Christus, bist du wirklich auch in mir?
Christus, bist du wirklich auch in mir?
Wirst du alles können überdauern,
wenn ich einmal hinter jenen Mauern
eingesperrt so kreische wie ein Tier?
Wenn sie mich zu einem Bündel schnüren,
bis die Hände nimmermehr sich rühren,
und die ganze Wut im Mund gesammelt
nichts als ausweglose Flüche stammelt
rundherum um deinen hohen Namen.
Jesus – Bruder –, bleib in Gottes Namen
dennoch nahe – nein –, komm ganz in mich!
Heiland, Heiland, ich beschwöre dich,
komme! Bleibe! – Halt es bei mir aus.
Meine Angst umkreist das Irrenhaus
schon seit Jahren, denke! – schon seit Jahren.
Hast du wirklich auch die Qual erfahren
einst am Ölberg, dann – dann steh mir bei!
Schau, ich weiß, vielleicht den nächsten Schrei
hört der Nachbar schon und es geschieht,
daß ein Wärter auf der Brust mir kniet
und mich lachend in den Wagen schafft.
Ach, mein Jesu, gib mir etwas Kraft,
etwas Gnade für die ärgste Zeit,
daß mein Leib sich nicht noch selbst befreit,
um dem nächsten Zustand zu entfliehn.
Hilf mir, hilf mir, lass mich nicht so knien,
nicht umsonst mein Augenlicht verderben,
tu ein Wunder, lass mich heut noch sterben!
Christine Lavant
Quelle: Christine Lavant, Die Bettlerschale. Gedichte, Salzburg: Otto Müller, 1956, S. 91.