Gerhard Gloege, Predigt zu Lukas 18,9-14 (Gleichnis vom Pharisäer und Zöllner, 1940): „Liebe Gemeinde, lasst uns über diesem Nachdenken der biblischen Wahrheit nicht selbst zu Pharisäern werden! Lasst uns die Gefahr sehen, der wir erlägen, wenn wir sprächen oder auch nur dächten: ‚Ich danke dir, Gott, dass ich nicht bin wie diese Pharisäer.‘ ‚Wie gut, dass wir doch noch das Panier der Wahrheit, die Botschaft von Sünde und Gnade aufrecht halten!‘ ‚Wie erfreulich, dass wir nicht denen gleichen, die dem Glauben der Väter, die der Kirche Jesu Christi den Rücken gekehrt haben und sich zum Angriff gegen ihre Lehre sammeln!‘ Lasst uns selbst nur nicht überheblich werden und mit der Miene des Zöllners dem Pharisäismus erliegen!“

Predigt zu Lukas 18,9-14 (1940)

Von Gerhard Gloege

Liebe Gemeinde! Wer ist eigentlich die Hauptperson in unserem Gleichnis? Der Pharisäer oder der Zöllner? Antwort: Keiner von beiden. Die Hauptperson ist vielmehr der dritte, der in unserem Gleichnis ganz im Hintergrunde bleibt, weil er der Erste und der Letzte ist: Gott. Gott selbst ist die Hauptperson! Wie steht es mit Gottes Urteil? Wen verwirft er? Wen nimmt er an? Auf diese auch für uns sehr entscheidende Frage antwortet das Gleichnis. Daß wir Gottes Urteil begreifen lernen, deswegen erzählt Jesus das Gleichnis. Aber eben: um Gottes Urteil begreifen zu können, erzählt uns Jesus die Geschichte der beiden Menschen, die beide vor Gott traten. Er erzählt uns von den beiden Männern und ihrer Art, vor Gott zu beten. Und doch sind nicht die beiden Männer und ihre Art zu beten das Wichtigste. Das Wichtigste ist, daß bei ihrem Beten eine Entscheidung über sie fiel. Und diese Entscheidung Gottes ist das Entscheidende beim Verständnis unseres Gleichnisses: „Dieser ging hinab gerechtfertigt in sein Haus vor jenem. Denn wer sich selbst erhöht, der wird erniedrigt werden; und wer sich selbst erniedrigt, der wird erhöht werden.“

Im allgemeinen pflegen wir mit falschen Vorstellungen an unser Gleichnis heranzutreten. Wir sind gewohnt, die beiden Männer, besonders den Pharisäer, in irgendeiner Weise verzeichnet zu sehen. Wir denken etwa: „Der Pharisäer war ein Heuchler, ein Scheinheiliger, der mit seiner verlogenen Frömmigkeit Gott und den Menschen etwas vormachte. Der Zöllner hingegen war ehrlich und wahrhaftig. Es ist somit durchaus verständlich, daß Gott den Heuchler verwirft und den Wahrhaftigen annimmt.“ Aber das ist bereits eine Verzeichnung. Sehen wir uns den Text an, so müssen wir sagen: Ehrlich und wahrhaftig waren sie beide, freilich jeder auf seine Art. Ja, wir müssen sogar zugeben, daß der Pharisäer eigentlich ein durchaus anzuerkennender Mensch ist. Er ist ein frommer Mensch. Es geht ihm wirklich um Gott! Das erste Gebot lautet für ihn: Gott allein die Ehre! Darauf geht all sein Sinnen und Tun. Er hat nur einen Ehrgeiz: Gottes Gesetz zu erfüllen. Darum gehört er zu denen, von denen es im ersten Psalm heißt: „Er hat Lust zum Gesetz des Herrn und redet von seinem Gesetz Tag und Nacht!“ – Und: er ist tätig in der Gemeinde. Darum steht er in ihr obenan. Er fühlt sich im Heiligtum heimisch. Er kann wirklich von Herzensgrund sprechen: „Herr, ich habe lieb die Stätte deines Hauses und den Ort, da deine Ehre wohnt!“ Es ist viel Freude in ihm und starke Zuversicht. Darum dankt er Gott. Und wir haben keinerlei Grund, einen Zweifel in die Ehrlichkeit seines Gebetes zu setzen, wenn er anhebt: „Ich danke dir, Gott!“

Weiter: der Pharisäer ist ein guter Mensch im besten Sinne des Wortes. Er meidet die Sünde. Er hält die Gebote. Er ist wirklich nicht so böse und so verdorben wie „die anderen Leute, Räuber, Ungerechte und Ehebrecher“. Und: er ist nicht nur gut – er tut auch Gutes, viel, sehr viel Gutes. Er läßt sich seine Frömmigkeit etwas kosten. Er bewährt mit der Tat, was er im tiefsten Herzen denkt und mit dem Munde bekennt. Wir würden heute sagen: er ist ein „Tatchrist“. Er ist Feind aller Rede, die nicht durch die Tat gedeckt und beglaubigt wird. Er ist kein Mann der Phrase. Er ist ein Täter des Wortes. Sein ganzes Leben wird getragen von dem einen Verlangen, es einzusetzen zum Dienst des Nächsten. Sein Leben ist ein ständiges Sichopfern und ein ständiges Sichverzehren. Er tut Gutes. Kann man mehr von einem Menschen sagen? Er hat, wenn er sonntags vor Gott tritt, etwas aufzuweisen. Denn er hat in der Woche zur Ehre Gottes und zum Nutzen seiner Mitmenschen etwas geleistet.

Und weiter: Er erfüllt nicht nur Gottes Gebote. Er tut noch mehr: er leistet mehr, als das Gesetz verlangt. Er fastet „zweimal in der Woche“. Er hat es für sich nicht nötig, sich zu kasteien; denn er meidet ja die Sünde. Aber er sieht draußen auf Märkten und Gassen, in Stadt und Land die große Masse des Volkes dumpf ihren Weg dahingehen. Was wissen diese Leute von Gottes Willen, von seinem Gesetz! Wie erfüllen sie seine Gebote! Gehen sie nicht zumeist am Heiligtum vorbei und versagen Gott die Ehre, die er verlangt? Wie muß Gottes Zorn über sie entbrennen, wenn der Tag seines Gerichtes naht! Soll man dies arme, sich verlausende Volk dem Verderben preisgeben? Nimmermehr! Wenn sie nichts mit Gott zu tun haben, so müssen die Ernsten und die Echten in die Bresche springen! Stellvertretend müssen sie gewissermaßen die Sünde der andern sühnen und sie so – wenn Gott diese Stellvertretung annimmt – dem Brand des göttlichen Zornes entreißen. Darum fastet der Pharisäer!

Und schließlich: er ist wohltätig. „Ich gebe den Zehnten von allem, was ich habe.“ Wiederum: er tut etwas, wozu das Gesetz Gottes ihn nicht verpflichtet. In 5. Mose 14, wo das Gebot des Zehnten geschrieben steht, ist der Zehnte nur den Erzeugern landwirtschaftlicher Produkte auferlegt. Getreide, Öl, Most und Vieh müssen verzehntet werden. D. h. der zehnte Teil des Ertrages wird Gott reserviert und in Gottes Namen praktisch in den Dienst an den Notleidenden, „Fremdlingen, Waisen und Witwen“, gestellt. Der Verbraucher ist keineswegs verpflichtet, den Zehnten zu entrichten. Aber der Pharisäer gibt den Zehnten, obwohl er es nicht nötig hat! Warum gibt er ihn? Weil er weiß, wie leichtfertig das Volk mit Gottes Geboten umspringt. Ob wohl die Bauern wirklich das Korn, das sie in die Stadt fahren, verzehntet haben? Ob wohl die Händler, die Öl und Most und Vieh auf dem Markt feilbieten, den Zehnten entrichteten? Der Mensch ist ja so geartet, daß er Gott gern betrügt, um sich das Leben billiger zu machen. Wenn jene Gott betrügen, so soll doch wenigstens an einer Stelle Wahrheit herrschen – im Hause des Pharisäers.

Die Haltung des Pharisäers muß uns tief beeindrucken: Er macht Ernst mit seiner Frömmigkeit. Er will wirklich Gottes Gebot erfüllen. Und: er will es nicht nur. Er kann es auch. Es gelingt ihm. Gott läßt es ihm gelingen! Ist das nicht Grund genug zum Danken! Wird Gott mit ihm nicht zufrieden sein?

In der Tat: er ist wirklich besser als Tausend andere, besser auch als jener Mann, der da hinten in der Ecke steht und sich nicht in die Helligkeit des Heiligtums hereintraut. Der Zöllner ist eine durch und durch unerfreuliche Erscheinung. Während der Fromme alles um Gottes willen tut, tut der Zöllner alles um des Geldes willen. Das Geld ist eigentlich sein Gott! Und wie kommt er zu seinem Gelde? Indem er es mit den Feinden des Volkes, den römischen Bedrückern, den Heiden, den Feinden Gottes, hält! Weil er in ihrem Sold steht und die Gläubigen des wahren Gottes übervorteilt, wo er nur kann, hat er sich praktisch von der Gemeinde geschieden. Er ist abgefallen. Er zählt nicht mehr zur Gemeinde. Und: er zählt nicht mehr in der Gemeinde. Er ist von Gott geschieden. Sein Leben ist verdorben und beschmutzt. Wenn wir zu wählen hätten zwischen dem, der seine Pflicht und Schuldigkeit tut, und dem, der sie versäumt – die Wahl würde uns nicht schwer fallen. Denn der Pharisäer ist wirklich der echte Mensch, der Mensch, der den Sinn und die Bestimmung seines Lebens erfüllt. Er ist „edel, hilfreich und gut“ – das unterscheidet ihn vom Zöllner –, und „so sollte man auch sein“!

Aber nun geschieht das Unfaßliche: der Gute wird von Gott beiseitegestoßen, als wäre all sein Tun Bosheit! Und der Böse wird angenommen, als wäre sein Wesen und Tun Güte! Während der Pharisäer betet, fährt wie ein Blitz der Bannstrahl Gottes auf ihn hernieder – das Urteil: „Fort mit dir! Wenn du auch mit dir selbst zufrieden bist, ich, der Herr, bin es nicht!“ Wie ist dieses überraschende Urteil Gottes zu erklären? Es muß in der Haltung des guten, edlen und hilfreichen Menschen etwas sein, was seine Existenz über alle Maßen bedroht; etwas, das wie eine Gefahr ihn beschleicht und seinen Zerfall herbeiführt, das ihm und seinem Leben weitaus gefahrvoller ist als die Sünden dem Zöllner. Diese verderbenbringende Gefahr liegt in der Art, wie der Pharisäer um seine Güte weiß! Er weiß, daß er fromm, er weiß, daß er gut ist. Und: er tut sich darauf etwas zugute! Er vertraut vor Gott auf sich selbst. Und er nimmt die Kraft zu diesem seinem Selbstvertrauen aus seiner Begegnung mit den „andern Leuten“. Er mißt sich an den andern. Indem er sich vor Gott stellt und Gott dankt, erkennt er dennoch nicht Gott als den einzigen Maßstab seines Wesens und Lebens an. Mäßte er sich allein an Gott, so merkte er, daß Gott allein gut ist. Nun aber mißt er sich an den „andern Leuten“, mißt er sich „an diesem Zöllner“. Und das Ergebnis dieses Messens ist vortrefflich. Denn es gibt in der Tat Unzählige, die nicht das sind, was er ist, und nicht das tun, was er tut. Das Ergebnis seines Messens und die Art seines Messens sind lauter und wahr. Aber sie sind in ihrer Lauterkeit und Wahrheit Gott in keiner Weise angenehm! Die Sünde des Pharisäers liegt nicht in seinem Handeln und Leben. Sie liegt darin, was seinem ganzen Handeln und Leben zugrunde liegt: sie liegt in seinem Hochmut und Stolz, mit dem er vor Gott tritt. Der Pharisäer weiß nur um die Bosheit der anderen; er weiß nicht um die Sünde, um seine Sünde! Darum weiß er auch nicht um die Gnade, deren er auch gerade als frommer, als guter Mensch bedarf, um die Gnade Gottes!

Man kann das, was Jesus mit unserem Gleichnis über den Pharisäer sagt, auch in die kurze Formel bringen: Pharisäer sein heißt: nichts von Sünde und Gnade wissen; heißt mit unserem Teil zu sprechen: auf sich selbst vertrauen. Wo man auf sich selbst vertraut und weder von Sünde noch von Gnade etwas hören und wissen will, da sei gewiß, daß du es mit Pharisäern zu tun hast!

Wir müssen es offenen Auges sehen und klar aussprechen: im Zeichen dieses Pharisäismus lebt auch der Mensch der Gegenwart. Bis tief in die Kreise der christlichen Kirche ist dieser Geist, der weder von Sünde noch Gnade etwas weiß, eingedrungen. Man ruft es uns nicht nur von außen zu: Fort mit den toten Begriffen „Sünde“ und „Gnade“, mit denen man uns bisher „gegängelt“ hat. Die Christenheit schämt sich weithin, von diesen Wirklichkeiten laut und klar und offen zu sprechen! Es ist doch des Nachdenkens wert, wenn heute die Gebote Gottes in einem veränderten Wortlaut gelehrt werden. Es ist etwas anderes, ob man das unabdingliche Gebot Gottes lehrt, das gebieterisch und fordernd auf uns zukommt und uns sagt: „Du sollst nicht töten!“ Oder ob man daraus den harmlosen Lebensspruch macht: „Wir wollen nicht töten; denn ein anständiger Mensch tut so etwas nicht!“ Worum es bei solcher Umformung geht, ist deutlich: darum, daß nur kein Gott einem als Herr begegne, der einen zur Rechenschaft zieht. Darum, daß nur jede Möglichkeit ausgeschaltet werde, dem Menschen könne der Spiegel seiner Sünde vorgehalten werden, daß der Mensch nur ja nicht den Hunger nach Gottes Erbarmen verspüre! Wie ehrlich dieser Wille im einzelnen und im ganzen auch immer sein mag, darin macht uns Jesu Gleichnis gewiß: die Sünde verschweigen und der Gnade entraten können, ist ein Wesenszug des – Pharisäers!

Aber, liebe Gemeinde, laßt uns über diesem Nachdenken der biblischen Wahrheit nicht selbst zu Pharisäern werden! Laßt uns die Gefahr sehen, der wir erlägen, wenn wir sprächen oder auch nur dächten: „Ich danke dir, Gott, daß ich nicht bin wie diese Pharisäer.“ „Wie gut, daß wir doch noch das Panier der Wahrheit, die Botschaft von Sünde und Gnade aufrecht halten!“ „Wie erfreulich, daß wir nicht denen gleichen, die dem Glauben der Väter, die der Kirche Jesu Christi den Rücken gekehrt haben und sich zum Angriff gegen ihre Lehre sammeln!“ Laßt uns selbst nur nicht überheblich werden und mit der Miene des Zöllners dem Pharisäismus erliegen!

Laßt uns vielmehr von dem Zöllner lernen! Die Eigenart des Zöllners lag doch darin, daß er nur mit sich selbst beschäftigt war, ohne auf die anderen zu blicken und über ihre Verworfenheit nachzudenken. Denn – so sagt Jesus – „er stand von ferne“. D. h. er hatte alle anderen Menschen vergessen. Er war allein, allein mit dem Bewußtsein seiner Schuld und seiner Vergehen; er hatte ganz vergessen, daß es doch auch noch viele andere Zöllner gab außer ihm; es war, als wäre er der einzige. Er war allein mit seiner Schuld, nicht einem gerechten Menschen gegenüber, er war allein vor Gott; o, das heißt von ferne stehen! „Und er wollte auch seine Augen nicht aufheben gen Himmel.“ Also, er schlug die Augen nieder. Er sah auch nicht beiseite, wie der Pharisäer, der diesen Zöllner sah. Der Pharisäer sah den Zöllner. Der Zöllner aber sah den Pharisäer nicht; als der Pharisäer nach Hause kam, wußte er gut, daß dieser Zöllner in der Kirche gewesen war; aber dieser Zöllner wußte nichts davon, daß der Pharisäer in der Kirche gewesen war. Stolz fand der Pharisäer seine Befriedigung darin, den Zöllner zu sehen; demütig sah der Zöllner niemanden, auch diesen Pharisäer nicht: mit niedergeschlagenen, mit nach innen gekehrtem Blick war er in Wahrheit – vor Gott.

Er wußte nur eins: „Ich bin nichts. Ich habe nichts. Ich habe nichts vor Gott aufzuweisen. Mein Leben ist verpfuscht, vertan. Mein Leben ist leer.“ Und er schlug an seine Brust. An die Brust schlug der damalige Mensch dann, wenn er um einen Toten trauerte. Von den Zuschauern unter dem Kreuz heißt es nach Jesu Tod: „Alles Volk, das dabei war und zusah, da sie sahen, was da geschah, schlugen sich an ihre Brust und wandten wieder um.“ Darum schlug der Zöllner an seine Brust, weil er spürte: „In mir hockt der Tod. Mein Inneres ist erstorben. Es sind keine Früchte da, die Gottes Gesetz fordert und die allein mich vor Gottes Auge bestehen lassen könnten. Bei den anderen sieht man doch etwas davon, daß sie Gott zugewandt sind. Überall ist quellendes Leben, das aus frommer Tiefe emporsteigt. Überall ist Wachstum des Guten, nur bei mir nicht.“ Indem er darüber zur Klarheit kam, durchfuhr es ihn, wie es den Propheten Jesaja durchfuhr, als er in ebendemselben Heiligtum stand und die Seraphim den schauerlich klingenden Lobgesang von der Unnahbarkeit des dreimal Heiligen singen hörte. „Weh mir, ich vergehe!“ – so rief der königliche Prophet. Und er, der Zöllner, brächte es mit knapper Not zu dem Schrei: „Gott, sei mir Sünder gnädig.“ Also das wußte er: Gott ist Gott. Und ich bin ein Sünder. Ich kann nicht bestehen vor seinem Blick! „Gott, sei mir Sünder gnädig“ – das war alles, was er zu sagen, zu stammeln wußte.

Aber eben das reichte für Gott aus, um ihn als Menschen anzusehen, an dem er seine göttliche Freude hatte. Gottes Urteil erging. Und Gottes Urteil rückte alles zurecht. Denn mit Gottes Urteil schließt Jesus die Gleichniserzählung: „Ich sage euch: dieser ging hinab gerechtfertigt in sein Haus vor jenem. Denn wer sich selbst erhöht, der wird erniedrigt werden; und wer sich selbst erniedrigt, der wird erhöht werden.“ Gerechtfertigt ging der Zöllner in sein Haus, d. h. Gott hatte über seinem Beten seine Sache, seine unreine Sache ins reine gebracht. Nichts mehr will Gott haben als dieses Bekenntnis, dieses Flehen um Gnade, wenn es in Demut geschieht. Und nichts ist Gott ein größerer Greuel als die Selbstzufriedenheit des Frommen und Guten. „Solche Menschen, die sich hoch vor Gott erheben, muß Gott beugen, damit er Gott bleibe und der Mensch sich nicht auf Gottes Thron setze und sich nicht anmaße, sein eigener Gott zu sein. Er muß sie auch deshalb beugen, damit die andern Raum für ihn haben“ (Schlatter).

Richtet dieses Urteil Gottes aber nicht unabsehbaren Schaden an? Ermutigt es nicht die Menschen zu sündigen? Macht es die Guten nicht nachlässig und leichtfertig und die Bösen noch böser? Will Gott die Sünde etwa begünstigen? Keineswegs! Wer den Freispruch Gottes über seinem verfehlten Leben hört und annimmt, darf Tag um Tag von ihm leben – wenn er nur in der Demut bleibt. Wer wie der Zöllner unter seiner Sünde seufzt, dem bleibt die Sünde verabscheuungswürdig und schwer. Er hat die Möglichkeit, immer wieder zu dem Gott zu laufen, der die Sünde haßt, aber den Sünder liebt. Dazu nämlich hat Gott seinen Namen kundgetan, daß wir ihn aus unserer Tiefe anrufen und ihn dadurch unseren Gott sein lassen, daß wir ihn dadurch als unseren Gott preisen, daß wir ihm unsere Sünde bekennen. Denn – wie Luther immer sehr deutlich gewußt und bezeugt hat – „Gott kann nicht besser gepriesen werden als durch das Bekenntnis unserer Sünden“.

Wo wir rufen – ein jeder aus seiner Tiefe heraus – „Gott sei mir Sünder gnädig!“ da dürfen wir gewiß sein: Gottes Engel nehmen diesen Ruf und tragen ihn vor Gottes Ohr. Aber unter den Händen der Engel Gottes verwandelt er sich in die liebliche Melodie, über die hinaus Gott keine lieblichere kennt: „Allein Gott in der Höh’ sei Ehr!“ Amen.

Quelle: Jürgen Beckmann/Friedrich Linz (Hrsg.), Meine Worte werden nicht vergehen. Ein Predigtbuch über die altkirchlichen Evangelien, 4./5. Lieferung, Gütersloh: C. Bertelsmann, 1940, S. 246–252.

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