten von Ordnung und Disziplin einweisen sollte, vollzog sich im allgemeinen Schulunterricht, bei gemeinsamer praktischer Arbeit wie im Spielen und Feiern. Wichern erarbeitete sich eine „Pädagogik für das Rauhe Haus“, die er als Vorlesung den Brüdern und Erziehungshelfern vortrug. Alle grundsätzlichen und praktischen Probleme einer Heimerziehung auf dem Boden des Evangeliums werden in ihr angesprochen, durchreflektiert und zu Handlungsanweisungen verdichtet. Seine pädagogischen Schriften sind eine Fundgrube für die Geschichte einer christlichen Erziehung unter besonders schwierigen Bedingungen. Wichern, für den das Rauhe Haus „eine Einrichtung ist, deren erster und letzter Zweck Erziehung ist“, dürfte der bedeutsamste praktische Pädagoge des deutschen Protestantismus des 19. Jahrhunderts gewesen sein. Vor allem sein Konzept der „Erziehung durch Arbeit“ hat die Grundlagen für eine moderne Arbeits- und Sozialpädagogik gelegt. Alle Kinder im Rauhen Haus haben in Lehrwerkstätten und kleinen Produktionsstätten handwerkliche Fähigkeiten entwickeln können: die Jungen als Schuster, Tischler, Pantoffelmacher, Schneider, Drechsler, Landwirte, die Mädchen als Näherin, Köchin, Strickerin und in vielen anderen Tätigkeiten. Wenn die Kinder entlassen wurden, sollten sie charakterlich und beruflich für ein eigenständiges und eigenverantwortliches bürgerliches Leben vorbereitet sein. Größten Wert legte Wichern aber auch auf musische und sportliche Ausbildung. Ein ganzheitlich orientiertes Konzept von Erziehung zum Leben als Erwachsener bestimmte den Tages- und Jahresablauf. Selbstverständlich spielte die religiöse Erziehung eine zentrale Rolle. Bibel- und Katechismusunterricht wie das Einüben von Liedern waren neben den täglichen Andachten und sonntäglichen Gottesdiensten feste Bestandteile einer religiös-moralischen Erziehung, die aber auf Grund ihrer Verbindung mit der praktischen Lebenserziehung durch handwerkliche und landwirtschaftliche Arbeit sich nicht lebensfremd verselbständigte. Wichern selbst formulierte: „Das Ganze des Rauhen Hauses ist eine Darstellung der lebendigen Durchdringung der vier, auf göttlicher Stiftung beruhenden Faktoren: der Familie, der Schule, der bürgerlichen Arbeit und der Kirche — soweit dieses in einem solchen kleinen Gemeinwesen darstellbar ist.“
Dies kleine Gemeinwesen war im Zuge seiner Vergrößerung auf die Mitarbeit von ausgebildeten Brüdern, von Diakonen, angewiesen. Wichern gründete deshalb 1844 ein „Gehilfeninstitut“ als „Seminar für Innere Mission“. Damit war Wichern zum Erneuerer der männlichen Diakonie geworden. Ein neuer kirchlicher Mitarbeiterberuf wurde geschaffen. Ausgebildet wurde im „Brüderhaus“, allerdings nicht mehr nur für den eigenen Bedarf, sondern für den ganzen Bereich der „Inneren Mission“, wie sie sich inzwischen im In- und Ausland an vielen Stellen herausgebildet hatte. Als Hausväter und Gehilfen in anderen Rettungsanstalten, als Mitarbeiter in Werk- und Armenhäusern, in Gefängnissen und als Prediger unter Handwerkern und Kolonisten wurden die Brüder in die verschiedensten Dienste entsandt. Wichern hat viel Mühe darauf verwandt, eine qualifizierte Brüderschaft für die vielfältigen Arbeiten der rettenden Liebe auszubilden und später den Kontakt zu ihr geistlich und praktisch zu erhalten.
Das Rauhe Haus hatte sich nach wenigen Jahren so konsequent entwickelt, daß es sehr schnell über die Hamburger Lokalbedeutung hinauswuchs. Wichern mußte seinen Aktionsradius entsprechend vergrößern. Er nahm nicht nur Kontakte zu anderen Einrichtungen und Personen auf, sondern reiste im Land herum, um überall neue Gründungen der christlichen Diakonie anzuregen. Er wird der „Herold der Inneren Mission“. Unter diesem Namen wurde mit Beginn der vierziger Jahre die gesamte Rettungsarbeit von einzelnen Christen oder Gruppen von Christen betrieben. Um diesen Gedanken der Inneren Mission immer mehr zu verbreiten und zu vertiefen, gab Wichern im eigenen Verlagsgeschäft, der „Agentur des Rauhen Hauses“, ab 1844 die „Fliegenden Blätter aus dem Rauhen Haus zu Horn bei Hamburg“ heraus. Nicht nur über den Fortgang der eigenen Arbeit, sondern über das gesamte Tätigkeitsfeld der Inneren Mission im In- und Auslande wurde berichtet. Wichern definierte in diesem Jahr die Innere Mission als „das Bekenntnis des Glaubens durch die Tat der rettenden Liebe“. Die „Fliegenden Blätter“ brachten regelmäßig Jahresvorworte, Aufsätze und andere kleine Beiträge ihres Herausgebers. Sie zusammen ergeben einen Einblick in die Gedankenwelt eines Mannes, der um seiner speziellen Aufgaben willen die geistigen, gesellschaftlichen, ökonomischen und sozialen Umwandlungsprozesse seiner Zeit aufmerksam verfolgt wie kein anderer Mann im deutschen Protestantismus dieser Zeit. Die eigenen Beobachtungen in den sozialen Brennpunkten ergänzt er durch die Lektüre anderer Autoren. Besonders das Schicksal der verproletarisierten Handwerkermassen und des sich langsam bildenden Industrieproletariats findet sein Interesse. Vor allem über die verschiedenen sozialistischen und kommunistischen Bewegungen in Europa informiert er sich intensiv. Man wird für diese vorrevolutionäre Zeit sagen dürfen, daß Wichern mit den damals gegebenen Möglichkeiten der Informationen auf der Höhe des sozialen und politischen Wissens gewesen ist. Jedenfalls gehört er zu den ganz wenigen Zeitgenossen, die sich eine dauernde Beobachtung der gesellschaftlichen Umwandlungsprozesse vor der Revolution 1848/49 zur Aufgabe gesetzt haben. Es charakterisiert ihn, daß er die Phänomene des Sozialismus und Kommunismus als Erscheinungen zwischen Wahrheit und Lüge begreift. So sehr er ihre durchweg rationalistische bis atheistische weltanschauliche Begründung ablehnen muß, so weiß er auf der anderen Seite aber, daß sie Antworten auf entscheidende Versäumnisse der „christlichen Gesellschaft“ sind. Diese hat es an praktischer Hilfe für die Unterschichten und Randgruppen fehlen lassen. Vor allem die traditionellen gesellschaftlichen Eliten haben in seiner Sicht durchweg moralisch und gesellschaftspolitisch versagt. Sie sind ihrer sozialen Verantwortung als Bürger und Christen nicht nachgekommen, weil sie der Geist des Libertinismus und Mammonismus, des Eigennutzes und des Sonderinteresses ergriffen hatte. Wichern wird ein scharfer Kritiker des aristokratischen Feudalismus und des bürgerlichen Mammonismus, soweit sie sich ihrer sozialen Verantwortung für die anderen Stände und Schichten des Volkes entzogen haben. Vor allem aber trifft seine Kritik die in Kirchen und Gemeinden verfaßte Christenheit, die es unterlassen hat, in Wort und Tat die Sache der Elenden, der Ausgestoßenen, der Entrechteten und Entwurzelten zu ihrer Sache zu machen. Die Kirche hat in ihrer Verkündigung nicht konsequent genug die Gewissen der Verantwortlichen angesprochen, um die Notstände praktisch zu beheben. Sie hat es nicht vermocht, diakonische Kirche zu sein. Sie hat allen Grund, ein Schuldbekenntnis ihres Versagens in Verkündigung, Seelsorge und im praktischen Dienst zu sprechen, um dann in neuer bewußter Weise sich den Herausforderungen der Zeit zu stellen. Sie hat sich nach Wieherns Auffassung zum einen den geistigen, religiösen und moralischen Ursachen zuzuwenden, die die Situation der Entfremdung weiter Kreise der oberen Stände von den Inhalten des Evangeliums und eines ihnen entsprechenden Lebenswandels verursacht haben. Zum andern hat sie zu fragen, worin das Ursachenbündel liegt, daß sich die Unterschichten aus dem Einflußbereich kirchlicher Verkündigung und christlicher Sitte entfernt haben. Liberalismus, Sozialismus und Kommunismus als moderne weltanschauliche und politisch-gesellschaftliche Bewegungen sind für Wichern in dem Maße von innen heraus zu überwinden, wie die Reorganisation einer christlichen Gesellschaft auf dem Fundament eines lebendigen Glaubens und tatkräftiger Liebe gelingt. Volksmission mit allen modernen Mitteln ist ihm der Weg, die zerstörte Einheit des gesellschaftlichen Lebens im gegenseitigen Geben und Nehmen zurückzugewinnen. Das Reich Gottes in Akten der Liebe, in umfassender menschlicher und sozialer Verantwortung gegen die Mächte des modernen Unglaubens durchzusetzen, war für ihn die letzte religiös sittliche Aufgabenbestimmung der Kirche und ihrer gläubigen Christen. Wichern hat diese große Perspektive des Glaubens und der Liebe zur Rettung der Welt als des Herrschaftsraumes des in Christus geoffenbarten Gottes immer wieder zur Sprache gebracht. Das Bewußtsein, in dem großen Geisteskampf zwischen dem Reich Gottes und seinen zeitgenössischen Widersachern, die sich bei aller Unterschiedenheit im einzelnen letztlich als Erben der säkularen „Prinzipien von 1789“ verstanden, zu stehen und zu arbeiten, hat Wichern im großen und im einzelnen bestimmt. Diese universale Perspektive, die den konkreten Tageskampf auf Sieg oder Niederlage, auf Rettung oder Untergang, auf Heil oder Unheil festlegte, hat Wichern zu einem radikalen Geschichts- und Krisendenker gemacht. Im Medium zeitgenössischer Geschichte ereignet sich für ihn die Entscheidung, ob die Zukunft die Zukunft einer Welt aus christlichem Glauben und christlicher Verantwortung oder eine Welt aus Un-, Aber-, Irr- und Wahnglaube wird. Oder anders: ob die Welt sich nach den Prinzipien geoffenbarter und durch die Schöpfung und Geschichte geheiligter Wahrheiten neu bildet, oder ob sie sich selbst nach den Prinzipien säkularer Emanzipation zum Tode hin entwickelt, dieses Entweder-Oder eines radikalen Krisenbewußtseins gibt dem Wichernschen Denken seine innere Struktur und Lebendigkeit.
Die Arbeit der Inneren Mission ist deshalb nicht nur kirchliche Sozialarbeit, nicht nur barmherzige Hilfe an denen, die unter die Räder gnadenloser ökonomischer und sozialer Abläufe geraten sind, sie ist in ihrem Kern und in ihrem Ziel die Rettung der gesamten Wirklichkeit einer Welt, die sich ihres Ursprungs und Urgrundes – Gott in Jesus Christus – nicht mehr bewußt und verpflichtet weiß. Es geht um die Rettung einer Welt, die den Menschen in die Mitte ihrer Selbstorganisation und damit ihrer Selbstdestruktion gestellt hat, durch den einen Jesus Christus, der aller Wirklichkeit ihre Einheit gibt. Deshalb kann Wichern über die Arbeit der Inneren Mission sagen: „… die Wurzel ihres Werkes ist Christus, dem alle Not zu Herzen geht und in dessen Herz die Hilfe gegen alles Elend zu finden ist … Sie erfaßt die in Christo gewonnene und unzerstörbare Einheit des Lebens in Staat und Kirche, in Volk und Familie, in allen Gliederungen der christlichen Gesellschaft, um ihre rettenden, jedem Bedürfnis entsprechenden Lebenskräfte, wo oder ehe die Not nach Hilfe ruft, wirksam werden zu lassen.“
Wichern ist theologisch und in seiner Praxis nur zu verstehen, wenn man diese seine christologische Konzentration sieht. Christus ist nicht nur der zentrale Bezugspunkt für Glaube und Handeln der gläubigen Christen, sondern er umgreift als Schöpfer und Erlöser auch die Fundamentalordnungen dieser Welt: Familie, Arbeit, Eigentum, Volk, Staat und sichtbare Kirche. Sein Angebot und Anspruch sind universal, auf Herz und Gewissen der einzelnen Menschen wie auf die menschlichen Ordnungen gerichtet. In ihm und mit ihm sind also nicht nur die Rettung des persönlichen Heils, sondern zugleich auch die wahren Kriterien für eine wahrhaft menschliche Ordnungswelt gegeben. Die Konsequenz dieses Christozentrismus ist, daß Wichern die Glaubensfrage als Missionsfrage immer zugleich mit der gesellschaftlichen Ordnungsfrage verbunden hat. Der Zuspruch des Evangeliums wurde gleichzeitig gekoppelt mit dem Akzeptieren von bestimmten, christlich interpretierten Ordnungsstrukturen in Staat und Gesellschaft.
Die Grundgedanken Wieherns zur Inneren Mission, zur sozialen Aufgabe der Kirche, zu den politisch-gesellschaftlichen Emanzipationsbewegungen seiner Zeit wie seine radikale Geschichtsschau lagen vor, als er im September des Revolutionsjahres 1848 auf dem Wittenberger Kirchentag die Gelegenheit bekam, zur Sache der Inneren Mission vor einem großen Auditorium zu sprechen. In seiner berühmt gewordenen 5/4-Stunden- Stegreifrede, die die theologische Aussage „Die Liebe gehört mir wie der Glaube“ zur Grundlage hat, fordert er die Kirche auf, den Ernst der geistigen, religiösen und sozialen Lage zu erkennen und durch gemeinsames Handeln im Sinne einer sozialen Volkskirche den revolutionären Herausforderungen zu begegnen. „Es bedarf einer Reformation oder vielmehr einer Regeneration aller unserer innersten Zustände in Staat, Kirche und Gesellschaft. Die Innere Mission hat es jetzt schlechterdings mit der Politik zu tun, und arbeitet sie nicht in diesem Sinne, so wird die Kirche mit dem Staat untergehen.“
Der Kirchentag, damals eine repräsentative Vertretung des deutschen kirchlichen Protestantismus, beschloß die Bildung eines „Centralausschusses für die Innere Mission“ (CA). Dieser konstituierte sich endgültig im Januar 1849. Er umfaßte Männer aus Universität und preußischer Beamtenschaft, Würdenträger der Kirche und Mitglieder des Adels. In den Statuten des CA heißt es: „Die Innere Mission hat zu ihrem Zweck die Rettung des evangelischen Volkes aus seiner geistlichen und leiblichen Not durch die Verkündigung des Evangeliums und die brüderliche Handreichung der christlichen Liebe.“
Wichern hatte den Auftrag bekommen, eine Denkschrift über Wesen und Arbeit der Inneren Mission zu schreiben. Er verfaßte sie Ende 1848 und Anfang 1849. Sie erschien unter dem Titel: „Die Innere Mission der deutschen evangelischen Kirche. Eine Denkschrift an die deutsche Nation, im Auftrage des Centralausschusses für die Innere Mission, verfaßt von J. H. Wichern.“ Diese umfangreichste Schrift Wieherns dürfte das bedeutsamste Dokument seiner Gedanken sein. Sie kann unter die großen Reformationsschriften der europäischen Christenheit gerechnet werden. Es gibt im ganzen 19. Jahrhundert keine theologisch-praktische Schrift, die mit ihr sowohl nach ihren prinzipiellen Aussagen hin wie nach ihrem praktischen Handlungskonzept hin mit einem anderen Werk verglichen werden könnte. Die Denkschrift Wieherns wird ihren Rang in der Kirchen- und Nationalgeschichte behalten. Sie umreißt nach einer allgemeinen Einleitung für die Innere Mission ihre einzelnen Arbeitsgebiete auf staatlichem, auf kirchlichem, auf allgemein sittlichem und auf dem sozialen Gebiet. Sie zeigt die Aufgabenfelder in Deutschland, in der europäischen Diaspora und in der transatlantischen Welt auf. Sie schließt mit Ausführungen über die Organisationsstruktur der Inneren Mission.
Die Denkschrift, deren Inhalt wir im einzelnen nicht nachzeichnen können, spricht so gut wie alle zeitgenössischen brennenden Probleme an. Sie birgt in sich Sozialreportagen über die Lage der arbeitenden und proletarischen Massen der damaligen Wirtschaftsgesellschaft beim Übergang von der feudalistisch-organisierten Agrarwelt in eine bürgerlich-kapitalistische Wirtschaftsordnung. Die Einzelkenntnisse Wieherns über diesen Strukturwandel mit seinen sozialen und gesellschaftlichen Folgen dürften von einer einmaligen Dichte sein. Seine Konkretheit in der Sicht der frühindustriellen Verhältnisse ist unübertroffen. Seine analytisch-kritischen Fähigkeiten entfalten sich ebenso wie seine Fähigkeit, aktuelle Probleme auf ihre geschichtliche Herkunft hin auszuleuchten. Der Historiker und Analytiker Wichern verbindet Geschichtsbewußtsein und kritische Zeitgenossenschaft zu dem großen Panorama einer spezifischen Zeitschau.
Besondere Dramatik und Farbe haben die Partien der Denkschrift, die sich auf die Analyse und Kritik dessen beziehen, was Wichern „die Revolution“ nennt. Sie steht an der Spitze „gegen was die Innere Mission ihre Waffen zu kehren hat“. „Die Innere Mission wird namentlich darauf hinweisen müssen, daß der Christ sich von der Pflicht des politischen Lebens nicht zurückziehen darf; daß auch hier die Flucht Schande ist; daß es auch hier den Streit für den Herrn gilt; sie wird den Weg der politischen Presse und Rede nicht unbetreten lassen …“
Von diesen Prämissen her wird die Denkschrift nicht nur der große Entwurf für eine breit angelegte Evangelisation des Volkes in all seinen Gliedern und Ständen, sondern wird zugleich ein Dokument politischer Theologie. Volksmission und das Konzept einer politisch-gesellschaftlichen „Regeneration“ im Sinne ganz bestimmter Ordnungsvorstellungen verschmelzen zu einem die einzelnen Elemente zwar unterscheidenden, aber letztlich sie verbindenden Programm für die Überwindung des neuzeitlichen revolutionären Zeitgeistes und der ihm entsprechenden politischen und gesellschaftlichen Praktiken. Die Denkschrift wird in ihrem politischen Kern das antirevolutionäre Programm des sich unter den Bedingungen der politischen Reaktionszeit Friedrich Wilhelms IV. entwickelnden protestantischen Konservativismus. „Revolution“ ist alles, was mit moderner Emanzipation im Gefolge der Prinzipien von 1789 zu tun hat, ob nun in der Form des bürgerlichen Liberalismus oder des handwerklichen und proletarischen Sozialismus/Kommunismus. Moderne Emanzipation, das ist für Wichern Rationalismus, Materialismus, Atheismus, ist der Gedanke von individuellen Freiheitsrechten vor der Ordnungsmacht des Staates, sind Demokratie und Republik. Alle sind für ihn die Phänomene des einen Vaters: des Unglaubens, wie ihn die Aufklärung als weltbewegende Macht in die Geschichte gebracht hat. Der Gedanke der Autonomie des Menschen, seiner Selbstmächtigkeit im Denken und Handeln, seine Weigerung, objektive Autoritäten über und neben sich anzuerkennen, kurz die Verweigerung, sich in von Gott vorgegebene Ordnungen und Pflichten einweisen zu lassen, sondern selbst zu bestimmen, was human und sozial sei – dieser Geist ist es, der den großen historisch-politischen Aufstand des Menschen gegen christliches Verständnis vom Menschen und gegen christliches Verständnis von Ordnung verschuldet hat. Er wird propagiert von antichristlichen Philosophen, von anarchistischen Literaten und von politischen Agitatoren, die alle nur das eine große Ziel haben: den Umsturz des Bestehenden. Kirche und Theologie, Kirche und Verkündigung, Kirche und Seelsorge und vor allem die Kirche in gezielter Aktion als innere Mission – sie alle haben die eine Aufgabe, den Geist des Unglaubens und den Geist des Umsturzes mit den ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln zu bekämpfen. Ihnen zur Seite steht der sich seiner Ordnungsaufgabe bewußte Staat und eine sich ihrer sittlichen Aufgabe bewußte Führungsschicht der Gesellschaft. Staat und Kirche, unterschieden in ihren Verantwortlichkeiten und Mitteln, aber auf gegenseitige Unterstützung angewiesen, haben die gleichen Feinde: den Atheismus und den Revolutionismus. Die Glauben und Ordnung zersetzenden Mächte haben für Wichern im Kommunismus ihren Höhepunkt erreicht. Er ist „die Systematisierung der sündlichen Gelüste“, die alles einreißen: die Familie, die Arbeit, das Eigentum und die Unterschiede der „göttlichen Ordnungen von Oben und Unten, von Regierenden und Regierten, Eltern und Kindern, Herren und Knechten, Obrigkeiten und Untertanen ..
Es ist konsequent, daß die alten Führungsmächte nach der kurzen Irritation durch die Revolution von 1848/49 die Arbeit der Inneren Mission nicht nur begrüßen, sondern protegiert haben. Sie haben mit dem ihnen eigenen Gespür für Macht und ihre moralische Absicherung erkannt, daß die politischen und religiösen Intentionen Wieherns und seiner Denkschrift ihren Interessen entsprach. Es ist deshalb kein Zufall, daß die Arbeit der Inneren Mission in der postrevolutionären Reaktionszeit ihre große Zeit gehabt hat. Und es ist kein Zufall, daß der preußische Staat und sein König die Sozialarbeit der Inneren Mission als Bestandteil ihres antiliberalen, antidemokratischen und antisozialistischen Abwehrkampfes betrachtet haben.
Aber dies ist nur die eine Seite. Auf der anderen Seite ist nicht zu unterschlagen, daß es Wichern und seine Innere Mission gewesen sind, die sich der faktischen Nöte der gesellschaftlichen Randgruppen mit großem persönlichen Einsatz angenommen haben. Es bleibt ihr Verdienst, daß sie im Rahmen ihrer Position die karitative Sozialarbeit für Kranke, Kinder und Alte, für Hungernde und Ohnmächtige Zug um Zug ausgebaut haben. Aber auch viele Reformen der Sozialarbeit in Kommunen und auf Staatsebene gehen auf ihre Anregungen zurück. Sie haben mit ihren Aktivitäten geholfen, neue Berufsfelder und Berufsbilder zu entwickeln, gerade auch für Frauen (Kindergärtnerin, Krankenschwester, Lehrerin u. a.). Samariterdienste aller Art sind vielfach und lange vor der geordneten Sozialtätigkeit des Staates geleistet worden. Dies bleibt Wieherns und der Inneren Mission großes historisches Verdienst.
Aber die Grenzen dieser Leistungen dürfen eben auch nicht übersehen werden. Einmal hat sich die Erwartung, daß durch eine Gesinnungsänderung der verantwortlichen Eliten in Wirtschaft und Gesellschaft die humane und soziale Lage der in abhängiger Arbeit stehenden Menschen entscheidend verändern könnte, aufs ganze gesehen, als ein Irrtum erwiesen. Die Predigt der Liebe ohne die Thematisierung von Recht und Gerechtigkeit hat die realen Machtverhältnisse nicht ändern können. Das Prinzip der „rettenden Liebe“ ohne das Pendant der „gestaltenden Gerechtigkeit“ vermochte zwar einzelne Menschen und auch einzelne Gruppen in ihrem Verhalten zu ändern, schaffte aber keine neuen Grundverhältnisse mit mehr persönlicher Freiheit aller und mehr sozialer Gerechtigkeit für alle. Im Wichernschen Denken blieb die ökonomische und politische Machtfrage als Frage der Gerechtigkeit ausgeblendet. Die durchaus vorhandenen Überlegungen in diese Richtung blieben unausgewogen und ohne Konsequenzen für sein Handeln und für das Handeln der Inneren Mission. Sowohl der Gedanke einer gewerkschaftlichen Selbsthilfe wie der Gedanke staatlicher Sozialgesetzgebung gelangten nicht in das Stadium praktischer Sozial- und Gesellschaftspolitik. Der gesellschaftsreformerische Ansatz, der durchaus im sozialkonservativen Denken möglich ist, ist bei Wichern in den fünfziger und sechziger Jahren immer mehr zugunsten der an Einzelschicksalen orientierten kirchlichen Sozialarbeit verdrängt worden. Erst später wurde er in der evangelisch-sozialen Bewegung wieder aufgenommen.
Den persönlich größten Einsatz neben der Leitung des Rauhen Hauses und der Arbeit im CA hat Wichern bei der Gefängnisreform geleistet. Hier war er wieder ganz bei sich selbst, seiner Leidenschaft, den Ärmsten der Armen konkret zu helfen. Aus eigener Anschauung kannte er die katastrophalen Verhältnisse in den Gefängnissen. Auf vielen Audienzen bei Friedrich Wilhelm IV. gelang es ihm, den König von der Notwendigkeit durchgreifender Reformen im Gefängniswesen zu überzeugen. Nach mehreren Inspektionsreisen hatte Wichern ein Konzept entwickelt, das die Billigung auch der zuständigen Minister fand. 1857 berief man Wichern in der Funktion eines Vortragenden Rates im Ministerium des Innern und eines Oberkonsistorialrates im Evangelischen Oberkirchenrat in den Preußischen Staatsdienst. Die Leitung des Rauhen Hauses allerdings gab er nicht auf. In zahlreichen Eingaben und Reden hat Wichern versucht, eine Gefängnisreform – zunächst exemplarisch im Gefängnis von Berlin-Moabit – auf der Grundlage seines theologischen und humanen Verständnisses der Gefangenen frage durchzuführen. Er befaßte sich wieder mit der langen Geschichte des Problems und mit den Experimenten in anderen Ländern. Ohne dem Staat das Recht auf Bestrafung von Verbrechen zu bestreiten, ging es ihm um mehrere Ziele: die Aufhebung der Massenhaft zugunsten einer Einzelhaft, um die Gefangenen von den verderblichen Einflüssen ihrer Umwelt abzuschirmen, ferner um die Ausbildung eines Gefängnispersonals, das in der Lage war, menschlich und sachlich mit den Gefangenen umzugehen, weiter um eine Vorbereitung auf die Zeit nach der Entlassung. Wichern wußte: „Mit der Entlassung des Gefangenen beginnt oft erst das rechte Gefängnis mitten in der Freiheit.“ Die Gesellschaft ihrerseits war auf die Aufnahme eines Strafgefangenen überhaupt nicht vorbereitet. In all diesen Fragen sollte der Kirche eine zentrale Rolle in der Frage der Inhaftierungsmethoden wie in der späteren Resozialisierung zukommen.
Es ist ein großes Konzept, das der Diakon Wichern in dieser Frage entfaltet hat. Aber im ganzen ist er mit ihm gescheitert. Einmal war der Widerstand der alten Gefängnisbürokratie sehr groß. Zum andern verweigerte ihm das Preußische Abgeordnetenhaus die gesetzliche Zustimmung für seine Reform. Aber auch die öffentliche Meinung stand weithin dagegen. Wichern und seine Brüder, die er als Diakone in die Gefängnisse gebracht hatte – das 1858 gegründete Johannesstift in Berlin sollte speziell für diesen Dienst an den Gefangenen ausbilden –, haben in dieser Frage eine große Niederlage erleiden müssen. Dennoch bleiben für uns heute gerade Wieherns Gefängnisschriften ein Beweis dafür, wie fortschrittlich an dieser Stelle ein sonst konservativer Mann denken konnte.
Wichern war ein Mann größter Arbeitskraft. Seine verschiedenen Aktivitäten, die er neben dem Staatsdienst für den Gedanken und die Praxis der Inneren Mission auf sich nahm, zeigen einen Menschen und Christen, der jederzeit zur Stelle war, wenn es unmittelbar auf Notstände zu reagieren galt. Zu erwähnen ist noch, daß er in den Kriegen 1864,1866 und 1870/71 eine „Felddiakonie“ organisiert hat. 1870 beruft der CA eine kleine Arbeitgeberkonferenz nach Berlin und Bonn ein, um über die Lösung der sozialen Frage zu verhandeln. Man sprach über die Möglichkeiten genossenschaftlicher Selbsthilfe für die Arbeiter, über Arbeiterwohnungen und über die Gründung einer sozialpolitischen Zeitschrift. Wichern selbst hält seine letzte große öffentliche Rede auf der „Oktoberkonferenz“ von 1871. Sein Referat mit dem Titel „Mitarbeit der evangelischen Kirche an den sozialen Fragen der Gegenwart“ konnte der kranke Wichern nur noch mit Mühe halten. Auch inhaltlich stand es, wie die anderen Konferenzbeiträge zeigen, nicht mehr auf der Höhe der Diskussion. Es zeigte sich, daß er die veränderte politisch-gesellschaftliche und auch parteipolitische Situation nicht mehr genau überschaute. Eine gewisse Altersverhärtung in den Urteilen vor allem über die sozialistische Arbeiterbewegung ist nicht zu verkennen. Viele haben es auf der Oktoberkonferenz gemerkt: ein alter großer Mann war dabei, von der öffentlichen Bühne abzutreten.
Noch einige Jahre hat Wichern die volle Leitung des Rauhen Hauses dennoch gehabt. Diese Zeit, die mit zunehmender Verschlechterung seiner Gesundheit verbunden war, ist nicht frei von menschlichen und sachlichen Konflikten. Ab 1874 muß er noch bis zu seinem Tode am 7. April 1881 sieben qualvolle Jahre dahinsiechen. Zuvor hatte er seinen Sohn Johannes zum Nachfolger in der Leitung des Rauhen Hauses bestimmt. Was bleibt? Wer sich in das umfangreiche Schrifttum dieses Mannes einarbeitet, wird auch heute noch fasziniert sein von dem Menschen und Christen Johann Hinrich Wichern. Als „Genie der Liebe“ wird er in einer geschichtsbewußten Christenheit seinen Platz behalten. Seine theologisch-politischen Positionen, die weite Teile des Protestantismus des 19. Jahrhunderts in einen aussichtslosen undifferenzierten Kampf gegen die neuzeitlichen Emanzipationsbewegungen geführt haben, beschleunigten den Exodus weiter Teile des liberalen Bürgertums und des sozialdemokratischen Proletariats aus der Kirche. Brücken zu ihnen hat er nicht schlagen können. Größe und Grenze eines Menschen liegen wie so häufig nahe beieinander.
Literaturhinweise:
Brakelmann, Günter: Kirche und Sozialismus im 19. Jahrhundert. Die Analyse des Sozialismus und Kommunismus bei Johann Hinrich Wichern und bei Rudolf Todt, Witten 1966.
Ders.: Die soziale Frage des 19. Jahrhunderts, 7., unveränd. Aufl., Bielefeld 1981.
Gerhardt, Martin: Johann Hinrich Wichern. Ein Lebensbild, 3 Bände, Hamburg 1927-1931.
Martin, Hansjörg: Ein Menschenfischer. Johann Hinrich Wichern, sein Leben, Wirken und seine Zeit, Hamburg 1981 (Agentur d. Rauhen Hauses – Taschenbuch, 53).
Reform von Kirche und Gesellschaft. 1848/1973. Johann Hinrich Wieherns Forderungen im Revolutionsjahr 1848 als Fragen an die Gegenwart. Studien zum 125. Gründungstag des Centralausschusses für die Innere Mission der Deutschen Evangelischen Kirche, hrsg. von Hans Christoph von Hase und Peter Meinhold, Stuttgart 1973.
Johann Hinrich Wichern. Sämtliche Werke, 10 Bände, Bd. 1-8 hrsg. von Peter Meinhold, Bd. 9 und 10 hrsg. von Peter Meinhold und Günter Brakelmann, [Bd. 4,1 und 4,2:] Berlin 1958/1959; [Bd. 1-3:] Berlin/Hamburg 1962-1968; [Bd. 5-8:] Hamburg 1971-1980; [Bd. 9 und 10:] Hannover 1988.
Quelle: Klaus Scholder/Dieter Kleinmann (Hrsg.), Protestanten von Martin Luther bis Dietrich Bonhoeffer. Portraits, Frankfurt am Main: Anton Hain, 21992, S. 239-252.