Rudolf Reinhardt, Fridolin Stier zum Gedenken (1981): „Vor diesen Gott, vor seinen Gott ist Fridolin Stier nun getreten. Das Sinaidunkel hat sich für ihn gelichtet. In Ehrfurcht und Dankbarkeit nehmen Universität und Fakultät Abschied von einem großen Lehrer der biblischen Theologie.“

Fridolin Stier zum Gedenken

Geboren am 20. Januar 1902 in Karsee, gestorben am 2. März 1981 in Tübingen.

Nachruf, gesprochen bei der Beerdigung am 6. März von Dekan Professor Dr. Rudolf Reinhardt

Die Universität Tübingen und die Katholisch-Theologische Fakultät trauern um Fridolin Stier. Sie trauern mit den Verwandten und Freunden, die er im Tod zurückgelassen hat.

Der wissenschaftliche Werdegang des Verstorbenen war eng mit dieser Fakultät verknüpft. Er war ihr verbunden in einer Treue, wie sie heute, im Zeitalter akademischer Mobilität, fast fremd geworden ist. Diese treue Verbundenheit wird aber dem verständlich, der die Geschichte der Fakultät, ihre historisch gewachsene Rückbindung an die Geistlichkeit der Diözese Rottenburg und an das Repetentenkollegium des Wilhelmsstifts kennt.

Fridolin Stier studierte von 1922 bis 1926 in Tübingen katholische Theologie und Orientalistik. Nach der Priesterweihe 1927 und einer kurzen Vikarszeit wurde er – für die damaligen Jahre ganz ungewöhnlich – zu weiteren Studien an das Bibelinstitut in Rom beurlaubt. 1929 erhielt er am Wilhelmsstift die Repetentenstelle für Dogmatik und Altes Testament. Nach der Emeritierung seines Lehrers Paul Riessler (1933) wurde dem jungen Doktor an der Fakultät der volle Lehrauftrag für Altes Testament erteilt. Auf der Berufungsliste, welche die Fakultät im folgenden Jahr vorlegte, hatte Fridolin Stier einen aussichtsreichen Platz; tatsächlich erhielt er im gleichen Jahr vom zuständigen Ministerium eine Berufungszusage, die aber, wie auch spätere Versprechen, nicht eingehalten wurde. So begannen Jahre ermüdenden, zermürbenden Wartens. Der Eindruck der Aussichtslosigkeit wurde gesteigert, als 1938 der Lehrstuhl für Altes Testament an der Katholisch-Theologischen Fakultät mit dazu verwandt wurde, an der Universität ein Ordinariat für nationalsozialistische Rassenkunde einzurichten. Die Ernennung zum Dozenten 1940 schien der Unsicherheit ein Ende zu setzen. Doch nun geisterten Gerüchte durch das Land, die beiden Katholisch-Theolo­gischen Fakultäten in Freiburg und Tübingen sollten zu einer einzigen vereinigt werden. Wer dies alles – im großen und kleinen – zu verantworten und mitzuverantworten hat, läßt sich heute kaum mehr mit letzter Klarheit sagen.

Nach dem Untergang des unseligen Regimes und dem Ende des Zweiten Weltkriegs erhielt die Fakultät ihren Lehrstuhl für alttestamentliche Wissenschaft zurück. Sie lehnte es aber ab, eine neue Berufungsliste vorzulegen. Sie verlangte, daß der Lehrstuhl nach dem alten Vorschlag aus dem Jahre 1934 besetzt wird. Im Juli 1946 erhielt Fridolin Stier dann die Ernennungsurkunde zum ordentlichen Professor, auf die man ihn hatte so lange warten lassen. Die Emeritierung erfolgte 1955 unter gleichzeitiger Ernennung zum Honorarprofessor an der Philosophischen Fakultät.

Es ist einfach, in knappen Strichen den akademischen Werdegang Fridolin Stiers zu zeichnen. Kaum möglich hingegen ist es, in wenigen Sätzen den wissenschaftlichen Rang des Verstorbenen zu würdigen. Dies gilt verstärkt, wenn der Vertreter eines anderen Fachs den Versuch unternehmen soll. Ich kann und darf aber im Namen jener Generation reden, die das Glück hatte, von Fridolin Stier in die Welt des Alten Testaments eingeführt zu werden, ich sprach vom Glück, damals dabei gewesen zu sein. Viele von uns wurden durch die Vorlesungen des Verstorbenen geprägt, und keiner kann heute sagen, welches theologische Profil er ohne diese Kollegstunden gewonnen hätte. Dabei war Fridolin Stier kein bequemer Lehrer. Vieles von dem, was in anderen Vorlesungen ausgebreitet und vorgetragen wurde und wird, setzte er voraus: Textgeschichte und Umwelt, Überlieferungsstränge und Handschriften, die Exegese Wort für Wort, Satz für Satz. In unvergleichlicher Eindringlichkeit hat er den jungen Studenten aber gezeigt, daß der Gott der Bibel nicht in der Verfügbarkeit des Menschen steht, daß der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs ein geschichtsmächtiger Gott ist und daß der Gott, der über dem Sinai im Dunkel der Wolke gesprochen hat, auch heute noch der unzugängliche Gott ist. Immer wieder beschwor Fridolin Stier jenen Gott, der wie ein Granitblock in unserem Wege liegt und den wir nicht mit leichter Hand auf die Seite schieben können.

Ebenso eindringlich verlangte er von uns die Ehrfurcht vor dem Wort, vor allem vor dem Wort, durch das und in dem Gott spricht. In diesen Vorlesungen spürten wir, daß Worte mehr sind als Medien der Information, daß sie zu Trägern schaffender Kraft werden können. Und ebenso spürten wir, daß die Arbeit des Über-Setzens immer von neuem die schöpferische Kraft des ganzen Menschen verlangt. Wir spürten, daß der Über-Setzer dem kongenial sein muß oder sollte, dessen Worte er überträgt. Es mag vermessen klingen: In den Vorlesungen von Fridolin Stier erahnten wir die Würde des alttestamentlichen Propheten und erlebten wir die Bürde, die der Mensch Ijob getragen hat.

Diese Ehrfurcht vor dem Wort, dieses Ringen mit den Wörtern haben auch das literarische Werk des Verstorbenen geprägt. Bei den ersten Arbeiten wird noch der beratende Einfluß des Lehrers, Paul Riessler, deutlich. Die Dissertation »Gottes Engel im Alten Testament« (1932) und die späteren Studien über das äthiopische Henochbuch können so gesehen werden. Dann ging Fridolin Stier, bei aller Pietät und Verehrung für den Lehrer, einen eigenen Weg. Dies zeigten die »Geschichte Gottes mit den Menschen« (1959) und die Übersetzungen des Buches Ijob (1954), ausgewählter Psalmen (1962) und des Markusevangeliums (1965). Vom Umfang her mag solch ein literarisches Werk bescheiden scheinen. Durch die Ehrfurcht vor dem Wort – vor jedem Wort – hat sich Fridolin Stier aber den Zwängen des heutigen Literaturbetriebs mit all seinem Planen, seinem Leistungssoll und seinen Terminen nicht gebeugt. Dieser Literaturbetrieb macht sich auch in Wissenschaft und Theologie immer mehr breit. Vor Fridolin Stier zum Gedenken allem in den Übersetzungen wurde das Ringen Stiers mit den Wörtern immer zu einem Ringen mit dein Wort, mit dem Wort Gottes, ja mit diesem Gott selbst (vgl. auch die jüngst veröffentlichten Tagebücher »Vielleicht ist irgendwo ein Tag«. Freiburg 1981).

Vor diesen Gott, vor seinen Gott ist Fridolin Stier nun getreten. Das Sinaidunkel hat sich für ihn gelichtet. In Ehrfurcht und Dankbarkeit nehmen Universität und Fakultät Abschied von einem großen Lehrer der biblischen Theologie.

Theologische Quartalschrift 161, Heft 4 (1981), S. 241-243.

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