Johannes Hamel, Predigt über Lukas 18,9-14a (1956): „Es wird nicht erzählt, was die frommen Hörer dieser Geschichte im Augenblick gedacht und wie sie im Augenblick gehandelt haben. Um so wichtiger ist die Frage, wie wir Jesu Erzählung aufnehmen und was wir auf sie hin tun? Es wäre schrecklich für uns, wenn wir weiterhin die bösen und gottlosen Menschen als hoffnungslose Fälle ansähen, als von Gott Gerichtete und Verurteilte, so wie jener Fromme unserer Geschichte es tat und wohl tun musste, weil er Jesus nicht begegnet war, der die Gottlosen zur Umkehr ruft. An einer Christenheit, die die dunklen Gestalten um sich herum – und es gibt wahrhaftig sehr, sehr dunkle Gestalten! – für hoffnungslose Fälle ansieht, geht der Gott schweigend vorüber, der das Schreien der zerbrochenen Herzen erhört. Gott kennt seine Leute im Haufen der Zöllner von damals und im Haufen der Atheisten, Gleichgültigen und Unmenschlichen von heute. Jesus Christus tut unter ihnen sein Werk, so überraschend, so unaus­denkbar und überwältigend, dass wir uns nur davor fürchten müssen, Ihm bei seinem Retterwerk im Wege zu stehen!“

Predigt über Lukas 18,9-14a (1956)

Von Johannes Hamel

Liebe Brüder und Schwestern! Jesus erzählt eine Geschichte: Zwei Menschen gehen zum Gottesdienst, in die Kirche. Der eine tut es regelmäßig, für ihn gehört sich das so. So haben es ihn seine Eltern gelehrt, so hat er es dann später aus eignem Entschluß gehalten: ein frommer Mann, einer von denen, die sich zu Gott und seinem Wort, zu Bibel und Gebet, zu Gottes Gebot halten. Sein Leben – ein Dienst gegen Gott. Gott zu ehren – das ist sein Lebensinhalt. Und dieser Mann begegnet an der Kirchtür einem andern, einem ganz andern! Dieser andere ist eine dunkle Gestalt, einer von denen, deren Leben verworren und undurchsichtig ist, einer, dessen Gott das Geld und der Bauch ist. Jener dunkle zweite hat keine reinen Hände, er hat seine Finger in schmutzigen Geschäften, ist der Besatzungsmacht hörig, nimmt die Zollgebühren ein und bricht die Ordnung, nimmt mehr, als eigentlich vorgeschrieben ist – er kann’s, er darf es, denn ihn decken die Mächtigen. Wir würden weiter sagen: kein Mann des Gebotes und des Glaubens, sondern ein Spötter, ein Atheist, ein sogenannter Gottloser. Vielleicht, so würden wir heute sagen, ein kommunistischer Funktionär, der den Gottesglauben höhnisch als Aberglauben verspot­tet? Dieser Mann – will in die Kirche, in den Gottesdienst zusammen mit jenem ersten!

Nun werden die Hörer Jesu, die ja zu den Kirchentreuen gehörten, zum erstenmal den Atem angehalten haben: »Was, jener Dunkle, jener Atheist besucht den Gottesdienst?« Wie sollte das geschehen? Was will jener zweite in unserer Versammlung? Er kann ’s doch nicht ehrlich, nicht redlich meinen! Wir kennen ihn doch! Der kommt doch nicht, um zu beten und um Gottes Gebote zu hören und sie zu tun! Der muß aus anderen Gründen kommen! Welche? Vielleicht will er feststellen, wer sich im Dorf noch zur Kirche hält? Vielleicht will er hören und mitschreiben und denunzieren, was der Pastor gesagt hat? Ein Spitzel? Ein Denunziant? Oder aber – auch das ist schließlich denkbar – ihm steht das Wasser bis an die Kehle, er hat einen moralischen Katzen­jammer. Vielleicht merkt er, wie sehr man ihn verachtet, vielleicht hat er einmal, endlich einmal gehört, was man zu Hause, am Familientisch über ihn redet: »Dieser Betrüger! Dieser Volksverräter! Dieser Gottlose und Spötter! Dieser Lump!« Mag er in die Kirche gehen, so billig ist Gottes Gnade nicht zu haben!

Denkt so auch jener erste, der fromme Kirchgänger? Wie erzählt Jesus weiter? Er ist zutiefst bewegt über diese Begegnung! Mit welchem Manne betritt er das Gotteshaus! Er geht nicht über jenen dunklen zweiten hinweg. Er denkt nicht: was geht mich dieser an! Sondern – und das ist etwas Gutes an diesem frommen Kirchgänger – er beginnt seinen Gottesdienst mit einem – Dank. Er wird von der Frage aufgewühlt: »Wie kommt es denn, daß ich auf Gottes Wegen zu wandeln versuche, im Großen und im Kleinen, und jener auf bösen Wegen geht? Warum bin ich so und jener anders? Warum gehorche ich Gott und jener nicht?« Und er gibt sich nicht zur Antwort: »Ich habe mich bekehrt, ich habe mir Mühe gegeben, ich habe mich angestrengt!« Sondern er öffnet die Lippen: »Dir, Gott, sei Dank! Du hast mich auf den guten Weg Deiner Gebote gesetzt. Du bist schuld daran, Du allein. Mein Tun und Lassen – alles ist Gnade. Ich danke Dir für die Gnade meines Wandelns und Gehorsams. Im Blick auf jene anderen blinden und verführten, bösen und gottlosen Menschen im Blick auch auf jene dunkle Gestalt an der Kirchentür eben kann ich nur Deine Gnade rühmen. Ich danke es Dir allein, daß ich nicht wie jene bin.« Die Hörer Jesu atmen auf: »Ja, so ist es recht. Dieser ist ein wirklich Frommer. Er schreibt es Gott zu, daß er im Licht steht und jener andere im Schatten. Eine andere Antwort gibt es nicht.« Wir kennen ein ganz ähnliches Gebet aus dem Talmud zu Jesu Zeit, in dem der Kirchgänger nach Verlassen des Gotteshauses und im Anblick der vielen, vielen auf den Straßen, die sich um Gott nicht kümmern, betet: »Ich danke Dir, Gott, daß Du mir Teil gibst bei denen, die im Gottesdienst sind, und nicht bei denen, die an den Straßenecken stehen. Sie mühen sich, und ich mühe mich. Ich mühe mich um göttliche Dinge, und sie mühen sich um Nichtiges. Ich erhalte Lohn und sie erhalten Lohn. Ich bekomme zum Lohn das ewige Leben. Und sie erhalten zum Lohn das ewige Verderben.« Recht gebetet! Gott gebührt der Dank!

Aber nun erzählt Jesus ja weiter. Was macht jener zweite? Und zum zweitenmal werden die Hörer des Herrn den Atem angehalten haben. Freilich, er zeigt deutlich, wie fremd ihm Kirche und Gottesdienst sind! Er geht nicht nach vom, an den Platz der Beter. Er faltet nicht einmal die Hände – so würden wir sagen -, er hämmert mit den Fäusten in tiefster Verzweiflung gegen seine Brust und stöhnt: »Sei mir gut, Gott, sei mir gut, der ich so böse bin.« Was ist das, was soll das? Wie kommst Du, Jesus, dazu, das zu erzählen? Betet vielleicht ein Atheist, ein unmoralisches Subjekt, ein Halsabschneider und Ausbeuter so? Und wenn schon – im äußersten Fall wäre ja auch solch ein Stöhnen denkbar -, was ist dieser Verzweiflungsausbruch anderes als ein Vorgeschmack der Verdammnis? Ein Stück Rache Gottes schon in diesem Leben? Er hat schon, was er verdient! Ohnmächtiges Stöhnen, nutzloses Gewinsel, verspätete Reue, vergebliche Tränen! »Kannst du, Schurke und Verbrecher, wieder gutmachen, was du Gott und Mitmenschen angetan hast? Auch Esau suchte die Umkehr mit vielen Tränen und fand sie nicht! Auch der reiche Mann, vor dessen Tür Lazarus unbeachtet unter den Hunden gelegen und verreckt war, schrie aus ewiger Qual zum Himmel und wurde abgewiesen. Zu spät! Auf Dich wartet das Gericht!« So – urteilt doch wohl auch Jesus. Wie sollte er anders urteilen!

Und damit bricht die Geschichte ab, denn mit seinem letzten Wort erzählt Jesus eigentlich nicht den Schluß seiner Erzählung, sondern zieht einen Schlußstrich unter das Ganze, stellt gleichsam das Plus und das Minus am Ende fest: »Ich sage Euch.« Was nun folgt, ist Gottes Urteil über diese beiden, Gottes neues, unerhörtes Urteil, bei dem Jesu Hörer rebelliert haben, so sehr rebelliert, daß sie den Sprecher dieses Urteils schließlich umgebracht haben. »Dieser ging in sein Haus und war freigesprochen von Gott, der erste aber nicht!« Beide standen vor Gericht, vor dem letzten Gericht. Für den einen war es klar: er hatte Gott zu danken, daß er nicht zu den Verurteilten, zu den hoffnungs­losen Fällen gehörte. Für den andern, den Verurteilten, blieb nur das verzweifelte Gnadengesuch. Die Antwort des Richters, in Jesu Mund gelegt und von Jesus allein verkündet, aber lautet: Der schon Verur­teilte darf als Gerechterklärter nach Hause gehen – der erste aber geht leer aus. An ihm geht Gott schweigend vorbei: Den zweiten hat er an sein Herz gezogen wider alles Erwarten, zum hilflosen Stöhnen des Verkommenen hat ER sein Ja gesagt – zu dem Danken des ersten sagt er nichts. Den Mann mit den schmutzigen Fingern reinigt er auf seine verzweifelte, so aussichtslose Bitte hin, den Reinen aber läßt Gott stehen mit seinem ganzen Dankgebet!

Warum fällt Jesus in Gottes Namen diesen Spruch? Laßt uns einen Irrweg vermeiden, den wir oft gehen, wenn wir diese bekannte Geschichte hören. Wir denken falsch, wenn wir antworten: »Weil der Zöllner richtiger gebetet hat als der Pharisäer.« Wie wollen wir das feststellen?! Nein, Gottes Spruch ist so umstürzend, weil Jesus gekommen ist, um die Gottlosen aus ihrer Gottlosigkeit herauszulieben! Jesus durchbricht alle Mauern, die Menschen gegen Gott aufrichten. Jesus, Gottes Gesandter, Er allein, versöhnt die Unversöhnten mit Gott. Er schließt den Frieden Gottes mit Gottes Feinden. Dies ereignet sich, wo Jesus den Gotteshassern begegnet und ihnen die Umkehr zu Gott schenkt. Darum ist er gekommen, so wie ein Arzt zu Kranken kommt, um sie zu heilen. Weil Jesus, Gottes einziger Sohn, in eigner Person der Friede Gottes mit seinen Feinden ist, darum ist das Stöhnen jenes zweiten: »Gott sei mir gnädig« kein sinnloser Schrei ins Nichts, sondern wird gehört und erhört. Weil Gott in der Person Jesu in diese dunkle Welt mit ihrem Schmutz gekommen ist, findet der Schmutzige den Weg zu seinem, zu unserem Vater im Himmel. Weil Gott die Gottesfemen lieb gehabt hat, darum ist jener Gottfremde in Jesu Geschichte freigesprochen.

Es wird nicht erzählt, was die frommen Hörer dieser Geschichte im Augenblick gedacht und wie sie im Augenblick gehandelt haben. Um so wichtiger ist die Frage, wie wir Jesu Erzählung aufnehmen und was wir auf sie hin tun? Es wäre schrecklich für uns, wenn wir weiterhin die bösen und gottlosen Menschen als hoffnungslose Fälle ansähen, als von Gott Gerichtete und Verurteilte, so wie jener Fromme unserer Geschichte es tat und wohl tun mußte, weil er Jesus nicht begegnet war, der die Gottlosen zur Umkehr ruft. An einer Christenheit, die die dunklen Gestalten um sich herum – und es gibt wahrhaftig sehr, sehr dunkle Gestalten! – für hoffnungslose Fälle ansieht, geht der Gott schweigend vorüber, der das Schreien der zerbrochenen Herzen erhört. Gott kennt seine Leute im Haufen der Zöllner von damals und im Haufen der Atheisten, Gleichgültigen und Unmenschlichen von heute. Jesus Christus tut unter ihnen sein Werk, so überraschend, so unaus­denkbar und überwältigend, daß wir uns nur davor fürchten müssen, Ihm bei seinem Retterwerk im Wege zu stehen! Laßt mich mit einer Erfahrung schließen, die mir damals die Augen für unsere Geschichte geöffnet hat:

Es war am 14. November 1944 in Italien. Unsere Kompanie fuhr am Abend dieses Tages bei völliger Finsternis und strömendem Regen auf den sehr schmalen Bergstraßen im Lkw an die Front. Wir saßen zu 18 im ersten Lkw: In meiner Gruppe hatten wir als Maschinengewehr­schützen einen gewissen Roller, ein übles Subjekt: Drei Bräute hatte er gehabt, jede hatte er mit einem Kind sitzen lassen, und jetzt wollte er ein viertes Mädchen (um derentwillen er die dritte verlassen hatte) heiraten, weil sie eine reiche Bauerntochter und Hoferbin war. In einer Woche sollte die Hochzeit sein, in zwei Tagen sollte er von der Front den gleichen Weg zurück in den Urlaub fahren. Als wir nun schweig­sam und voller Bangen der Front entgegen in das Gebirge fuhren, begann Roller, wie er es liebte, zu zoten. Als er den zweiten schmut­zigen Witz beendet hatte, sagte unser ältester Mann in der Gruppe, namens Hermann, freundlich, aber bestimmt: »Mensch, hör auf!« Roller schwieg ein paar Sekunden und rief dann: »Ihr habt gut reden. Ihr seid nicht von eurem 12. Lebensjahr an in der Welt herumge­schubst worden wie ich. An mir ist nichts mehr zu verderben.« Wenige Minuten später stürzte unser Lkw fünfzehn Meter in die Tiefe. Der Weg war zu schmal. Zwei von uns waren tot: Roller und Hermann. Es waren ihre letzten Worte gewesen. Ich schrieb es meiner Mutter, und sie antwortete mir: »Die Worte Rollers mögen wohl in Gottes Ohren ein besseres Gebet gewesen sein als viele unserer Gebete.« Und Jesus sprach: Ich sage euch, dieser ging in sein Haus gerechtfertigt – vor jenem.

Gehalten am 12. August 1956, 11. Sonntag nach Trinitatis, in Mannheim.

Quelle: Johannes Hamel, Seid nüchtern und wachet. Göttinger Predigthefte 4/5, Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1958, S. 68-72.

Hier der Text als pdf.

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