Von Martin Niemöller
Meine sehr verehrten Damen und Herren!
Das Thema, über das ich am heutigen Nachmittag vor Ihnen hier sprechen soll, ist mir gegeben mit den Worten: »Der Weg ins Freie«. Dieses Thema macht eine stillschweigende Voraussetzung, die Voraussetzung nämlich, daß wir noch nicht hindurchgedrungen sind bis ins Freie, und dabei mag sich nun jeder sein Teil denken. Daß wir kein freies Volk heute sind, daß der Weg bis dahin vielleicht noch sehr, sehr weit ist, daß sich auf diesem Weg vielleicht noch Hindernisse einstellen, die das Ziel immer wieder in die Ferne rücken lassen, wer wollte sich darüber täuschen. Und trotzdem liegt in dieser Feststellung, daß wir noch nicht bis ins Freie durchgedrungen sind, die große Gefahr, daß wir uns täuschen, daß wir die Hindernisse, die uns von der Freiheit trennen, an einem ganz verkehrten Platz suchen, vielleicht verhältnismäßig leicht zu nehmende Hindernisse sehr schwer machen und vielleicht ganz ernste Hindernisse überschauen. Und wenn ich, meine verehrten Anwesenden, als ein Pastor zu diesem Thema sprechen soll, dann kann ich das gar nicht anders tun, als in dem Hinweis auf die Schwere der Hindernisse, die heute vielfach auf die leichte Schulter genommen werden. Wir haben’s einmal erlebt nach dem ersten Weltkrieg, daß wir gemeint haben und dann darnach gehandelt haben, als brauchte man nur wieder kräftig Hand ans Werk zu legen, dann würde der Durchbruch durch alle Hindernisse, die uns von der Freiheit trennten, schon gelingen, und doch hat vielleicht gerade in dieser geistigen Haltung von 1918, wenn man nicht noch weiter zurückgehen will, schon wieder der Ansatz gelegen zu dem, was vor unseren Augen und in unseren Tagen über uns gekommen ist.
Der Weg ins Freie. Ja, was gehört nun eigentlich dazu, daß wir ins Freie durchdringen? Wann sind wir denn eigentlich wieder frei? Wenn wir unsere wirtschaftliche, politische, eventuell sogar militärische Selbständigkeit – denn an solche Dinge denken die Menschen heute immer noch zuerst – wieder gewonnen haben werden!? Aber: Waren wir denn in den letzten 12, 13 Jahren frei? Liebe Brüder und Schwestern – so darf ich wohl als Pastor sagen –, da liegt’s ja gerade, daß man uns vorgeredet hat, und wir haben nur zu leicht geglaubt, man könnte mit dem Anfang, der 1933 gemacht wurde, tatsächlich ein freies deutsches Volk schaffen und bekommen, sichern und behalten. Unsere Unfreiheit ist nicht die Unfreiheit des Zusammenbruchs im Jahre 1945, des Zusammenbruchs, der ja weit schon zurückdatiert vor dieses Datum, sondern diese Unfreiheit hat uns begleitet und hat uns immer mehr in ihren Bann geschlagen, als wir einmal Ja gesagt hatten, wo wir nicht hätten Ja sagen dürfen in einem Augenblick, wo wir meinten, ein altes biblisches Wort hätte für unser deutsches Volk seinen Sinn und seine Mahnung und Warnung verloren, das Wort Jesu von Nazareth: »Was hülfe es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewänne und nähme doch Schaden an seiner Seele?« [Mt 16,26] Denn darum geht es, daß wir gemeint haben, wir könnten einmal unsere Seele verkaufen und darüber die ganze Welt gewinnen und in der gewonnenen Welt als ein freies Volk leben. Aber wer seine Seele verkauft, ist nicht frei. Davon zeugt die christliche Botschaft, davon zeugt der geistige Mensch, der auf dem Boden, da diese Botschaft als Samenkorn ausgestreut wurde, gewachsen ist, bis hin zum deutschen Idealismus. Wo liegt eigentlich der Punkt, an dem man widerstehen muß, wenn man nicht die Freiheit hoffnungslos preisgeben will, die Freiheit, die keine Macht der Welt wieder herstellen kann?
Verehrte Anwesende! Diese Frage läßt sich mit einem Wort beantworten. Dieses eine Wort heißt Verantwortung im Sinne letzter persönlicher Verantwortung. Wo die persönliche Verantwortung negiert und dahinten gelassen wird, gibt es keine Freiheit mehr. Und wenn wir die persönliche Verantwortung nicht wieder gewinnen, wird sich uns der Weg ins Freie niemals wieder erschließen. Verantwortung, das meint, daß ich mit meinen Ohren und mit meiner Seele einen Ruf höre, der an mich ganz persönlich ergeht, und daß ich ganz persönlich auf diesen Ruf antworte. Dieser Ruf kann von allen möglichen Ecken kommen. Er kommt am unmittelbarsten zu mir in dem Menschen, der als Mensch meinen Weg, meinen Menschenweg kreuzt. Der Bruder Mensch, der in mein Leben tritt, ist eine Frage, auch wenn er keine Fragen stellt, auf die ich zu antworten habe. Und das ist vielleicht der letzte und tiefste Punkt echter Verantwortung. Und wir wissen, was aus dieser Verantwortung bei uns geworden, nein, gemacht worden ist. Ich hab’s ja in meiner Praxis erlebt, was man so nennt anständige Leute unter den Wachmannschaften der SS im KZ, Leute, die da ganz gern einmal hie und da von ihrem Zigarettenüberschuß ihren Gefangenen abgaben, und für die doch die Frage nicht mehr hörbar war, auf die sie persönlich hätten antworten müssen, denen es nichts mehr machte, ob sie den Gefangenen, dem sie morgens eine Zigarette gegeben hatten in animalischer Gutmütigkeit, am selben Nachmittag am Galgen aufknüpften. Denn der Mensch war keine Frage mehr an sie. Die Fragen waren ja alle gelöst. Eine persönliche Antwort brauchten sie nicht mehr zu geben. Denn die Antwort war vorweg genommen durch eine andere freiwillig übernommene Autorität, oder sagen wir es in aller Deutlichkeit: in einer freiwillig übernommenen Knechtschaft, und zwar in einer Knechtschaft, die keine Hoffnung auf Freiheit irgendwo mehr ließ. Und da, wo diese persönliche Verantwortung, die der Mitmensch bedeutet, negiert wird, da ist es dann zu Ende, nicht nur mit der Freiheit des einzelnen, da ist es zu Ende mit allen Hoffnungen eines ganzen Volkes, das sich auf diese Wege begeben hat oder hat verführen lassen. Und der Weg ins Freie kann nicht wieder gefunden werden, bis nicht diese Verantwortung wieder gefunden ist.
Was hülfe es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewänne und hörte doch den Ruf nicht mehr, der als ein absoluter Ruf Antwort heischend aus dem Menschen, der seinen Weg kreuzt, zu ihm kommt und auf die er selber antworten muß? Von daher verstehen wir vielleicht in einer ganz neuen Beleuchtung das Wort: »Man muß Gott mehr gehorchen denn den Menschen.« [Apg 5,29] Denn Gottes Ruf, der Gehorsam fordert, kommt zu mir in dem Mitmenschen, der als Frage vor mir steht. Da habe ich zu antworten, und diese Antwort und diesen Gehorsam kann mir kein Mensch abnehmen. Sehen Sie, verehrte Anwesende, um es ganz kurz zu sagen (und ich bin ein einfacher Mann in diesen Dingen und sehe nur eine Linie wirklich klar): da liegt der Verlust der Freiheit, daß der Wille eines Menschen oder eines Systems oder sonst etwas bei uns mit unserer Zulassung und zum Teil mit einer fanatischen Anerkennung Herrscher geworden ist über alles, was persönliche Verantwortung heißt. Ich brauche das, was ich da in theoretischen Sätzen gesagt habe, nicht weiter zu illustrieren. Diese Sache illustriert sich hundertfach, ja leider millionenfach von selbst. Und wenn nun diese Knechtschaft, die uns, wenn auch mit eigener Zustimmung, am Anfang von außen aufgedrängt worden ist, hinweggefallen ist, – Freunde, wir haben uns ja nicht selbst befreit; wir sind befreit worden. Aber die eigentliche Befreiung, die uns wieder Hoffnung geben mag für die Zukunft, die Befreiung zur persönlichen Verantwortung, kann uns kein Befreier geben, der von draußen kommt, das muß bei uns selber geschehen. Der Weg ins Freie ist eine ganz persönliche Frage an jeden unter uns: Wie komme ich wieder dahin, daß echte Verantwortung mein Leben regiert?
Als vor 12 Jahren – oder sind’s bald 13 – es deutlich wurde, daß das neue System, von dem das deutsche Volk seine Zukunft erhoffte, auf dem Wege war, die Reste echter Verantwortung hinwegzuräumen, da haben sich alle Menschen, die etwas von Besinnung wußten, darüber besonnen: Wie kann man das verhindern? Es sind leider nicht sehr viele Menschen gewesen. Denn Begeisterung und Fanatismus und Hoffnung machen nicht nur die Augen blind, sondern auch die Herzen und den Verstand. Es sind immer nur wenige und kleine Kreise gewesen, und ihnen fehlte das Echo und der Rückhalt. Und trotzdem ist es damals schon am Anfang versucht worden, wieder den Weg ins Freie zu gewinnen. Und wenn ich als Pastor spreche – und anders kann ich ja nicht –, dann darf ich hier daran erinnern, wie gerade in der Christenheit in Deutschland und zunächst gerade in der evangelischen Christenheit in Deutschland damals der Versuch ernsthaft unternommen wurde, den echten Weg ins Freie wieder zu gewinnen. Aber was hat die Christenheit, die Kirche damit zu tun? Nun ja: eben weil echte Verantwortung einen metaphysischen Grund hat, weil echte Verantwortung auf die Länge nur da leben kann, wo sie noch mit der lebendigen Wurzel verbunden ist, wo noch ein Wissen oder ein Ahnen da ist, daß der Mensch an meiner Seite Gottes Frage an mich ist. Und darum waren die Kirchen nicht zu loben, wenn sie zuerst auf die Gefahr aufmerksam wurden und zuerst daran dachten, dieser Gefahr zu begegnen und den Versuch zu machen, den Weg ins Freie wieder zu gewinnen. Es war, wie man so sagt, unsere, d. h. der Christen und Kirchenmenschen verdammte Pflicht und Schuldigkeit, das zu tun und das zu versuchen. Auf kirchlichem Boden mußte sich dieser Kampf um den Weg ins Freie darstellen als der Versuch, die Autorität eines Menschenwillens an die Stelle der lebendigen Verantwortung der Stimme Gottes, die aus dem Mitmenschen an mich herankommt, zu ersetzen, d. h. die Aufgabe war die, diese Autorität nun wieder beiseite zu schieben und deutlich zu machen, daß jedem menschlichen Autoritätsanspruch, der die ganze Verantwortung in sich resümiert, gegenübergestellt werden muß, wenn die Kirche Kirche bleiben und wenn der Christenmensch Christenmensch bleiben will, die letztlich verpflichtende Autorität Gottes. Es gibt keine menschliche Autorität, die einen Mord am Mitmenschen befehlen kann! In der evangelischen Kirche ist der Kampf um die Autorität zunächst darin zum Ausdruck gekommen, daß ein großer Teil der Christenheit selbst den Weg der Sklaverei freiwillig ging, daß ein großer Teil der christlichen Menschen in der evangelischen Kirche die Autorität Adolf Hitlers für das Gesamtgebiet des diesseitigen Lebens und auch als letzte Norm anerkannte und dabei meinte, Christen könnten wir trotzdem bleiben, denn oben drüber schwebe doch noch irgendwo Gott. Er darf uns zwar nicht zu nahe auf die Haut kommen und außerdem: wir brauchen uns nicht Hitlerianer zu nennen, wir können weiter Christen heißen. Denn den Herrn Christus behalten wir auch noch; allerdings: aus dem Diesseits muß er verschwinden. Wenn es einmal ans Sterben geht, wenn ein Kreuzlein aufs Grab gesetzt werden muß, ja, schön und gut, da mag er auch noch sein Plätzchen haben. Das ist nicht eine Auseinandersetzung gewesen zwischen Kirche und Welt, sondern das ist die Auseinandersetzung gewesen, die im sogenannten Kirchenkampf, der dann hingestellt wurde als ein Pfaffengezänk, die ganze evangelische Christenheit in zwei große Lager zerspalten hat. Zwei große Lager? Ein großes Lager und ein recht kleines. Und dieses recht kleine Lager, das hieß, 8 Monate, nachdem die Dinge begonnen hatten, sichtbar zu werden: Bekennende Kirche. Die bekennende Kirche, die mit dem Zeugnis vor die evangelische Christenheit und vor das deutsche Volk hintrat: Neben der Autorität Gottes, die uns in Jesus Christus offenbar ist, gibt es keine irgendwie gleichgeartete menschliche, weltliche Autorität. Das war die Synode von Barmen, die Bekenntnissynode, eine Synode gegen alles Kirchenrecht und gegen alle kirchenrechtlichen Spielregeln, ein Häuflein von Christen, die in ihrer Not um den Weg der Kirche und des Volkes sich zusammenfanden und die nicht einmal einer einzigen Konfession zugehörten: Lutheraner, Reformierte, Unierte, Leute ohne Kirchenauftrag, ohne gewählt zu sein von der Gemeinde, zusammengeführt in der tödlichen Sorge, daß nun die Freiheit, nicht nur des Evangeliums, sondern auch die Freiheit unseres Volkes in dem Augenblick, da äußerlich ein kometenartiger Aufstieg beginnen sollte, in allerhöchster Gefahr war. »Jesus Christus, wie er in der Heiligen Schrift bezeugt ist, ist das eine Wort Gottes, das wir zu hören, dem wir im Leben und im Sterben zu vertrauen und zu gehorchen haben.« – So sprach damals dieses Häuflein von Menschen und gab damit deutlich zu erkennen, daß hier die letzte Autorität war und bleiben sollte, und daß man nicht anerkennen konnte und wollte und durfte, wenn eine menschlich-irdische Autorität die persönliche Verantwortung vor dem Gott, der sich in Jesus Christus uns geschenkt hat, streitig macht. Die bekennende Kirche ist ihren Weg gegangen, von vielen nicht verstanden in ihrem Bestreben, in ihren Beweggründen, in ihren Zielen, politisch verdächtigt und, als die Gelegenheit günstig wurde, politisch verfolgt. Aber bei dem aufgepflanzten Panier ist sie geblieben. Und wer sehen wollte, konnte es sehen: Deutsches Volk, evangelische Kirche, hier ist der Scheideweg! Entweder Gottes Wille gilt und bindet uns und befreit uns zugleich zur persönlichen Verantwortung, oder der Wille Adolf Hitlers gilt und macht aller persönlichen Verantwortung, damit aber auch grundsätzlich und anfänglich jeder Freiheit ein Ende. Die bekennende Kirche ist zu einem guten Kampf gerufen gewesen. Daß sie diesen guten Kampf nicht hat bis zu Ende durchfechten können, daß nach wenigen Jahren aus der bekennenden Kirche mehr oder weniger eine schweigende Kirche geworden ist – wir Männer der bekennenden Kirche wissen: das war nicht ohne unser Versagen. Wir wissen aber zugleich: Hätte dieser Ruf willige Ohren und offene Herzen gefunden, dann hätte, menschlich geredet, manches anders werden können. Vielleicht ständen wir heute im Jahre 1946 nicht am Anfang des Weges, der uns wieder in die Freiheit führen soll, sondern wir hätten schon ein Stück dieses Weges hinter uns. Wir haben ihn nicht hinter uns. Als wir von außen befreit und von dem Druck, der unser Gewissen knechtete und unsere Verantwortung verneinte und uns die Möglichkeit jeder echten menschlichen Freiheit damit an der Wurzel abschnitt, erlöst wurden, da konnten wir nicht die Ärmel aufkrempeln und sagen: Nun frisch ans Werk! sondern da standen wir da als innerlich unfrei gewordene und immer noch unfrei gebliebene Menschen, als ein innerlich unfrei gewordenes und innerlich unfrei gebliebenes Volk. Inwiefern? Es genügt das eine Wort auszusprechen: »Denunziation« – um zu sehen, daß aufs Große und Ganze bei uns gesehen – ich schließe mich nicht aus, sondern ein – die Verantwortung, die sich als Antwort auf die in dem Mitmenschen an uns ergehende Frage Gottes beweisen mußte, sich als nicht vorhanden erwies. Ich hörte vor ein paar Tagen den Ausspruch und der trifft die Sache haarscharf: »Wir haben nun zwölf Jahre es mit dem Grundsatz versucht, Gemeinnutz geht vor Eigennutz; jetzt probieren wir es einmal umgekehrt mit dem altbekannten System: Jeder ist sich selbst der Nächste. Adolf Hitler kommandiert mich nicht mehr, also kommandiere ich mich selber und also sorge ich nun für mich selber.« In der Schweiz fand ich kürzlich ein Buch mit dem Titel »Hitler in uns selbst«!
Sehen Sie, verehrte Anwesende, das ist die Unfreiheit bei uns, daß wir immer noch kein Ohr wieder bekommen haben dafür, daß der Mensch an unserer Seite eine Frage Gottes an mich ist, auf die ich antworten muß. Das ist die Verantwortung. Wo ich diese Frage höre, und wo ich die Antwort gebe, die Gott von mir erwartet, da bin ich frei und nicht da, wo ich meine Ellenbogen gebrauche und sage: Wenn ich nur ein Pöstchen kriege und nur meinen Beruf erhalte; aus den andern mag werden, was will. Warum ist nach all der schönen und, wiederum sage ich’s, ganz natürlichen Gemeinschaft der Bombennächte, in dem Augenblick, da die Bombennächte aufhörten, dieser Kampf aller gegen alle geworden? Verantwortung! Man hat es uns zwölf Jahre vorerzählt, und unsere Jugend ist ohne ihre Schuld in diesem Wahn erzogen worden, als würden irgendwo von oben und außen her unsere Pflichten und Verantwortungen gültig geregelt und wir selber brauchten dabei nichts zu tun, als zu gehorchen. Das geht vom General bis zum letzten Rekruten, aber nicht nur im Militärischen. Das geht vom letzten Arbeiter bis zum Betriebsleiter. Man bekommt Anweisungen und damit ist die Sache ausgestanden. Irgend eine Frage erhebt sich nicht mehr. Das Ganze ist Zwang und Druck. Nun ist der Zwang und Druck weggefallen, nun also einmal die Ellbogen gebraucht! Jetzt einmal die Freiheit praktiziert! Auch diese Freiheit erweist sich als eine Knechtschaft. Wir werden’s noch sehen.
Wenn ich von Denunziation sprach, dann steht vor meinem geistigen Auge ein Bild, das mich seit Monaten begleitet, ein Schreckbild, daß unser ganzes Volk heute dasteht oder daliegt und eine Macht, über die es nicht mehr gebietet, tritt vor uns hin, vor unser ganzes Volk, und verlangt die Bezahlung einer Schuld. Und diese Schuld liegt da vor unserem Volk, und jeder guckt sie an und jeder sagt: »Das geht mich nichts an!« Ich sehe dann ein Volk von 40 Millionen im Kreis stehen und in diesem Kreis wird ein Spiel gespielt: »Taler, Taler, du mußt wandern!« So spielten wir als Kinder. Aber keine blanken Silbertaler wandern da, sondern ein Paket, ein Paket mit Rechnungen über alles, was während der Zeit, da wir uns unserer Verantwortung begeben hatten, in unserem Volk und durch unser Volk geschehen ist. Das Spiel besteht darin, daß jeder dieses Paket nur für einen Moment in den Fingern hält, weil es glühend heiß ist und ihm die Hand zu verbrennen droht, und dem Nachbarn weitergibt: »Mich geht das nichts an; nimm du!« Und so geht das weiter im Kreis herum und kommt zuletzt wieder zurück zum Ausgangspunkt, sehr schnell sogar! Wir haben um keine Verantwortung mehr gewußt. Wir werden heute verantwortlich gemacht und wollen doch nicht verantwortlich gemacht werden. Und damit, daß wir uns weigern, uns verantwortlich machen zu lassen, begeben wir uns der Möglichkeit, wieder frei zu werden.
Meine verehrten Anwesenden! Als ich vor einem Jahr aus der Gefangenschaft heimkehrte, habe ich dieses Spiel mitgespielt. Ich kam nach Hause, eigentlich nach den Nöten der allerletzten Wochen und den vielen Enttäuschungen mit sehr viel gutem Gewissen beladen. Ich hatte in meiner Tasche den Ausweis, daß ich vom 1. Juli 1937 bis 24. Juni 1945 als politischer Häftling und persönlicher Gefangener des Führers meiner Freiheit beraubt gewesen sei. Wer will mir denn eigentlich nachweisen, daß die Schuld, die jetzt von meinem Volk eingefordert wird, mich irgend etwas angeht? Schon stand ich in der Reihe und gab das Paket weiter. Ich habe das eine ganze Weile gemacht, kein schönes Spiel, aber ein notwendiges Spiel. Denn wenn man das Paket behält, es verbrennt einem nicht nur die Finger! Und dann ist mir eines Tages etwas widerfahren. Ich bin eines Tages mit meinem Auto in der Nähe von Dachau vorbeigefahren. Meine Frau war dabei und sagte: »Könnte ich nicht einmal die Zelle sehen, wo du in den letzten vier Jahren gesessen hast?« Ich sage: »Ich will sehen, was sich tun läßt.« Und fuhr hin und bekam die Erlaubnis, mit meiner Frau den Zellenbau zu betreten und ihr die Zelle zu zeigen. Da geschah etwas. Als wir wieder herauskamen, führte uns der begleitende amerikanische Offizier eine Mauerwand entlang. An der war ich auch oft entlang gegangen. Drin war ein großes Tor. Das hatte ich nie offen stehen sehen. Diesmal stand es offen. Ich wußte, was dahinter war, und trotzdem trat ich ein. Ich stand mit meiner Frau vor dem Krematorium in Dachau, und an einem Baum vor diesem Gebäude hing ein weißgestrichenes Kistenbrett mit einer schwarzen Inschrift. Diese Inschrift war ein letzter Gruß der Dachauer Häftlinge, die in Dachau zurückgeblieben sind und am Ende dort von den Amerikanern angetroffen und später befreit wurden. Es war ein letzter Gruß dieser Menschen für ihre ihnen im Tod vorangegangenen Kameraden und Brüder, und dort stand zu lesen: »Hier wurden in den Jahren 1933-1945 238 756 Menschen verbrannt.« Als ich es gelesen hatte, nicht laut, merkte ich, daß meine Frau ohnmächtig wurde und an meinem Arm zitternd hinsank. Ich mußte sie stützen und ich merkte zugleich, wie mir ein kalter Schauer über den Rücken lief. Ich glaube, meine Frau wurde ohnmächtig, als sie diese Viertelmillionenzahl las. Die hatte mich nicht bewegt. Denn sie sagte mir nichts Neues. Was mich in diesem Augenblick in einen kalten Fieberschauer jagte, das war etwas anderes. Das waren die anderen zwei Zahlen: »1933-1945«, die da standen. Und ich faßte nach meinem Alibi und wußte, die zwei Zahlen, das ist der Steckbrief des lebendigen Gottes gegen Pastor Niemöller. Mein Alibi reichte vom 1. Juli 1937 bis Mitte 1945. Da stand: »1933-1945«. Adam, wo bist du? [1 Mo 3,9] Mensch, wo bist du gewesen? Ja, ich weiß, Mitte 1937 bis zum Ende hast du dein Alibi. Hier, du wirst gefragt: »Wo warst du 1933 bis zum 1. Juli 1937?« Und ich konnte dieser Frage nicht mehr ausweichen. 1933 war ich ein freier Mann. 1933 – in dem Augenblick, dort im Krematoriumshof fiel es mir ein –, ja 1933, richtig: Hermann Göring rühmte sich öffentlich, daß die kommunistische Gefahr beseitigt ist. Denn alle Kommunisten, die noch nicht um ihrer Verbrechen willen hinter Schloß und Riegel sitzen, sitzen nun hinter dem Stacheldraht der neu gegründeten Konzentrationslager. Adam, wo bist du? Mensch, Martin Niemöller, wo bist du damals gewesen? so fragte Gott aus diesen beiden Zahlen. Und es fiel mir ein: die ganze Sache hat mir ja gar keinen Eindruck gemacht; irgendwo im Winkel des Herzens habe ich vielleicht gedacht, jedenfalls später habe ich so gedacht: eigentlich sind wir doch auf diese Art und Weise die ganze Gottlosengefahr auf einem billigen Wege losgeworden. Aber daß diese Menschen, die ohne Gesetz, ohne Anklage, ohne Untersuchung, ohne Urteil, ohne vollstreckbares Urteil, einfach ihrem Beruf, ihrer Familie, ihrem Leben weggenommen, der Freiheit beraubt wurden, daß diese Menschen eine Frage Gottes an mich waren, auf die ich im Angesicht Gottes damals hätte antworten müssen, daran habe ich nicht gedacht. Ich war damals kein freier Mensch. Ich hatte mich damals bereits meiner wahren Verantwortung begeben. Und jetzt war der Steckbrief da, und diesem Steckbrief konnte ich nicht mehr ausweichen. Und ich habe an dem Tage, als wir später nach Hause kamen, das Kapitel Matth. 25 mit neuen Augen gelesen: »Ich bin hungrig gewesen und ihr habt mich nicht gespeist; ich bin durstig gewesen und ihr habt mich nicht getränkt; ich bin gefangen und krank gewesen und ihr seid nicht zu mir gekommen.« Als Christ hätte ich 1933 wissen dürfen und wissen müssen, daß aus jedem dieser Menschenbrüder – mochte man sie Kommunisten heißen oder sonstwie – Gott in Jesus Christus mich fragte, ob ich ihm nicht dienen wollte. Und ich habe diesen Dienst verweigert und habe mich meiner Freiheit begeben. Denn ich habe mich meiner Verantwortung begeben. Und ich weiß, auch in späteren Jahren ist manches geschehen, wo ich einmal persönlich ganz anders hätte hinstehen müssen und wo ich – wie schon im Jahre 1933 – mich auch schuldig gemacht habe an meiner eigenen Gemeinde. (Zuruf: Und heute?) Denn damals hätte ich meiner Gemeinde wohl sagen müssen: Was dort geschieht, ist nicht nur gegen alles Recht und Gesetz, das bei uns gilt, sondern was da geschieht, ist ein Anruf Gottes an euch, ob ihr eure Verantwortung sehen wollt oder ob ihr eure Freiheit jetzt preisgeben wollt, ein Anruf Gottes an euch, daß ihr euren kommunistischen Brüdern die von Ihm geforderte und verlangte Antwort nicht schuldig bleibt. Wenn ich damals geschwiegen habe, so weiß ich heute nicht mehr, was aus diesem Schweigen alles vor Gottes sehendem Auge für Folgerungen gewachsen sind. Wie mancher Mensch mag sich darauf berufen: »Ich habe dich predigen hören; du hast mich 1933 und 1934 vor nichts gewarnt und so bin ich in die Partei gegangen, so bin ich SS-Mann geworden; du hast mich nicht gewarnt.«
Meine verehrten Anwesenden! Von daher wollen Sie bitte einmal verstehen, daß ich über die Schuldfrage wesentlich anders denke, als es so in den Zeitungen steht, wesentlich anders, als man es mir immer zuschiebt. Für mich viel schlimmer! Denn ich weiß, daß ich an der Versklavung meines Volkes durch mein Schweigen mitgearbeitet habe, und weiß mich deshalb berufen – und ob man mich Landes- oder Volksverräter oder sonst etwas schilt –, deswegen meinen Beitrag zu leisten dazu, daß der Weg ins Freie, und zwar der richtige, der einzige Weg, ohne den alle andern Wege Nebenwege und Abwege bleiben, gefunden wird.
Und von daher, meine lieben Brüder und Schwestern, mögen Sie dann auch verstehen, was hier im Oktober vorigen Jahres sich in Stuttgart ereignet hat, jenes sogenannte Schuldbekenntnis der evangelischen Kirche, von dem Leute, die es nie gelesen haben, alles mögliche gefolgert haben. Die evangelische Kirche soll von der Alleinschuld Deutschlands am Krieg ein Bekenntnis abgelegt haben und ähnlichen Unsinn mehr.
Was ist damals in Stuttgart gesagt worden von der Kirche? Was mußte damals von ihr gesagt werden? Ich weiß den Satz und zitiere ihn aus dem Kopf: »Wir wissen uns mit unserem deutschen Volk eins nicht nur in der großen Gemeinschaft des Leides, sondern zugleich in der Solidarität der Schuld!« Das bestreite ja niemand, und wenn er es bestreiten wollte: es hilft ihm ja nichts: wir alle müssen die Schuld bezahlen. Die 6 Millionen Judenmorde werden uns nicht geschenkt, sondern hier geht es nach der alttestamentlichen Regel des Lamech oder des Kain: »Kain soll siebenmal gerochen werden, Lamech soll siebenmal siebenzigmal gerächt werden.« [1 Mo 4,24] Und mit 6 Millionen Toten bezahlen wir die 6 Millionen Judenmorde auf höheren Befehl nicht. Wir alle müssen daran bezahlen. Es wird sich keiner drücken können, und ein Pfui über den, der’s versucht. – »Aber wir als evangelische Christenheit wissen uns mit unserem Volk nicht nur in der großen Gemeinschaft des Leides, sondern zugleich in der Solidarität der Schuld eins«, d. h. wir tragen nicht widerwillig und mit dem Gedanken: »Eigentlich hätte ich das ja gar nicht nötig an dieser Schuldbezahlung mitzuwirken«, unser Leid, den Teil, den wir nun einmal tragen müssen oder schon getragen haben, sondern wir stellen uns unter die Solidarität der Schuld, d. h. wir geben dieses unheimliche Kreisspiel auf. Wir schieben nicht mehr das Schuldpaket dem Nächsten weiter: »Sieh du zu, wie du damit fertig wirst; ich will nichts mehr damit zu tun haben, wenigstens innerlich nicht.« Nein! Ich weiß es und wir Christen sollten es wissen, und wenn wir es noch nicht wissen, sollten wir es sehen lernen, daß wir keine Ursache haben, uns als die Gerechten vor den Brüdern, die in Schuld gefallen sind, zu distanzieren. Matthäus 25, ich sage es noch einmal: Unter denen, die in die Verdammnis wandern, unter denen, die zur Linken des Herrn Christus stehen beim Jüngsten Gericht, wie er es dort malt, ist keiner, der um seiner bösen Taten willen verdammt wird. Sie alle gehen ins Verderben und in die Verdammnis um des Urteilsspruchs willen: »Was ihr versäumt habt an einem unter diesen Geringsten, das habt ihr an mir versäumt.« [Mt 25,45] Die versäumte Verantwortung, die Verantwortung, daß wir nicht haben sehen wollen und nicht haben wahr haben wollen, das ist es, was vor Gott wider uns zeugt und uns in seinen Augen unnütz macht, daß er keinen anderen Raum dafür hat als die Verdammnis und die Hölle.
Dieses Schuldbekenntnis der evangelischen Kirche in Stuttgart meint, daß die evangelische Kirche wenigstens in ihrer Leitung sich selbst wieder als verantwortlich proklamiert: Wir drücken uns nicht mehr um unsere Schuld; wir erkennen die Verantwortung an, die wir versäumt haben, und erkennen damit zugleich die Verantwortung an, der wir nun wieder gerecht werden möchten. Der Stimme Gottes, die in dem Menschen, der auf unserem Wege steht oder über unsern Weg geht, zu uns kommt – wollen wir jetzt nicht wieder die Antwort schuldig bleiben. Das Wort von Stuttgart ist die Freiheits-Charter der Evangelischen Kirche. Wir haben uns mit diesem Schuldbekenntnis wieder zur Verantwortung bekannt, zur Verantwortung für gestern, damit aber auch zur Verantwortung für heute und morgen. Und wenn da ein Zwischenruf war: »Und heute?« – verehrte Anwesende, Sie dürfen glauben, daß die evangelische Kirche in ihren leitenden Körperschaften von morgens bis abends an der Verantwortung für heute und morgen arbeitet. Sie dürfen mir persönlich glauben, daß heute vielleicht zu solcher Verantwortung gerade so viel und noch etwas mehr Mut gehört, als bei der Verantwortung zu bleiben vor 13 oder 14 Jahren. In der evangelischen Kirche ist der Ruf zur Freiheit mit dem Schuldbekenntnis von Stuttgart neu laut geworden. Und damit ist wenigstens an einer Stelle im Leben unseres Volkes an die Stelle von Selbstsucht und Sichselbstbehaupten wieder die echte Verantwortung, d. h. die Gemeinschaft getreten.
Ich weiß es, mit was für Gefühlen im Herzen ich im Juni v. J. nach Hause kam. Ich sah all die Zerstörung und habe immer wieder gedacht: Oh, dieser verdammte Adolf Hitler, diese verfluchte SS! und kann doch heute so nicht mehr sprechen. Verbrechen werden gesühnt. Natürlich sollen sie es auch. Unser Volk braucht die Säuberung, aber nicht eine Säuberung, die irgendwie noch bestimmt ist von dem Gedanken: »Wenn ich nur jetzt mein Mütchen kühlen kann«, – sondern die Säuberung, die unter der Verantwortung der Freiheit steht, die Säuberung, in der die Menschen, die sie durchführen müssen, hören den Ruf Gottes, der sie fragt aus dem Schicksal und Leben des Menschen, der vor sie hintritt.
Der Weg ins Freie. Ja, es ist ein sonderbarer Weg ins Freie, der mit dem Schuldbekenntnis anfängt, und trotzdem ist es der einzige Weg, liebe Freunde, weshalb auch Jesus von Nazareth nichts Besseres zu sagen gewußt hat am Beginn seiner Tätigkeit als: »Tut Buße und glaubt an die frohe Botschaft! Kehrt um und glaubt an die frohe Botschaft!« [Mk 1,15] An welche frohe Botschaft? Daß ihr umkehren könnt, daß ihr umkehren dürft! Man kann heute nicht dem Volk das Evangelium predigen und den Bußruf verschweigen. Man kann heute nicht – weltlich gesprochen – etwa sagen: Die Ärmel aufgekrempelt, die Hosen hoch und voran! Wir liegen drin im Abgrund, und der Ruf zur Buße ist der Ruf, der uns von dem Abgrund weg im letzten Augenblick, der uns vielleicht geschenkt ist, zurückruft zu dem Gott, der uns bei sich wieder haben will, der uns heimruft.
Das ist der Dienst, den heute die evangelische Kirche unserem Volk zu leisten hat, damit der Weg ins Freie wieder gefunden wird. Und dieser Weg, der den alten Adam sehr sauer ankommt, ist ungeachtet dessen der selige Weg, der gute und rechte und einzige Weg. Und dieser Weg, der mit der Verantwortung die Bruderschaft wieder herstellt, ist der Weg, der nun auch die ersten Tore hinein in die Freiheit, in die Weite wieder aufgetan hat.
Es ist bekannt, daß jenes Schuldbekenntnis von Stuttgart in einem ganz besonders geschichtlichen Augenblick gesprochen wurde. Weshalb gerade in dem Augenblick, möchte ich gerne klar machen. Der Rat der evangelischen Kirche in Deutschland wollte sich am 18. Oktober v. J. hier in Stuttgart zu einer ersten Sitzung versammeln, und wir hatten vorgehabt, Fragen der evangelischen Kirche, wie wir sie nun weiter ordnen wollten, in dieser Sitzung zu behandeln. Da kommt kurz vor dieser Tagung – ich weiß nicht, ein oder zwei Tage vorher oder war es gar erst bei der Ankunft hier in Stuttgart – die Nachricht an, daß hier in Stuttgart Vertreter der christlichen Kirchen aus Amerika, England, Holland, Frankreich, aus der Schweiz angekommen waren. Ein Däne sollte noch kommen. Sie tagten mit uns und wollten mit der Leitung der evangelischen Kirche in Deutschland die Fühlung wieder aufnehmen. Ich weiß heute noch, was ich in dem Moment für einen Schrecken bekommen habe. Ich kann es vielleicht deutlich machen, was dieser Schrecken meint, wenn ich ein kleines Erlebnis, das ich dann drei Wochen später in Berlin hatte, berichte. Es tut sich die Türe meines Studierzimmers auf; ein Herr wird hereingeführt, ein Name genannt, den ich nicht recht höre. Ich sitze am Schreibtisch. Ich schreibe den Satz zu Ende und drehe mich um, stehe auf, um dem Herrn entgegenzugehen, und bleibe plötzlich stehen. Denn es war mir zumute, als hätte mir jemand mit einem schweren Brett über den Kopf geschlagen. Der Mann, der vor mir stand, war ein jüdischer Christ aus meiner Gemeinde, den ich 1936/37 zuletzt gesehen hatte und von dem ich wußte, daß meine Frau mir erzählt hatte, daß seine Eltern in Theresienstadt verhungert und seine Schwester vergast worden waren. Der Mann ist wie durch ein Wunder von seiner ganzen Sippe herausgekommen. Und da stand nun ich, und da stand der Mann. Was tut man in solch einer Situation? Die Frage Gottes! Was darauf antworten? Ich bin auf den Mann zugegangen und habe gesagt: »Lieber Bruder,« – ehe ich ihm die Hand gab – »ich weiß, was ich und was mein Volk an Dir und den Deinen gesündigt haben, und ich bitte Dich, wenn du kannst, um Gottes und um Christi willen, vergib!« Und dann haben wir uns die Hand gegeben.
Ich sage, etwas Ähnliches war es mir, als ich hier in Stuttgart hörte, ich solle dem Vertreter der Christenheit aus Holland und Dänemark, aus Frankreich und noch einigen andern Ländern hier entgegentreten. Auch die Frage Gottes! Was hast du diesen Menschen eigentlich zu antworten, die im Namen ihrer Kirche hierher kommen und die Fühlung wieder herstellen wollen? Und da haben wir vor diesen Brüdern im Angesicht Gottes gesagt: »Wir Christenmenschen, wir, die evangelische Kirche in Deutschland, wir stehen mit unserem deutschen Volk nicht nur in der großen Gemeinsamkeit des Leidens, sondern auch in der Solidarität der Schuld. Denn wir klagen uns an, daß wir nicht mutig genug bekannt und nicht treu genug gebetet und nicht fröhlich genug geglaubt und nicht brennend genug geliebt haben!« Das sind die beiden entscheidenden Sätze aus dem Schuldbekenntnis von Stuttgart.
Wir haben die Antwort auf Gottes Frage ins Blaue hinein gesprochen und mußten es Gott überlassen, was er daraus machte, und haben die Antwort zu derselbigen Stunde bekommen, die Antwort, die uns den Weg ins Freie zeigt; als nämlich der holländische Kirchenvertreter, ein Professor der Theologie aus Leyden, antwortete und sprach: »Liebe Brüder, mit dem Wort, das Ihr hier vor Gottes Angesicht und vor unseren Ohren gesprochen habt, ist mir gewiß geworden, daß wir in Jesus Christus Brüder sind und geblieben sind und bleiben werden.« Er war aber noch nicht zu Ende, sondern er fuhr fort: »In Eurem Wort hat aber Gott auch mit mir persönlich noch ein Wort gesprochen. Das habt Ihr nicht gesprochen. Gott hat mich nämlich gefragt: Wo liegt denn deine Sünde und wo liegt denn die Schuld deiner Kirche und wo liegt denn die Schuld deines Volkes, daß es im christlichen Abendland dahin hat kommen können, wohin es gekommen ist?« Ob das ein Weg ins Freie ist, meine verehrten Anwesenden, daß ein Holländer so sprach als Antwort darauf, daß die evangelische Kirche sich mit der Schuld ihres Volkes solidarisch erklärt, ob da etwas von freier Verantwortung neu ans Licht getreten ist?
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Und Ähnliches antwortete ein anderer nach einer ganz anderen Richtung hin; ein Amerikaner sagte auch zunächst: »Liebe Brüder, was wir da gehört haben, das zeigt uns, daß wir als Christen Brüder sind. Ich habe aber noch etwas anderes in diesem Augenblick erfahren. Ich weiß jetzt, daß das Band, mit dem Gott uns zusammenbindet, Euch und mich, ein festeres Band ist und stärker bindet als irgend ein Band sonst auf der Welt.«
Der Weg ins Freie! Menschen, die um die Verantwortung vor Gott wissen, nicht als Phrase, sondern um die Verantwortung, die im lebendigen Mitmenschen ihnen gegenübertritt, die bereit sind, auf diese Frage nach bestem Wissen und Gewissen Gott die Antwort nicht schuldig zu bleiben, diese Menschen finden zueinander. Da braucht es kein permit und keinen Paß. Da braucht es keine Staatsverträge und irgend etwas Derartiges. Wo Menschen wieder darum wissen, daß Gott als der fragende Gott im Mitmenschen lebendig ist, wer auch immer dieser Mitmensch sein mag, da wird der Weg frei, nicht nur der Weg, auf dem wir aus unserer Qual wieder herausfinden, sondern der Weg, auf dem wir aus unserem Gefängnis und unserer Isolierung wieder hinüberfinden zum Bruder Mensch.
Am Tage nach der Stuttgarter Erklärung haben diese Vertreter der Ökumene, der Weltchristenheit, uns die Einladung überbracht, daß bei der ersten Zusammenkunft des Weltrats der Kirchen in Genf im Frühjahr d. J. doch auch die evangelische Christenheit in Deutschland vertreten sein möge, Landesbischof Wurm und ich wurden dazu ausgewählt und hingeschickt, in einer Zeit damals noch, da im ganzen Internationalen Roten Kreuz, dieser humanitären Weltorganisation, in der ungefähr jeder größere Negerstamm vertreten ist, kein Platz für einen deutschen Delegierten war, ganz zu schweigen von der UNO, wo kein Stehplätzchen für einen deutschen Beobachter übrig ist, wenn 350 Sessel gestellt werden. Aber 50 Vertreter der Christenheit kommen in Genf im Frühjahr 1946 zusammen, und sie wollen die Vertreter der Christenheit in Deutschland unter sich haben und meinen, anders ginge das nicht.
Weg ins Freie! Ich bin trotzdem mit einem zitternden Herzen hingefahren. Von drei, vier, fünf Leuten, die dort sein würden, wußte ich, das sind Brüder, die werden mir in Genf genau so die Bruderhand wieder hinstrecken und die Verantwortung für mich und die von mir vertretene Kirche in Deutschland und für das in mir repräsentierte deutsche Volk wirklich als eine Verantwortung vor Gott erkennen und tragen. Aber diese anderen 43 Leute, aus Mexiko, Norwegen, Dänemark, Holland, Frankreich, aus Ungarn, Griechenland, aus Rumänien und Bulgarien, werden die in mir und in Landesbischof D. Wurm wirklich den christlichen Bruder erkennen, werden die so viel Verantwortung haben, so freie Menschen sein in ihrer Verantwortung, daß sie die Bruderschaft mit uns bejahen und exemplifizieren? Ich bin mit all diesen Sorgen maßlos zum Guten enttäuscht worden. Ich habe keinen Augenblick in Genf das Gefühl haben können, ich säße als der Repräsentant einer besiegten Nation unter den Siegern oder ich säße als der arme Sünder, der Buße getan hat, freundlich zugelassen, am reich gedeckten Tisch der Gerechten. Aber ich habe die Erfahrung gespürt und vor Augen gehabt, daß ich hier als Bruder unter Brüdern saß, daß ich hier als Mensch unter Menschen war, und zwar als ein Mensch, der den Weg ins Freie wieder anfing zu gehen, unter Menschen, die um den Weg ins Freie aus Glauben wußten.
Ich darf das in aller Kürze an ein paar kleinen bezeichnenden Beispielen noch erläutern. Als ich nach Genf hin kam, war das erste, daß mir der Generalsekretär des Weltbundes sagte: »Ich bringe Sie in Ihr Quartier. Sie kommen gleich mit zur Kommissionssitzung.« »Zu was für einer Kommissionssitzung?« »Ja, wir müssen doch eine Botschaft an die Welt und an die Kirchen der Welt machen, und da wollen wir Sie dabei haben.« Ich sagte ihm: »Mich? Wer ist denn sonst dabei?« Und dann zählte er sie auf: Viele Bischöfe, Vorsitzender ist Bischof Berggrav von Oslo, dann der Lordbischof von Chichester, ein indischer Theologieprofessor von Madras, der russisch-griechische Archimandrit vom Berg Athos, der Klosterabt vom griechischen Mönchkloster, ein kanadischer Pfarrer, dann der Generalsekretär des Weltbundes der Kirchen und der Pastor Niemöller, acht Menschen: ein Wort, das die Kirchen der Welt gemeinsam an alle Nationen und alle Christenheit in der Welt richten. Und man läßt dieses Wort vom ersten Tag an mitverfaßt sein durch einen Deutschen! Weg ins Freie! Bei der ersten öffentlichen Tagung, die an einem Mittwoch in Genf in einer Kirche stattfand, saßen die 50 Delegierten aus aller Welt in den vorderen Reihen und dahinter die ganze Genfer evangelische Gemeinde, die von der Sache Kenntnis bekommen hatte. Und hier wurden acht Berichte gegeben aus den Kirchen, die in den letzten zwölf Jahren, seitdem zum letztenmal der Ausschuß des Weltbundes beieinander gewesen war, durch besondere Trübsal und Nöte hindurchgegangen waren. Da wurden Berichte gegeben von Mexiko, China, Japan, Dänemark, Norwegen, Holland, von Frankreich und Deutschland, immer 20 Minuten, der eine 20 Minuten, der nächste 20 Minuten und so fort. Zuerst kamen die ungefährlichen Berichte, Mexiko, Indien. Japan sollte berichten. Der japanische Vertreter war nicht da. Es hatte keiner die Pässe gekriegt und es war keine Transportmöglichkeit. Aber es war ein junger amerikanischer Geistlicher da. Er war gerade drei Monate durch Japan gereist und hatte fast sämtliche Christengemeinden in Japan aufgesucht. Er hatte sich bereit erklärt, den Bericht zu liefern, und tat es. Man merkte ihm an, dieser Amerikaner hatte nicht nur den ganzen Kopf voll von dem, was er erlebt und gesehen an Sorgen und Nöten, an Wünschen und Hoffnungen der Christenheit, ihm ging die Sache bis ins innerste Herz. Der Mann kam ins Feuer, als er von den Gemeinden in Japan redete. Und mitten in seine eindrucksvolle Rede hinein klopfte es mit einemmal. Der Präsident sagt: »Ihre zwanzig Minuten sind um, Sie müssen zum Schluß kommen!« Der Mann kam nicht zum Schluß. Er stand da auch wie einer, der ein Brett vor den Kopf gestoßen bekommt, das Gesicht versteinert, der Mund blieb ihm halb offen stehen, die Arme fielen ihm an den Seiten müde herunter und sein Gesicht hatte einen Ausdruck – ich glaube, ich habe niemals in meinem Leben etwas so rührend Hilfloses gesehen. Er wollte ja noch von den Sorgen und Wünschen und Hoffnungen, die er für Japan auf dem Herzen hatte, Zeugnis ablegen. Und nun war ihm das Wort abgeschnitten. In diesem Augenblick: Betretenes Schweigen in der ganzen Kirche! Dann steht in der dritten Reihe ein Herr auf im schwarzen Rock und sagt: »Er kann zehn Minuten von mir haben.« Und dann hat der amerikanische Geistliche von den Wünschen, Sorgen und Hoffnungen der japanischen Christenheit weiter berichtet vor den Vertretern der Weltkirchenöffentlichkeit und den Vertretern der schweizerischen Kirche in der Gemeinde Genf auf Kosten der evang.-lutherischen Kirche in Dänemark. Verantwortung! Der Mann hatte gehört, daß Gott hier eine Frage stellt. Der Weg ins Freie! Vom Bruder zum Bruder, von Kirche zu Kirche, von Volk zu Volk! Ich habe einen sehr häßlichen Gedanken in dem Augenblick gehabt. Ich habe gedacht: »Ja gut, dann kann ja der dänische Bischof nur zehn Minuten reden.« Denn ich hatte Angst davor, was nun kommen würde, wenn diese Männer den Mund auftun würden, der dänische Bischof, der norwegische Bischof, der holländische Professor und der französische Kirchenpräsident. Wenn die nun anfangen, 20 Minuten zu reden. In 20 Minuten kann man viel sagen, wenn man anklagt, wenn man über die Gestapo erzählt und ihre Methoden und das, was sie gemacht haben, und man kann damit allerlei Eindrücke erwecken in einer Weltöffentlichkeit, die in 50 Personen vor einem sitzt. Und nun kam der Däne dran als nächster. Er trat auf die untere Stufe des Altars; er stieg gar nicht bis oben hin, und sagte: »Meine verehrten Anwesenden, von den zehn Minuten, die mir geblieben, kann ich noch weitere sieben Minuten abgeben. Denn, was ich zu sagen habe, das sage ich in drei Sätzen, Erstens: die evangelisch-lutherische Kirche in Dänemark hat die Zeit der Trübsal und der Verfolgung überstanden und sie lebt. Zweitens: daß es so ist, verdanken wir nächst der gnädigen Fügung Gottes dem Vorbild und den Erfahrungen der bekennenden Kirche in Deutschland. Drittens: hätten wir dieses Vorbild und diese Erfahrungen nicht gehabt, dann würde ich jetzt hier nicht gestanden haben.« Sprach’s und setzte sich auf seinen Platz, und mir rollte unverdientermaßen ein ganz großer Stein vom Herzen. Denn ich wußte: heute nachmittag werden wir aus Norwegen und aus Holland und aus Frankreich keine Anklagereden gegen das deutsche Volk a conto seiner Regierung zu hören bekommen, sondern wir werden Menschen zu hören bekommen, denen, wenn sie nicht schon vorher in der Freiheit der Verantwortung standen, heute morgen diese Freiheit aufgegangen sein muß. Und wir haben keine Anklage gehört. Ob das etwas bedeutet, liebe Freunde? Daß da, wo man Anklagen erwartet, die Verantwortung die Antwort gibt? Und zwar eine ganz andere Antwort gibt, die Antwort nämlich, die nicht Menschen auseinanderreißt, sondern sie wieder zusammenbindet in der Freiheit der Verantwortung! Was der dänische Bischof von Kopenhagen in jener Stunde getan hat, das ist viele Schiffe Lebensmittel wert, und vielleicht kommt manches Schiff mit Lebensmitteln darum zu uns und zu unserem Volk, weil solch ein Wort in Genf gesprochen werden konnte. Verantwortung! Hier war nicht Sieger und Besiegter, und nicht Gerechter und Ungerechter, sondern hier waren Menschen, die um ihre Verantwortung entweder wußten oder es in jenen Tagen immer mehr erkannten.
Wir haben unser Wort an die Weltöffentlichkeit und an die Kirchen der Welt schließlich fertig bekommen im Entwurf, und am folgenden Tage mittags kommt ein amerikanischer Freund und Bruder zu mir und sagt: »Bruder Niemöller, ich höre, in dem Entwurf eurer Botschaft an die Welt habt ihr gar kein Wort gesagt über die Atomenergie …« Ich sage: »Nein, Bruder C …, das haben wir tatsächlich auch nicht getan; aber es ist ja auch kein Amerikaner in unserer Kommission drin.« »Verstehen Sie nicht: ihr müßt doch darüber etwas sagen; ihr könnt uns doch nicht mit dieser Verantwortung allein lassen! Da hat unser Volk diese Erfindung gemacht, und was daraus wird, weiß niemand. Und unser Volk kann die Verantwortung nicht tragen, denn es weiß ja von dieser Verantwortung nichts. Wir Christen sind ja auch in Amerika eine verschwindende Minorität. Aber ihr Christen in Deutschland und anderwärts, ihr müßt uns helfen, diese Verantwortung zu tragen, und deswegen müßt ihr von dieser Verantwortung sprechen, wenn ihr an die Kirchen der Welt Nachricht gebt. Ihr wißt ja, wir Christen in Amerika wollen die Verantwortung, die auf euch gelegt ist, ehrlich mit euch und, soweit wir können, für euch tragen. Aber wir müssen euch bitten, helft uns in unserer Verantwortung, für die wir allein zu schwach sind.« Sieger und Besiegte? Es sah in dem Augenblick beinahe aus, als wäre das Verhältnis umgekehrt. Ich kann aber gleich und muß gleich dazu sagen: Ich habe mich in dieser Rolle sehr häßlich gefühlt, und am Nachmittag haben wir dann doch die Atomenergie mit hineingebracht in die Botschaft, und alle Viertelstunde ungefähr ging die Tür auf, und es kamen Amerikaner einer nach dem anderen zu uns herein, alle mit derselben Bitte. »Ja, nicht wahr, wir sind schon dabei.« Aber sie lassen sich damit noch nicht beruhigen. Sie mußten es immer wieder vor uns ausbreiten, daß sie ihre Verantwortung allein nicht tragen könnten und daß sie uns brauchten, und der letzte, der hereinkam und ganz aufgeregt wurde, sagte: »Wenn unsere Bitten nicht stark genug sind, dann fordern wir von euch, daß ihr die Verantwortung mit uns traget, wir fordern es von euch im Namen Jesu Christi!«
»Der Weg ins Freie« war mir als Thema gestellt. Verehrte Anwesende! Ob etwas an dem, was gesagt wurde und was ich erzählt habe, davon deutlich geworden ist, wo der Weg ins Freie sich für uns und für unser Volk auftut? Ich wünsche es und ich sage dazu: Verantwortung ist immer etwas ganz Persönliches. Hier tritt kein anderer für uns ein. Die Verantwortung ist uns geraubt gewesen und damit ist uns die Freiheit genommen worden, ehe dann unser Volk in Sklavenketten geriet. Um wieder zur Freiheit zu kommen, genügt es nicht, diese oder jene Kette oder Fessel zu zerbrechen. Um die Freiheit wieder zu finden, müssen wir die Verantwortung wieder finden, und zwar die ganz persönliche Verantwortung. Und hier kann man nicht auf bessere Zeiten hoffen. Hier kann man sich nicht damit trösten: es wird alles schon einmal wieder besser werden. Entweder fühlen wir und bejahen wir, daß Gott uns hier ganz persönlich zurückruft auf den Weg ins Freie oder alles, was wir anfassen, ist völlig umsonst.
Darf ich Ihnen zum Schluß noch ein etwas komisch wirkendes Bild dazu sagen. Ich habe einmal eine Predigt vor langen, langen Jahren gehört. Die Predigt war nicht gut. Aber die Einleitung ist mir nie wieder aus dem Gedächtnis gekommen. Da stand der junge Hilfsprediger auf der Kanzel in Münster in Westfalen und sagte zu Anfang: »Mein Talar hat zweiundzwanzig Knöpfe. Ich habe sie eben in der Sakristei noch einmal gezählt. Wenn ich anfange, meinen Talar zuzuknöpfen, und ich knöpfe den zweiten Knopf ins erste Loch und alle anderen ganz gewissenhaft und schön weiter bis zum Knopf zweiundzwanzig, der kriegt dann kein Loch mehr. Dann hilft mir das ganze fleißige Knöpfen nichts. Ich muß alles wieder aufmachen und muß den richtigen Anfang machen.« Das ist unsere Situation heute, daß wir den richtigen Anfang finden, und dieser richtige Anfang liegt da, wo wir uns wieder rufen lassen zu persönlicher Verantwortung, daß der Mensch an unserer Seite wieder das Sprachrohr wird, durch das die Frage Gottes: »Adam, wo bist du?« an uns herangetragen wird. Sage keiner, das mögen die andern tun, sondern hier muß nun jeder sich entscheiden und entschließen. Und Gott – darüber habe ich heut nicht gesprochen; darüber wäre noch viel zu sagen –, Gott muß uns dann in Gnaden den Weg zeigen, wie wir seine Stimme, die durch den Menschen an unserer Seite zu uns spricht, recht hören, um dann auch die rechte Verantwortung zu finden. Und so laßt uns ein jeder an seiner Stelle, wo er steht, genau überlegen, wo der Weg ins Freie geht. Und wo wir dieses Weges dann gewiß sind, ihn wirklich unter die Füße nehmen. Dann mögen wir wirtschaftliche und politische und sonstige Zukunftsfragen auch lösen, die gewiß drängen, an denen auch heute gearbeitet werden muß, die uns aber für sich allein niemals den Weg ins Freie geben können, wenn wir nicht die Freiheit in der persönlichen Verantwortung wieder finden.
Vortrag gehalten am 3. Juli 1946 in Stuttgart im Rahmen der vom württembergischen Innenministerium organisierten Vortragsreihe „Besinnung“.
Quelle: Martin Niemöller, Der Weg ins Freie, Stuttgart: F. Mittelbach, 1946, S. 5–38.