Dialektik der Aufklärung (1959/60)
Von Max Horkheimer
Die Dialektik der Aufklärung besteht wesentlich im Umschlag des Lichts in die Finsternis. Das gilt nicht bloß in dem Sinn, daß bei der Auflösung der Mythologie Erfahrung und Fähigkeit zur Erfahrung mitverschwinden. Durch die geistige Passivität, in welche die Menschen in der neuen Wirtschaft versetzt werden, die ausschließliche Konzentration auf Geld und Job, die hohe Schlauheit, auf die der seelische Apparat der Individuen reduziert wird, erhalten die durchsichtigsten Wahnideen, sofern sie nur am Horizont auftauchen und das screening der Massenkommunikation passieren, jede Chance. Alle verlogenen Werte produzieren die Bindungen, deren die eine oder andere Machtgruppe bedarf. Wenn Durkheim meint, daß die Lockerung des gesellschaftlichen Gewebes den Selbstmord des isolierten Einzelnen begünstigt, so hätte er hinzufügen können, daß je loser die Gesellschaft zerfällt, desto geringer nach der Lüge gegriffen wird, die sie auf schlechte Weise zusammenhält. Wer glaubt nicht lieber an die Volksgemeinschaft, als sich umzubringen, es sei denn, daß er schon verrückt genug ist. um auch darüber die Achseln zu zucken. Die Schizophrenie, die konsequente Fortbildung der Ablehnung jedes Anspruchs einer Sache auf Liebe oder Achtung, die letzte Vernichtung der Mythologie, wird am Ende noch zur menschlicheren Gesinnung als die Bereitschaft zur verlogenen Anhänglichkeit an die Idee, die die Fähigkeit zur Solidarität ersetzt. In Perioden des Untergangs, wie der gegenwärtigen, kommt dem Wahnsinn die höhere Wahrheit zu.
Quelle: Max Horkheimer, Notizen 1950 bis 1969 und Dämmerung. Notizen in Deutschland, hrsg. von Werner Brede, Frankfurt a.M.: S. Fischer, 1974, S. 126f.