»Verheißung« in den Predigtmeditationen Hans Joachim Iwands
Von Helmut Tacke
Einzusetzen ist am besten bei einem Abschnitt, der durch seine thesenartige Konzeption besondere Aufmerksamkeit verdient. »Denn das ist das Auszeichnende an der in Christus Jesus verkündigten Erfüllung, daß sie den Verheißungscharakter der Offenbarung nicht aufhebt, wie das alle ›zeitliche‹ Erfüllung tut, sondern erst voll und ganz sicherstellt. Die Heilsgeschichte bleibt immer ›eschatologisch‹, wie man heute sagt; der Glaube bleibt immer bezogen auf die Verheißung, wie die Reformatoren und Bekenntnisschriften sagen. An Jesus Christus glauben heißt aus den Verheißungen leben.«[1]
Die systematische Kraft dieser Sätze bestimmt die Auslegung eines Paulustextes, aus dem die Herztöne apostolischer Angefochtenheit vernehmbar werden. Iwand nimmt das aktuale Moment aus der Situation des Textes auf und empfiehlt dem Prediger, sein persönliches Verhältnis zur Gemeinde anzusprechen, das möglicherweise besonderen Belastungen ausgesetzt ist. »Die Verkündigung ruht nicht auf der Treue des Predigers.«[2] Sondern das Element der Treue, das Gemeinde wie Prediger entlastet, findet sich in Gottes Verheißung, um deren sachgemäßes Verständnis diese Meditation bemüht ist.
Alles kommt darauf an, daß der »Verheißungscharakter der Offenbarung« nicht aufgehoben wird. Hat Offenbarung die Qualität von Verheißung, kann sie nicht zu einem dogmatischen Kirchenschatz erstarren, sondern bleibt der Kirche und der Welt voraus. Die Verheißung in der Offenbarung widersetzt sich jeder »zeitlichen« Erfüllung, weil damit das Ende der Verheißungszeit gegeben wäre, von der die Offenbarung getragen wird.
Nach Iwands Überzeugung ist es von größter Bedeutung, daß auch und gerade die Kategorie der »Erfüllung« im Modus der Verheißung bleibt. »Der promissorische Charakter der Erscheinung Jesu Christi ist der Grundton der gesamten reformatorischen Theologie.«[3] Hinter dem Begriff der Verheißung verbirgt sich nicht ein Spezialthema des biblisch-systematischen Interesses, sondern es geht um die unaufgebbare Dimension aller Theologie des Wortes. Verheißung und Glaube bedingen und fordern einander. Die Freiheit des Glaubens resultiert aus der Freiheit der Verheißung. Der Glaube ist seinem Wesen nach verheißungsorientiert. »Es entspricht also der Verheißung durchaus ein Sein, gerade ihr, aber dieses Verheißungsgut ist in Christus Wirklichkeit, es bleibt also meiner irdischen Gegenwart gegenüber immer ein zukünftiges, ich habe es nur im Glauben. Während das andere Haben der Abrahamskindschaft sich im Tun, in Werken, in Leistungen, in einer bestimmten qualitas meiner Existenz darstellt.«[4]
In dem »judenchristlichen Mißverständnis christlicher Existenz«[5] sieht Iwand die Intention zu einem demonstrierbaren »Haben«, das dem der Verheißung entgegengesetzt ist. Die in der Verheißung verankerte Freiheit motiviert den Glaubenden, alles und auch sich selbst zu »verlassen«. Es wird jedoch erkennbar, daß die von Iwand als »judenchristliches Mißverständnis« bezeichnete Haltung ihrerseits nicht mißverstanden werden darf als ein glaubensgeschichtlicher Sonderfall. »Was ist uns nur, daß wir in dieser Hinsicht alle eine geheime Neigung haben, die Verheißung erst ernst zu nehmen, wenn unser Tun, unsere Mühe, unsere Askese, wenn das Besondere unserer Gerechtigkeit dazugesetzt ist.«[6] Diese Neigung ist begründet in der Suche nach erfahrbaren Erfüllungen auch unter der Sprache der Verheißung, wenn der Glaube begierig nach dem »Schauen« fragt und sich erfahrungspsychologisch seiner selbst versichern möchte.
Es ist aber die Stärke der Verheißung, daß sie Verheißung bleibt und daß sie sich nicht in Zuständen vorläufiger Teilerfüllungen erschöpft. Das Bild der Morgendämmerung, von Iwand mehrfach herangezogen, hat die Funktion, die theologische Struktur von »Verheißung« aufzuzeigen, bei der die Gewißheit vom Sieg des Lichtes zusammengeht mit der noch verbliebenen Nacht. Es ist die Stunde der verheißenen Erfüllung, noch nicht die Stunde der erfüllten Verheißung. Auf jeden Fall liegt in der Verheißung die Komposition des Promissorischen mit dem Assertorischen. Alle Heilsgewißheit ist in der Verheißung verankert.
Aus den Möglichkeiten menschlicher Existenz kann sich keine Verheißung erheben. Um dieses Thema kreist die Meditation zu Phil 4,4-7.[7] Für Iwand liegt die entscheidende Motivation des ganzen Briefes in der Verheißung: »Der Herr ist nahe!« Diese verheißene Nähe des Herrn gilt unabhängig von biographischen Prozessen des Glaubens oder des Unglaubens. Psychische Dispositionen als Produktionsstätten verschiedenartigster Frömmigkeit beweisen zur Genüge ihre Macht in der Geschichte der Menschheit, aber »Verheißung« anzubieten ist ihnen nicht gegeben. Aus der bewegten Seele erheben sich Klage und Hoffnung, Angst und Mut, aber nichts mit der Qualität Verheißung. »Denn die Anfechtungen als solche haben in sich keine zu Gott hintreibende, keine ›adventliche‹ Kraft, sie sind der freilich nicht unwirkliche, aber doch nicht wesentliche Hintergrund, einer dunklen Landschaft gleich, über der das Licht aufgeht. Entscheidend ist, daß auch hier der Glaube an dem einen hängt: am Herrn und seiner unbegreiflichen, seiner gnadenvollen Nähe.[8]
Die Kategorie der Verheißung wird dem Wesen des Glaubens stärker gerecht als die der »Heilstatsachen«. Damit ist nicht bestritten, daß zur Verheißung nicht nur futurische, sondern auch perfektische Inhalte gehören. Ihr Beieinander als charakteristisches Merkmal der biblisch bestimmten Verheißung hat Iwand glänzend formuliert: »Ohne das Perfektum ist das Futurum ein leerer Messianismus, der vergißt, daß das letzte Wort Gottes gesprochen ist. Und ohne das Futur ist das Perfektum ein bloßer Historismus, der sich durch keine Wiederbelebungsversuche der Psychologen darüber hinwegtäuschen kann, daß wir uns bei diesem ›Perfektum‹ im Totenreich befinden.«[9]
In der Meditation zu Lk 1,68-79[10] gibt es Versuche, den Zeitwert der Verheißung gezielt anzusprechen. Die für den Text bezeichnende Spannung zwischen »visitavit« und »visitabit« wird als sachgemäß und dem Verheißungswort angemessen angesehen. Iwand sieht vor allem die Gefahr, daß eine Tendenz zum isoliert-perfektischen Denken die Verheißung in das »Totenreich« einer horizontlosen Vergangenheit absinken läßt. Darum zitiert er Karl Barth: »Die Verheißung ist erfüllt, heißt nicht: die Vergebung hört auf und an ihre Stelle tritt nun das Verheißene selbst, sondern eben die Verheißung selbst wird nun ganz, vollständig, unzweideutig und damit kräftig.«[11]
In diesem Zitat wird als Beziehungsbegriff zur Verheißung die Vergebung genannt. Das entspricht einem zentralen theologischen Interesse Iwands. »Die Erfüllung ist keine Gegebenheit, die nun als solche dem Historiker in Zustimmung oder Kritik ausgeliefert wäre, sondern die Erfüllung wird ›Gegebenheit‹ in der Weise, daß die remissio peccatorum proklamiert wird und denen, die im Finstern wandeln, damit die große Barmherzigkeit leuchtet.«[12] Als signa der Verheißungswirklichkeit werden also genannt: die Proklamation der Vergebung und das in der Finsternis leuchtende Licht. Das bedeutet: Noch ist weder der sündlose Mensch noch die erlöste Welt in Erscheinung getreten. Die in Christus geschehene Erfüllung ist für uns eine von Verheißung getragene Erfüllung. »Wir können dies Licht nicht anders haben als in dieser ›Morgenröte‹, wir können die Erkenntnis des Heils nicht anders fassen als in dem Bußruf zur Vergebung der Sünden.«[13]
Es ist sicher keine Bemerkung am Rande, wenn Iwand den erstaunlichen Satz niederschreibt: »Wir müssen uns fragen lassen, ob wir wirklich weiter sind als Johannes (gerade in Erinnerung an Mt 11,11!).«[14] In dieser nüchternen Überlegung zeigt sich die Gegenbewegung zu aller hochgestimmten »Erfüllungstheologie«. Als eine Gestalt der Verheißung hält uns der Täufer bei seiner Predigt in der Wüste fest. Die Gabe der Verheißung heißt: Vergebung der Sünden. Keine Metamorphose von Charakter und Natur. Keine Promotion zum Heilsstand der Vollkommenheit. Kein Aufbau, sondern Abbau: Vergebung der Sünden. Eine eigenwillige und bemerkenswerte Konsequenz für die »Politische Theologie« schließt sich an: »Möchten alle, die heute die Königsherrschaft Gottes für unser zerquältes Dasein in Politik und Wirtschaft, in Gesellschaft und Haus als ultima ratio proklamieren, dies sich merken, daß es nicht genügt, theokratische Ziele aufzurichten, sondern daß zwischen dem Alten Testament und dem Kommen des Christus die Johannesbotschaft steht, »Erkenntnis des Heils in der Vergebung der Sündern.«[15]
Es ist Iwand zu danken, daß er die dem Glauben gezogene Grenze zur »erfüllten Verheißung« hin nicht übersieht und doch zugleich die Gewißheit, die der Glaube der Verheißung verdankt, eindeutig herausgestellt hat. In seiner Auslegung des Karfreitagstextes Hebr 9,15.23-28[16] ist von der Verheißung die Rede, »die uns das ewige Erbe zuspricht«[17]. Das Wort »Erbe« wird zu einem hermeneutischen Schlüssel, der besonders gut geeignet ist, den biblischen Gehalt von »Verheißung« zu erschließen. Vom Noch- Nicht und vom Schon-Jetzt ist das Erbe bestimmt. Im Bewußtsein des Erben regiert schon das Erbe, obwohl er es noch nicht angetreten hat. So bestimmt auch das »ewige Erbe« den Glauben, obwohl es dem Glaubenden noch nicht verfügbar ist.
Iwand empfindet keine Unstimmigkeit im Verhältnis des Erben zum Erbe. Sein Interesse gilt dem verheißungsgemäßen Glauben, der sich in Geduld und Gewißheit schon jetzt mit dem Erbe verbunden weiß. Weil in der Verheißung Geduld und Gewißheit sind, sind sie auch im Glauben. Die Grundthese Iwands, daß »unsere Existenz auf die Verheißung Gottes« bezogen ist[18], bewahrt den Glauben vor pessimistischem Verweilen bei der »homiletischen Situation«. Bei Iwand ist die »homiletische Situation« als promissorische Situation qualifiziert. Darum ist die Haupttonart der Iwandschen Meditationen und Predigten das Dur der Verheißung. Es ist nicht gerade »griechische Heiterkeit«, die sein Denken bestimmt, wie er sie sich für die evangelische Predigt gewünscht hat, wohl aber ein bewußter Abstand vom Predigtton der »Realisten« auf der Kanzel.
Die biblische Verheißung einer größeren Wirklichkeit, dem »ewigen Erbe«, ist so bestimmend, daß sie diesem Schriftausleger den Raum und die Ruhe nicht gibt, um bei den Dissonanzen oder den Erfahrungen des Absurden länger zu verweilen. Darin ist Iwand ein unbeirrbarer Theologe der Verheißung, daß er selber ganz konsequent »unsere Existenz auf die Verheißung Gottes« bezieht. Was das Studium seiner Meditationen so anspruchsvoll macht, ist weniger der hohe Rang der in ihnen aufleuchtenden Erkenntnisse und die systematische Strenge ihrer Darstellung, sondern es ist die faszinierende Entdeckung, wie unerwartet »einfach« Iwand im Zentrum seines Glaubens, Denkens und Handelns gewesen ist. Das gibt seiner Theologie eine starke innere Konsequenz, die für seine Leser nicht immer in entsprechender Stringenz nachzuvollziehen ist.
Im Beziehungsfeld zwischen Verheißung und Glauben finden sich bei Iwand keine unklaren oder tastenden Aussagen. In diesem Kontext ist seine Sprache entschieden assertorisch und konfessorisch. Ist die Verheißung verläßlich, so ist es auch der Glaube. Allerdings sind Verheißung und Glaube keine gleichrangigen Partner. Die Verheißung begründet den Glauben, aber der Glaube begründet keineswegs die Verheißung. Die Priorität der Verheißung zeigt sich darin, daß sie sich nicht rechtfertigen muß, auch nicht vor irgendeinem Maßstab der »Erfüllung«. Verheißung ist absolut letztes Wort.
Der Glaube hängt an der Verheißung im Sinne des Abhängigseins. Wenn aus der verheißenen Erfüllung die erfüllte Verheißung wird, werden Verheißung wie Glaube »aufgehoben« sein. Iwand ist sehr daran gelegen, den Glauben an die Kraft der Verheißung zu binden und ihn gerade so zu entlasten. Der Mensch unter der Verheißung braucht sich an »Glaubensernst« nicht zu übernehmen. Bei aller Zustimmung zur reformatorischen Konzentration auf Inhalt und Akt des Glaubens bleibt Iwand ein scharfer Kritiker jeder Konzeption, die den Glauben verabsolutiert. »Man möchte den Menschen als den glaubenden zum Träger seines Heils machen.«[19]
In der Meditation zu 1Petr 1,3-9 heißt es: »Darum begegnet uns hier der Glaube in dienender Funktion.«[20] »Glauben heißt also, daß wir unser ›Erbe‹, das Land unserer Hoffnung dank Jesu Christi in Gottes Hand und uns selbst auf dieses Ziel von ihm behütet wissen. Wer glaubt, wird sich nicht denen zugesellen, die hier um den Verlust der Freiheit bangen. Sich in Gottes Gewahrsam begeben, heißt das, seine Freiheit verlieren?«[21] Im Text ist von der Freude und vom Jubel die Rede.[22] Das ist für Iwand eine Konsequenz der aufgenommenen Verheißung. Er nennt diese Freude eine »Prolepse des Kommenden im Geist«[23]. Angefügt findet sich der Hinweis auf Beethovens 9. Symphonie. Also eine umfassende, eine polyphone Freude ist gemeint, eine Erhebung der Seele um der Verheißung willen. Es wird auch die seelsorgerliche Wirkung einer solchen »Prolepse des Kommenden« angesprochen: »Wir dürfen einander nicht dem Jammer, dem Schmerz und dem Gram überlassen. Denn das Offenbarwerden Jesu Christi, seine ›Apokalypse‹, wird ein Tag unbeschreiblicher Freude, unvorstellbarer Helligkeit (doxa) sein. Von daher sind alle Leiden dieser Zeit zu bemessen.«[24]
So ist »Verheißung« für Iwand kein bloßer Teilaspekt des vom Credo abgedeckten Bestandes christlicher Glaubensinhalte, sondern Summe und Inbegriff des Evangeliums. Die Verheißung gibt dem Glauben Richtung und Ziel. Sie konzentriert das Selbstbewußtsein des Glaubenden auf eine Wirklichkeit, die das Selbst transzendiert. Unter der Verheißung kommt es ans Licht, daß der Mensch bei sich selbst nicht geborgen ist. Dementsprechend sind die »Glaubenserfahrungen« zuerst und vor allem Erfahrungen von dem noch Ausstehenden. Die Erkenntnis vom »Stückwerk« aller Dinge (1Kor 13), in der Perspektive der Verheißung, ermutigt zur Toleranz des nur schwer Erträglichen. Iwand spricht von dem Zustand einer Angefochtenheit, in dem nichts anderes vertrauenswürdig bleibt als das Wort der Verheißung. Das führt zu strengen homiletischen Konsequenzen. »Predigen heißt: den Menschen ganz bloß und nackt in die freie, nur von Gott und seinem Willen begrenzte Verheißung stellen, ihn in die Luft stellen.«[25] In dieser kühnen Formulierung liegt viel Provokation zum Widerspruch. Es könnte doch die gebotene Empathie zu Schaden kommen, wenn der Predigthörer so radikal sich selbst entfremdet wird. Aber aller »Pastoralpsychologie« zum Trotz, die sich zum Anwalt des »wirklichen Menschen« machen möchte, ihn aber nur aus sich selbst versteht, findet der Mensch sich selbst in der Verheißung. Sie ist das einzig Bleibende im Zerfall der Fundamente.
Die ganze theologische Arbeit mitsamt ihrer spezifischen Leidenschaft gilt der Aufgabe, das Verheißungswort mit dem Menschen zusammenzubringen. Es soll ihn zur Hoffnung und zum Widerstand bewegen. »Ohne das Kreuz, ohne die Anfechtungen, ohne die Tiefe der Not könnte euer Glaube nie und nimmermehr seine Echtheit beweisen; es muß so sein, ihr müßt in einer widrigen Welt leben, ihr müßt erfahren, daß ihr eben doch noch nicht die Erlösten seid, daß alles, was ihr glaubt, wovon ihr lebt, noch nicht Wirklichkeit ist. So werdet ihr euch bewähren, indem ihr über alles hinauslangt, was ist, und euch nach dem streckt, was nicht ist, nach der reinen Verheißung Gottes. Vielleicht wird euch Gott sehr viel nehmen, vielleicht wird es so gehen, daß euch Leib und Seele verschmachten. Aber das alles wird euch nur zeigen, aus welcher Quelle euer Glaube lebt. Je tiefer die Anfechtung, desto freier wird euer Glaube sein. Ihr werdet lernen, ohne die Krücken zu gehen, die ihr noch gewöhnt seid, ihr werdet lernen, daß der Glaube erst dann ganz echt ist, ganz wahr, ganz frei, wenn er sich auf nichts anderes mehr stützt als auf die Verheißung Gottes.«[26] Die Predigt, aus der dieser Abschnitt entnommen ist, hat Iwand am 10. März 1945 vor seiner Dortmunder Gemeinde gehalten. Die Verheißung kommt dem Glauben zu Hilfe. »Gott ist selbst der Bürge seiner Verheißung.«[27]
Die Gestalt, in der sich die Verheißung mit der Situation der Anfechtung verbindet, ist das kairologische Ereignis, das Iwand gern »das Heute der Gnade Gottes« nennt. Um dieses spezifische »Heute« zu verstehen, sei noch einmal die Karfreitagsmeditation zu Hebräer 9 herangezogen. »Jesus Christus als der Mittler des Neuen Bundes tritt zwischen das Gestern und das Morgen. Er sorgt dafür, daß das Gestern nicht in das Morgen übergeht. Um seinetwillen dürfen wir sagen: ›Das Alte ist vergangen.‹ Damit wird unser Heute frei zum Bezüge auf die Verheißung. Das Band, das unser Leben schuldhaft an das Gestern bindet, wird zerschnitten. Gottes Sohn tritt dazwischen, damit unser Heute bestimmt werden kann von der Verheißung her, die uns das ewige Erbe zuspricht. Das soll unser Tun und Lassen im ›Heute‹ regieren, damit wir unserer Berufung, der wahren Berufung, der wahren Bestimmung unseres Lebens gerecht werden.«[28]
Hier ist zunächst nicht vom »Heute der Verheißung«, sondern von unserem Heute die Rede. Es ist in seiner flüchtigen Erscheinung darauf angewiesen, »daß das Gestern nicht in das Morgen übergeht«[29]. Iwand denkt vor allem an das zähe Verbleiben der Schuld. Es ist wichtig, daß sich die Befreiung unseres Heute vom Gestern tatsächlich ereignet. »Das Band, das unser Leben schuldhaft an das Gestern bindet, wird zerschnitten.« Nun wird unser Heute »von der Verheißung her« bestimmt. Es ist wie eine Zusammenfassung dieser Gedanken, wenn es etwas später heißt: »Unser Heute, durch Jesus Christus freigemacht vom Gestern unserer Übertretungen, liegt frei vor uns, frei für das, was kraft der Verheißung geschehen soll.«[30]
Das kairologische »Heute« umfaßt die Begegnung und Kommunikation der Verheißungszeit mit unserer Zeit. Die Meditation zu Röm 13,11-13 ist in diesem Zusammenhang besonders aufschlußreich.[31] »Das Evangelium hat seine eigene ›Zeit‹, es ist sein Heute, in das es uns ruft, und dieses sein ›Heute‹ ist immer Vorbereitung, Advent; es ist das Heute, dessen Morgen die Ewigkeit ist.«[32] Die Zeit der Verheißung ist dadurch ausgezeichnet, daß sie sich in ihrer qualitativen Differenz zur Weltzeit und zur Lebenszeit als fähig erweist, deren Allmacht und Ohnmacht zu durchbrechen. Im »Heute der Verheißung« liegt die Kraft, unsere Zeit zu bewegen und ihre Neigung zur Flucht wie zur Erstarrung zu überwinden. Die Verheißungszeit ist wohl nicht als »Ewigkeit in der Zeit« zu verstehen, denn das wäre »Erfüllungszeit« mit der Wirkung, daß das vorläufige Recht der vergehenden Zeit beendet wäre. Unter der Verheißung aber wird auch die Zeit aus aller Behinderung in die ihr eigene Bestimmung und Freiheit zurückgeführt.
Iwand beschreibt den Einfluß der Verheißung auf die Zeit mit der ihm eigenen Ausdruckskraft: »Der magische Knoten, der sich mit einer absolut gesetzten, alles nivellierenden Zeit um unsere Existenz zu legen droht, ist durchhauen. Die Zeit wird wieder Zeit werden, sie kommt in Bewegung. Es wird Tag, das Dunkel sinkt, die Nacht weicht. Der Mythos von der ewig still stehenden Vergangenheit, in der sich alle Ereignisse und Bewegungen totlaufen und zur ›ewigen Ruhe‹ kommen wie die Wellen im Meer, jener Aberglaube, daß alles, was in der Zeit geschieht, aus der Zeit stammt und in sie zurückkehrt, ist durchbrochen.«[33]
Iwand reflektiert nicht nur das kairologische Aufbrechen von Vergangenheit und Gegenwart, sondern auch das Verhältnis von Verheißung und Wirklichkeit. Die Verheißung ist bezogen auf eine »Wirklichkeit außerhalb unser«[34]. Die Verheißung richtet den Glauben auf eine »zwar noch ausstehende, aber darum keineswegs irreale Wirklichkeit« aus.[35] Die versöhnte, aber noch nicht erlöste Welt darf mit dem Gewicht der »Leiden dieser Zeit« den Glauben nicht erdrücken. Auf der anderen Seite darf der an die Verheißungswirklichkeit gebundene Glaube die Welt mit ihrer Angst nicht hinter sich zurücklassen. Insbesondere in den Meditationen zu atl. Texten wird dieser Thematik Raum gegeben. Zu Jes 55,5-11 beschreibt Iwand, was das Verheißungswort Gottes im Gegenüber zur gottlosen Wirklichkeit zu leisten vermag: nicht »Deutung und Interpretation«, sondern die Aufhebung dieser Wirklichkeit. Das »Gewicht des Tatsächlichen« wird aufgehoben.[36] Er spricht von dem »Gefängnis der sogenannten Wirklichkeit«[37]. Dahinter verbirgt sich nicht ein geistliches Überlegenheitsbewußtsein, sondern das Rechnen mit dem Maßstab der neuen, verheißenen Wirklichkeit. »Alles, was ist, wird vom Propheten auf die Waage der Verheißung gelegt.«[38]
Entsprechendes ist zu sagen von der Adventsmeditation zu Jes 62,10-12.[39] Unter der Überschrift »Daß Gottes Verheißung immer Verheißung bleibt« stellt Iwand uns die nachexilische Situation vor Augen: »Wo soll der Glaube hinfliehen angesichts dieses grauenvollen Widerspruchs zwischen der Wirklichkeit, die er antrifft, und den Verheißungen Gottes …«[40] Iwand hat sehr genau von dem dissonanten Verhältnis von Wirklichkeit und Verheißung gewußt. In den nach-exilischen Erfahrungen sind für ihn zugleich die Anfechtungen Israels und der Kirche mitbetroffen. »Ihr in der Zeit der Verbannung erwachsener und bewährter Glaube an Gottes Verheißung wird gerade jetzt, gerade angesichts der eingetretenen Erfüllung ad absurdum geführt. Verheißung und Wirklichkeit sind aufs neue in unaufhebbaren Kontrast zueinander getreten.«[41]
Wichtig ist die Erkenntnis, daß das Verheißungswort dem Glauben nahe, aber auch fern sein kann. Verheißungszeit ist nicht zeitlose Präsenz der Verheißung. Die Begegnung mit der Verheißung hat Iwand nie als einen selbstverständlichen Vollzug des geistlichen Lebens erachtet. Er spricht vielmehr von einem »Prozeß des Verlierens und Wiedergewinnens, des Irrewerdens und Neu-Vertrauens«[42].
Die Verheißung bleibende Verheißung braucht das Wort, um sich der angefochtenen Gemeinde mitzuteilen. In einer anderen Gestalt als der des Wortes will die Verheißung dem Menschen nicht begegnen. Das verheißende Wort ist verglichen mit der breiten Skala religionspsychologisch erschlossener Erfahrungen ein relativ sprödes Instrument der Kommunikation. Aus dem Beziehungsfeld Wort-Glaube entspringen Unruhe, Vorfreude, Erwartung und Mut, aber keine Zustände religiöser Erhebungen oder Versenkungen, in denen der Mensch sich selbst zur Erbauung wird. Die Theologie Iwands weist den Menschen ständig über sich hinaus. Er findet zu sich selbst, wenn er nicht bei sich selbst ist. Iwand hat allen Angeboten, die sich als »Erfüllung« verstehen, eine leidenschaftliche Absage gegeben. »Nie, auch nicht dann, wenn und wo Ereignisse auftreten, die wir als Erfüllung seiner Worte, als Bestätigung unseres Glaubens, als Erhörung unserer Gebete ansehen dürfen, werden wir darin Gott finden.«[43] In diesem Satz kommt offenbar zum Ausdruck, daß es im Rahmen der persönlichen Lebenserfahrung wohl eine Spur von Führung und Bewahrung gibt. Aber gewarnt wird vor allen Versuchen, in den engen Maßen des biographischen Erlebens eine Gestalt der Offenbarung Gottes zu suchen.
Nur dem Wort der Verkündigung ist die Aufgabe zugefallen, Träger und Überbringer der Verheißung zu sein. Die der Verkündigung anvertraute Verheißung bedarf nicht irgendeines magisch-immanenten Potentials im biblischen Wort, sondern nur dessen gewissenhafter Auslegung. Das wiederum verlangt vom Ausleger, sich selbst mitsamt seiner Glaubenserfahrung zurückzunehmen. »Meditieren heißt, daß wir im Wort die Wahrheit suchen und nicht in uns.«[44] Aus dem Umgang mit dem Text erhebt sich die Verheißung, nicht aus der Frömmigkeit des Auslegers oder aus der Sprachgestalt der Predigt. »Der Text ist gerade in seiner Inhaltlichkeit, in seiner Wörtlichkeit, die ständige Erinnerung und die göttliche Verheißung, daß hier wirklich die Blinden sehen, die Lahmen gehen, die Toten auferstehen könnten.«[45] Der Konjunktiv ist kein Ausdruck der Skepsis, sondern der Trauer. Iwand sieht den Schaden darin, »daß wir nicht bedürftig genug, nicht leer, arm, blind, lahm und gottfern genug an unseren Text herankommen …«[46] Das ist eine wahrhaftig ungewöhnliche, für Iwand aber typische Anleitung zum Predigen, wie sie wohl kaum von Praktischen Theologen oder Kirchenleitungen erwartet werden kann, weil in der Regel unter den Voraussetzungen der Predigt das Gegenteil dessen verbucht wird, was der Prediger Iwand hier zu sagen hat. Es ist die Situation der ersten Seligpreisung, die sich für ihn mit der Predigtverheißung verbindet.
Daß uns die Erfüllung nicht anders als in der Gestalt der Verheißung begegnet, gehört zur Substanz der theologischen Gewißheit und Erkenntnis, die von keiner anderen Wissenschaft erreicht werden können. Wenn zum Abschluß noch einmal ein längerer Passus aus den Predigtmeditationen Iwands zitiert wird, so gilt unser Interesse der Größe der Verheißung: daß sie sich mit nichts Geringerem zufrieden gibt als mit der weltumspannenden Erlösung. Die sich gegen alle pseudomessianischen, voreiligen Friedensschlüsse abgrenzende Sprache ist zugleich ein bewegender Hinweis auf »Gottes letztes Werk«, auf das die Verheißung bezogen ist. »Der Unterschied zwischen dieser Todeswelt und der kommenden Welt der Auferstehung zum unvergänglichen Leben kann nicht aufgelöst, darf nicht als nebensächlich behandelt werden. Die Spannung zwischen Glauben und Schauen, Hoffen und Sehen, Hören und Empfangen muß bleiben, solange wir hier leben, wir müssen vieles an uns vorüberziehen lassen von dem, was der Größe Gottes eben nicht gemäß ist. Wir müssen warten auf Gott. Gottes letztes Wort steht noch aus. Solange dieses vergängliche Sein nicht gewandelt, dies Sterbliche nicht überkleidet ist, solange ist auch Gottes Verheißung noch eine ausstehende, unerfüllte, mit einer zu allem Bestehenden in Gegensatz tretenden Botschaft. Gottes Verheißung meint nicht, was wir sehen und greifen. Die Wirklichkeit, die ihr gemäß ist, ist noch eine unsichtbare, liegt jenseits des Todes und der Zeit.«[47]
Quelle: »Wenn nicht jetzt, wann dann?« Aufsätze für Hans-Joachim Kraus zum 65. Geburtstag, herausgegeben von Hans-Georg Geyer, Johann Michael Schmidt, Werner Schneider und Michael Weinrich, Neukirchen-Vluyn: Neukirchener Verlag, 1983, S. 395-404.
[1] H. J. Iwand, Predigt-Meditationen, 1963, S. 165.
[2] A.a.O., S. 166.
[3] A.a.O., S. 165f.
[4] A.a.O., S. 513 (Anmerkung).
[5] A.a.O.
[6] A.a.O., S. 511.
[7] A.a.O., S. 248ff.
[8] A.a.O., S. 249.
[9] H. J. Iwand, Predigt-Meditationen, 2. Folge, S. 39.
[10] A.a.O., S. 34ff.
[11] A.a.O., S. 38.
[12] A.a.O., S. 39.
[13] A.a.O., S. 38.
[14] A.a.O.
[15] A.a.O., S. 44.
[16] H. J. Iwand, Predigt-Meditationen, 1963, S. 675ff.
[17] A.a.O., S. 681.
[18] A.a.O., S. 687.
[19] A.a.O.
[20] A.a.O.
[21] A.a.O., S. 688.
[22] A.a.O.
[23] A.a.O.
[24] A.a.O.
[25] A.a.O., S. 511.
[26] H. J. Iwand, Nachgelassene Werke, 3. Bd., 1963, S. 160.
[27] A.a.O., S. 161.
[28] H. J. Iwand, Predigt-Meditationen, 1963, S. 681.
[29] A.a.O.
[30] A.a.O.
[31] H. J. Iwand, Predigt-Meditationen, 2. Folge, S. 111ff.
[32] A.a.O., S. 112.
[33] A.a.O., S. 115.
[34] H. J. Iwand, Predigt-Meditationen, 1963, S. 527.
[35] A.a.O.
[36] A.a.O., S. 388.
[37] A.a.O.
[38] A.a.O.
[39] A.a.O., S. 532ff.
[40] A.a.O., S. 533.
[41] A.a.O.
[42] A.a.O., S. 535.
[43] A.a.O.
[44] A.a.O., S. 195.
[45] A.a.O.
[46] A.a.O.
[47] H. J. Iwand, Predigt-Meditationen, 2. Folge, S. 142.