Rudolf Bultmann – eine persönliche Annäherung aus Anlass seines 50. Todestages am 30. Juli 2026
Von Albrecht Grözinger
Elternhaus
Rudolf Bultmann ist bereits Jahre bevor ich ein Theologiestudium in Tübingen begann in mein Leben getreten. Aufgewachsen in einem volkskirchlichen Elternhaus mit pietistischer Tradition (und zwar gelebter pietistischer Tradition!) im weiteren Umfeld meiner Verwandtschaft, war ich von Kindheit an mit Diskussionen über Kirche und Theologie vertraut. Irgendwann Mitte der 1960er-Jahre tauchte dabei der Name Rudolf Bultmann immer häufiger auf. Im Fernsehen gab es hitzige und kontroverse Diskussionen. Ja – das war damals so, vor allem im ZDF gab es Sonntagabends regelmäßig halbstündige theologische Diskussionen auf hohem Niveau. Und dabei ging es immer öfters um Rudolf Bultmann und sein Programm der Entmythologisierung. Verstärkt wurde diese mediale Präsenz durch die 1966 gegründete Bekenntnisbewegung „Kein anderes Evangelium“, die sich Rudolf Bultmann zum Hauptgegner erkoren hatte. Aus der Rückschau gesehen ein durchaus ironischer Tatbestand: Wahrscheinlich war die Bekenntnisbewegung der Turbo, durch den Bultmann einer breiteren Öffentlichkeit bekannt wurde. In der kirchlichen Internatsschule in Maulbronn und Blaubeuren war Rudolf Bultmann herausgehobenes Thema des Religionsunterrichts. Dort las ich auch die ersten kleinen Aufsätze von Bultmann. Und für eine kleine Preisarbeit schrieb ich zusammen mit einem Schulfreund an Rudolf Bultmann mit der Bitte um Auskunft, worin die Verantwortlichkeit des Theologen bestünde. Bultmann hat uns eine ganze Seite dazu geschrieben. Ich halte dieses Dokument noch heute in großen Ehren.
Tübingen
Als ich dann im Sommersemester 1969 mein Theologiestudium an der Universität in Tübingen begann, wartete dort bereits „Rudolf Bultmann“ auf mich. Eines der ersten theologischen Bücher, die ich mir in Tübingen erwarb, war der erste Band von Bultmanns vierbändiger Aufsatzsammlung „Glauben und Verstehen“. Diese vier Bände gehören heute noch zu denjenigen theologischen Büchern, nach denen ich immer wieder greife.
Personal begegnete mir „Bultmann in Tübingen“ in Gestalt eines seines prominentesten Schülers – Ernst Käsemann. Käsemann hatte sich in seiner kleinen Streitschrift „Der Ruf der Freiheit“ höchst polemisch mit der Bekenntnisbewegung „Kein anderes Evangelium“ angelegt. Groß waren meine Erwartungen, als ich dann zum ersten Mal eine Vorlesung bei Käsemann besuchte. Es war die Vorlesung „Auslegung des Matthäusevangeliums“.
Käsemann – und daran erinnere ich mich noch genau – begann seine Vorlesung mit den Worten: „Wer gekommen ist, weil er hier Sensationen erwartet, ist fehl am Platz. Hier wird hart exegetisch gearbeitet.“ Ich fühlte mich ertappt. Und es war dann auch so, wie Käsemann ankündigte.
Mainz
Ein ganz anderer „Bultmann“ begegnet mir dann, als ich im 4. Semester an die Theologische Fakultät Mainz wechselte. Dort „hauste“ – wenn ich so sagen darf – der radikale Flügel der Bultmann-Schule: Herbert Braun, Manfred Mezger und Gert Otto. Sie drehten an der Schraube der Entmythologisierung noch um wesentliche Grade weiter, als sich das Bultmann wohl selbst gedacht hatte. Gott als „Chiffre für Mitmenschlichkeit“ war die berühmte, hoch umstrittene Formulierung von Herbert Braun. Und dann kam Dorothee Sölle als theologische Lehrerin nach Mainz, die mit ihrem kleinen Büchlein „Politische Theologie. Eine Auseinandersetzung mit Rudolf Bultmann“ diesem eine entpolitisierende Individualisierung der biblischen Botschaft vorwarf. Zur gleichen Zeit dekonstruierte Gert Otto im Zeichen der Rhetorik das Predigtverständnis Bultmanns als theologisch hypertroph. „Wider den Mythos der Verkündigung“ – lautete der Titel eines Aufsatzes von Gert Otto aus dieser Zeit. Eine Entmythologisierung des Entmythologisierers Rudolf Bultmann gewissermaßen. Ich selbst beteiligte mich daran. „Der Begriff der Verkündigung bei Rudolf Bultmann“ lautete meine systematisch-theologische Seminararbeit, in der ich ganz auf den Spuren meines Lehrers Gert Otto wandelte. In den Lehrveranstaltungen von Luise Schottroff dagegen – dies möchte ich ausdrücklich feststellen – hörte ich kaum ein kritisches Wort zu Rudolf Bultmann. Sie hat immer mit großem Respekt, wohl auch mit Bewunderung über ihn gesprochen.
Im Pfarramt: Bultmann praxisnah
In meinen Jahren des Vikariats und des Pfarramts wartete wiederum ein anderer Rudolf Bultmann auf mich. Jetzt galt es sonntags auf der Kanzel „existentiale Interpretation“ konkret werden zu lassen. Es war weniger der Exeget Bultmann (seinen Kommentar zum Johannes-Evangelium finde ich heute noch sehr mühsam zu lesen), der mir jetzt an die Seite trat, als vielmehr der Prediger Rudolf Bultmann. Bis auf den heutigen Tag nehme ich den Band mit den „Marburger Predigten“ gerne zur Hand. Dies hatte dann auch Auswirkungen bis in meine späteren Homiletischen Seminare hinein. Nach kontroversen Diskussionen, vor allem mit evangelikal orientierten Studentinnen und Studenten, sagte ich oft den Satz: Lesen Sie Bultmanns Predigten und Andachten und bilden Sie sich dann ein Urteil.
Beim Vorbereiten der Predigt und auf der Kanzel wurde mir ein Satz von Rudolf Bultmann ganz konkret: „…will man von Gott reden, so muß man offenbar von sich selbst reden“. Der Satz stammt aus dem frühen Aufsatz Bultmanns aus dem Jahre 1925 „Welchen Sinn hat es, von Gott zu reden?“, der noch ganz den Geist der frühen Wort-Gottes-Theologie atmet. Erst aus der Rückschau sehe ich, welche Bedeutung dieser Aufsatz für die weitere Entwicklung meines theologischen Denkens bekommen hat. Warum muss man, wenn man von Gott reden will, vom Menschen und das heißt immer auch von sich selbst reden? Weil der Gott, wie er uns in den biblischen Erfahrungsgeschichten überliefert ist, kein ferner Gott auf einem fernen Olymp ist. Es ist die biblische Gottesgeschichte selbst, die uns lehrt, dass Gott nicht ohne die Menschen sein will. Er ist auf die Menschen bezogen vom ersten bis zum letzten Kapitel der Bibel. Dies – und auch das habe ich bei Bultmann – gelernt, kann nicht einfach behauptet werden. Sondern es muss in einer Weise auf die konkreten Lebensgeschichten bezogen sein, dass die Menschen diese Botschaft in der Mitte ihres Lebens als lebensdienlich erfahren können – „existentiale Interpretation“ eben!
Im universitären Lehramt
Im Hörsaal – sei‘s in Mainz, Heidelberg, Wuppertal oder Basel – stand dann noch einmal ein anderer Rudolf Bultmann neben mir, oder ich sage doch vielleicht besser: überlebensgroß hinter mir. Jetzt galt es seine Theologie einzuordnen, ja auch zu bewerten. Vieles was Bultmann dachte, kann heute nur mehr gebrochen aufgenommen werden. Wer Hans Blumenbergs Buch „Arbeit am Mythos gelesen hat“, wird Bultmanns Verständnis des Mythos als zu eng gefasst erkennen. Seine These, man könne von Jesus von Nazareth eigentlich kaum etwas historisch einigermaßen Gesichertes wissen, ist bereits in seinem engsten Schülerkreis auf Widerspruch getroffen. Und seine weitreichende These, Jesus von Nazareth, gehöre zu den Voraussetzungen einer Theologie des Neuen Testaments und nicht zu deren eigentlichem Inhalt, wirkt angesichts der theologischen Neubestimmung des Verhältnisses von Judentum und Christentum antiquiert, ja krass. Dabei hätte er gerade dies besser wissen können. Im Gegensatz zu Karl Barth, für den „Israel“ zwar eine theologisch positiv besetzte, aber letztlich abstrakte Größe war, pflegte Bultmann persönlichen Austausch mit seiner zeitgenössischen gelehrten jüdischen Welt – allen voran Hans Jonas und Hannah Arendt.
Bultmanns Aufsätze „Welchen Sinn hat es, von Gott zu reden“ (1925) und der wirkungsgeschichtlich sehr viel bedeutendere Vortrag „Neues Testament und Mythologie“ (1941), in dem er das eigentliche Programm von Entmythologisierung und existentialer Interpretation entwickelt, gehörten zur Standardliteratur meiner Homiletischen Vorlesungen und Seminare.
Was bleibt?
Bultmann ist mit Sicherheit der Theologe, der mich die längste Zeit in meiner sich nun allmählich ihrem Ende zuneigenden intellektuellen Biografie begleitet hat. Über sechzig Jahre sind dies nun bereits geworden. Karl Barth ist in dieser Intensität erst sehr viel später wirksam geworden.
Ich möchte meine kleine erinnernde Annäherung an Rudolf Bultmann mit einer kleinen Anekdote beschließen. Ich hatte das große Glück, Rudolf Bultmann persönlich kennenzulernen und zu erleben. Er war zu Besuch bei Manfred Mezger in Mainz. Und Mezger lud einige von uns Studierenden zu einem abendlichen Treffen mit Bultmann in seine Wohnung in Mainz-Gonsenheim ein. Anwesend waren auch alle unsere bewunderten theologischen Lehrer und die eine Lehrerin: Manfred Mezger, Herbert Braun, Gert Otto, Willy Schottroff und Luise Schottroff. Wir Kleinen sagten eigentlich nichts, sondern saßen nur mit gespitzten Ohren da, während die Erwachsenen redeten. Der Abend wurde länger, und die Diskussionen heftiger. Und Manfred Mezger war dafür bekannt, dass je engagierter er diskutierte, umso lauter seine Stimme wurde. Plötzlich unterbrach ihn Rudolf Bultmann mit seiner leisen, aber klaren vom Oldenburger Dialekt getragenen Stimme: „Aber das Schreien, das wollten wir doch den Deutschen Christen überlassen, nicht wahr, Herr Mezger.“
Dieser Satz ist mir zum Sinnbild für Rudolf Bultmann geworden. Er war die sanfte, bescheidene und zugleich klare Stimme der deutschsprachigen Theologie des 20. Jahrhunderts.
Dr. Albrecht Grözinger ist emeritierter Professor für Praktische Theologie an der Theologischen Fakultät der Universität Basel und Pfarrer der Evangelischen Landeskirche in Württemberg.