Nachruf auf Ingo Baldermannn (1929-2026) von Rolf Wischnath: „Er war ein Theologe der Bibel, kein exegetischer Insider mit Spezialwissen, sondern ein Lehrer, der nach der Seele von Kindern sah, dabei immer wieder den lehrreichen Charakter der Bibel für den Religionsunterricht aufspürte und ihren seelsorgerlichen Sinn für alle wahrnahm. Vor zehn Jahren im hohen Alter bezeichnete er die Heilige Schrift als ‚Buch meiner Sehnsucht‘, als ‚Wegbegleitung in dunklen und in hellen Tagen.‘ ‚Als ein Buch des Lernens‘ schrieb er, ‚hat mich die Bibel durch viele Jahre begleitet. Es war ein verheißungsvolles Lernen mit immer neuen Entdeckungen, vor allem mit Kindern. Nun aber ist es, als entdeckte ich erst jetzt, im Alter, wo wirklich ihr Herz schlägt.'“

INGO BALDERMANN IST TOT – UNSER LEHRER UND BRUDER

Von Rolf Wischnath

Ingo Baldermanns Theologiestudium begann im April 1945 mit einer Panzerfaust. Mit einer Reihe von Schulkameraden war er bei Wolfenbüttel von den letzten Nazi-Soldaten ausgerüstet worden zum Endkampf und zum Verheizen. Ganz und gar verstrickt war er in den Wahnsinn, die Niederlage noch einmal wenden zu können. Da geschah es: „Wir wanderten zwischen Wäldern und Feldern auf Feldwegen für uns dahin, als ein Tiefflieder auf uns zukam, fand ich mich auf einem Acker liegend, mit meiner Panzerfaust im Arm nicht mehr sehr tapfer, vielmehr in der sehnlichen Hoffnung, dass der Flieger mich dort nicht sah.“ Diese Hoffnung hat nicht getrogen. Ingo Baldermann hat sie immer wieder beschrieben als ein Wunder der Bewahrung Gottes, als eine „providentia Dei specialissima“, eine ganz spezielle Vorsehung Gottes, mit der ER ihm das Leben rettete.

Den Mann prägte eine besondere Weise der Frömmigkeit. Das Frömmelnde kam ihm ungelegen. Vielmehr sah er in den Psalmen in deren Nüchternheit und Intensität das Gebetbuch Israels – auch für Christen: „HERR, auf Dich traue ich. Lass mich nimmermehr zuschanden werden“ (Psalm 71).

Ingo Baldermann erblickte das Licht der Welt 1929 in Berlin. 1957 wurde er in Loccum ordiniert zum lutherischen Pfarrer, der seine Konfession – besonders im reformierten Siegerland – charaktervoll bewährte. Er war eben vor allem „evangelisch“. Berufliche Stationen: 1957 Mitarbeiter am katechetischen Amt in Loccum, 1963 Universität in Hamburg, 1965 – 1994 Professor für Ev. Theologie und ihre Didaktik an der Gesamthochschule Siegen.

Er war ein Theologe der Bibel, kein exegetischer Insider mit Spezialwissen, sondern ein Lehrer, der nach der Seele von Kindern sah, dabei immer wieder den lehrreichen Charakter der Bibel für den Religionsunterricht aufspürte und ihren seelsorgerlichen Sinn für alle wahrnahm. Vor zehn Jahren im hohen Alter bezeichnete er die Heilige Schrift als „Buch meiner Sehnsucht“, als „Wegbegleitung in dunklen und in hellen Tagen.“ „Als ein Buch des Lernens“ schrieb er, „hat mich die Bibel durch viele Jahre begleitet. Es war ein verheißungsvolles Lernen mit immer neuen Entdeckungen, vor allem mit Kindern. Nun aber ist es, als entdeckte ich erst jetzt, im Alter, wo wirklich ihr Herz schlägt.“

Baldermann war brüderlich in der verfassten Kirche, auch wenn er immer wieder Trägheit und Kleinmut  beklagte. Er hatte aber auch teil an ihren Hoffnungen – zum Beispiel als langjähriges Mitglied der Westfälischen Landessynode. Die Fülle seiner Mitwirkungen am Gemeindeleben in Westfalen – nicht nur mit zahllosen Gemeindevorträgen – kann hier nicht aufgelistet werden. Aber ganz wichtig: Seine Teilhabe und das Feld biblischen Lernens und didaktischen „Beibringens“ fand er in den östlichen Landeskirchen. Jahrzehntelang wirkte er mit an der Ausbildung von Katechetinnen und Katecheten im Bund der Evangelischen Kirchen in der DDR. Es kann gesagt werden, dass es keinen anderen westlichen Theologieprofessor gibt, der sich so auf die besondere Didaktik in der östlichen Region der Evangelischen Kirche eingelassen und sie gefördert hat.

Ingo Baldermann war ein politischer Hochschullehrer. Er gehörte der SPD an und seufzte darüber. Aber: „Weder aus der Kirche, noch auch aus der SPD, trete ich aus.“ Gustav Heinemann fand bei ihm höchste Anerkennung. In Siegen gründete er 1984 – zu Zeiten der Friedensbewegung – mit dem Autofabrikanten Klaus Hoppmann die „Gustav-Heinemann-Friedensgesellschaft e. V.“ Manchmal sogar hatte er prophetische Einsichten: „Wir leben in der Vorkriegszeit!“ Und schon 2016 (!) sagte er zu Trump: „Im Verbund mit dem wachsenden Rechtspopulismus in Europa zeigt sich am Ende so etwas wie eine bedrohliche Autoimmunerkrankung der Demokratie: mit dem demokratischen Mittel der Protestwahl die Demokratie aus den Angeln zu heben. Wie das geht, das haben wir in Deutschland ja schon einmal nachhaltig erlebt. Da bleibt uns nur die Hoffnung, dass Trump damit nur selbst gegen die Wand trumpt und nicht noch die halbe Welt mitnimmt.“

Zu Ingo Baldermanns Familie gehören seine Frau Renate (+ im Juni 2021) und seine Tochter Ulrike, Pfarrerin in Herten. Unser Lehrer und Bruder ist nun am 27. August mit 97 Lebensjahren gestorben.

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