Hans-Georg Gadamer, Gedenkworte für Rudolf Bultmann (1976): „Einen nicht geringen Teil seiner wissenschaftlichen Produktion hat er auf den freien Rückseiten von bezahlten Rechnungen, beantworteten Briefen, ja, auf dem aufgeklappten Innern von Briefumschlägen zu Papier gebracht. Zu seinen Freizeitliebhabereien gehörte, neben konsequent durchgehaltenen täglichen Lektürestunden, die vor allem die klassische Literatur, aber auch moderne Literatur pflegten, das imaginäre Reisen, irgendwohin in die ferne Welt, mit genauer Wahl der Züge, die er nehmen würde, der Hotels, in denen er wohnen würde, und natürlich vor allem mit genauester historischer und kunstgeschichtlicher Vorbereitung für alle Sehenswürdigkeiten, die er antreffen würde: ein einzigartiges Gemisch von Phantasie und Pedanterie, diesen Feengaben des geborenen Gelehrten.“

Gedenkworte für Rudolf Bultmann (20. 8. 1884 – 30. 7. 1976)

Von Hans-Georg Gadamer

Als der Orden im Jahre 1969 Rudolf Bultmann zu seinem Mitglied wählte, stand Bultmann bereits im hohen Alter von 83 Jahren und konnte an unserer Tätigkeit nur noch von ferne teilnehmen. Gleichwohl hat er die Aufnahme in diesen Kreis von Gelehrten, Forschern und Künstlern mit großer Genugtuung begrüßt und hat uns seine volle Anteilnahme zugewandt. Zwar stand er längst als Altmeister neutestamentlicher Forschung in weltweitem Ansehen, aber die eigentümliche Spannung, der der Theologe von Rang ausgesetzt ist, Forscher – Historiker, Philologe, Mann der Wissenschaft – zu sein und zugleich ein Lehramt im Auftrag der Kirche zu versehen, hat gerade Rudolf Bultmann zeit seines Lebens mit besonderer Schärfe begleitet. So war die wissenschaftliche Anerkennung, die die Aufnahme in den Orden darstellte und die ganz außerhalb der Kirche, von Laien, beschlossen worden war, für ihn von besonderem Werte.

Er stammte aus einem evangelisch-lutherischen Pfarrhaus im Oldenburgischen. Geboren am 20. August 1884, verbrachte er Kindheit und Schulzeit dort, um dann seine theologischen Studien in Tübingen, Berlin und in Marburg zu betreiben. Von Marburgs großer theologischer Schule, insbesondere von Jülicher, Wilhelm Herrmann und Heitmüller empfing er seine Prägung, und nach vier Jahren Breslau, wo er 1916–1920 seine erste Professur innehatte, und einem Jahr in Gießen kehrte er 1921 nach Marburg zurück, dem er bis zu seinem Lebensende treublieb. Die letzten Jahrzehnte lebte er dort in großer Zurückgezogenheit, insbesondere nachdem Leiden und Tod seiner Gattin ihn vereinsamt hatten. Er starb im gesegneten Alter von 92 Jahren am 30. Juli 1976, bis in die letzten Jahre seinen Kindern, Schülern, Freunden und dem geistigen Leben aufmerksam teilnehmend zugewandt.

So hat er über ein halbes Jahrhundert Marburg, der ältesten protestantischen Universität Deutschlands, seine Präsenz geliehen. Die einzigartige Fruchtbarkeit, die er als Lehrer vieler Generationen von Theologen entfaltete, lebt bis heute in den lebendigen Treffen weiter, die alljährlich die Alten Marburger vereinigen. Sein pädagogisches Charisma war von der Produktivität seiner Forschungskraft nicht zu trennen, insbesondere nicht von seiner unermüdlichen Fragelust und seinem konzentrierten Ernst. Wer einmal eine Vorlesung von ihm gehört, oder an seinem (oft allzu zahlreich besuchten) Seminar teilgenommen hat oder auch ihm im kirchlichen Amt des Predigers begegnete, wurde von der Intensität seiner Präsenz gepackt. Nichts von Pathos oder rhetorischer Kunst. Äußerste Nüchternheit, bohrender Scharfsinn, Sarkasmus und manchmal erwärmender, manchmal grimmiger Humor waren ihm eigen, aber man muß es erlebt haben, wenn er in einer exegetischen Vorlesung den Bibeltext, griechisch und in seiner Übersetzung, vorlas, als ob er es ganz nur für sich selber täte und nur, um darüber nachzusinnen. Was war da für eine Spannung in der Luft, die auch nicht nachließ, wenn sich dann in der Interpretation die erstaunlichste Gelehrsamkeit und der subtilste Scharfsinn mit oft erbarmungslosem Spott über seine theologischen Kollegen mischte. Und wenn er im Seminar seine spitzigen, scharfen und geschliffenen Debatten führte, jeder Gegenrede offen, seine eigene Replik blitzartig hinter den blauen Wolken seiner Pfeife hervorschießend – das war ein Schauspiel, nein, kein Schauspiel, sondern ganz ohne Spiel und ganz ohne Schau ein Stück vorgelebter Redlichkeit.

Es war diese unbeirrbare Redlichkeit, die ihn in besonderem Maße vor den Gefahren der Erbaulichkeit, des Pathos und der Routine bewahrte, die sich so leicht im kirchlichen Amt einstellen. Es war dieselbe unbeirrbare Redlichkeit, die ihm in den Zeiten der Anfechtung seine Stärke lieh, wie sie ihm insbesondere der Kirchenkampf in der Hitlerzeit, aber auch die nicht abreißenden Konflikte mit den kirchlichen Behörden vor und nach dem Dritten Reich brachten.

Die Organisation seines Gelehrtenlebens war von beispielloser Disziplin und einem äußersten Willen zur Sparsamkeit. Einen nicht geringen Teil seiner wissenschaftlichen Produktion hat er auf den freien Rückseiten von bezahlten Rechnungen, beantworteten Briefen, ja, auf dem aufgeklappten Innern von Briefumschlägen zu Papier gebracht. Aber am sparsamsten war er mit seiner Zeit. Ohne den Lebensgenuß, das Leben in Familie und Freundschaft und beim Glase Wein zu schmälern, hielt er die strengste Zeiteinteilung ein. Selbst die freie Zeit war sinnvoll geplant und ausgefüllt. Selbstverständlich wurde jede Reise genau vorbereitet und mit größter Planmäßigkeit durchgeführt. Seine jährliche Kur, die er für sein Hüftleiden später regelmäßig im Schwarzen Bock in Wiesbaden nahm, enthielt regelmäßig ein genau vorbereitetes Lektüre-Programm aus den verschiedensten Bereichen von Kunst und Wissenschaft. Zu seinen Freizeitliebhabereien gehörte, neben konsequent durchgehaltenen täglichen Lektürestunden, die vor allem die klassische Literatur, aber auch moderne Literatur pflegten, das imaginäre Reisen, irgendwohin in die ferne Welt, mit genauer Wahl der Züge, die er nehmen würde, der Hotels, in denen er wohnen würde, und natürlich vor allem mit genauester historischer und kunstgeschichtlicher Vorbereitung für alle Sehenswürdigkeiten, die er antreffen würde: ein einzigartiges Gemisch von Phantasie und Pedanterie, diesen Feengaben des geborenen Gelehrten. Welch ein beständiges Sammeln und Anreichern des eigenen stupenden Wissens selbst noch im Spiel.

Und gar im Ernst. Es müßte ein Berufenerer ausführen, wie sich das gelehrte Werk des großen Exegeten aufbaut. Es beginnt mit der Lizenziatenarbeit über den Stil der Paulinischen Predigt und der kynisch-stoischen Diatribe (1910) – und schon damit wird die formgeschichtliche Methode der damaligen historischen Theologie bereichert, die mit seinem Standardwerk von 1921 »Die Geschichte der synoptischen Tradition« einen repräsentativen Höhepunkt erreichte. Auch später hat Bultmann, vor allem durch ungezählte begriffsgeschichtliche Beiträge, die den Neutestamentler mit der ganzen großen Literatur und Sprache des griechischen Altertums in Wechselwirkung brachten, seine Meisterschaft in der Ausübung des philologischen Handwerks bewiesen. Große exegetische Leistungen, vor allem der umfassende, ihn fast zwei Jahrzehnte in Atem haltende Kommentar zum Johannesevangelium, zeigen ihn auf der Höhe der historisch-kritischen Kunst. Auch wenn er kein theologischer Denker von eigener Prägung gewesen wäre, blieb er ein großer Philologe und ein wahrhaft überzeugter Humanist. Die griechische Philosophie, die griechische Literatur waren ihm beständig gegenwärtig, und als er nach 1945 seine Gedanken zur Reorganisation der Marburger Universität vorlegen sollte, hat er mit entschlossener Radikalität die humanistische Tradition ins Zentrum seiner Vorschläge gestellt.

Und doch war er nicht nur ein Philologe, sondern ein wirklicher theologischer Denker, dessen Reflexionen beständig um die methodischen Probleme der Theologie und ihr Verhältnis zur Philosophie kreisten. In seiner Jugend, in der Zeit des ersten Weltkrieges, lag die Krisis des Historismus in der Luft. Die gewaltige Expansivität, mit der Polyhistoren wie Wilhelm Dilthey und Max Weber, große Philologen wie Wilamowitz, Historiker wie Theodor Mommsen und Eduard Meyer, Theologen wie Adolf von Harnack und Ernst Troeltsch das historische Universum aufgeschlossen und unter sich aufgeteilt hatten, war ausgelebt. Reflektiertere Figuren, wie Werner Jaeger und Karl Reinhardt, Karl Barth und Friedrich Gogarten erhoben ihre Stimme. Der junge Theologe Rudolf Bultmann war auch längst auf der Suche, wie er sein vertieftes religiöses Engagement und seine wissenschaftliche Redlichkeit miteinander in Einklang bringen sollte. So wurden zwei Begegnungen für ihn entscheidend: die mit der dialektischen Theologie, insbesondere mit Karl Barths Kommentar zum Römerbrief, und die mit der Existenzphilosophie, insbesondere mit Martin Heidegger in Jahren fruchtbarer Marburger Zusammenarbeit. Die damit gegebene Spannung auszuhalten, bedeutete eine Herausforderung. Sie wies dem theologischen Denker Rudolf Bultmann seinen viel umstrittenen Weg.

Was ihn mit Karl Barth, dem reformierten Theologen, verband, war im Negativen klarer als im Positiven. Der Briefwechsel dieser beiden Theologen scharf ausgeprägter und extrem verschiedener Art, der uns heute vorliegt, spiegelt beides: ein neues Ernstnehmen des Wortes der Verkündigung ineins mit der Abkehr von der Kulturtatsache der Religion, von dem Anspruch einer natürlichen, bzw. philosophischen Theologie so gut wie von dem sozialpolitischen Aktivismus einer »christlichen Welt« und Weltbewährung. Radikaler noch als Luther kannte Rudolf Bultmann im Grunde nur ein Sakrament, das des Wortes. Dieses Wort der Verkündigung sich selbst und den anderen zum Sprechen zu bringen, dem galt sein ganzes exegetisches Bemühen – aber so, daß zugleich die Verpflichtung auf wissenschaftliche Redlichkeit und die klare Rationalität seines persönlichen Wesens jede Willkür fernhielten.

Selbstverständnis im Glauben, das war, wie es das pädagogische Ziel des Lehrers Bultmann war, so auch der Maßstab, unter den er sein eigenes wissenschaftliches Werk stellte. So hielt er alles, was dem nicht diente, als »mythologisch« fern, und selbst die Autoren des Neuen Testamentes, vor allem die ihm nächsten, Paulus und Johannes, waren ihm weniger Zeugen der Heilsbotschaft als Partner eines theologischen Gesprächs, mit deren Selbstverständnis er sich in Übereinstimmung wußte. So interpretierte er im Johannesevangelium aus der Rede von der Enderwartung die gesamte Zeitdimension weg. Endzeit ist jetzt, ist der »Augenblick« des Anrufs, in dem das simul justus simul peccator wahrwerden kann. Er ging in der Eliminierung des Zeitmoments aus der Eschatologie des Johannes zeitweise sogar so weit, die Authentizität des Evangelientextes in dem Grade anzuzweifeln, daß er selbst die Abschiedsreden Jesu für den mißverstehenden, mythologisierenden, von einstiger Wiederkehr fabelnden Zusatz eines Redaktors des Evangeliums erklärte.

Daß ihn die Radikalität dieser seiner eigensten Redlichkeit in Konflikt mit naiverem Glaubensverständnis und mit den kirchlichen Instanzen bringen mußte, war kein Wunder, und doch war es für ihn wie für seine Freunde eine Überraschung, als die Publikation seines im kirchlichen Lehrdienst gehaltenen Vortrags über »Die Entmythologisierung des Neuen Testaments« einen wahren Sturm erregte. Die tägliche Briefpost, die ihn erreichte, schnellte plötzlich in die Hunderte hinauf. Für ihn selbst und seine Schüler war dieser Vortrag in Wahrheit nur die – vielleicht etwas provokatorisch geratene – Ausarbeitung der Grundsätze seiner von eh und je geübten exegetischen Praxis, eine Formulierung des hermeneutischen Prinzips, daß Verstehen Übersetzen in die eigene Sprache sein muß, wenn es wirklich Verstehen sein soll – ein methodisches, kein dogmatisches Problem, geschweige denn eine Häresie oder Ketzerei.

Daß er sich nicht nur aufgerufen, sondern auch fähig fühlte, die mythologische Sprache der Bibel und der Bibelverkündigung in schlichte Rechenschaftsgabe mit eigenen Worten umzusetzen und daß er die methodische Klarheit seiner exegetischen Position überdies zu rechtfertigen wußte, verdankte er der zweiten wichtigen Begegnung seines theologischen Denkertums: der Begegnung mit Martin Heidegger.

Es ist hier nicht der Ort, die Marburger Atmosphäre um Heidegger zu schildern und den Austausch des Gebens und Nehmens, der zwischen Heidegger und Bultmann damals erfolgte. Bultmann eignete sich die existentiale Analyse des menschlichen Daseins, die er aus Heideggers Lehre und aus »Sein und Zeit« herauslas, auf seine Weise an. Sie gab ihm die begrifflichen Mittel in die Hand, sein eigenes Selbstverständnis im Glauben und seine darauf abzielende theologische Arbeit zu artikulieren. Es ist kein objektivierendes Wissen, keine Verfügbarkeit, was dem unter den Anruf des Glaubens Gestellten zuteil wird. Die von der existentialen Analytik des Daseins herausgearbeiteten Strukturen der Sorge, des Vorlaufens zum Tode, der Zeitlichkeit und der Geschichtlichkeit galten ihm ihrerseits als die Elemente eines philosophischen Daseinsverständnisses, die auch für den Theologen unvorgreifliche Wahrheit hätten, gerade weil sie existentiale Bestimmungen und nicht Existenzideale sein wollten.

Das wurde ihm von theologischer wie von philosophischer Seite, von Karl Barth und Emil Brunner wie etwa auch von Karl Löwith bestritten, und in der Tat war das Augustinische und Kierkegaardsche Kolorit von Heideggers Existentialanalytik unverkennbar. Schwerer wog, daß Heideggers eigenes Denken in ganz andere Richtung weiterging. Die erste Exposition der Seinsfrage, die »Sein und Zeit« gebracht hatte, wurde der Ausgangspunkt einer langen Reihe von Denkversuchen, die jedes anthropologische Verständnis seines ersten großen Werkes desavouierten. Dabei mußte es die Theologie wahrlich interessieren, wie jetzt statt der Eigentlichkeit des Daseins Sterbliche und Unsterbliche, Mythos und Sage, Dichtung und Sprache, Hölderlin und die Vorsokratiker das Denken des Denkers beherrschten. Rudolf Bultmann konnte ihm darin nicht folgen.

In der immer wieder aufflammenden Auseinandersetzung mit Karl Barth bestand er darauf, daß der Theologe einer geklärten Begrifflichkeit bedürfe. Nur die Philosophie habe eine solche dem Selbstverständnis im Glauben zu bieten, sofern sie die allgemeine Struktur des Daseinsverständnisses in den Begriff erhebe. So hielt er mit Scharfsinn an der einmal gewonnenen Klarheit fest, unbeirrt durch alle theologischen Konflikte, in die ihn seine Redlichkeit verstrickte, sei es mit Karl Barth, sei es mit Karl Jaspers, dessen Kritik an der Entmythologisierung er mit Überlegenheit abwehrte, sei es gegen die Tendenzen seiner eigenen Schüler, die historische Dimension in der neutestamentlichen Forschung wieder stärker zu akzentuieren oder dogmatische Folgerungen zu ziehen, die an den späteren Heidegger oder gar an Hegel heranrückten. Dergleichen verfolgte er mit Skepsis, aber auch mit jenem bereiten Wohlwollen dessen, der um die Endlichkeit und Geschichtlichkeit des Menschen nicht nur in der Theorie weiß.

Das sakramentale Leben der Kirche, seine Symbolik wie seine Dogmatik blieb für den unermüdlichen Exegeten weiter im Hintergrund. Aber er bewährte seine äußerste Redlichkeit und den Wahrheitspunkt seiner Einsichten noch über den Tod hinaus, als nach seiner eigenen letztwilligen Verfügung in der kirchlichen Trauerfeier außer dem Rahmen klassischer Musik nur der Gemeindegesang und das Wort der Heiligen Schrift zu Gehör kamen: Worte des Alten und des Neuen Testaments, die diesem langen und erfüllten Leben ein stilles Gedenken liehen, kamen zum Sprechen.

Quelle: Orden Pour le Mérite für Wissenschaften und Künste, Reden und Gedenkworte, Dreizehnter Band 1976/77, Heidelberg: Lambert Schneider, 1977, S. 131-139.

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