Kanzelabkündigung der VELKD zur Entmythologisierung des Neuen Testamentes (1953): „Hier ist nun in den letzten Jahren in der Kirche selbst begründete Besorgnis entstanden. Einige Lehrer der theologischen Wissenschaft, die neue Wege gesucht haben, um unserer Gegenwart den Kern der biblischen Botschaft verständlich zu machen, sind in der Gefahr, bei ihrem Bemühen um eine ‚Entmythologisierung des Neuen Testamentes‘, wie sie das nennen, den Inhalt der Verkündigung zu vermindern oder gar zu verlieren. Sie sehen, dass die Aussagen des Neuen Testaments das äußere Gewand der damaligen Denkweise tragen. Aber wir müssen sie fragen, ob sie darüber nicht die Tatsachen verleugnen, die die Schrift bezeugt. Es ist eine dringende kirchliche Aufgabe, die Auseinandersetzung mit diesen Lehrern der Theologie zu führen. Darum stehen Männer der Kirche aus Kirchenleitungen, Theologischen Fakultäten und Kirchlichen Hochschulen in ständigem wissenschaftlichem Gespräch mit den Vertretern jener Anschauung, um die Reinheit der christlichen Lehre zu wahren.“

Kanzelabkündigung der Vereinigten Evangelisch-Lutherischen Kirche Deutschlands (VELKD) zur Entmythologisierung des Neuen Testamentes vom 22. November 1953

„Fürchte dich nicht! Ich bin der Erste und der Letzte und der Lebendige. Ich war tot; und siehe, ich bin lebendig von Ewigkeit zu Ewigkeit und habe die Schlüssel der Hölle und des Todes“ (Offbg. Joh. 1, 18).
Das ist die gewaltige Predigt des heutigen Sonntags, und diese Predigt ist keine andere als die von Tod und Auferstehung.

Wir Christen sind wartende Leute. Wir warten auf die Wiederkunft unseres Herrn Jesus Christus, der, wie er von den Toten auferstanden ist, in Herrlichkeit erscheinen wird, „zu richten die Lebendigen und die Toten“ (2. Tim. 4, 1). Wir warten angesichts der Vergänglichkeit menschlichen Wesens auf ihn, der uns auferwecken wird zum ewigen Leben. Wir warten darauf, daß Er seine Herrschaft aufrichten wird über diese leid- und notvolle Welt, die von ihm abgefallen ist; „wir warten eines neuen Himmels und einer neuen Erde nach seiner Verheißung, in welchen Gerechtigkeit wohnt“ (2. Petr. 3, 13).

Das ist das Herzstück unseres Glaubens, und das bleibt die Mitte unserer Botschaft, gegründet auf die Tatsache, daß Er lebt. Es ist die Aufgabe der Kirche, diese Botschaft aller Welt zu jeder Zeit zu bezeugen und sie jedem Volk und jedem Zeitalter in seiner Sprache und in seinen Denkformen auszurichten.

Hier ist nun in den letzten Jahren in der Kirche selbst begründete Besorgnis entstanden. Einige Lehrer der theologischen Wissenschaft, die neue Wege gesucht haben, um unserer Gegenwart den Kern der biblischen Botschaft verständlich zu machen, sind in der Gefahr, bei ihrem Bemühen um eine „Entmythologisierung des Neuen Testamentes“, wie sie das nennen, den Inhalt der Verkündigung zu vermindern oder gar zu verlieren. Sie sehen, daß die Aussagen des Neuen Testaments das äußere Gewand der damaligen Denkweise tragen. Aber wir müssen sie fragen, ob sie darüber nicht die Tatsachen verleugnen, die die Schrift bezeugt.

Es ist eine dringende kirchliche Aufgabe, die Auseinandersetzung mit diesen Lehrern der Theologie zu führen. Darum stehen Männer der Kirche aus Kirchenleitungen, Theologischen Fakultäten und Kirchlichen Hochschulen in ständigem wissenschaftlichem Gespräch mit den Vertretern jener Anschauung, um die Reinheit der christlichen Lehre zu wahren.

Darüber hinaus aber rufen wir unsere Gemeinden auf: Lasset uns festhalten an dem Bekenntnis zu Jesus Christus als dem menschgewordenen, gekreuzigten und auferstandenen Herrn, der zur Rechten des Vaters lebt und regiert und dereinst in Herrlichkeit wiederkommen wird. Im apostolischen Glaubensbekenntnis hat die christliche Kirche diese von Gott gewirkte Geschichte von Jahrhundert zu Jahrhundert bezeugt und bekennt sie Sonntag für Sonntag betend vor der Welt. Dieses Bekenntnis wird uns Kraft geben, in einem mühe- und leidvollen Leben dennoch getrost unseren Weg zu wandern. In der Kraft dieses Bekenntnisses wissen wir, daß unser Tun nicht vergeblich ist in dem Herrn. In der Kraft dieses Bekenntnisses dürfen wir uns in unserer letzten schweren Stunde in Gottes Hände geben.

„Leben wir, so leben wir dem Herrn; sterben wir, so sterben wir dem Herrn. Darum, wir leben oder sterben, so sind wir des Herrn. Denn dazu ist Christus auch gestorben und auferstanden und wieder lebendig geworden, daß er über Tote und Lebendige Herr sei“ (Röm. 14, 8–9).

Quelle: Joachim Beckmann (Hrsg.), Kirchliches Jahrbuch für die Evangelische Kirchen in Deutschland 1953, 80. Jahrgang, Gütersloh: Bertelsmann, 1954, S. 71f.

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