Über die Theologie Karl Barths
Von Hans Urs von Balthasar
Barths Theologie ist schön. Nicht bloß in dem äußerlichen Sinn, daß Barth gut schreibt. Er schreibt gut, weil er zwei Dinge vereint: Leidenschaft und Sachlichkeit. Und zwar Leidenschaft für die theologische Sache, und Sachlichkeit, wie sie einer so aufregenden Sache, der Theologie, gebührt. Sachlichkeit heißt Vertieftsein in den Gegenstand, heißt Objektivität. Und Barths Gegenstand ist Gott, wie er sich in Jesus Christus der Welt geoffenbart hat, wovon die Schrift Zeugnis gibt. Weil Barth … den Blick von der Glaubenszuständlichkeit ganz und gar weg- und dem Glaubensinhalt zuwendet, … darum redet er gut; darum ist bei ihm keine pastorale Erbaulichkeit zu befürchten. Die Sache erbaut sich selber. Aber die Sache ist in sich so hinreißend und den ganzen Mann anfordernd, daß wahre Sachlichkeit hier übereinfallen muß mit einer alles durchdringenden und darum gar nicht eigens auszusprechenden Ergriffenheit … Diese Einheit von Leidenschaft und Sachlichkeit ist der Grund der Schönheit der Barthschen Theologie. Wer neben ihm hat in den letzten Jahrzehnten die Schrift so auszulegen verstanden: weder ›exegetisch‹ und ›biblizistisch‹ noch tendenziös-konstruktiv noch seelsorgerlich-rhetorisch, sondern so ganz auf das Wort konzentriert, daß nur dieses in seiner Fülle und Herrlichkeit aufstrahlt? Und wer bat, ohne Ermüdung, einen längeren Atem, einen längeren Blick gehabt und ihn deshalb gehabt, weil die Sache selbst sich vor ihm entwickelt, in ihrer ganzen Größe sich darstellt? Man muß doch wohl bis auf Thomas zurückgehen, um dieses Frei¬sein von jeder Spannung und Enge, diese völlige Überlegenheit des Verstehens und der Güte wie-derzufinden, einer Güte, die bei Barth nicht selten die Färbung des Humors, aber vor allem einen ausge¬sprochenen Geschmack für Tempo giusto, gedanklichen Rhythmus annimmt. Barth weiß es glaubhaft zu machen, daß für ihn das Chri¬stentum eine schlechthin triumphale Ange-legenheit ist. Nicht vor allem, weil er die Gabe des Stils besitzt, schreibt er gut, sondern weil er Zeugnis ablegt, ganz sachliches Zeugnis für eine Sadie, welche, da Gott sie verfaßt, den bes-ten Stil, die beste Handschrift besitzt … Für Kierkegaard ist das Christentum unweltlich, aske-tisch, polemisch. Für Barth ist es die ungeheure, über aller Natur aufstrahlende und alle Ver-heißung erfüllende Offenbarung des ewigen Lichtes, das ewige Ja und Amen Gottes zu sich selbst und zu seiner Schöpfung.
Quelle: Hans Urs von Balthasar, Karl Barth. Darstellung und Deutung seiner Theologie, Köln: J. Hegner, 1951, S. 35f.