Das Problem der Predigt (Le problème de la prédication, 1938)
Von Karl Barth
I. DEFINITION
1. Die PREDIGT ist das offenbarte Wort Gottes (1) und von Ihm verkündet (9). Dafür bedarf es des Dienstes (5) eines Menschen, der im Rahmen einer ihrer Mission treuen Kirche (2) berufen ist (4), und dessen Aufgabe darin besteht, eigenverantwortlich (7) einen biblischen Text (6) den Menschen von heute (8) zu erklären.
2. Die PREDIGT ist der Versuch – der Kirche zugeordnet (3) –, durch einen dazu berufenen Menschen (4) dem offenbarten Wort Gottes (1) zu dienen (5), indem er den Menschen von heute (8) verkündet, was sie von Gott selbst (9) zu hören haben, und ihnen eigenverantwortlich (7) einen biblischen Text (6) auslegt.
II. KRITERIEN
1. Übereinstimmung mit der Offenbarung: Die Predigt hat die Aufgabe zu verkünden, dass Gott sich offenbart hat und sich offenbaren wird (Epiphanie und Parusie Jesu Christi).
2. Übereinstimmung mit der Einsetzung der Kirche: Die Predigt muss sich innerhalb der Grenzen der Taufe (als Zeichen der Gnade), des Heiligen Abendmahls (als Zeichen der Hoffnung) und der Bibel (als Urkunde der Wahrheit, die die Kirche konstituiert) bewegen.
3. Akt des Bekenntnisses: Die Predigt soll die Kirche erbauen, indem sie den Auftrag wiederholt, den sie von ihrem Herrn empfangen hat.
4. Akt der Berufung: Die Predigt wird durch die göttliche Berufung zum Dienst an der Kirche legitimiert und angeordnet.
5. Heiligkeit: Die Predigt muss als Handlung eines sündigen Menschen verstanden werden, der sein Gesetz und seine Verheißung im Gebot und im Segen Gottes findet.
6. Biblische Textgrundlage: Die Predigt ist notwendigerweise, sowohl in Form als auch Inhalt, eine Auslegung der Schrift.
7. Persönliche Verantwortung: Da die Predigt ohne Buße und Erkenntnis des Predigers nicht existieren kann, ist sie zwangsläufig sein persönliches Wort.
8. Konkrete Ausrichtung: Die Predigt wendet sich an bestimmte Menschen, um ihnen zu sagen, dass ihre Existenz ihre Grundlage und Hoffnung in Jesus Christus hat.
9. Wirken des Heiligen Geistes: Die Predigt kann nur in Demut, Nüchternheit und im Gebet dessen geschehen, der weiß, dass er Gott braucht, damit sein menschliches Wort göttliches Wort werde.
Thesen für ein Retraite Pastorale vom 13. – 15. September 1938 in St. Jean Chambre.
KBA 11135
Hier das Typoskript des französischen Originaltextes als pdf.