Ulrich Goßner über seine Vernehmung im bischöflichen Ordinariat in Augsburg betreff seiner Christus-Predigten in Pfaffenhofen an der Roth (1831): „Herr Dekan W. in St. brachte vor: Der Name Jesus werde so oft genannt in den Predigten, dass er zum Ekel werde. Ich antwortete: ‚Wenn das öftere Nennen dieses Namens Ekel erregt, so hat niemand mehr Ekel erregt, als der Apostel Paulus, in dessen Briefen dem Leser dieser Name überall entgegenkommt; z. B. im 1. Kor. 1 in den ersten zehn Versen zehnmal. Das ist gewiss ekelhaft! Eine solche Rede steht einem Heiden und Juden wohl an — aber einem Christen — einem Geistlichen — Dekan —!!! Ich frage auf diese Beschuldigung hin — ob ein solcher Mann unser Richter sein könne? Das ist ja entsetzlich!‘“

Ulrich Goßner über sein Vernehmung im bischöflichen Ordinariat in Augsburg (1831)

Ulrich Goßner (1806-1834), gebürtig aus Seifertshofen bei Ebershausen und Vetter von Johann Evangelista Goßner, hatte als katholischer Kaplan in Pfaffenhofen an der Roth 1830/31 mit seinen Christus-Predigten großen Zuspruch, aber auch manchen gehässigen Widerspruch in der dortigen Pfarrgemeinde erfahren. Er wurde im Oktober 1831 als Benefiziumsvikar nach Behlingen im Kammeltal zwangsversetzt. In seinem Tagebuch schreibt er hierzu:

Behlingen, am 29. Oktober 1831

Ich habe nun seit Langem geschwiegen, und nichts mehr in mein Tagebuch eingeschrieben. Aber desto mehr hoffe ich, wird von den wichtigen Vorfällen im Monate Oktober 1831 mit unaustilgbarer Schrift meinem Herzen eingeschrieben bleiben. In nuce will ich mir aber doch die bisherige Geschichte: aufschreiben wie jetzt folgt: Ich hatte bereits 3/4 Jahre in Pfaffenhofen in der Mitte meiner lieben zwei Brüder Leinfelder und Fischer in seliger Eintracht verlebt. Wir predigten Jesus Christus, den Gekreuzigten, als den einzigen Retter für die in Sünde und Laster versunkene Menschheit, und zwar so, wie Ihn die erleuchteten Männer in der katholischen Kirche in allen Jahrhunderten gepredigt haben — nur freilich (wenigstens ich) mit weniger Kraft und Erfahrung. Während dieser ganzen Zeit hatten wir Feinde, die da lästerten und verfolgten – und die es durch alle mögliche heimliche Manipulationen nun dahin gebracht haben, dass das Kleeblatt in Pfaffenhofen, wie sie es spöttisch nannten, auseinandergerissen wurde. Ich erhielt nämlich am 11. Oktober ein vom 7. ejusdem datiertes Ordinariatsdekret, des Inhaltes: Benefiziumsvikar Goßner wird hiermit in der nämlichen Eigenschaft nach Behlingen versetzt. […]

Am 26. Oktober begleitete mich Leinfelder nach Behlingen, wo man mich freundlich empfing. Ich bin in der ersten Nacht durch Mutterliebe und Schwestertreue recht getröstet worden. Meine teure, sorgsame Mutter hatte mich nämlich, schon ehe ich angekommen war, erwartet, und half uns einziehen. O was hat diese gute Mutter während meiner Studienjahre für mich getan – und noch immer fährt sie fort in ihrer mütterlichen Sorgfalt. Ich kann dem Herrn nicht genug danken, sie ärgerte sich durchaus nicht an meiner Versetzung, sondern nahm den schönsten Anteil nebst Vater und allen Geschwistern daheim. Herr, lohne es ihnen in Gnaden, lass sie immer mehr genießen dein heil. Verdienst, mache sie zu rechten, zu wahrhaftfrommen Christen. Nun bin ich bereits 4 Tage in Behlingen, und kann noch nichts sagen. Allein auch hier gilt das Wort: Wenn du glaubst, so wirst du die Herrlichkeit Gottes sehen! Ich möchte nichts sein als ein ganz leeres Gefäß, und den Herrn mit mir anfangen lassen können gerade das und gerade so viel er will. Nichts Anderes, und nicht mehr und nicht weniger. […]

O hier ist so viel Gefahr für mich, [deshalb] nun noch einige Erfahrungssätze: Wenn in einer Gemeinde einmal mehrere vom Sündenschlaf aufwachen, so geht das Laufen in das Haus des Seelsorgers an; denn sie kommen nun in Situationen, wo sie Rat, Lehre, Trost, Aufmunterung etc. brauchen. Nun soll freilich das Haus des Seelsorgers allen offenstehen, die da Hilfe suchen dabei muss es bleiben; das Gegenteil wäre pastorale Unklugheit; denn Paulus sagt: Predige das Wort, halte an damit, es sei gelegen oder ungelegen; weise zurecht und bestrafe, ermahne mit aller Geduld und Belehrung (2 Tim 4, 2). und [in] Apostelgeschichte 20, 20 sagt er selbst von sich: Ich lehrte euch öffentlich und in den Häusern. – Und in Vers 31: Ich habe drei Jahre lang Tag und Nacht nicht aufgehört, unter Tränen einen jeglichen aus euch zu ermahnen.

Am 31. Okt. 1831.

Von verschiedenen Seiten muss ich hören, dass man jetzt über die drei Pf… Geistliche lügt — schändlich lügt; die elendesten, abgeschmacktesten, dümmsten Behauptungen bürdet man uns auf — Dinge, an die unser Herz nie gedacht hat. Möchte doch, so Gott will, mir ganz wahr an uns werden!

Meine Mutter konnte bisher alles ertragen; als sie aber von einem Menschen hörte, welcher gesagt habe: ‚Gleich bei der Geburt hätte man Goßner von Seifertshofen erschießen sollen‘ — da wusste sie bitterlich weinen. Ach Herr! verzeih jenem Menschen und stärke meine Mutter.

Man wirft uns auch vor: wir hätten zu viel gepredigt; Du mein Gott! und mein Gewissen wird mir vor: du hast zu wenig getan —; und fordert mich auf, von Neuem den ernstlichen Vorsatz zu fassen: mich dem Heiland ganz aufzuopfern, seinem Willen mich ganz zu überlassen, und nur um das zu sorgen, was dem Herrn angehört; dagegen aber der Gemächlichkeit des Lebens, der Ehre bei den Menschen und den Vorzügen meines Standes, und was man sonst nach der verderbten Natur zu suchen pflegt, von Herzen abzusagen, und zu verleugnen. Herr! befestige mich in diesem Vorsatz.

Herr! wenn ich auch in irgend etwas sollte geirrt haben bisher, so weißt Du es, dass es nicht deswegen geschehen ist, weil ich die Lüge lieber hatte als die Wahrheit, sondern weil ich noch ungeübte Sinne habe, alles recht zu prüfen. Und das tröstet mich.

Am 7. Dezember 1831 erhielt Goßner ein Ordinariatsdekret vom 28. November, nach welchem er am 9. Dezember um 9 Uhr morgens in der bischöflichen Ordinariats-Kanzlei erscheinen sollte, um sich vernehmen zu lassen. Er schrieb noch darunter hin: „Nun hat also die Stunde der Verantwortung geschlagen. Morgen werde ich mich nach Augsburg verfügen. Herr, geleite mich, und sei mir Mund und Weisheit. Ich hoffe es und freue mich.“

Am Abend vor seiner Abreise schrieb er noch folgenden Brief an einige Freunde:

Behlingen, am 7. Dez. 1831, abends 8 Uhr.

„Vor ein paar Stunden habe ich ein Ordinariatsdekret erhalten, folgenden, kurzen Inhaltes:

Augsburg, den 28. Nov. 1831.

Das bischöfliche Ordinariat Augsburg.

Vorladung betreffend.

Herr Benefiziat, Vikar Franz Xaver Goßner erhält hiermit den Auftrag, am 9. Dezember, morgens 9 Uhr, in der bischöflichen Kanzlei zu erscheinen, um sich in causa disciplinari vernehmen zu lassen.

Kiechle, Generalvikar.
J. Payr, G.B. Sekr.

Nun ist also die Zeit der Verantwortung gekommen. Ich werde am Donnerstag entweder nach der Frühmesse, oder weil ich zu predigen versprochen habe, nach der Predigt von hier fortreisen. — Geleitet mich mit eurem Gebete, besonders am Freitag von 9–12 Uhr, wo ich coram pleno stehen werde.

Ich gehe ganz ruhig hinein nach Augsburg; denn ich bin der gewissen Zuversicht: „Es ist des Herrn Werk; Er wird es verfechten.“ Die Wahrheit, diese Unbesiegbare, hat das Eigene, dass ihr alles zum Besten dienen muss. Ich werde, so mich der Herr stärkt, mit dieser Unbesiegbaren im Herzen und im Munde gewiss nicht zu Schanden werden.

Ich werde mich von folgenden zwei Aussprüchen meines Meisters leiten lassen.

1. „Wer mich vor den Menschen bekennt, den will ich auch vor meinem Vater im Himmel bekennen.“ Matth. 10, 32.

2. „Nehmet es euch nur fest vor, nicht vorher darauf zu sinnen, wie ihr euch verantworten sollt“ usw. Luk. 21, 14.

Übrigens habe ich Ursache, auf mich selbst misstrauisch zu sein — betet daher dringend für mich!!“

Euer G.

Goßner hat nun die wichtigsten Punkte dieser Geschichte wieder selbst in seinem geheimen Tagebuch ausgezeichnet, daher seine eigenen Worte hier stehen sollen:

Am 13. Dezember 1831.

Nachdem ich nun von meiner Reise zurückgekehrt bin und ausgeruht habe, will ich folgende Bemerkungen darüber meinem Tagebuch anvertrauen:

1. Ich ging am Donnerstag, den 8. Dezember — also 8 Tage der Empfängnis Mariä — nach der Frühmesse über Burgau und Zusmarshausen zu Fuß bis nach Augsburg, obwohl der Weg sehr schlecht war und ich sehr müde wurde, hatte ich doch viele Seligkeit dabei; da ich mit dem Heiland so allein umgehen konnte. Ich logierte im Wirtshaus zur blauen Ente.

2. Am 9. Dezember morgens um 9 Uhr ging ich zuerst zu Herrn Generalvikar K., welcher mich mit den Worten empfing: Was machen Sie denn da draußen? Man sagt ja fürchterliche Sachen! Leider! sagte ich — es ist sehr traurig: wenn sich ein bisschen Leben regt, da geht es Lärmen und Schreien und Klagen an. Je nun — sagte er — verteidigen Sie sich standhaft, ohne Rücksicht auf irgendeine Person. Das werde ich tun — war meine Antwort.

3. Gleich nach 9 Uhr stand ich in der bischöflichen Kanzlei vor Herrn Generalvikar K. und Domvikar B. als Aktuar. Man fing nun förmlich an zu konstituieren. Dieses dauerte zwei ganze Tage, Freitag und Samstag, im Ganzen fünfzehn Stunden lang.

4. Während des ganzen Konstitutes war mir der Herr recht nahe, ich hatte vielen Mut, Freudigkeit und Zuversicht und konnte unerschrocken auf alles antworten. Ein einziges Mal, wo ich mich einer Rede, die ich getan haben soll, nicht mehr recht erinnern konnte, sagte ich zuerst: „nein;“ da kam es mir aber: sieh, es wäre aber doch möglich — und wenn, so hättest du gelogen — dabei wurde mir ungemein schwer, und ganz heiß vor banger Angst. Da fordert dich der Herr auf, dich zu rekolligieren — dachte ich; ich tat es — und da ward mir wieder himmlisch wohl. Diese Treue des Herrn will ich in meinem ganzen Leben nicht vergessen; wie will ich ihm dafür danken! Ja wahrhaftig, sein Geist warnt uns, wenn wir uns warnen lassen.

5. Alle meine Handlungen und Reden wurden mir auf das Schändlichste missdeutet. Es kamen Beschuldigungen und Verdrehungen ohne Zahl vor. Ich war aber — dem Herrn sei Dank — ganz leidenschaftslos — und sagte nur immer: da verhält sich’s so, und da verhält sich’s anders. Bei einer gar zu frechen Beschuldigung des Pfarrers W. konnte ich mich nicht enthalten, beizusetzen: Da sieht man, dass mir dieser Mann das Unschuldigste aufs Ärgste deutet — und dass er ein rechter Ketzermacher ist.

6. Herr Dekan W. in St. brachte vor: Der Name Jesus werde so oft genannt in den Predigten, dass er zum Ekel werde. Ich antwortete: „Wenn das öftere Nennen dieses Namens Ekel erregt, so hat niemand mehr Ekel erregt, als der Apostel Paulus, in dessen Briefen dem Leser dieser Name überall entgegenkommt; z. B. im 1. Kor. 1 in den ersten zehn Versen zehnmal. Das ist gewiss ekelhaft! Eine solche Rede steht einem Heiden und Juden wohl an — aber einem Christen — einem Geistlichen — Dekan —!!! Ich frage auf diese Beschuldigung hin — ob ein solcher Mann unser Richter sein könne? Das ist ja entsetzlich!“

7. Ein anderer soll gesagt haben: „Man muss recht um den heiligen Geist beten, dann bekommt man ihn.“ — Frage: Was verstehen Sie darunter? Antwort: Was Paulus verstanden hat, wenn er sagte: Nur die sind Kinder Gottes, welche sich vom heiligen Geiste leiten und regieren lassen.

8. Man kann nichts abbüßen, sagte ein anderer? Antwort: „Wenn wir selbst für unsere Sünden büßen könnten, so wäre Christus umsonst gestorben.“

9. Es kommt vor: man brauche die Heiligen nicht zu verehren? Antwort: Echt christlich wohl, aber abergläubisch nicht.

10. In Pfaffenhofen sagte ein Weib: so habe ich noch nie predigen hören, wie diese Herren predigen. Antwort: Dann hat sie aber noch nie eine christliche Predigt gehört.

So kamen noch eine Menge Anschuldigungen vor, die ich alle wahr und kurz zu widerlegen suchte.

Ich habe jetzt vieles erfahren! Dem Herrn sei für alles Dank! Erfahrung macht klug — aber auch bewährt.

Und nun, o Herr! führe und leite du mich; sieh, ich will durchaus nichts anderes, als was du haben willst, o siege hoch mit deiner allmächtigen Kraft über meinen Eigenwillen! Ich will gerne abnehmen, wenn nur du zunimmst und verherrlicht wirst! Amen.

Ich ging sonntags am 11. Dezember wieder heraus über Dinkelscherben; war ganz einsam auf dem Wege — und doch nicht allein. Der Herr war mir nahe, den ich pries, und dem ich dankte.

Wohl an Tuberkulose erkrankt verstarb Ulrich Goßner mit 27 Jahren am 10. Mai 1834 in Behlingen.

Quelle: Erinnerungen an Ulrich Goßner. Herausgegeben von einem Freunde des Verewigten, Sulzbach in der Seidelschen Buchhandlung, 1836, S. 139–148.

Hier der Text als pdf.

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