Die christliche Gemeinde unter staatlichem und gesellschaftlichem Druck (1955)
Von Karl Barth
Lebendige Gemeinde wird, selbst wenn ihr äußeres Wachsen nicht allzu auffallend sein sollte, bestimmt damit rechnen müßen, irgendeinmal und in irgend einer Form Gemeinde in der Anfechtung, vielleicht auch Gemeinde unter dem Kreuz werden zu müssen.
Die eine Form, in der ihr das widerfahren kann, besteht darin, daß sie von ihrer Umgebung, weil man sie am liebsten weg haben, mindestens aber anders, in harmloserer Gestalt, haben möchte, unter Druck gesetzt wird. Man mutet ihr vielleicht nicht gleich Irrglauben und Unglauben zu, nicht gleich, daß sie ihre Tätigkeit einstelle, sich auflöse, nicht gleich Verleugnung ihres Bekenntnisses u. dgl., sondern nur etwas mehr Zurückhaltung hier, und eine etwas positivere Einstellung zu den in ihrer Umgebung herrschenden geistigen oder auch ungeistigen Mächten dort, nur ein paar Konzessionen (die ihr selbst wohl zunächst als unwesentlich erscheinen mögen), nur daß sie sich einige Einschränkungen und Anpassungen, über deren Tragweite sich allenfalls reden ließe, gefallen lasse. Das Wort «Verfolgung» wird wahrscheinlich für das, was ihr widerfährt, zunächst ein viel zu dramatisches Wort sein. Der auf sie ausgeübte Druck wird sie ja zunächst auch ziemlich ungleich treffen: vielleicht nur für Wenige beschwerlich: vielleicht nur für einige besonders Verantwortliche und Tätige unter ihren Gliedern, vielleicht – in dem Maß nämlich, als es mit ihrer Lebendigkeit als communio nicht zum besten bestellt sein könnte – so, daß die Mehrzahl ihrer Glieder seiner zunächst kaum gewahr werden. Massivere Versuche mögen dann allerdings folgen. Es gibt Mittel – und sie werden zur Anwendung kommen – ihr den Mund zu verschließen oder ihre Stimme wenigstens mehr oder weniger tonlos zu machen. Man kann ihre wichtigsten Wortführer von ihr und sie von ihnen zu trennen versuchen. Man kann sie dem übrigen Leben gegenüber isolieren, ihre natürlichen Verbindungen zu weiteren Kreisen, besonders etwa zur heranwachsenden Jugend, unterbinden, bzw. abschneiden, sie auf ihren «Kult» reduzieren und so in den Winkel drängen wollen, um sie dort umso leichter lächerlich, verächtlich, auch wohl verhaßt zu machen. Man wird ihr die nötigen Gegenwirkungen schwer, schließlich vielleicht unmöglich machen. Es mag sich in unseren Tagen das vielgestaltige Ungeheuer der Presse, auch der sog. «guten» Presse (selbst gelenkt von den unsichtbaren Gewalten, denen sie zu dienen hat) der Sache annehmen. Es mag dann auch der Staat, im Hintergrund und wohl auch im Vordergrund gerade der Staat (vielleicht in Gestalt einer allmächtigen Staatspartei!) sein, der da mittut, der da möglicherweise sogar führt und vermöge seiner öffentlichen und geheimen Organe, aber auch seiner indirekt ausgeübten Macht über Personen und Verhältnisse sehr energisch zu führen weiß. Und es mag dann vielen Christen erst so recht (vielleicht zum ersten Mal) zum Bewußtsein kommen, daß es etwas kostet, ein lebendiges Glied der lebendigen Gemeinde zu sein: daß das Entscheidung und Tat, stilles, aber auch offenes und lautes Aushalten bedeuten möchte – und damit die Frage: ob es wohlgetan gewesen sein möchte, sich bisher als Christ zu bekennen, und weise, das fernerhin zu tun. Es könnte das die lebenswichtigsten menschlichen Beziehungen, es könnte Fortkommen, Beruf und Lebensunterhalt, es könnte in einiger Ferne eines Tages die Freiheit und in noch größerer Ferne – aber wer weiß? – auch das Leben kosten. «Nehmen sie den Leib, Gut, Ehr, Kind und Weib, laß fahren dahin …!» Laß fahren dahin? Das sang sich gut, solange es eben nur zu singen war. Nun aber? Werden sich nun nicht vielleicht Viele eingestehen, daß es so nun eben doch nicht gemeint war? Und nun lebt ja die Gemeinde auf Erden, es lebt die communio sanctorum in den Personen dieser vielen, so angefochtenen Christen, der sancti, die doch samt und sonders auch peccatores sind, in denen der Geist willig sein mag, das Fleisch aber bestimmt schwach ist. Nun ist in ihrer Anfechtung auch sie angefochten. Nun kann sie ja nur wachsen, indem die communio dieser ihrer Glieder im Verhältnis zu den sancta und untereinander Ereignis ist. Wird sie auch unter diesen Umständen Ereignis werden und bleiben: in einer Situation, in der jeder Einzelne ganz konkret gefragt ist, ob er dem Druck der Umgebung nicht besser weichen, sich aus dieser gemeinsamen Bewegung nicht besser ausschalten würde? Wird sie unter diesen Umständen erhalten bleiben, nicht doch allmählich zum Stillstand kommen, die Gemeinde als solche nun eben doch der Auflösung, dem Absterben, der Auslöschung entgegentreiben?
Quelle: Karl Barth, Kirchliche Dogmatik IV/2, 1955, S. 749-751.