Horst Weigelt über die Allgäuer katholische Erweckungsbewegung: „Die Allgäuer katholische Erweckungsbewegung hat also – so kann man zusammenfassend sagen – großen Einfluss auf mehrere deutsche Territorien und auch auf das russische Reich gehabt. Wahrscheinlich war ihre Bedeutung für diese Länder aufs Ganze gesehen sogar größer als für das Allgäuer Gebiet. Sie war eine innerkatholische Bewegung. Es ging ihr darum, die im Kultus erstarrte Frömmigkeit und intellektualisierte Glaubenslehre auf­zubrechen. Unter starker Rezeption mystischen Gedankengutes und von Mi­chael Sailers Theologia cordis beeinflusst drang sie auf ein unvermitteltes Got­tes- bzw. Christusverhältnis sowie auf eine lebendige Frömmigkeit. Dadurch musste es zu Konflikten mit der römisch-katholischen Kirche als Heilsanstalt kommen.“

Die Allgäuer katholische Erweckungsbewegung

Von Horst Weigelt

Lit.: Aland, Berlin. – Ders., Der Inquisitionsprozeß gegen Anton Bach und seine Anhänger. Ein Beitrag zur Geschichte der bayerischen Erweckungsbewegung, in: ZBKG 18 (1949), 110-156 = Aland, Inquisitionsprozeß. – Ders., Geschichte. – Beyreuther, Erweckungsbewegung. – Hermann Dalton, Johannes Goßner. Ein Lebensbild aus der Kirche des 19. Jahrhunderts, Berlin 1878 = Dalton, Goßner. – Hildebrand Dussler, Johann Michael Feneberg und die Allgäuer Erweckungsbewegung, Nürnberg 1959 (EKGB 33) = Dussler, Feneberg. – Ernst Ludwig von Gerlach, Aufzeichnungen aus seinem Leben und Wirken 1795-1877, hg. v. Jakob von Gerlach, Bd. 1, Schwerin 1903 = Gerlach, Aufzeichnungen. – Johannes Gössner, Martin Boos, der Prediger der Gerechtigkeit, die vor Gott gilt, Berlin 1867 = Gössner, Boos. – Peter Hamann, Geistliches Biedermeier im altbayerischen Raum, Regensburg 1954 = Hamann, Bieder­meier. – Walter Holsten, Johannes Evangelista Goßner. Glaube und Gemeinde, Göttingen 1949. – Magnus Jocham, Memoiren eines Obskurenten. Eine Selbstbiogra­phie. Nach dem Tode des Verfassers hg. v. Magnus Sattler, Kempten 1896 = Jocham, Memoiren. – Kantzenbach, Erweckungsbewegung. – Peter Maser, Hans Ernst von Kottwitz. Studien zur Erweckungsbewegung des frühen 19. Jahrhunderts in Schlesien und Berlin, Göttingen 1990 (KO. M 21) = Maser, Kottwitz. – Hermann Petrich, Adolf und Henriette von Thadden und ihr Trieglaffer Kreis. Bilder aus der Erweckungs­geschichte in Pommern, 1931 (Forschungen zur Kirchengeschichte Pommerns 2) = Petrich, Thadden. – Johannes Diakonus Prochnow, Johann Goßner. Biographie aus Tagebuch und Briefen, 2 Bde., Berlin 1874 = Prochnow, Goßner 1-2. – Johann Nepomuk von Ringseis, Erinnerungen, ges., erg. u. hg. v. Emilie Ringseis, Bd. 1, Regensburg/Amberg 1886 = Ringseis, Erinnerungen. – Johann Michael Sailer, Aus Fenebergs Leben, München 1814 (= Johann Michael Sailer, SW, T. 39, Sulzbach21841, 1-256) = Sailer, Fenebergs Leben (= SW). -Jakob Salat, Versuche über Supernaturalis­mus und Mysticismus. Auch ein Beytrag zur Kulturgeschichte der hohem Wissenschaf­ten in Deutschland. Mit historisch-psychologischen Aufschlüssen über die vielbespro­chene Mystik in Bayern und Oberösterreich, Sulzbach 1823 = Salat, Versuche. – Hubert Schiel, Ignaz Demeter und die Erweckungsbewegung in der Diözese Augsburg, in: FDA NF 30 (1930), 344-367 = Schiel, Demeter. – Ders., Johann Evangelist Goßner vor dem bischöflichen Inquisitionsgericht in Augsburg. Das Inquisitionsprotokoll und Goßners Widerruf, in: ZBKG 23 (1954), 165-208 = Schiel, Goßner. – Ders., Martin Boos, seine Erweckungsbewegung und sein Wirken in der Diözese Trier, in: TT’hZ 63 (1954), 151-175 u. 206-231 = Schiel, Boos. – Ders., Michael Feneberg und Xaver Bayr vor dem geistlichen Gericht in Augsburg, in: ZBKG 26 (1957), 163-192. – Anna Schlatter-Bernet, Leben und Briefe an ihre Kinder, hg. v. F. M. Zahn, Elberfeld 1864 = Schlatter-Bernet, Leben und Briefe. – Ursula Senoner, Die Bewegung der Boosianer im Mühlviertel, in: JGGPÖ 89 (1973), 3-160 = Senoner, Boosianer. – Matthias Simon, Die Allgäuer Erweckungsbewegung und die Vertreibung der Salzburger Protestanten, in: ZBKG 26 (1957), 193-198 = Simon, Vertreibung. – Ders., J ohann Evangelista Goßner, in: Lebensbilder aus dem bayer. Schwaben, Bd. 3, München 1954, 389-405 = Simon, Goßner. – Ernst Staehelin, Johannes Goßners Aufenthalt in Basel. Die an einem katholischen Priester vollzogene, aber von ihm nicht verwirklichte Aufnahme in die reformierte Kirche, in: ThZ 25 (1969), 307-334 = Staehelin, Aufenthalt in Basel. – Valentin Thalhofer, Beiträge zur Geschichte des Aftermysticismus und insbesondere des frvingianismus im Bisthum Augsburg, Regensburg 1857 = Thalhofer, Beiträge. – Hermann Turtur, Chiliastisch-schwärmerische Bewegungen in Bayern im frühen 19. Jahrhundert, Diss. phil. masch., München 1953 = Turtur, Bewegungen. – Weigelt, Ausstrahlung. – Ders., Boos. – Theodor Wiedemann, Die religiöse Bewegung in Oberösterreich und Salzburg beim Beginne des 19. Jahrhunderts, Innsbruck 1890 = Wiedemann, Bewegung. – Helmut Witetschek, Studien zur kirchlichen Erneuerung im Bistum Augsburg in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, Augsburg 1965 (Schwäbische Geschichtsquellen und Forschungen 7).

Die religiöse Erweckung, zu der es im letzten Jahrzehnt des 18. Jahrhunderts im Fürststift Kempten und im Hochstift Augsburg kam, wird zumeist als Allgäuer katholische Erweckungsbewegung bezeichnet. Dieser Terminus hat jedoch nicht uneingeschränkte Akzeptanz gefunden. Da die Gebiete, in denen die frühen Zentren dieser Erweckung lagen, bereits 1803 gemäß dem Reichsdeputationshauptschluß zum Kurfürstentum Bayern kamen und die Erweckungsbewegung bald auf andere Gebiete Bayerns Übergriff und sogar jenseits der bayerischen Grenzen Fuß faßte, hat man sie auch Bayerische bzw. Süddeut­sche Erweckungsbewegung genannt.[1]

Auch die kirchen- und theologiegeschichtliche Einordnung der Allgäuer Erweckungsbewegung ist in der Forschung strittig. Einerseits behauptete man, daß sie als eine „Erscheinungsform des Pietismus“ angesehen werden müsse. Unter Hinwendung auf das Wesentliche und unter gewisser Vernachlässigung äußerer Form zielte sie auf eine nach innen gerichtete Frömmigkeit ab, die „in der katholischen Kirche Heimatberechtigung allezeit beansprucht“ hat.[2] Eine separatistische Richtung habe sie „erst unter Goßner und Lindl“ bekommen.[3] Andererseits meinte man in der Allgäuer Erweckungsbewegung eine Spielart des radikalen, separatistischen Pietismus des 17. Jahrhunderts sehen zu müssen. Diese Position wurde vor allem von Kurt Aland aufgrund der Inquisitions­protokolle vertreten.[4] Er wies u.a. darauf hin, daß unter den Erweckten Schriften zirkulierten, die im radikalen Pietismus gelesen wurden, nämlich solche von Christian Hoburg, Gottfried Arnold, Pierre Poiret und Antoinette Bourignon sowie die Berleburger Bibel, „also das ganze Rüstzeug des radikalen Pietismus und Separatismus“[5]. Drittens konstatierte man, daß die Allgäuer Erweckungs­bewegung letztlich eine evangelische Frömmigkeitsbewegung gewesen sei. Am pointiertesten vertrat Matthias Simon diese Auffassung.[6] Er sah in den „aus dem Zillertal bezogenen Erbauungsbüchern“, vor allem in Arndts „Wahrem Chri­stentum“, sowie in den „auf der Durchreise beherbergten evangelischen Ziller­talern“ „vielleicht die wirkungsvollste Quelle für die Frömmigkeit im Allgäu“, „aus der die Erweckungsbewegung entsprang“; in der Allgäuer Erweckung sei nämlich eine „rein lutherische Rechtfertigungslehre“ vertreten worden. Diese religiöse Erneuerung „ergriff sogar eine geistig hochstehende katholische Priester­generation und wirkte durch diese dann wieder ungemein weit und tief als eine Erweckungsbewegung in die vom Rationalismus überwältigte evangelische Kirche vom Schwarzwald bis ans Weiße Meer“[7].

Diese starke Differenz zwischen den Forschungsergebnissen ist vor allem darin begründet, daß man der Komplexität der Allgäuer Erweckungsbewegung nicht genügend Aufmerksamkeit geschenkt hat. Unstrittig ist wohl, daß sie von Anfang an von einer starken mystischen Grundströmung entscheidend mitbe­stimmt wurde. Dies haben übrigens bereits die Zeitgenossen bemerkt; sie bezichtigten die Erweckten des „Mystizismus“[8] oder des „Aftermysticismus“[9]. Dieses mystische Element wurde nicht zuletzt von dem Moraltheologen Johann Michael Sailer[10] bereitgestellt. Bei ihm haben fast alle später bedeutenden Ge­stalten der Erwe­ckungsbewegung während ihres Studiums an der Universität Dillingen Vorlesungen gehört; für viele ist er ein väterlicher Freund geworden.[11] Außerdem muß zweifelsohne der Einfluß pietistischen und vor allem radikal­pietistischen Geistesgutes berücksichtigt werden, das den Erweckten durch die Lektüre entsprechender Schriften zugeflossen ist. Schließlich gilt es zu beach­ten, daß einige Träger und Anhänger der Allgäuer Erweckungsbewegung im Umgang mit der Bibel zu Glaubenserfahrungen gelangten, die denen Luthers nahekamen oder nahezukommen schienen.[12] Hierzu hat gelegentlich auch die Lektüre von Lutherschriften und von Arndts ‚Wahrem Christentum‘ beigetra­gen.

Über die Allgäuer Erweckungsbewegung liegt bislang noch keine Monogra­phie vor. Mehr oder minder ausführlich wird in Gesamtdarstellungen der allgemeinen Kirchengeschichte[13] und der Erweckungsbewegung[14] sowie in territorialgeschichtlichen Handbüchern[15] auf sie eingegangen. Wichtige Kennt­nisse und Einsichten finden sich auch in Arbeiten über einzelne ihrer führenden Gestalten[16] sowie in territorial- und ortsgeschichtlichen Untersuchungen.

1. Ausbruch und Entwicklung der Allgäuer Erweckungsbewegung bis 1803

Die Entstehung der Allgäuer Erweckungsbewegung ist unablösbar mit dem katholischen Geistlichen Martin Boos[17] verknüpft. Er war nicht nur ihr eigent­licher Initiator, sondern in der Frühphase auch ihre beherrschende Gestalt.

1.1 Martin Boos und die frühe Allgäuer Erweckung

Martin Boos, 1762 im schwäbischen Huttenried bei Schongau als dreizehntes Kind einer Bauernfamilie geboren, studierte an der Universität in Dillingen, wo er stark von Sailer beeinflußt wurde. Nach seiner Priesterweihe war er zunächst Kaplan im ostallgäuischen Unterthingau und dann Stiftskaplan in Kempten. Während dieser Jahre unterzog er sich strengster Askese; so schlief er auch während der Wintermonate auf dem Steinboden und geißelte sich bis aufs Blut.[18] Wahrscheinlich im Jahre 1788 oder 1789, noch in Unterthingau, wurde er von einer todkranken Katholikin zum Vertrauen auf Jesus Christus ermutigt. Seine Bemerkung, sie könne „doch recht ruhig und selig sterben“, weil sie „so fromm und heilig gelebt“ habe, wies sie mit den Worten zurück: „Wenn ich im Vertrauen auf meine Frömmigkeit hinstürbe, so wüßte ich gewiß, daß ich verdammt würde. Aber auf Jesum, meinen Heiland, kann ich getrost sterben“. Dieses Bekenntnis „aus dem Munde einer kreuzvollen im Rufe der Heiligkeit stehenden Seele“ öffnete ihm „zuerst die Augen. Ich erblickte Christum für uns, frohlockte, wie Abraham, als er Seinen Tag sah“[19]. In sein Leben kam „Licht, Ruhe, Friede, Freude, Uebermacht über die Sinnlichkeit, lebendiger Blick in die Erlösungsanstalt, lebendiger Glaube, Hoffnung, Liebe“[20].

Dieses entschlossene Vertrauen auf Passion und Tod Jesu Christi wurde das zentrale Thema seiner Verkündigung auf seinen nächsten Kaplanstellen in Grönenbach im Allgäu, in Seeg bei Pfarrer Johann Michael Feneberg[21], gleich­falls ein Sailerschüler, und in Wiggensbach, nordwestlich von Kempten, wohin er im März 1795 berufen wurde. Hier widerfuhr ihm 1795 „hinter dem Chor­altar“ ein erneutes Erweckungserlebnis; dort ist ihm „der Herr in seiner für uns voll- und ewig gültigen Gerechtigkeit erschienen“[22]. In seinen Predigten und in seiner Seelsorge wies er nun in Wiggensbach, aber auch in der Umgebung, auf den „Christus für uns und in uns“ hin. Es kam unter der Bevölkerung zu einer Reihe von religiösen Erweckungen. Unter den weiblichen Erweckten kam es nicht selten zu ungewöhnlichem Verhalten, so bei den Bauernmägden Therese Erdt und Magdalena Fischer; letztere stammte aus dem Burgenland und wurde deshalb „der Unger“ genannt.[23] Sie galten im Boos-Kreis als „Christusgebärerinnen“, da sie religiös Suchenden „den Heiland gaben“[24].

Sailer erfuhr nicht zuletzt durch seine ehemaligen Studenten von diesen religiösen Vorgängen. Da er sich selbst ein Urteil darüber bilden wollte, wurde für den 18. Dezember 1796 in Seeg bei Pfarrer Feneberg ein Zusammentreffen mit Boos organisiert.[25] Dieser erschien in Begleitung der beiden erweckten Mägde Erdt und Fischer. Bei dieser Begegnung, an der auch Fenebergs Kapläne Franz Xaver Bayr[26] und Andreas Silier[27] teilnahmen, apostrophierte die Bauern­magd Erdt den Theologieprofessor Sailer, den sie eben erst kennengelernt hatte, als einen „Pharisäer und Schriftgelehrte(n)“, obwohl ihr von Boos ausdrücklich Redeverbot erteilt worden war. Er habe „zwar die Wasser-Taufe Johannis, aber noch nicht die Geistes- und Feuer-Taufe Jesu empfangen“. Wenn er „in das Meer der Gnaden“ kommen wolle, dann müsse er „klein und demüthig werden, wie ein Kind“[28]. Während Sailer noch am selben Abend – zwiespältig gestimmt – wieder abreiste, erlebte Feneberg zwei Tage später eine religiöse Erweckung, die sich „dreymal nach einander, und jedesmal 4 bis 6 Stunden, und am Neu­jahrstage 1797 von 12 Uhr Nachts bis 12 Uhr Mittags“ wiederholte: „Alles in mir war Licht, Liebe, Leben, wie noch nie – anders kann ich es nicht beschreiben, und es kann auch Niemand verstehen, der es nicht erfahren hat“[29]. Ähnliche Erlebnisse hatten alsbald auch seine beiden Kapläne Bayr und Silier. So entwickelte sich Fenebergs Pfarrhof innerhalb kurzer Zeit zum Zentrum der Boosschen Bewegung in ihrer Frühphase.[30]

Gegen Ende des Jahres nahm die religiöse Erregung in der dortigen Gegend immer mehr zu und griff auch schon über das Gebiet der Diözese Augsburg hinaus. Von großer Bedeutung war es, daß Pfarrer Anton Bach[31] von Hellen­gerst, zur Diözese Konstanz gehörend, am 15. Dezember 1796 in Wiggensbach bei Boos – in Gegenwart von Therese Erdt – seine eigentliche Erweckung erlebte. Alsbald gehörte er zu denjenigen, die die Bewegung „aktiv“ gestaltet[32] haben.

Während die religiöse Erweckung bislang noch ohne große Unruhen verlau­fen war, wurde sie Anfang 1797 „zur lodernden Flamme“[33]. Im Neujahrs­gottesdienst 1797 kam es nämlich während der Predigt von Boos zu tumultuarischen Vorgängen.[34] „Bei 40 Personen wurden so erfüllt von der Salbung des Geistes und vom Feuer der Liebe Christi, daß ihr Gefäß es nicht fassen und ertragen konnte, sondern sie in Ohnmacht fielen und hinausgetragen werden mußten. Es entstand ein großer Lärm. Einige schrien: Hosianna! andere: Kreu­zige ihn! Weg mit ihm! Fort mit ihm! Indem Einige Gott lobten und dankten, daß Er sein Volk heimgesucht und solche Gnade den Menschen gegeben habe, fluchten Andere und entbrannten in Haß, Wuth und Zorn gegen die Predigt und den Prediger.“[35] Beide Parteien wandten sich an den Ortspfarrer Abraham Brackenhofer. Obgleich dieser bislang zu seinem Kaplan gehalten hatte, distan­zierte er sich nun von ihm. Daraufhin verließ Boos Wiggensbach und suchte Zuflucht bei Pfarrer Feneberg im nahegelegenen Seeg. Ähnliche religiöse Unru­hen entstanden fast gleichzeitig auch in Hellengerst, wo Anton Bach als Pfarrer wirkte.

Angesichts dieser Eskalation der religiösen Ereignisse ist es nicht verwunder­lich, daß die jeweils zuständige geistliche Obrigkeit, die großenteils zugleich weltliche Funktionen innehatte, sich herausgefordert fühlte. Sowohl das Ordi­nariat der Diözese Augsburg als auch das der Diözese Konstanz begann sich mit den Vorgängen zu beschäftigen und gegen die Träger der Erweckungsbewegung vorzugehen.

1.2 Obrigkeitliche Maßnahmen gegen die Allgäuer Erweckungsbewegung

Als erster erstattete Pfarrer Abraham Brackenhofer von Wiggensbach[36] Anzeige bei dem Fürstabt in Kempten. Wenig später sah sich das Ordinariat der Diözese Augsburg veranlaßt, gegen Pfarrer und Kapläne in Seeg vorzugehen. Anfang Februar konfiszierte man während Fenebergs Abwesenheit im dortigen Pfarr­haus unter Erbrechen von Pult und Schränken „alle Papiere (sie bestanden aus Briefen, eigenen und fremden, Gewissens= und Herzens=Geheim­nissen, Aus­zügen aus Büchern, eigenen Compositionen, kleinen Papierschnitten, worauf einige Worte geschrieben waren, geschriebenen Predigten) und neben diesen Papieren allerley Bücher“[37]. Einen halben Monat später, im Februar 1797, wurden Pfarrer Feneberg zusammen mit seinen beiden Kaplänen Bayr und Silier sowie Kaplan Boos in Augsburg vor das Geistliche Gericht gestellt und einge­hend verhört.[38] Von allen Angeklagten wurde verlangt, einer Reihe von deut­schen und lateinischen häretischen Lehrsätzen abzuschwören, obgleich sie versicherten, diese nicht vertreten zu haben. Boos wurde darüber hinaus zu einer einjährigen Haft im Priesterkorrektionshaus zu Göggingen zwecks Repe­tition der Theologie verurteilt. Nach acht Monaten wurde diese Strafe jedoch auf sein Ansuchen hin in Stadtarrest mit freiem Ausgang umgewandelt. Dagegen mußten sich Feneberg und seine beiden Kapläne lediglich Exerzitien bei den Karmeliten bzw. Franziskanern und Kapuzinern unterziehen und durften dann nach Seeg zurückkehren.

Etwa zu gleicher Zeit führte das Ordinariat Konstanz einen Inquisitions­prozeß gegen Anton Bach, einem engen Freund von Boos.[39] Die mehrmonatige Gerichtsverhandlung endete im Mai 1797 praktisch mit einem Freispruch. Bach wurde erneut in sein Hellengerster Pfarramt eingeführt, was er allerdings schon im folgenden Jahr wegen erneuter Mißhelligkeiten wieder verließ. Er wurde daraufhin Erzieher bei dem Präsidenten des Oettingischen Fürstentums, Johann Baptist von Ruoesch[40], auf dessen Gut Konstein bei Eichstätt.

Da aus der Frühphase der Erweckungsbewegung so gut wie keine gedruckten Werke von Feneberg, Boos oder anderen führenden Gestalten existieren[41], sind die Inquisitionsprotokolle[42] sowie handschriftliche Notizen[43] von Boos zur Erfassung des theologischen Grundanliegens der frühen Allgäuer Erweckungs­bewegung von großer Bedeutung. Nach diesen Quellen drang man auf eine persönliche Christusbeziehung, die man nur durch Wiedergeburt erfahre. Da­durch komme es zu einer Einwohnung Christi in dem Erweckten, der eine neue sittliche Qualität erhalte und zum ethischen Handeln befähigt werde. Bei den Wiedergeburts- oder Bekehrungserlebnissen spielte das emotional-ekstatische Element übrigens eine bedeutende Rolle. Da die Wiedergeburt aber als ein unvermittelt von Gott bzw. Christus gewirktes Geschehen verstanden wurde, traten alle ekklesiologischen Bezüge deutlich in den Hintergrund. Besonders frappant war die Indifferenz gegenüber Sakramentsfrömmigkeit, Heiligen­verehrung und Reliquienkult. Das Ziel war ein verinnerlichtes Christsein. Bemerkenswert ist, daß in der Allgäuer Erweckungsbewegung während der ersten Jahre kaum ein eschatologisch-apokalyptisches Interesse vorhanden ge­wesen ist.[44]

Die bischöflichen Ordinariate von Augsburg und Konstanz ließen es jedoch nicht bei den beiden Inquisitionsprozessen bewenden. Vielmehr gingen sie auch danach gegen den Boos-Kreis vor. Insbesondere war man in Augsburg an einer Zerschlagung des Seeger Zentrums interessiert. Deshalb versuchte man, Feneberg auf eine andere Pfarrei ‚wegzudecretieren‘ und ihn zur Entlassung seiner Kaplä­ne zu bewegen. Auch forderte man ihn auf, „frommen Leuten … sein Haus zu versperren“[45].

Trotz dieser Maßnahmen konnte sich die Erweckungsbewegung nicht nur weiter festigen, sondern auch ausbreiten. Unter ihren neuen Anhängern ist neben dem frühverstorbenen „engelgleichen“ Jungpriester Johann Nepomuk Settele[46], dem Lieblingsschüler Sailers, und dem Augsburger Domkaplan Jo­hann Baptist Langenmeyer[47] vor allem Johannes Evangelista Goßner[48] (1773—1858) zu nennen; letzterer sollte die von Boos ausgelöste Bewegung in Bayern alsbald weitertragen. Goßner, der während seines Theologiestudiums in Dillingen unter den Einfluß Sailers gekommen war und alsbald auch nähere Verbindung zu anderen Sailer-Schülern aufgenommen hatte, erlebte seine Erweckung im November 1797 als Kaplan in Neuburg a. d. Kammel. Diese widerfuhr ihm unter der Lektüre von Briefen, die Boos aus der Haft an Langenmeyer gerichtet hatte und die unter den Erweckten zirkulierten. Über Goßners Erweckung schrieb der Waldstettener Kaplan Jakob Sommer, ein Boos-Anhänger, an Langen­meyer: „Der Herr öffnete ihm die Augen; jetzt liegt er dem Gekreuzigten immer zu Füßen, und sein einzig Werk ist jetzt, an die Brust schlagen und weinen über das innere Verderben des Adams, glauben an den Heiland und im Glauben kindlich nehmen“[49]. Goßner blieb zunächst noch in Neuburg, wurde dann durch Vermittlung von Boos Kaplan auf dem Gut Grünbach/Hohenlinden und schließlich Kaplan bei Feneberg in Seeg. Schon bald engagierte er sich für die Erweckungsbewegung. So trat er mit Ignaz Anton Demeter[50], damals Hilfs­priester in Ried bei Jettingen, in einen freundschaftlichen Briefwechsel[51]. Aus der Korrespondenz wird jedoch deutlich, daß dieser spätere Erzbischof von Freiburg schon nach kurzer Zeit vorsichtig auf eine kritische Distanz zur Erweckungsbewegung gegangen ist.[52]

Etwa zur gleichen Zeit wie Goßner wurde der Sailerschüler Christoph von Schmid[53], der von 1795 bis 1796 Kaplan in Seeg gewesen war und nun das Schulbenefiziat von Thannhausen innehatte, für die Erweckungsbewegung gewonnen. Jedoch blieb der spätere Augsburger Dom­kapitular nur kurze Zeit mit ihr verbunden.[54] Auf jeden Fall gehört aber dieser Begründer der katholi­schen moralisierenden Kinderliteratur[55] zu den liebenswürdigsten Gestalten der Allgäuer Erweckungsbewegung; seine Werke wurden nicht nur in ganz Deutsch­land, sondern auch in anderen europäischen Ländern gelesen.

Die Allgäuer Erweckungsbewegung breitete sich jedoch nicht nur unter Geistlichen, sondern auch unter Laien aus. Hierbei scheint die Frauenquote überproportional groß gewesen zu sein.

Der Erweckungsbewegung schlossen sich auch einige Adlige an, die teilweise einflußreiche Positionen bekleideten und so den bedrängten Erweckten immer wieder Protektion gewähren konnten. Zu diesen zählte der Präsident des Für­stentums Oettingen, Johann Baptist von Ruoesch[56], der seit 1784 mit Sailer freundschaftlich verbunden war[57]. Dieser fromme Katholik hatte übrigens auch vielfältige ökumenische Verbindungen, so zu dem reformierten Theologen und Schriftsteller Johann Kaspar Lavater[58] und zu dem Lutheraner Matthias Claudi­us[59]. Ruoesch besaß von 1795 bis 1802 das Landgut Konstein, das im Wellheimer Tal bei Eichstätt lag. Hier gewährte er den verfolgten Erweckten immer wieder insgeheim Unterschlupf oder stellte sie sogar offiziell in seinen Dienst.

In den Jahren 1798 und 1799 eskalierten die kirchlichen Maßnahmen gegen die Anhänger der Allgäuer Erweckungsbewegung nochmals. Hiervon war zunächst Boos, ihr führender Kopf, betroffen. Diesen hatte man nach seiner vorzeitigen Entlassung aus dem Augsburger Stadtarrest Anfang Februar 1798 als Hilfsgeistlichen zur Probe und unter Aufsicht in Langeneufnach, südwest­lich von Augsburg gelegen, angestellt. Die Kemptner Behörden, über die erneu­te Anstellung von Boos entsetzt, bezichtigten ihn aufgrund eines abgefangenen Briefes schon nach wenigen Wochen beim Augsburger Bischof Klemens Wenzeslaus erneut der Ketzerei und forderten seine lebenslängliche Inhaftie­rung. Der daraufhin erfolgten erneuten Vorladung nach Augsburg vor das Geistliche Gericht entzog sich Boos jedoch auf Anraten von Freunden Anfang April 1798 durch Flucht. In verschiedenen Orten Süddeutschlands, u.a. in München, Regensburg, Konstein, Ebersberg und Gut Grünbach bei Erding suchte er in den nächsten Monaten bei Freunden Unterschlupf; aber überall wurde ihm nachgespürt. Anfang Dezember 1798 stellte er sich dann doch dem Augsburger Ordinariat, nachdem einflußreiche Freunde, vor allem Präsident von Ruoesch, eine gewisse Schutzgarantie für ihn erwirkt hatten. Nach Verbüßung eines viermonatigen Stadtarrestes suchte Boos auf Anraten des ihm sehr gewogenen Generalvikars Anton Coelestin Nigg und durch Vermittlung Sailers bei Bischof Joseph Anton Gall um Aufnahme in die vom Josephinismus bestimmte Diözese Linz nach. Nachdem er sie erhalten hatte, begab er sich zusammen mit den Kaplänen Bach und Rehberger, die ebenfalls die Erlaubnis bekommen hatten, dorthin. So wurde die Allgäuer Erweckung gleichsam nach Österreich hineingetragen.

In der Linzer Diözese[60] wirkte Boos zunächst als Hilfsgeistlicher für wenige Wochen in Leonding sowie in Waldneukirchen und dann für fünf Jahre als Kaplan in Peuerbach. Nachdem er kurze Zeit Pfarrer in Pöstlingsberg bei Linz war, wurde ihm schließlich 1806 die etwa 4800 Seelen umfassende wohlhabende oberösterreichische Pfarrei Gallneukirchen im Mühlviertel übertragen. Hier hielt er am 3. August seine Antrittspredigt. Boos hatte nun „zwey Herrn Kooperatoren, zwey Knechte, 6 Mägde, 2 Pferde, 2 Ochsen, 8 Kühe, 8 Schweine, Hennen, Hunde und Anten“[61]. Um sein Gesinde hat er sich übrigens rührend gekümmert und als „Haus Vater“ vor allem für dessen geistliches Wohl Sorge getragen.[62] Seiner Gemeinde hat er sich von Anfang an nicht nur pastoral, sondern auch caritativ angenommen. Immer wieder verteilte er an seine Parochianen deutsche Bibeln und Erbauungsliteratur. Er selbst beschäftigte sich in seiner Galineukirchner Zeit mit mystischen und pietistischen Schriften; unter letzteren befanden sich bemerkenswert viele Werke von Zinzendorf und aus der Herrnhuter Brüdergemeine. Auch hat er sich damals unter dem Einfluß von Johann Friedrich Bernhard Höchstetter mit Luther auseinandergesetzt. An diesen lutherischen Pfarrer von Eferding schrieb er nach der Lektüre von Luthers „Hauspostille“ (WA 52): „Jetzt merken wirs erst recht, daß wir ganz L[uther]isch sind, und damit wirs bleiben und noch mehr werden, möchten wir nach u. nach alle Werke Mfartin] Lfuthers]. Kannst Du uns dazu verhelfen, so thu es, denn wir hungern“[63]. Daraufhin erhielt er alsbald von Höchstetter ein Exemplar einer neunbändigen Lutherausgabe[64] zum Kauf angeboten. Vermit­telt hatte dies der Nürnberger Kaufmann Johann Tobias Kießling, der regelmä­ßig die Messen in Österreich besuchte und hierbei den Protestantismus in den habsburgischen Landen stärkte. Zu diesem Mitglied der Nürnberger Partikular­gesellschaft der deutschen Christentumsgesellschaft wie auch zu anderen hatte Boos übrigens auch persönliche und briefliche Kontakte. Nachdem sich im Verlauf des Jahres 1810 eine Reihe von Einzelerweckungen ereignet hatten, kam es nach der Frühpredigt am Fest Mariä Geburt (2. September)[65] zu großen Spannungen innerhalb der Gemeinde. „Es wurden unter und nach der Predigt etliche ganz verwirrt u. etliche ganz erfreut, u. ich wußte es nicht, bis sie zu mir in den Beichtstuhl u. auf das Zimmer kamen u. also an beyden Orten nochmal behaupteten und deutlicher erklärten, wie ich in der Frühlehre sagte, siehe, so könnten sie glauben, u. [sie waren] auf der Stelle durch den heiligen Geist, der ihnen aus den Augen u. aus dem Gesichte herausschaute, so froh, so ruhig, so selig, daß ichs gar nicht beschreiben kann“[66].

Anfang des Jahres 1811 wurde Boos zusammen mit seinem Kooperator Josef Rechberger von einigen stark oppositionell gesinnten Gemeindemitgliedern beim Linzer Bischof und dem Konsistorium der Ketzerei bezichtigt. In einem mehrmonatigen, von Intrigen begleiteten, Prozeß wurde ihm vor allem vorge­worfen, er weiche von dem Trienter Rechtfertigungsdekret ab, da er den „leben­digen Glauben“ betone und die „guten Werke“ verwerfe. Auch seine Kolporta­ge von evangelischen Büchern und sein Verkehr mit Protestanten wurde kriti­siert.[67] Der Prozeß endete – nicht zuletzt aufgrund der Vermittlung Sailers und der Protektion durch Konsistorialrat Johann Friedrich Bertgen – schließlich zugunsten von Boos. Dieser hatte auch die Zusicherung abgegeben, er werde zukünftig die Rechtfertigung in der Terminologie von Sessio VI des Tridentinums lehren und keine evangelischen Schriften mehr verteilen sowie Evangelische als Emissäre in seiner Gemeinde in Gallneukirchen nicht dulden.[68] Dennoch kehrte in der Gemeinde keine Ruhe ein. Letzter Anstoß war eine Gastpredigt seines langjährigen Freundes Langenmeyer am 17. November 1811. Dieser hatte inzwischen die nicht weit entfernte bayerische Pfarrei Kirchberg am Inn erhal­ten und stand mit Boos in regem Briefwechsel. Nun wurde Boos bezichtigt, mit Ausländern persönlichen Kontakt zu haben und mit ihnen zu korrespondieren. Obgleich sich sowohl Sailer als auch von Ruoesch einschalteten, wurden Anfang Januar 1812 die Akten an den Hof in Wien übersandt. „Das Consistorium“, so schrieb Boos an seinen Freund Johann Friedrich Bernhard Höchstetter, „hat mich zum Narren, die Regierung zum Ruhestörer, zum Mitglied einer geheimen Narrengesellschaft gemacht u. dem Kaiser alles das übergeben“[69].

Um ihren Pfarrer zu verteidigen, begab sich eine sechsköpfige Delegation von Gallneukirchen nach Wien. Hier erhielt diese am 20. September 1812 beim Kaiser eine Audienz. Franz I. sagte zu den Deputierten: „Wenn ihr, meine Kinder, mit Wahrheit u. Gerechtigkeit, wie ihr saget, umgeben seyd, so wird euch auch mit Wahrheit u. Gerechtigkeit geholfen werden“[70]. Der Wiener Hof sah dann in der Tat keinerlei Anlaß, gegen Boos vorzugehen. In einer Resolution vom 19. November 1812 hieß es, Boos sei kein Ketzer und habe keine „unpatrio­tischen Gesinnungen“; allerdings müsse er aufgrund einiger „von ihm vorgetra­genen Lehrsätze(n) wohl als ein in seinen Ausdrücken unkluger, für den Mysticismus schwärmerisch, eingenommener Mann betrachtet“ werden[71]. Ob­wohl also die Wiener josephinisch gesinnten Hofbeamten darauf verzichteten, gegen Boos vorzugehen, wurde dieser in den nächsten Jahren in Linz immer wieder Verhören und Untersuchungen unterzogen. Jedoch erlebte er auch Zeiten, in denen er ungehindert wirken konnte.

Als dann im März 1815 der Erweckte Karl Freiherr von Gumppenberg[72] während seines knapp zweiwöchigen Besuches in Gallneukirchen eine hekti­sche Evangelisationstätigkeit in Wohnungen, Bauernstuben und im Pfarrhofe entfaltet hatte und am 28. März die Boos-Kor­res­pondenz nach Deutschland und der Schweiz[73] größtenteils konfisziert worden war,[74] sah sich der Linzer Bischof Sigismund Anton von Hohenwart, der Nachfolger Galls, zum Eingreifen veran­laßt.[75] Boos wurde am 24. Juli 1815 vor das Linzer Konsistorium zitiert, noch am selben Tage vom Bischof seines Amtes enthoben und im Karmelitenkloster in Haft genommen. Aufgrund konfiszierter Briefe, wie der St. Galler Lavater-Anhängerin Anna Schlatter-Bernet, und wegen des Besuchs durch Freiherr von Gumppenberg bezichtigte man Boos, „ein Hauptmitglied von einer geheimen pietistischen Gesellschaft“ zu sein, die „der Kaiser“ in „seinen Staaten“ nicht dulde[76]. Alsbald erstattete der Bischof ordnungsgemäß der Landesregierung Bericht von dieser Angelegenheit. Aber auch die Boos-Anhänger in Gallneukirchen wandten sich über einen Agenten hilfesuchend an den österreichi­schen Kaiser. Im Januar 1816 richtete Boos an die Landesregierung die Bitte, sich in Wien vor dem Erzbischof und dem dortigen Konsistorium wegen „seiner Lehre und religiösen Correspondenz“ verantworten zu dürfen[77]. Er sei nämlich „überzeugt, daß seine Lehre über Buß u. Glaube rein katholisch sey“, was auch von namhaften Theologen wie Sailer bejaht worden wäre. Von dem Linzer Konsistorium sei er „noch nie recht und ganz verstanden“ worden; auch sei er bislang von diesem „während seines halbjährigen Arrestes“ nicht verhört wor­den. Einer „geheimen pietistischen Gesellschaft“ gehöre er nicht an und seine Korrespondenz ins Ausland sei nicht konspirativ gewesen.[78] Nachdem Boos über ein Jahr im Gefängnis gelegen hatte, ordnete Kaiser Franz I. am 24. April 1816 an, „daß die gegen Boos eingeleitete Untersuchung der schweren Polizei-Uebertretung einer geheimen Gesellschaft aus Mangel an Beweisen aufzuheben sey“[79]. Boos wurde jedoch seiner Pfarrei für verlustig erklärt; man stellte ihm allerdings frei, sich entweder so lange in einem Stift oder Kloster aufzuhalten, bis er außerhalb der Diözese Linz eine neue Stelle erhalte, oder Österreich zu verlassen. Boos, der inzwischen mehrere Einladungen von Katholiken und insbesondere von Protestanten aus deutschen Territorien und der Schweiz erhalten hatte, entschied sich für das letztere. Ende Mai 1816 kehrte er, ohne Gallneukirchen wiederzusehen, direkt aus dem Linzer Karmelitenkloster in das Königreich Bayern zurück.[80] „Etliche meiner verwaisten Schafe“, so schrieb er an Anna Schlatter, „stunden weinend auf den Gassen und sehen mich von Ferne in den Postwagen steigen; denn nahe hinzuzugehen war wegen lauernder Polizey nicht räthlich“.[81]

Das Augenmerk der kirchlichen Oberbehörde in Augsburg war jedoch nicht nur auf Boos, sondern auch auf seine Anhänger gerichtet. Im Sommer 1799 hatte nämlich der Jettinger Dekan Johann Michael Steiner, Pfarrer zu Scheppach, dem Augsburger Ordinariat davon Mitteilung gemacht, daß in seinem Kapitel und in der Umgebung einige junge Geistliche allem Anschein nach der „boosischen Schwärmerey“[82] anhingen. Zum Beweis hatte er Schriften übersandt, die diese katholischen Geistlichen entweder selbst verfaßt oder verteilt hatten. Zu den Verdächtigten gehörten der Rieder Kaplan Ignaz Anton Demeter, der Thannhausener Benefiziat Christoph Schmid, der Münsterhausener Schloßkaplan Josef Reiter, der Neuburger Kaplan Xaver Wittwer, der Zahlinger Pfarrer Johann Evangelist Langenmeyer und Johann Evangelist Goßner, damals Kaplan bei Feneberg in Seeg.

Diese jungen Geistlichen wurden vom Ordinariat wegen ihrer Kontakte zu den Erweckten gerügt und ernsthaft vermahnt. Die Anklageakte Goßner geriet dagegen auf dem Verwaltungswege zunächst in Vergessenheit.[83] Erst 1812 wurde gegen ihn, der inzwischen Domkaplan in Augsburg geworden war, ein Untersuchungsverfahren eröffnet.[84] Insbesondere klagte man ihn wegen seiner Rechtfertigungslehre an und verurteilte ihn dazu, 26 irrige Lehrsätze[85] zu widerrufen. Die dritte Proposition lautete: „Wir werden in unsern Vorbereitun­gen nie gerecht, sondern unsere Gerechtigkeit haben wir allein von Jesu Christo.“ Außerdem hat man ihm eine mehrwöchige Haft in der Priesterkorrektions­anstalt im Marktflecken Göggingen auferlegt. Als er im August 1802 daraus entlassen wurde, reiste er zusammen mit Sailer für mehrere Wochen nach Österreich.[86] Hier besuchte er unter anderem Boos im oberösterreichischen Peuerbach. Nach Bayern zurückgekehrt, bewarb er sich zwar zunächst verge­bens um eine Pfarrstelle, erhielt aber dann im August 1803 infolge der völlig veränderten geschichtlichen und kirchenpolitischen Lage mit Dirlewang eine der wohlhabendsten Pfarreien Bayerns. Zur Haushälterin nahm er die gebildete Erweckte Maria Ida Bauberger[87], die ihn, der ehelos blieb, fast ein halbes Jahrhundert schwesterlich umsorgte.

2. Die Blütezeit der Allgäuer Erweckungsbewegung

Das Jahr 1803 brachte auch für das Gebiet des heutigen Bayerns eine einschnei­dende staatspolitische Veränderung. Die geistlichen Hochstifte wurden säkula­risiert; ihr weltlicher Besitz fiel größtenteils an das Kurfürstentum Bayern. Da die Vertreter und Anhänger der frühen Allgäuer Erweckungsbewegung zumeist im Fürstbistum Augsburg und im Fürststift Kempten wohnten, bedeutete dies für sie eine völlig neue Situation.

Der aufgeklärte Minister Maximilian Graf von Montgelas gewährte der Allgäuer Erweckungsbewegung von Anfang an Toleranz, obgleich er religiös keinerlei Sensorium für deren Anliegen gehabt haben dürfte. Er wollte demon­strieren, daß der neue bayerische Staat willens war, jede Form religiöser Intole­ranz abzulehnen, alle klerikalen Einflüsse zurückzudrängen und die Macht der kirchlichen Hierarchie zu brechen.

Hinzu kam, daß Maximilian Emanuel Freiherr von Lerchenfeld, seit 1803 Rat bei der Landesdirektion für Schwaben in Ulm und Proponent „in geistlichen Sachen“, aufgrund der Empfehlung des Philosophen und Theologen Jakob Salat, eines Sailerschülers, dem Boos-Kreis wohlwollend gegenüberstand.[88] Die bayerische Regierung griff zwar nicht in die Seelsorge ein, behielt sich aber das Stellenbesetzungsrecht vor. So war es möglich, daß bereits 1803 drei der Er­weckten gut dotierte Pfarreien erhielten: Andreas Silier Thannhausen und später Krummbach, Xaver Bayr Pfronten und Johannes Goßner Dirlewang. Als später Anton Freiherr von Mastiaux Landesdirektionsrat in Ulm wurde, hat auch er – auf Fürsprache Jakob Salats hin – die Anhänger der Allgäuer Erweckungs­bewegung protegiert. Als er auch das Vorschlagsrecht für geistliche Stellen erhielt, verschaffte er 1805 Feneberg die reiche Pfarrei Vöhringen bei Ulm.

2.1 Ausbreitung der Allgäuer Erweckung

Infolge dieser günstigen Rahmenbedingungen konnte sich die Allgäuer Er­weckungsbewegung nun fast eineinhalb Jahrzehnte sowohl unter den Klerikern als auch unter Laien weiter ausbreiten und verfestigen. Unter den katholischen Geistlichen erlangten vor allem Goßner und Ignaz Lindl weit über Süddeutsch­land hinaus Bedeutung.

Goßner wirkte noch bis Anfang 1811 in der Pfarrei Dirlewang. Dann über­nahm er etwa ein halbes Jahr lang aushilfsweise die Stelle eines Sekretärs bei der Deutschen Christentumsgesellschaft in Basel.[89] Im August erhielt er das Benefiziat an der Frauenkirche in München. Von den Aufgaben der Pfarramtsführung befreit, konnte er hier in kurzer Zeit eine Personalgemeinde um sich scharen. Er predigte in verschiedenen Münchner Kirchen und hielt regelmäßig Erbauungs­versammlungen ab. Vielen seiner Anhänger schien es, als ob ein neues Pfingsten angebrochen sei. Zu dem Goßner-Kreis gehörten u.a. Geheimrat Kaspar Anton Freiherr von Mastiaux, die Brüder Alois und Benno von Heinleth, der Blumen­maler Martin Prestele und der Arzt Johann Nepomuk von Ringseis. In dieser Zeit konnte Goßner auch neue Geistliche für die Erweckungsbewegung gewin­nen, so den Kaplan Martin Völk in Baindlkirch und mit dessen Unterstützung 1812 den dortigen Pfarrer Ignaz Lindl. Neben seiner Verkündigungs- und Seelsorgetätigkeit publizierte Goßner in München zahlreiche Schriften, die nicht unwesentlich zu seiner Popularität beigetragen haben. Unter anderem veröffentlichte er zwei Anthologien, nämlich das „Leben heiliger Seelen“, eine überarbeitete Auswahl von Tersteegens „Auserlesener Lebensbeschreibung heiliger Seelen“[90] und die „Brosamen aus den Schriften eines Gesalbten“[91], eine Sammlung von Zinzendorf-Zitaten. Sodann gab er 1815 seine wiederholt aufge­legte Übersetzung des „Neuen Testaments“[92] heraus und seit 1818 eine Ausle­gung der neutestamentlichen Schriften unter dem Titel „Geist des Lebens und der Lehre Jesu Christi“[93]. Ferner veröffentlichte er im Spätsommer 1812 das „Herzbüchlein oder das Herz des Menschen“. Darin beschrieb er anhand von zehn Kupferstichen[94], die das menschliche Herz als „einen Tempel Gottes oder eine Werkstätte des Satans“ darstellen, drastisch den Kampf des Christen auf seinem Weg zum Heil. Dieses kleine Werk erschien bis in die Gegen­wart in immer neuen Auflagen und Übersetzungen. Besonders unter dem einfachen Volk war es in aller Welt verbreitet, aber nicht nur dort, denn immerhin trug Zar Alexander I. ständig ein russisches Handexemplar bei sich.

Schon während seiner Münchner Zeit suchte Goßner mancherlei Verbindun­gen zu Evangelischen. Er hatte Kontakte zu den Anhängern der Deutschen Christentumsgesellschaft, mit dessen Basler Zentrum er seit 1808 korrespon­dierte[95]. Auch mit Mitgliedern der Brüdergemeine stand er in Verbindung.[96] Darüber hinaus hatte er seit 1816 Beziehungen zu denjenigen evangelischen Kreisen, die zur Brunnenstube der Berliner und Norddeutschen Erweckungsbewegung werden sollten.[97]

Neben Goßner entwickelte sich Ignaz Lindl (1774-1834) rasch zum zweiten tatkräftigen Propagator der Allgäuer Erweckungsbewegung.[98] Allerdings nahm er wegen seiner bald immer stärker hervortretenden chiliastisch-apokalyptischen Erwartungen eine gewisse Sonderstellung ein. Nach seiner religiösen Erweckung im Jahre 1812 wurde seine Pfarrei Baindlkirch, an der Martin Völk als Kaplan wirkte, zu einem besonderen Zentrum der Erweckung. Geradezu enthusiastisch berichtete der Arzt Ringseis 1816 nach einem Besuch in diesem Pfarrort: „Die Zeiten der ersten apostolischen Gemeinden sind wiedergekehrt, Unzüchtige, Säufer, Spieler, Betrüger sind fromm und innig voll Glauben und Liebe geworden, Mägde und Knechte haben ganz verklärte, veredelte Gesichter und zeigen eine Einsicht in die heiligen Schriften, vor die ich mich mit Beschä­mung und Rührung beugen muß“[99]. Zu Lindls Predigten strömten Menschen von weither herbei; es sollen häufig 8.000 bis 10.000 gewesen sein[100]. In seiner Verkündigung drängte er auf Wiedergeburt und Heiligung.[101] Durch die Wie­dergeburt empfange der Mensch „die Erstlinge des Geistes, seine Welt- und Fleisches-Liebe wird verwandelt in Gottes=Liebe, sein Sinn wird durch fortge­setzte Kämpfe und Siege über die Sünde immer mehr und mehr überirdisch, himmlisch, göttlich, und so wächst er allgemach im Verborgenen heran als der schönste und seligste Bürger des Reiches Jesu Christi“. Lindl war zwar darauf bedacht, nicht dem ethischen Perfektionismus zu verfallen, hat ihn aber doch gestreift: „Es kann wohl der wiedergebohrne, wahrhaft bekehrte Mensch hin und wieder noch Sünde begehen, aber so lange er in Neugeburt ist und bleibt, wird in ihm keine einzige Sünde herrschend seyn“. Dezidiert wandte er sich gegen die Aufklärung, durch die der christliche Glaube in Verfall geraten sei. Alle Stände seien von ihr erfaßt, auch der der Gelehrten und Geistlichen. Diese lassen Christus als „Tugendlehrer … noch passieren; aber als Erlöser der Men­schen, und zwar als Erlöser und Versöhner am Kreuze, das eigentlich die Hauptsache für die gefallene und strafwürdige Menschheit ist, wird seiner wenig oder gar nicht gedacht. Dies beweisen ihre Handlungen, ihre Bücher, und ihre Lehrvorträge“. Die Zeichen der Zeit, wie Kriege, Inflation und Naturkatastro­phen, wiesen jedoch seiner Überzeugung nach auf die Nähe des Jüngsten Tages hin.

In diesen Jahren fanden jedoch auch einige einflußreiche Adlige Anschluß an die Allgäuer Erweckungsbewegung und engagierten sich in ihr. Neben von Ruoesch, der 1814 für einige Jahre seinen Wohnsitz nach München verlegt hatte, ist Karl Freiherr von Gumppenberg[102] zu nennen, ein Schüler von Sailer und Freund von Boos, Goßner und Lindl. Er machte seit 1814 sein Schloß in Bayerbach bei Landshut zu einem Stützpunkt der Erweckungsbewegung. Zu­nächst veranstaltete er Kinderversammlungen, dann aber auch Erbauungs­stunden für Erwachsene, zu denen man aus der Umgebung herbeiströmte und in denen es „wie in einem Pfingsttraum“[103] war. Goßner verglich ihn mit Zinzendorf, dessen Schriften er nicht nur eifrig las, sondern den er sich auch in vielem zum Vorbild nahm.[104] Ein weiterer tatkräftiger Förderer aus dem Adel war der eng mit Goßner und Lindl verbundene Josef von Ruffin. Dieser Neffe des späteren Augsburger Bischofs Joseph Maria von und zu Fraunberg öffnete sein Schloß Weyhern bei Baindlkirch ebenfalls der Erweckungsbewegung. Wollten Fremde diesen Erweckungskreis kennenlernen, dann reiste man mit den Interessenten gern dorthin, so beispielsweise im Sommer 1816 mit der Schaffhauserin Anna Schlatter-Bernet[105]. Eine besondere Aura umgab Weyhern deshalb, weil nicht nur Goßner und Lindl hier immer wieder besuchsweise weilten, sondern weil sich auch Boos dort über ein Jahr aufhielt. Nach seiner Rückkehr ins Königreich Bayern war er nämlich hier seit Juni 1816 als Hofmeister der Kinder der verwitweten Walpurga von Ruffin tätig.[106]

In dieser zweiten Phase der Allgäuer Erweckungsbewegung, die wie die erste nicht frei von religiösen Absonderlichkeiten war, hatten deren Vertreter vielfäl­tige Beziehungen zur Herrnhuter Brüdergemeine.[107] Goßner korrespondierte nicht nur mit Herrnhut, sondern hatte seit 1817 auch Kontakte zu der Prediger- Conferenz. Außerdem bestanden Verbindungen zur Deutschen Christentums­gesellschaft, die vor allem über Goßner liefen.[108] Er korrespondierte nicht nur mit dem Basler Zentrum, sondern besuchte 1808 auch die Partikulargesellschaft in Nürnberg. Hier lernte er u.a. den Kaufmann Johann Tobias Kießling und den Pfarrer und Schriftsteller Johann Gottfried Schöner kennen.[109] Ferner schrieb er Beiträge für die „Sammlungen für Liebhaber christlicher Wahrheit und Gottse­ligkeit“[110], das Publikationsorgan der Christentumsgesellschaft.

2.2 Das Abebben der Allgäuer Erweckungsbewegung

Seit etwa 1816 verstärkte sich erneut der Druck der römisch-katholischen Kirche sowie des Staates auf die Anhänger der Allgäuer Erweckungsbewegung. Diese Veränderung muß im Kontext einer neuen kirchenpolitischen Konstella­tion gesehen werden. Bayern hatte sich seit dem Niedergang der Herrschaft Napoleons an das Metternichsche Österreich angelehnt und der Restauration geöffnet. Nach dem Sturz von Montgelas im Februar 1817 setzte sich nun der neue Innenminister, Friedrich Graf von Thürheim, das Ziel, „die Secte auszurotten“[111]. Auch erstarkte während dieser Zeit in Bayern die römisch-katholische Kirche, wozu besonders die 1814 wieder zugelassene Gesellschaft Jesu und der Konkordatsabschluß vom Mai 1818 beitrugen. Bemerkenswert ist auch, daß Sailer – bislang der umsichtige Protektor der Erweckungsbewegung – vorsichtig auf Distanz zu ihr ging. Anfang 1817 klagte Boos: „Pathmoser [Deckname für Sailer] zieht sich immer mehr zurück und ab von uns, welches uns oft schwere Stunden macht“[112].

In Zusammenarbeit mit dem bayerischen Staat waren die kirchlichen Ober­behörden bestrebt, zunächst die führenden Vertreter der Allgäuer Erweckungs­bewegung zu expatriieren. Am 18. Dezember 1816 wurde Boos, der längst mit seiner erneuten Vertreibung rechnete, von der Regierung angewiesen, das Land innerhalb von 24 Stunden zu verlassen. Dieser Ausweisungsbefehl wurde je­doch infolge einer persönlichen Intervention des Domherrn Joseph Maria von und zu Fraunberg bei König Max I. Joseph zurückgenommen. Als Boos dann im September 1817 durch Sailers Fürsprache von der Preußischen Regierung in Berlin das Angebot einer Religionslehrerstelle am Gymnasium zu Düsseldorf erhielt – das Rheinland war 1815 preußische Provinz geworden –, nahm er dieses an.[113] Jedoch bereits im April 1819 verließ er Düsseldorf wieder und folgte einem Ruf auf die Landpfarrei Sayn, in der Trierer Diözese unweit von Neuwied gelegen. Hier lebte er, resigniert und herzkrank, gelegentlich von Freunden besucht und mit diesen korrespondierend, recht zurückgezogen. Den Ausbruch einer neuen religiösen Erweckung, nach der er sehnsuchtsvoll Ausschau hielt, hat er nicht mehr erlebt. Das Ansinnen einer Konversion hat er entschieden zurückgewiesen; zwei Jahre vor seinem Tode bekannte er gegenüber einem Freunde: „Ihnen ist meine Kirche das ausgemachte Thier, welches nach Off[enbarung] 17,12. auf vielen Wassern thronet. Aber so weit, wie Sie, bin ich bis jetzt in meiner Ueberzeugung noch nicht gekommen, und ich habe sie von Kindheit an für meine Mutter, als die Bewahrerin, Schützerin und Erklärerin der Lehre Christi und seiner Apostel gutmüthig gehalten und respectirt“. Er habe, fuhr er fort, sich zwar schon oft an ihr geärgert, aber er habe auch erkannt, daß nirgendwo eine vollkommene, reine Kirche existiere. Überall sei „eine Mi­schung von Unkraut und Waizen, selbst das Kirchlein in der Kirche kann sich davon nicht ganz lossprechen“[114]. Deshalb war er auch „etwas erschroken“ als er 1822 erfuhr, daß seine „Gläubigen in Österreich 486 an Zahl bey der Regierung in Linz um die Entlassung von der Kath. Kirch eingekommen wären“[115]. Zugleich betonte er, daß er eine „solche Trennung“ niemals „angetragen“ habe und auch daran unschuldig sei, da er seit seiner „Entfernung von Österreich in gar keiner Correspondenz mit ihnen lebte“.

Die letzten Monate seines Lebens waren wohl vor allem infolge einer Queck­silber-Kur von großen körperlichen Qualen begleitet. „Mund u. Kopf“, schrieb er ein Vierteljahr vor seinem Tode, „sind zwar nicht mehr geschwollen, aber der Mund ist noch nicht ganz ausgeheilt, das weggefreßen Zahnfleisch hat sich noch nicht ersezt. Dagegen schwellen leider die Füße wieder auf, liegt Wasser auf der Brust, wie vor der grausamen Cur, und darum hab ich allen Glauben und alles Vertrauen auf Arzt und Arzney verloren, weil mir alles nur zur Qual und zum Tode half“[116]. Am 29. April 1825 ist Boos in Sayn gestorben.

Im September 1819 sah sich dann auch Goßner unter dem Druck der kirch­lichen Behörden veranlaßt, München zu verlassen. Er übernahm in Düsseldorf die Religionslehrerstelle, die bislang Boos innegehabt hatte. Jedoch folgte er bereits im folgenden Jahr einem Ruf Zar Alexanders I. nach St. Petersburg an die Malteserkirche, wo er in den nächsten Jahren als begeisternder Prediger und begehrter Seelsorger wirkte.[117]

Lindl wurde im Sommer 1817 von dem aufklärerisch gesinnten Regierungsprä­sidenten des Oberdonaukreises, Karl Ernst Freiherr von Gravenreuth, beim Innenministerium als „Intrigant“ denunziert; er gehöre in ein priesterliches Korrektionshaus, damit er dort „seinen schwärmerischen Rausch ausschlafe“[118]. Aufgrund eines königlichen Reskriptes vom 21. August 1817 leitete daraufhin der Verweser des Generalvikars eine Disziplinaruntersuchung gegen Lindl ein, den man unter strenge Hausaufsicht stellte. Im Mai 1818 wurde er dann in die nahe der württembergischen Grenze gelegene Gemeinde Gundremmingen ver­setzt. Hier konnte er innerhalb kurzer Zeit erneut zahlreiche Gemeindeglieder für seine immer stärker hervortretenden chiliastisch-apokalyptischen Erwartun­gen gewinnen. Seine Botschaft wurde aber auch in der Umgebung vielfach begeistert aufgenommen, nicht zuletzt in Württemberg; hier wurde beispielsweise in Giengen a. d. Brenz der wohlhabende Kaufmann Ch. F. Werner zum Lindlianer. Überzeugt davon, in Rußland sei der Bergungsort für die Erwählten während der endzeitlichen Drangsale, folgte Lindl der Aufforderung Zar Alexanders L, Kolonisten nach Südrußland zu begleiten und sie dort geistlich zu betreuen.

Im Oktober 1819 verließ Lindl Bayern nach einer emotionsgeladenen Ab­schiedspredigt. Begleitet wurde er von Elisabeth Völk, der Schwester seines Freundes und früheren Kaplans Martin Völk, die er wenig später heiratete. Er gab sich der trügerischen Hoffnung hin, bald werde ihm eine große Schar seiner Anhänger ins gelobte Land folgen.

Nachdem also die führenden Gestalten der Allgäuer Erweckungsbewegung das Königreich Bayern verlassen hatten, versuchten die Ordinariate von Frei­sing und Augsburg die Allgäuer Erweckungsbewegung durch Hirtenbriefe weiter zurückzudrängen. Bereits am 28. Februar 1820 beschwor das Generalvi­kariat der Diözese Augsburg seine Geistlichen, „nach allen ihren möglichen Kräften dahin zu arbeiten, daß die Reinheit der katholischen Lehre bey den noch nicht Angesteckten erhalten und den Irregeleiteten wieder gegeben werde“[119]. Am 2. Juni 1823 teilte dann der Augsburger Bischof Josef Maria von und zu Fraunberg in einem Pastoralschreiben die Exkommunikation von Pfarrer Mar­tin Völk mit und warnte nachdrücklich vor dem „Mysticismus“[120]. Goßners Auslegung des Neuen Testaments, sein „Geist des Lebens und der Lehre Jesu Christi“, wurde in diesem Schreiben als „eines der allerverderblichsten“ Bücher bezeichnet.

In den zwanziger Jahren läßt sich ein merkliches Zurückgehen der Allgäuer Erweckungsbewegung konstatieren.[121] Jedoch versiegte sie dazumal keineswegs völlig. Hierfür finden sich in der Autobiographie des Freisinger Moraltheologen Magnus Jocham eindrückliche Zeug­nisse. Dieser ist während seiner Jugend- und Studienjahre in seiner Heimatstadt Immenstadt sowie in seinem Studienort München Anhängern der Allgäuer Erweckungsbewegung begegnet und von ihnen beeinflußt worden.[122] Dies gilt nicht zuletzt von dem Künstler Prestele, bei dem er eine Zeitlang sein Logis hatte. Nach dem Weggang Goßners war dieser Laie „gleichsam als Haupt der verlassenen Schäflein aufgestellt wor­den“[123]. In seinem Haus fanden Konventikel statt, an denen Evangelische nicht nur teilnahmen, sondern sogar auch selbst die Erbauungsstunden hielten, wie z.B. der Herrnhuter Diasporaarbeiter Carl Friedrich Enkelmann[124] während seiner Besuche in München.

3. Wirkungsgeschichte der Allgäuer Erweckungsbewegung

Die Allgäuer Erweckungsbewegung hat auch außerhalb Bayerns bedeutende Wirkungen gehabt. Zu nennen ist hier erstens ihr Einfluß auf die Entstehung der Erweckungsbewegung in Berlin und Norddeutschland. Die Allgäuer Erweckungsbewegung ist zwar nicht deren „Wurzel“[125] gewesen, kann aber wohl als deren „zündender Funke“[126] angesehen werden. Im Mai 1816 berichtete nämlich der aus Berlin in seine bayerische Heimat zurückgekehrte Mediziner Ringseis in ausführlichen Briefen an Clemens von Brentano und dessen Schwager, den Rechtshistoriker Friedrich Carl von Savigny, der von 1808 bis 1810 in Landshut gelehrt und dort mit Sailer Freundschaft geschlossen hatte, emphatisch von der Erweckungsbewegung.[127] Brentano fertigte alsbald Kopien von diesen Schrei­ben an und sandte sie an seine Berliner Freunde von der .Christlich-Deutschen-Tischgesellschaft“, die seit 1816 die sogenannte Maikäferei bildeten. Durch diese zweifelsohne stark idealisierten Berichte wurden diese religiös tief ergriffen.[128] Noch im gleichen Jahr reisten Adolf von Thadden und Karl von Lancizolle zu Goßner nach München.[129] Im Sommer 1817 besuchten dann die beiden Brüder Sack, die sich auf ihrer Domkandidatenreise befanden, sowie Moritz von Bethmann-Hollweg, der von Verona nach Berlin unterwegs war, Goßner und andere Erweckte in Bayern.[130] Wenig später stellte sich auch Schleiermacher bei Goßner ein.[131] Sie alle waren von dem Gesehenen stark bewegt, wobei sie allerdings die religiösen Vorgänge in Bayern nur selektiv und mit einem evange­lischen Vorverständnis wahrgenommen haben dürften.[132] Jedenfalls wandelte sich auf diese Weise der „Berliner Freundeskreis der ,Deutschen Tischgesell­schaft“ in einen Erweckungskreis um“[133].

Als dann Adolf von Thadden 1820 mit seiner religiös gleichgesinnten Frau Henriette, geb. von Oertzen, auf die Güter ihrer Familie in Trieglaff übersiedel­te, wurde die Erweckung nach Pommern getragen.[134] Auf seinem Gutshof, der „in der ganzen Gegend wie ein kräftiger Kristallisationsfaktor“[135] wirkte, fanden von weit her besuchte Versammlungen[136] und seit 1828 die Trieglaffer Konfe­renzen erweckter Pastoren statt. Unter mannigfachem Engagement der Familie von Thadden konnte die Erweckungsbewegung in mehreren Adelsgeschlechtern, so bei den Gerlachs[137] und Puttkamers[138], Eingang finden. Auch in den Küsten­gebieten mit den Kreisen Wollin, Cammin, Greifenberg und Kolberg konnte sie Fuß fassen.

Die Berliner Erweckungsbewegung, die bekanntlich bald überwiegend in konfessionellen Bahnen verlief, erhielt seit Ende der Zwanziger Jahre durch die weitreichende Wirksamkeit Goßners in Berlin eine neue Variante. Nach seiner Ausweisung aus St. Petersburg und Aufenthalten in Altona (1824) und Leipzig (1824-1826) sowie auf verschiedenen Gütern in Schlesien, wo er im Juli 1826 in Jänkendorf zum evangelischen Glauben konvertierte[139], war er im Herbst 1826 hierher gekommen. Drei Jahre später wurde er als Nachfolger Jänickes zum Pfarrer in der böhmisch-lutherischen Bethlehemsgemeinde ernannt. Allem Konfessionellen und Institutionellen reserviert oder sogar ablehnend gegen­überstehend, entfaltete er hier neben seiner Predigt- und Seelsorgetätigkeit jahrzehntelang erstaunliche karitative, missionarische und literarische Aktivitä­ten. Er gründete 1833 einen Männer- und Frauen-Krankenverein, 1834 die erste Kleinkinderbewahrungsanstalt, 1836 das erste evangelische Krankenhaus (Eli­sabeth-Krankenhaus) sowie eine Diakonissenanstalt. Nicht minder groß war sein Engagement für die Heidenmission. Von 1831 bis 1836 arbeitete er zu­nächst in der Berliner Missionsgesellschaft mit. Da ihm deren Verwaltung aber zu bürokratisch und deren Ausbildung zu wissenschaftlich erschien, rief er 1836 eine Mission der „demütigen Einfalt“ ins Leben.[140] Die von ihr ausgesandten Missionare sollten den Heiden die christliche Botschaft einfältig verkündigen und ihren Lebensunterhalt möglichst mit ihrer eigenen Hände Arbeit verdienen. Die Goßnersche Missionsgesellschaft, 1842 von König Friedrich Wilhelm IV. bestätigt, arbeitete in Australien, Nordamerika, Afrika, auf den Inseln des Malaiischen Archipels sowie in Indien, wohin sich der Schwerpunkt immer mehr verlagerte. Von Anfang an war die Goßner-Mission überkonfessionell ausgerichtet. Sie war bestrebt, „der damals bereits an allen Gesellschaften spürbaren auf eine Institutionalisierung hin abzielende Entwicklung zu entge­hen“[141]. Neben diesem karitativen und missionarischen Engagement betätigte sich Goßner weiterhin literarisch. Aus seiner Feder erschienen Erbauungs­schriften und Traktate; außerdem gab er die Zeitschrift „Die Biene auf dem Missionsfelde“ heraus. Allerdings reichte sein literarisches Schaffen nun quali­tativ in keiner Weise mehr an das seiner Münchner und Leipziger Zeit heran.

Die Allgäuer Erweckungsbewegung hat ebenfalls nicht unwesentlich zur Entstehung der badischen Erweckungsbewegung beigetragen.[142] Deren Initia­tor, der Mühlhausener Pfarrer Aloys Henhöfer, wurde nämlich stark von Boos beeinflußt, als er 1818 oder wahrscheinlicher 1819 die Schrift „Christus für uns u. in uns“ gelesen hat. Nach seinem eignen Zeugnis wurde er dadurch „weiter geführt u. mehr zum Evangelium gebracht“[143]. Darüber hinaus gab es jedoch noch andere direkte und indirekte Beziehungen zwischen Henhöfer, der im Frühjahr 1823 mit einem Teil seiner Gemeinde zur Evangelischen Kirche übertrat, und der Allgäuer Erweckungsbewegung.

Auch für das Werden der fränkischen Erweckungsbewegung war die Allgäu­er Erweckungsbewegung nicht ohne Bedeutung.[144] Wie bereits erwähnt, hatten deren führende Vertreter sowohl briefliche als auch persönliche Verbindungen zur Nürnberger Partikulargesellschaft der Deutschen Christentumsgesellschaft. Ein geradezu freundschaftliches Verhältnis bestand zwischen Boos und Kießling. Letzterer besuchte nämlich regelmäßig die Handelsmesse in Linz und traf bei dieser Gelegenheit auch mit Boos zusammen, der dazumal in der dortigen Diözese wirkte.[145] Auch lasen die Nürnberger Freunde Schriften von Anhän­gern der Allgäuer Erweckungsbewegung, zumal einige von ihnen in der dorti­gen pietistischen Rawschen Buchhandlung gedruckt wurden.[146] Als 1815 der Kemptner Landgerichtsassessor Johann Martin Ried[147], einer der führenden Laien der Allgäuer Erweckungsbewegung, als Kreis- und Stadtgerichtsrat nach Erlangen versetzt wurde, griff diese direkt nach Franken über. Ried trug näm­lich zu der 1821 erfolgten religiösen Erweckung des reformierten Pfarrers und Professors Christian Krafft bei; von diesem Theologen sollte dann die eigentli­che evangelische Erweckungsbewegung in Franken ausgehen.[148]

Schließlich strahlte die Allgäuer Erweckungsbewegung auf Rußland[149] aus. Im Oktober 1819 war Lindl voller chiliastisch-apokalyptischer Erwartungen einem Ruf von Zar Nikolaus I. gefolgt, die deutschen Aussiedler nach Süd­rußland zu begleiten.[150] Nach einer kurzen Tätigkeit an der St. Petersburger Malteser-Kirche, wo Goßner sein Nachfolger wurde, wirkte er in Odessa als Visitator und Propst der neu entstandenen katholischen Gemeinden Südrußlands. Im März 1822 gründete er dann mit Auswanderern aus Bayern und Württem­berg in Bessarabien die Kolonie Sarata, knapp zwanzig Kilometer von Odessa entfernt.[151] In dieser Kolonie war die konfessionelle Zugehörigkeit der Siedler irrelevant, der Tageslauf durch und durch religiös rhythmisiert und der Geist der Gütergemeinschaft dominierend. Doch schon im Dezember 1823 wurde Lindl infolge der veränderten politischen und kirchlichen Situation aus Rußland ausgewiesen und mußte das Land binnen drei Tagen verlassen.[152] Da Lindl eine Rückkehr nach Bayern verwehrt war, hielt er sich zunächst an verschiedenen Orten, u.a. auch in Leipzig auf; vermutlich hier trat er 1824 zur evangelischen Kirche über.[153] Schließlich konnte Lindl vorübergehend in Barmen-Gemarke Fuß fassen; hier war er zunächst an der Missionsvorschule tätig und wirkte dann als Hilfsprediger an mehreren Orten im Wuppertal. Später schloß er sich mit seinen Anhängern der apokalyptisch-chiliastischen Sondergemeinschaft der sogenannten Nazarener-Gemeinde an. Diese vom Basler Seidenfabrikanten Johann Jakob Wirz ins Leben gerufene und hauptsächlich im süddeutschen Raum wirkende religiöse Gruppierung hatte auch im Wuppertaler Raum eine Anhängerschaft.

Die Allgäuer katholische Erweckungsbewegung hat also – so kann man zusammenfassend sagen – großen Einfluß auf mehrere deutsche Territorien und auch auf das russische Reich gehabt. Wahrscheinlich war ihre Bedeutung für diese Länder aufs Ganze gesehen sogar größer als für das Allgäuer Gebiet.

Theologisch gesehen bewegte sich die Allgäuer Erweckungsbewegung letzt­lich innerhalb der Lehraussagen des Tridentinums. Dies gilt auch hinsichtlich der Rechtfertigungslehre ihrer führenden Gestalten. Ihre Aussagen über den „Christus für uns und den Christus in uns“ kommen nur scheinbar dem reformatorischen Fiduzialglauben nahe. Der Gottlose wird nämlich nach ih­rem Verständnis nicht ausschließlich aufgrund der fremden Gerechtigkeit Chri­sti gerecht gesprochen, sondern aufgrund der von Gott im bekehrten und wiedergeborenen Menschen gewirkten Gerechtigkeit. Die Allgäuer Erweckungsbewegung war also eine innerkatholische Bewegung. Es ging ihr darum, die im Kultus erstarrte Frömmigkeit und intellektualisierte Glaubenslehre auf­zubrechen. Unter starker Rezeption mystischen Gedankengutes und von Mi­chael Sailers Theologia cordis beeinflußt drang sie auf ein unvermitteltes Got­tes- bzw. Christusverhältnis sowie auf eine lebendige Frömmigkeit. Dadurch mußte es zu Konflikten mit der römisch-katholischen Kirche als Heilsanstalt kommen.

In ihrem Kampf gegen eine Moralisierung und Intellektualisierung des dama­ligen Christentums wußten sich die Anhänger der Allgäuer katholischen Erweckungsbewegung mit den Spätpietisten, die sich in den Partikularge­sellschaften der Deutschen Christentumsgesellschaft und in den von der Herrn­huter Brüdergemeine betreuten Kreisen gesammelt hatten, sowie mit den Re­präsentanten und Mitgliedern der evangelischen Erweckungsbewegung vielfach verbunden. Beide haben sich – wohl oft mißverstehend – gegenseitig mannig­fach beeinflußt und auch durchdrungen. In einer gemeinsamen Frontstellung gegen die radikale Aufklärung stehend, drang man auf einen verinnerlichten und gelebten Christusglauben.

Quelle. Ulrich Gäbler, Der Pietismus im neunzehnten und zwanzigsten Jahrhundert, Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht, 2000, S. 85-111.


[1] Zur Problematik der Terminologie s. Aland, Inquisitionsprozeß, 110, Anm. 2.

[2] Schiel, Demeter, 345f.

[3] Schiel, Demeter, 347.

[4] S. bes. Aland, Inquisitionsprozeß. Aland stützte sich vor allem auf die Prozeßakten des Konstanzer Geistlichen Gerichts.

[5] Aland, Berlin, 133.

[6] Simon, Vertreibung.

[7] Simon, Vertreibung, 198.

[8] Z.B. Salat, Versuche.

[9] Z.B. Thalhofer, Beiträge.

[10] Zu Sailer s. bes. Georg Schwaiger, Johann Michael Sailer. Der bayerische Kirchen­vater, München/Zürich 1982 (Quellen u. Lit.); Georg Schwaiger u. Paul Mai (Hgg.), Johann Michael Sailer und seine Zeit, Regensburg 1982 (BGBR 19) (Lit.).

[11] Eine detaillierte Untersuchung der Sailerschule ist ein dringendes Desiderat.

[12] S. z.B. Gossner, Boos, 495f.: „Man zeiht mich aller Orten, daß ich von M[artin] L[uther] verführt worden sey, und seine Grobheit nachbete, aber man thut mir unrecht, ich habe den M. L. erst hier vor circa einem halben Jahre [d.h. etwa Sommer 1810] zu lesen angefangen, und ich mußte staunen, und Augen machen wie Wagen­räder, als ich sah, daß dieser Mann die h. Schrift gerade so anschaue und auslege, wie ich durch die erbarmende Gnade dieselbe anzuschauen gezwungen und getrieben bin.“

[13] Z.B. Heinrich Schmid, Geschichte der Katholischen Kirche Deutschlands von der Mitte des 18. Jahrhunderts bis in die Gegenwart, München 1874, 281-314.

[14] Z.B. Kantzenbach, Erweckungsbewegung, 27-46; Beyreuther, Erweckungs­bewegung, 32f.

[15] Z.B. Matthias Simon, Evangelische Kirchengeschichte Bayerns, Bd. 2, München 1942, 592-596; Max Spindler, Handbuch der bayerischen Geschichte, Bd. 2, Mün­chen2! 977, 997 u. Bd. 4/2, München 1979,918f. In dem neu erschienenen Handbuch der bayerischen Kirchengeschichte, hg. v. Walter Brandmüller, hat sie jedoch keine Berücksichtigung gefunden.

[16] Besonders hingewiesen sei auf die profunden Arbeiten von Dussler über Feneberg.

[17] Zur Biographie von Boos s. Gossner, Boos (Eine stark gekürzte Ausgabe erschien 1836 in St. Gallen unter dem Titel: Lebensgeschichte von Martin Boos, Prediger der Gerechtigkeit, die vor Gott gilt. Auszug aus seiner Selbstbiographie). In Goßners Boos-Biographie sind zahlreiche Briefe bzw. Brieffragmente und Tagebuchexzerpte von Boos eingerückt; deswegen kann die Forschung bis heute nicht auf sie verzich­ten. Ein Teil der Briefe bzw. Brieffragmente ist wiederabgedruckt in: Gesammelte Briefe von, an und über Martin Boos nebst Auszügen aus seinen Tagebüchern und sonstigem schriftlichen Nachlasse. Ein Nachtrag zu seiner Lebensgeschichte, hg. v. Friedrich Wilhelm Bodemann, o.O. 1854. Stark verkürzte und überarbeitete Ausgaben von Goßners Boos-Biographie erschienen von Heinrich Moritz Lincke (Leipzig 1837) und von Friedrich Wilhelm bodemann (Bielefeld 1854); sie sind wissenschaftlich irrelevant. Auszüge aus Goßners Boos-Biographie, allerdings nur dessen Wirksamkeit in Österreich betreffend, finden sich in den Sammlungen für Liebhaber christlicher Wahrheit und Gottseligkeit, Basel 1828, 14-24, 41-54, 106­115, 138-151, 205-215, 300-311; 1829, 42-53, 169-192, 233-248, 365-378. Eine bio­graphische Skizze bietet Hildebrand Dussler, Martin Boos, in: Lebensbilder aus dem bayer. Schwaben, Bd. 6, München 1958,406-421. Vgl. auch Weigelt, Boos. Im Bischöflichen Zentralarchiv Regensburg findet sich im Nachlaß Sailer ein Akt Boos (Nachlaßakt Sailer Nr. 159) mit Predigten, Briefen, Tagebuchaufzeichnungen, No­tizzetteln. Im Archiv des Evangelischen Diakoniewerkes Gallneukirchen befinden sich wichtige Boosiana. Besonders erwähnt seien die hier befindlichen Boos-Briefe an den lutherischen Pfarrer Johann Friedrich Bernhard Höchstetter in Eferding (Abschriften) und an die reformierte Kaufmannsfrau Anna Schlatter (geb. Bernet) aus St. Gallen (im Original).

[18] Vgl. Gossner, Boos, 26.

[19] Gossner, Boos, 28.

[20] Gossner, Boos, 27.

[21] Zu Feneberg s. vor allem Dussler, Feneberg. Von Dussler gibt es darüber hinaus eine Reihe bedeutender Artikel und Zeitschriftenbeiträge zu Feneberg; die wichtigsten sind genannt bei Hildebrand Dussler, Der Dillinger Gymnasialprofessor Johann Michael Feneberg und seine Schulplanreform im Jahre 1789, in: Dilingana 30 (1967), 11-17, hier 13.

[22] Gossner, Boos, 34.

[23] Zu Erdt u. zu Fischer s. Dussler, Feneberg, 143-151 u. 151-154.

[24] Hierüber s. Dussler, Feneberg, 139-161; Aland, Inquisitionsprozeß, 127-129.

[25] Hierzu u. zum Folgenden s. Gossner, Boos, 43-48.

[26] Zu Bayr s. Dussler, Feneberg, 82-85.

[27] Zu Silier s. Dussler, Feneberg, 101-102.

[28] Gossner, Boos, 44.

[29] Sailer, Fenebergs Leben, 114f. (= SW 77).

[30] Vgl. Dussler, Feneberg, 111.

[31] Zu Bach s. Dussler, Feneberg, 109-114.

[32] Aland, Geschichte, 651.

[33] Simon, Goßner, 391.

[34] S. hierzu und zum Folgenden Gossner, Boos, 50-52; vgl. Aland, Geschichte, 652f.

[35] Gossner, Boos, 51.

[36] S. Bericht von Abraham Brackenhofer an den vorgesetzten Dekan in Isny vom 6. Januar 1797, mitgeteilt in: Aland, Inquisitionsprozeß, 113-116; Ders. Geschichte, 652f.

[37] Sailer, Fenebergs Leben, 138 (= SW 92); vgl. Gossner, Boos, 60f.

[38] S. Hubert Schiel, Michael Feneberg und Xaver Bayr vor dem geistlichen Gericht in Augsburg, in: ZBKG 26 (1957), 163-192 u. Wiedemann, Bewegung, 297-303. Vgl. Sailer, Fenebergs Leben, 171-179 (= SW 113-118) („Meine Gesinnungen über unsere Richter“).

[39] Der Inquisitionsprozeß gegen Bach in Konstanz ist gut erschlossen und dokumen­tiert in: Aland, Inquisitionsprozeß, 116-139.

[40] Zu Ruoesch s. Dussler, Feneberg, bes. 128-130.

[41] Die wenigen Schriften Fenebergs, die vor seiner Erweckung entstanden sind (s. Dussler, Feneberg, 224-226), kommen hier nicht in Betracht. Aus der Zeit nach seiner Erweckung gibt es lediglich einige Predigten bzw. Predigtentwürfe und – dispositionen, Lieder und zwei Abhandlungen („Die gute Disziplin unter den Kapitularen“ und „Die Sittenverderbnis jetziger Zeiten“, 1806), eingerückt in: Sailer, Fenebergs Leben, 299-330, 350-372, 339-341 (= SW 197-219, 224-230, 231­243); neun Lieder von Boos finden sich in der 1812 in Kempten erstmals von Josef Fuchs anonym herausgegebenen Sammlung erbaulicher Lieder zum Gebrauch in christlichen Häusern. Zur Kenntnis der religiösen Welt Fenebergs sind seine zwi­schen 1801 und 1812 erstellten „Goldkörner“, 30 Oktavbände mit je 100 fremden und eigenen Sentenzen, wichtig; vorhanden im Bischöflichen Ordinariatsarchiv Regensburg, Sailer-Nachlaß; vgl. Dussler, Feneberg, 230-240.
Bezüglich der Boos-Predigten vermerkte schon Gossner in seiner Vorrede der von ihm herausgegebenen Predigten auf alle Sonn- und Festtage im Jahr, Bd. 1, Berlin 1830, VI: „Von den früheren, die er im Kemptischen und in Schwaben vor seiner Inquisition in Augsburg und vor seiner Auswanderung nach Oestereich gehalten hat, fand ich keine mehr“.

[42] Die Prozeßakten des Konstanzer Ordinariats sind erhalten; s. Aland, Geschichte, 651. Dagegen sind die Akten des Geistlichen Gerichtes in Augsburg im Zweiten Weltkrieg durch Bomben vernichtet worden; allerdings existieren davon Exzerpte, die vor 1944 u.a. von Schiel (Schiel, Demeter, 345, Anm. 3, u. Ders., Goßner, 168f., Anm. 18) angefertigt wurden.

[43] So z.B. „Grundsätze und Lehren, die Boos im Gefängnisse schrieb“, gedr. in: Gossner, Boos, 64-70.

[44] Über die wichtigsten theologischen Aspekte der Allgäuer Erweckungsbewegung in ihrer „frühen Gestaltung“ vgl. Thalhofer, Beiträge, 55-58.

[45] Sailer, Fenebergs Leben, 162f. (= SW 107).

[46] Zu Settele s. Dussler, Feneberg, 100f.

[47] Zu Langenmeyer s. Dussler, Feneberg, 118-124 u. Wiedemann, Bewegung, 290f.

[48] Zu Goßner s. Prochnow, Goßner; Dalton, Goßner; Walter Holsten, Johannes Evangelista Goßner. Glaube und Gemeinde, Göttingen 1949; Simon, Goßner, 389-405; Niels-Peter moritzen, Art. Goßner, in: TRE 13 (1984), 591-594. Der umfangreiche handschriftliche Nachlaß Goßners, den sein erster Biograph, Proch­now, 1859 und 1874 benutzt hat, muß „aller Wahrscheinlichkeit nach“ als verloren gelten; s. Aland, Berlin, 123f.

[49] Gossner, Boos, 424f.; vgl. Dalton, Goßner, 53f. Über Goßners Bekehrung s. auch seine Tagebuchaufzeichnungen von November 1797, mitgeteilt in Prochnow, Goßner 1, 46-53.

[50] Zu Demeter s. Erwin Gatz (Hg.), Die Bischöfe der deutschsprachigen Länder 1785/ 1803 bis 1945. Ein biographisches Lexikon, Berlin 1983, 122f. (Quellen u. Lit.!).

[51] Der Briefwechsel zwischen Goßner und Demeter ist gedr. in: Schiel, Demeter, 350-366.

[52] Als 1799 bei einer Hausdurchsuchung u.a. die Korrespondenz Goßners konfisziert wurde, bildete diese später die Grundlage für den Prozeß gegen Goßner.

[53] Über Schmid s. Hans Pörnbacher (Hg.), Christoph von Schmid und seine Zeit, Weißenhorn 1968.

[54] Christoph Schmid, Erinnerungen aus meinem Leben, 4 Bde., Augsburg 1853-1857, Bd. 1,126-168.

[55] Reinhart Wittmann, Literatur im Zeitalter der Aufklärung und im 19. Jahrhundert (1750-1885), in: Albrecht Weber (Hg.), Handbuch der Literatur in Bayern vom Frühmittelalter bis zur Gegenwart. Geschichte und Interpretationen, Regensburg 1987, 235-252, hier 244.

[56] S. Anm. 40.

[57] Hubert Schiel, Johann Michael Sailer, Leben und Briefe, Bd. 1, Regensburg 1848, 79f.

[58] Horst Weigelt, Johann Baptist von Ruoesch an Lavater. Aspekte einer ökumeni­schen Freundschaft, in: ZBKG 52 (1983), 29-44.

[59] Horst Weigelt, Claudius und Lavater, in: Jörg-Ulrich Fechner (Hg.), Matthias Claudius, Tübingen 1996 (WSA 21), 167f.

[60] Über die Wirksamkeit von Boos in der Diözese Linz s. Wiedemann, Bewegung, 304-397; Senoner, Boosianer, 3-160, bes. 6-21 (Lit.!).

[61] Brief: Boos an Joh. Fr. Bernhard Höchstetter, 16. August 1806, Archiv des Evange­lischen Diakoniewerkes Gallneukirchen.

[62] Vor allem die „Hauspost“ (im Original) mit seiner Stallmagd Franziska Nussbaumer von 1814 bis 1816 im Archiv des Evangelischen Diakoniewerkes Gallneukirchen.

[63] Brief: Boos an Joh. Fr. Bernhard Höchstetter, 15. September 1810, Archiv des Evangelischen Diakoniewerkes Gallneukirchen.

[64] Es handelt sich um die Altenburger (10 Bde., wobei Bd. 10 der Registerband ist; erschienen 1661-1664) oder – was wahrscheinlicher ist – um die Jenaer Ausgabe (8 Bde., erstmals erschienen 1555-1558, und 1 Registerband, erstmals erschienen 1563/64; alle Bände wurden bis zum Beginn des 17. Jahrhunderts wiederholt nach­gedruckt). Auch die lateinischen Werke Luthers (wohl die lateinische Reihe der Jenaer Ausgabe, 4 Bde., erstmals erschienen 1564-1570, wiederholt nachgedruckt), wollte Boos noch erwerben. Zu den hier erwähnten Luther-Ausgaben s. Eike Wolgast u. Hans Volz, Geschichte der Luther-Ausgaben vom 16. bis zum 19. Jahrhundert, in: WA 60, 429-637, bes. 622-633.

[65] Diese Predigt ist auszugsweise gedr. in: Gossner, Boos, 144-149. In dieser Predigt hatte er ausgeführt, daß der weitaus überwiegende Teil seiner Gemeinde noch nicht den „lebendigen Glauben“ wie Maria hätte. Vielmehr verließen sich die meisten auf ihre guten Werke und ihre Frömmigkeit. Sie wollten „ihre Sünden ohne lebendigen Glauben wegbeichten, wegwallfahrten, wegbrennen mit Wachskerzlein, wegwaschen mit Weih- und Dreikönigswasser“. Einige „Erweckungsgeschichten“ hat Boos im Sommer 1811 auf Bitten Sailers nur für ihn persönlich schriftlich festgehalten; s. Gossner, Boos, 227. Sie finden sich in dem wohl 1816 erstmals anonym von Gossner als Privatdruck herausgegebenen Werk: „Christus, das Ende des Gesetzes zur Gerechtigkeit einem Jeden, der da glaubt“. Über die Schrift s. Weigelt, Ausstrah­lung, 188-192; vgl. auch Schiel, Boos, 206-231 u. 173. Die zweite Auflage, publiziert in Nürnberg bei dem der dortigen Partikulargesellschaft der Deutschen Christentumsgesellschaft angehörenden Verleger Johann Philipp Raw, trägt den Titel: „Christus für uns und in uns, unsere Gerechtigkeit und Heiligung nach den Zeugnissen der Heiligen Schrift, der Väter und der ältesten und neuesten Erfahrung“. Daß Goßner der Herausgeber dieser Schrift war, ergibt sich aus seinem Brief an Spittler vom 30. September 1816; gedr. in: Prochnow, Goßner 1, 260-263.

[66] Brief: Boos an Joh. Fr. Bernhard Höchstetter, 7. September 1810, Archiv des Evangelischen Diakoniewerkes Gallneukirchen.

[67] Über den Prozeß von Boos s. Wiedemann, Bewegung, 325-346; die Zitate finden sich 325f.

[68] S. Wiedemann, Bewegung, 346.

[69] Brief: Boos an Joh. Fr. Bernhard Höchstetter, o. D. [Januar 1812], Archiv des Evangelischen Diakoniewerkes Gallneukirchen.

[70] Brief: Boos an die Landesregierung, 20. Januar 1816, Archiv des Evangelischen Diakoniewerkes Gallneukirchen.

[71] Diese „Allerhöchste=Hof=Entschließung“ vom 19. November 1812 ist mitgeteilt in: Gossner, Boos, 280-282.

[72] Über Gumppenberg s. Anm. 102.

[73] Boos korrespondierte seit 1814 mit Anna Schlatter-Bernet; s. Schlatter-Bernet, Leben und Briefe, LXIII-LXIV. Über den Anlaß des Briefwechsels Schlatter- Bernets mit Boos s. ihr Schreiben an Waldhäuser vom 1. August 1815, gedr. in: Anna Schlatter-Bernet, Briefe an ihre Freunde, hg. v. F. M. Zahn, Elberfeld 1864, 395-398.53 Originalbriefe von Boos an Schlatter aus den Jahren 1814 bis 1824 finden sich im Archiv des Evangelischen Diakoniewerkes Gallneukirchen.

[74] S. Brief: Boos an Joh. Fr. Höchstetter, [28. März 1815], Archiv des Evangelischen Diakoniewerkes Gallneukirchen: „Heute den 28ten März Vormitag 9 Uhr trat H. Dechant von Freystadt ganz unvermuthet, wo ich eben an heftigen Seitenstechen zu Bett lag, zu Thür herein u. sagte mir am Bett, daß er vom hochw. Consistorio u. der K. K. Polizei den Auftrag habe, mir alle Correspondenz an meine Freunde wegzu­nehmen u. diese einzuliefern“. Gossner, Boos, 308 (aus einem Brief von Boos an Anna Schlatter-Bernet): „G[um]p[pen]b[er]gs Besuch erregte den Verdacht, ob wir nicht mit Napoleon verstanden seyen. Daher der Brief=Raub, das Verhör“.

[75] Hierzu u. zum Folgenden vgl. Georg Loesche, Martin Boos’ letzter Prozeß in Österreich auf Grund der Archivalien zu seinem 150. Geburtsjahre, in: FS zum 70. Geburtstage von Theodor Brieger, Aus Deutschlands kirchlicher Vergangenheit, Leipzig 1912, 189-222, hier 189 u. 222.

[76] Gossner, Boos, 307.

[77] Brief: Boos an die Landesregierung, 20. Januar 1816, Archiv des Evangelischen Diakoniewerkes Gallneukirchen. Die folgenden Zitate ebd.

[78] Bezüglich des Korrespondentenkreises s. Ausweiß des Pfarrers von Gallneukirchen Martin Boos über seine gehabte Correspondenzen in Aus- und Inlande, Archiv des Evangelischen Diakoniewerkes Gallneukirchen.

[79] Gossner, Boos, 365.

[80] Von seinen Anhängern in Gallneukirchen konnten nach seinem Weggang bis zum Jahre 1826 lediglich etwa 34 zum evangelischen Bekenntnis übertreten; erst 1847 bis 1849 wurde weiteren Boosianern der Übertritt zum Protestantismus erlaubt. Bezüg­lich der frühen Konversionsbemühungen s. Briefe: Boos an Friedrich Hofmann, 3. Januar 1823, und Friedrich Kotschy an Wilhelmine von der Heydt, 24. Mai 1825, Archiv des Evangelischen Diakoniewerkes Gallneukirchen. In diesem Archiv findet sich auch ein Konvolut „Zeugnisse der katholischen Pfarrämter über den erteilten 6wöchentlichen Religions-Unterricht und über die erfolgte Entlassung aus der röm. kath. Kirche“. 1872 wurde die evangelische Gemeinde zu Gallneukirchen gegrün­det. 1874 konstituierte sich hier der „Verein für Innere Mission“. Hierüber s. Senoner, Boosianer, 22-160.

[81] Brief: Boos an Anna Schlatter, 4. Juni 1816, Archiv des Evangelischen Diakonie­werkes Gallneukirchen.

[82] Hierzu u. zum Folgenden s. Schiel, Demeter, 348.

[83] S. Schiel, Boos, 160 u. Schiel, Goßner, 169f.

[84] Bezüglich des Prozesses gegen Goßner s. Schiel, Goßner, bes. 175-206. Vgl. Dalton, Goßner, 77-84.

[85] Abgedruckt bei Thalhofer, Beiträge 70-73 u. Schiel, Goßner, 206-208. Das folgen­de Zit. findet sich 70 bzw. 206.

[86] Bezüglich dieser Reise vgl. Goßners Aufzeichnungen, auszugsweise mitgeteilt bei Prochnow, Goßner 1, 82-90.

[87] Zu Bauberger s. Dussler, Feneberg, passim.

[88] Hierzu u. zum Folgenden s. Salat, Versuche, 430-432.

[89] Vgl. Dalton, Goßner, 125-135 u. Staehelin, Aufenthalt in Basel.

[90] Leben heiliger Seelen. Ein Auszug aus Gerhard Tersteegens auserlesene Lebensbe­schreibung heiliger Seelen, 2 Bde., München 1814 u. 1815.

[91] Brosamen aus den Schriften eines Gesalbten, Philadelphia 1816.

[92] Über Goßners Bibelübersetzung s. Hamann, Biedermeier, 51f. u. 56-58.

[93] Später unter dem Titel: Das Erbauungs-Buch der Christen, oder die heiligen Schrif­ten des Neuen Bundes mit Erklärungen und Betrachtungen.

[94] Die Kupfer wurden übernommen aus dem 1732 in Würzburg erschienenen Werk: „Geistlicher Sittenspiegel, in welchem jeder heilsbegierige Christenmensch sich ersehen, den Stand seiner Seele erkennen und seinen Lebenswandel nützlich darnach einrichten kann“. Vgl. hierzu hans Jürgen schrader, Vom Heiland im Herzen zum inneren Wort. „Poetische“ Aspekte der pietistischen Christologie, in: PuN 20 (1994), 55-74, bes. 62, Anm. 27.

[95] S. Staehelin, Christentumsgesellschaft 1-2, passim. Im Spittler-Archiv, deponiert im Staatsarchiv Basel, sind von 1808 bis 1833 insgesamt 180 Briefe Goßners (SpA,V,l 1) erhalten.

[96] S. Diasporaberichte aus dieser Zeit im UAH.

[97] S. Abschn. 3.

[98] Zu Lindl s. bes. Turtur, Bewegungen, 12-68 (Lit!). Ein Verzeichnis der gedruckten Werke Lindls findet sich in Beil. I, 1-5.

[99] Ringseis, Erinnerungen, 324.

[100] S. Hamann, Biedermeier, 58.

[101] Hierzu u. zum Folgenden s. Ignaz Lindl, Der Kern des Christenthums in fünf Predigten, 3. Aufl., Dillingen o.J.; die folgenden Zitate finden sich auf den Seiten 56, 60 u. 29.

[102] S. Hubert von Gumppenberg (Hg.), Geschichte der Familie von Gumppenberg von Ludwig Albert Freiherrn von Gumppenberg, 2. Aufl., München 1881, 514f.

[103] Ringseis, Erinnerungen, 100.

[104] Brief: Goßner an Spittler, Pfingstsonntag 1815 (14. Mai 1815): „Er hat Zinzendorfs Schriften gelesen und die haben ihn ganz eingenommen für die Brüdergemeine. Sein einziger Wunsch wäre, auch eine solche Gemeinde zu bilden, oder wenn er hier nicht solches zu Stande bringt, selbst in eine Gemeinde zu gehen“; in: Prochnow, Goßner 1,230-237, hier 235f.

[105] S. Schlatter-Bernet, Leben und Briefe, LXVII-LXXIII. Auf ihrer Reise nach Barmen im Sommer 1821 kam es dann nochmals in Sayn zu einer persönlichen Begegnung mit Boos (CVIf.).

[106] S. Gossner, Boos, 375.

[107] S. die Diasporaberichte R. 19. B. k. 11-13, die sich in den Beständen der Brüder-Unität Herrnhut finden. Die ersten Kontakte reichen allerdings schon bis in die Anfänge der Allgäuer Erweckungsbewegung zurück. Die Diasporaarbeiter sind mit deren führenden Gestalten auf ihren Besuchsreisen zusammengetroffen.

[108] S. Erich Schick, Gossner und Christentumsgesellschaft, in: EMM 85 (1941), 70-80 u. 116-124; Staehelin, Aufenthalt in Basel.

[109] Dalton, Goßner, 114f.

[110] Z.B. Sammlungen für Liebhaber christlicher Wahrheit und Gottseligkeit, Basel 1817, 56-59.

[111] Simon, Goßner, 398. Vgl. Brief: Boos an Anna Schlatter-Bernet, 1817, Archiv des Evangelischen Diakoniewerkes Gallneukirchen: „Im Vaterland ist nicht nur keine Anstellung mehr zu hoffen, sondern es ist Gefahr sogar vertrieben zu werden, weil der Minister drohte, er werde nicht ruhen, bis diese Sekte ganz vertrieben u. ausge­rottet sey“.

[112] Gossner, Boos, 376.

[113] Hierzu u. zum Folgenden s. Schiel, Boos.

[114] Gossner, Boos, 771-777 (Brief vom 2. November 1823), hier 771 u. 776.

[115] Brief: Boos an Friedrich Hofmann, 3. Januar 1823, Archiv des Evangelischen Diakoniewerkes Gallneukirchen. Die folgenden Zitate ebd.

[116] Brief: Boos an Friedrich Hofmann, 10. Mai 1825, Archiv des Evangelischen Diakonie­werkes Gallneukirchen.

[117] Über Goßners Wirken in St. Petersburg s. Ernst benz, Johannes Gossners Tätigkeit in Russland, in: EvOst 8 (1935), 21-24.

[118] Hierzu u. zum Folgenden s. Turtur, Bewegungen, 40-121. Die Zitate finden sich 51 u. 52.

[119] Litteraturzeitung für katholische Religionslehrer 11/2 (1820), 129-170, hier 134. Diesem „Pastoral=Schreiben“ bezüglich „der neuen schwärmerischen after-mysti­schen Lehren und Sekten“ ist ein Verzeichnis von 55 Schriften beigegeben, „welche von der aftermystischen Sekte in Umlauf gebracht werden“ (171-176). Vgl. Thalhofer, Beiträge, 58f.

[120] Litteraturzeitung für katholische Religionslehrer 14/3 (1823), 97-113; hier 111. Vgl. Thalhofer, Beiträge, 62 u. 73. Übrigens wurde Völk 1826 auf Fürsprache Sailers hin wieder in die römisch-katholische Kirche aufgenommen und erhielt das Benefiziat in Immenstadt. Vgl. hierzu auch Jocham, Memoiren, passim.

[121] Allerdings hatten sich auch schon vor diesen kirchlichen und staatlichen Maßnah­men immer wieder Anhänger der Allgäuer Erweckungsbewegung von ihr losgesagt. So kündigte beispielsweise Expositus Anton Bach 1811 Boos die langjährige Freund­schaft auf und der Arzt Johann Nepomuk Ringseis, der 1816 „lieber unter die Knechte und Mägde in Baindlkirch gehen [wollte], als unter den Heiden und Pharisäern hier [in München] zu leben“ (Ringseis, Erinnerungen, 334), wurde schon wenige Monate später reservierter gegenüber den Erweckten.

[122] S. Jocham, Memoiren, bes. 35-98. Vgl. Johannes Zinkl, Magnus Jocham. Johannes Clericus. 1808-1893. Ein Beitrag zur Geschichte der katholischen Theologie und Frömmigkeit im neunzehnten Jahrhundert, Freiburg im Breisgau 1950, 23-89; Hildebrand Dussler, Die Allgäuer Erweckungsbewegung in der Sicht des Freisin­ger Moralprofessors Magnus Jocham, in: Forschungen zur bayerischen und schwä­bischen Geschichte, hg. v. Adolf W. Ziegler, München 1961 (B ABKG 22,1), 48-50.

[123] Jocham, Memoiren, 44.

[124] Carl Friedrich Enkelmann, Ein Leben lang auf Reisen. Eingel. u. bearb. v. Frieder Vollprecht, Herrnhut 1992 (Lebensbilder aus der Brüdergemeine 2).

[125] Gegen Aland, Berlin, 119, der in der „bayerischen“ Erweckungsbewegung „die Wurzel der Berliner und norddeutschen Erweckungsbewegung“ sah.

[126] Maser, Kottwitz, 142.

[127] S. Ringseis, Erinnerungen, 323-337.

[128] Gerlach, Aufzeichnungen, 97: „T. B. 1. Juli 1816… In Berlin fingen bald nach dieser Reise die Briefe des Dr. Ringseis an unsere Aufmerksamkeit zu erregen, durch die Nachrichten über die Gossner-Boosschen Erweckungen in Baiern“.

[129] S. Aland, Berlin, 120.

[130] S. Aland, Berlin, 120.

[131] S. Aland, Berlin, 120.

[132] Vgl. Maser, Kottwitz, 147.

[133] Dussler, Feneberg, 215.

[134] Hierzu u. zum Folgenden s. Petrich, Thadden.

[135] Petrich, Thadden, 52.

[136] Eine eindrückliche Schilderung vom dortigen religiösen Leben findet sich in Ger­lach, Aufzeichnungen, 131f.

[137] Hierüber s. Gerlach, Aufzeichnungen, passim.

[138] Johanna von Puttkamer, die sich 1847 mit Otto von Bismarck verheiratete, gehörte zum engeren Trieglaffer Freundeskreis.

[139] Das Schloß Jänkendorf in Schlesien gehörte dem Grafen Heinrich XXXVIII. Reuß, wo am 23. Juli 1826 Goßners Konversion zur evangelischen Kirche erfolgte.

[140] S. Oehler, Geschichte, 203-208.

[141] Johannes Aagaard, Mission, Konfession, Kirche. Die Problematik ihrer Integrati­on im 19. Jahrhundert in Deutschland, Bd. 1, Lund/Ärhus 1967, 185.

[142] Hierzu u. zum Folgenden s. Weigelt, Ausstrahlung. Vgl. auch Horst Weigelt, Die Allgäuer katholische Erweckungsbewegung und Aloys Henhöfer, in: Schwinge, Erweckung, 25-43.

[143] Aloys Henhöfer, Lebenslauf (September 1860), erstmals veröffentlicht in Eckhard Hagedorn, Henhöfers autobiographische Rückblicke, in: ThBeitr 20 (1989), 149-164, hier 156.

[144] S. Weigelt, Ausstrahlung, 180f.

[145] S. Gossner, Boos, 215f.

[146] S. Walter Hahn, Der „Verlag der Raw’schen Buchhandlung“ und die Deutsche Christentumsgesellschaft in Nürnberg (1789-1826), in: ZBKG 45 (1976), 83-171 u. Ders., Verlag und Sortiment der Joh. Phil. Raw’schen Buchhandlung in Nürnberg unter Johann Christoph Jacob Fleischmann 1827-1853, in: ZBKG 48 (1979), 71-175.

[147] Zu Ried s. Dussler, Feneberg, 126f.

[148] S. Georg pickel, Christian Krafft. Professor der reformierten Theologie und Pfarrer in Erlangen. Ein Beitrag zur Geschichte der Erweckungsbewegung in Bayern, Nürnberg 1925 (EKGB 2), 44; Wilhelm H. Neuser, Pietismus und Erweckungs­bewegung – der bayrische Erweckungstheologe Christian Krafft (1784-1845), in: PuN 3 (1977), 126-141.

[149] Vgl. Heiko Haumann, „Das Land des Friedens und des Heils“. Rußland zur Zeit Alexanders I. als Utopie der Erweckungsbewegung am Oberrhein, in: PuN 18 (1992), 132-154.

[150] Hierzu u. zum Folgenden s. Turtur, Bewegungen, 164-186.

[151] Über Lindls Wirken in der Ukraine und Bessarabien s. Heinrich Roemmich, Ignaz Lindl. Ein Beitrag zur Geschichte der Deutschen Bessarabiens, Leipzig 1927 (EvDia.B 14); Gottfried Fittbogen, Ignaz Lindl und die Gründung der christlichen (über­konfessionellen) Gemeinde Sarata in Bessarabien. Ein Beitrag zur auslanddeutschen Kirchengeschichte, in: ThBl 7 (1928), 197-201; Hans Petri, Ignaz Lindl und die deutsche Bauernkolonie Sarata in Bessarabien, in: SODA 8 (1965), 78-112.

[152] Nach der Ausweisung Lindls schloß sich die Kolonie Sarata der evangelisch-lutherischen Kirche Rußlands an. Im Zuge der Revolution ist die Siedlung Sarata schließlich untergegangen.

[153] Vgl. Ignaz Lindl, Mein Glaubens=Bekenntniß, ausgesprochen über 1 Corinth. 3, 11, Leipzig 1824.

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