Karl Barths Brief an Martin Niemöller (1946): „Es ist klar wie die liebe Sonne, dass Du ihnen – und nun eben wirklich nicht nur Hans Meiser, sondern auch Hans Asmussen und wohl auch noch manchem anderen ekklesiastischen Hans bis zutiefst in die BK hinein – unheim­lich und unbequem bist und dass es irgend ei­ne Ecke in ihrer Seele gibt, in welcher sie wohl wünschten, es stünde zu Dachau oder anderwärts ein wunderschönes Gedächtnis­kirchlein, zu welchem sie alle Jahre einmal wallfahren und wo sie dann – Heiliger Mar­tin, bitt für uns arme Sünder! – etliche Horen zu Deinen Ehren singen könnten, statt dass Du in Deinem so bedauerlich ramponierten Auto noch immer im Lande herum fährst und taktlose Dinge sagst, die sie dann mit­ausbaden müssen. Vielleicht, lieber Martin, wären Du und ich auch so geworden, wenn uns der liebe Gott nicht in Gnaden davor be­wahrt hätte, anders als »stellvertretend«, wie Du so schön heißest, auf dem kirchenregimentlichen Schachbrett zum Zug zu kom­men. Wir wollen darüber nicht in Gram versinken, weil es wirklich mehr zum Humor als zur Tragik der Kirchengeschichte gehört, daß es so laufen muss.“

Karl Barth an Martin Niemöller (1946)

Bonn, Schloß-Straße 14/1, Brit.Zone

29. Juni 1946

Lieber Martin Niemöller!

Ich danke Dir, daß Du mir Deinen Brief an Hans Asmussen vom 22. Juni 1946 zugäng­lich gemacht hast.

Es wundert Dich vielleicht – vielleicht auch nicht! – wenn ich Dir vor allem sagen möch­te, daß er mir richtig tröstlich gewesen ist, weil ich daraus ersehe, daß wir die Lage wie­der einmal im Resultat gleich oder doch höchst ähnlich sehen … Das ist (gegenüber 1933 etwa) ein Fortschritt, der doch gewiß nicht nur auf unser Verhältnis, sondern auch aufs Ganze gesehen als positives Symptom gewertet werden darf.

Dabei überhöre ich den Ton der Klage und den Unterton von Resignation durchaus nicht, der durch Deinen Brief geht. Ich könn­te ihn sofort auch in meiner eigenen Tonart aufnehmen. Und er ist mir jedenfalls lieber als die mich etwas krampfhaft berührende Zuversichtlichkeit, in der andere Stellen – nicht zuletzt auch der Adressat Deines Brie­fes – von irgend einer hohen Warte herunter ihre Verlautbarungen von sich geben. Es ist schon Anlaß da, einige langgezogene Seufzer von sich zu geben, und ohne den mir mehr als begreiflichen Wunsch, lieber nicht weiter in diesem Ding sein zu müssen, kann man gewiß nicht aufrichtig und dann auch nicht wirksam faktisch doch in diesem Ding sein! Die Art, wie man Dich in Berlin, in Bayern, in Frankfurt, in Treysa und seither von Stutt­gart und Umgebung aus in Ehren kalt zu stel­len und unschädlich zu halten versucht hat. ist in der Tat verräterisch dafür, wie die Din­ge in der EKD noch immer und nun auch aufs Neue stehen. Ich sehe auch das leise Lä­cheln, Achselzucken und Kopfschütteln, mit dem auch die uns Nahestehenden unter den letztes Jahr an die Macht Gekommenen so ganz behutsam ein wenig Distanz zwischen sich und Dich setzen. Du mußt nur nicht ver­gessen, daß es wahrscheinlich, seit es eine Kirche gegeben hat, zur Eigentümlichkeit der jeweils regierenden Kirchenmänner ge­hört hat, sich gegenüber Leuten wie Du un­gefähr dieses Verhaltens und Verfahrens zu bedienen. Auch in den besten Fällen! Es ist klar wie die liebe Sonne, daß Du ihnen – und nun eben wirklich nicht nur Hans Meiser, sondern auch Hans Asmussen und wohl auch noch manchem anderen ekklesiastischen Hans bis zutiefst in die BK hinein – unheim­lich und unbequem bist und daß es irgend ei­ne Ecke in ihrer Seele gibt, in welcher sie wohl wünschten, es stünde zu Dachau oder anderwärts ein wunderschönes Gedächtnis­kirchlein, zu welchem sie alle Jahre einmal wallfahren und wo sie dann – Heiliger Mar­tin, bitt für uns arme Sünder! – etliche Horen zu Deinen Ehren singen könnten, statt daß Du in Deinem so bedauerlich ramponierten Auto noch immer im Lande herum fährst und taktlose Dinge sagst, die sie dann mit­ausbaden müssen. Vielleicht, lieber Martin, wären Du und ich auch so geworden, wenn uns der liebe Gott nicht in Gnaden davor be­wahrt hätte, anders als »stellvertretend«, wie Du so schön heißest, auf dem kirchenregimentlichen Schachbrett zum Zug zu kom­men. Bin ich nicht auch aus der Liste des Bruderrates, auf die ich doch letzten Som­mer in Frankfurt fast pompös wieder aufge­nommen worden war, clam-heimlich wieder ausgelöscht worden? Und Du solltest erst se­hen, wie man in meinem schweizerischen Va­terlande in weitem Bogen um mich herum zu kommen weiß! Wir wollen darüber nicht in Gram versinken, weil es wirklich mehr zum Humor als zur Tragik der Kirchengeschichte gehört, daß es so laufen muß.

Darf ich Dir bei dem Anlaß einmal andeu­ten, wie ich die Situation grundsätzlich und also abgesehen von allen sachlichen und per­sönlichen Einzelheiten sehen zu müssen meine?

Mir drängt sich – nicht erst seit ich hier wie­der aus der Nähe dabei bin, aber hier aller­dings mit verstärkter Wucht – die Feststel­lung auf. daß wir bis auf diesen Tag an der falschen Weichenstellung zu leiden haben, die sich die BK in den nun so weit zurücklie­genden. aber mir und sicher auch Dir noch immer beunruhigend präsenten Tagen und Wochen nach der Dahlemer Synode im No­vember 1934 hat gefallen lassen. Du weißt noch: V[orläufige] K[irchen] L[eitung] Marahrens, Liquidation aller wichtigen Dahlemer Beschlüsse usw. Wie war es denn? Wir hatten in Barmen, wie wir meinten, auf Grund der Schrift und im Sinn aller reforma­torischen Bekenntnisse die von der Kirche als solcher so vorher noch nicht realisierte und ausgesprochene Erkenntnis von der al­leinigen Autorität und von der völligen Ge­nügsamkeit des Herrn Jesus Christus als des Hauptes seiner Gemeinde gemeinsam reali­siert und ausgesprochen. Und dann waren wir in Dahlem zu bestimmten Anfangsaus­sichten auf das gekommen, was jene Er­kenntnis für das Leben des irdischen Leibes jenes himmlischen Hauptes, für die Gemein­de und für die Gemeinden als die konkreten Gestalter dieses Leibes bedeuten möchte. Es waren Anfangsaussichten, und sie betrafen nun eben den damals gebotenen Kampf der Kirche gegen DC und Reichskirchenregierung. Aber es waren Aussichten, auch sie aus der Schrift, auch sie in Übereinstimmung mit allen reformatorischen Bekenntnissen ge­wonnen. Was nachher, in jenen fatalen Novemberwochen 1934 – ohne weitere Synode, sondern in jenen nächtlichen Tumulten im St. Michaelhospiz zu Berlin – entschieden wurde. war dies, daß Dahlem invalidiert wur­de, Barmen aber zu den »intakten«, »unan­tastbaren« Papieren rutschte. Kam nicht alle Misere der folgenden Jahre bis hin zu all den Dingen, die Du dann nur noch vom KZ und ich nur noch von der Schweiz her erlebt ha­ben, davon her, daß man in Dahlem so gut wie in Barmen vor Gott und den Menschen Bekenntnis abgelegt hatte, um nachher gera­de in dieser Sache: im Bekenntnis zum Leben und zu der Ordnung des Leibes Christi in der uns damals auferlegten Kampfsituation nicht mehr zu dem. was man eingesehen und aus­gesprochen hatte, stehen zu wollen? Und was geschah dann? Dann begann man gerade hinsichtlich der Frage nach dem Leibe Christi nach allen Seiten auszuweichen, nach aller­hand – sagen wir es ruhig: bequemeren Er­satz für das nach Dahlem Preisgegebene zu suchen. Dann begann man ihn auch zu fin­den: die Intakten nun erst recht in ihren Landeskirchentümern, die Lutheraner aufs Neue und nun erst recht in ihrer Konfession, die Berneuchener nun erst recht in ihren Mysterien und Bruderschaftsgeheimnissen. Nun entdeckten Gefangene in ihren Zellen (ich denke nicht zuletzt an unsern Freund Hans Asmussen) allerhand Wunder der einsamen Kontemplation und Anbetung. Nun führte die in den Gemeinden ganz neu gemachte Erfahrung von der Kraft des Abendmahls weiß Gott – mein Kollege Schlier hat mir dies neulich verständlich zu machen versucht – ausgerechnet dazu, daß man den Abend­mahlsstreit des 16. Jahrhunderts wieder aus­grub und mit Grabesstimme (schon mitten im Zweiten Weltkrieg!) zu verkünden be­gann, es hänge der volle Trost des Evange­liums im Abendmahl davon ab, daß man es beileibe nicht mit einem Reformierten zu­sammen empfangen müsse. Kurz: damals, hinter dem auf Dahlem folgenden Versagen sind die Elemente dessen entdeckt oder neu entdeckt worden, was heute als das, was Du die »Restauration« nennst, so strotzend ge­worden ist. Jawohl strotzend! Waren es doch lauter in ihrer Weise schöne und rechte, wichtige und ehrwürdige Dinge, auf die man sich damals zurückgezogen – aber eben im Verhältnis zu dem in Dahlem Erkannten und Bekannten zurückgezogen hatte. Nicht daß jene Dinge übel oder auch nur unbeachtlich waren oder wären, macht ihre Geltendma­chung heute so verhängnisvoll, sondern dies, daß sie damals aus einem schlechten Gewis­sen heraus auf den Plan kamen, daß sie in ei­nem Moment, wo man im schlichten Gehor­sam in der Frage des Leibes Christi versagt hatte (darin, worin sie damals gestellt und auch schon beantwortet war!), vorgeschoben wurden und die Gemüter als richtiges Quidproquo in Anspruch nehmen durften. Kann man sich wundern, daß Barmen unter diesen Umständen nun eben zu dem teils von kon­ventionellen Verbeugungen, teils von einem gewissen Überdruß, teils einfach von Ver­gessenheit umgebenen Papier geworden ist, als das es einem in den heute gepflogenen Gesprächen entgegen tritt? Wie sollte man an der Barmer Frage nach dem Haupte Jesus Christus noch ehrlich und intensiv beteiligt sein, wo man in der Frage nach seinem Leibe im entscheidenden Augen­blick versagt hat und nun mit verdächtiger Geschäftigkeit je­nen Surrogaten nachgehen muß?

Und kannst Du Dich wundern, wenn Du Dich (NB mitten in der BK, um von den an­dern nicht zu reden!) in einer Welt vorfin­dest, die für das, was Du »Reformation« nennst, keineswegs empfänglich ist? Eine sich selber im Sinn von Dahlem treugebliebene Kirche müßte heute in voller »Reforma­tion« begriffen sein. Statt dessen war es ganz selbstverständlich, daß in allen deutschen Landen, als 1945 anbrach, kirchliche Koali­tionsregierungen gebildet wurden, in denen die BK die (weithin nur mürrisch anerkann­te) Spitzengruppe, aber eben doch nur eine Gruppe bildet. Eine solche Koalitionsregie­rung ist ja auch euer »Rat der Ev. Kirche«, nur daß dort der Mann der intakten Landes­kirche auch wirklich die Spitze. Martin Nie­möller auch nur der dekorative und praktisch ausgeschaltete »Stellvertretende« ist. Und das Gesicht und Gehaben einer solchen Koa­litionsregierung hat ja wahrlich, nach dem, was ich in Frankfurt mit eigenen Augen gese­hen, auch das, was sich heute noch der Bru­derrat der BK nennt. Wie konnte und wie kann es anders sein, als daß sich dann die sämtlichen kirchlichen Gremien bis hinunter zu den Gemeindepresbyterien auf Grund des Koalitionsprinzips gebildet haben, wobei es sich erst recht wird zeigen müssen, ob, wenn erst ordentliche Wahlen stattgefunden ha­ben, die BK nicht wieder gänzlich ins Hinter­treffen gerät. Die innere Kraft, das zu verhin­dern, hat sie. soweit ich sehe, nicht und kann sie auch nicht haben, nachdem es ihr ja mit Dahlem und darum auch mit Barmen doch nicht so ernst gewesen ist, wie sie vorgab, nachdem nun so viele ihrer besten Leute längst dazu übergegangen sind, ihr Herz an jene Allotria zu hängen.

Du kannst Dich insbesondere nicht darüber wundern, Dich in einer kirchlichen Welt vor­zufinden, in der Du mit Deiner mit Recht so in den Vordergrund geschobenen Botschaft in der Schuldfrage so merkwürdige Erfah­rungen machst. Eine von einem im Sinn von Dahlem und also in Ernstnahme von Barmen geführten Kampf herkommende Kirche könnte, müßte und würde heute zweifellos vom ersten Augenblick an auf diese und auf die damit zusammenhängende positive Frage nach der künftigen Verantwortlichkeit des deutschen Menschen gestoßen sein. Sie wür­de dann nüchternere und klarere Worte als die zu Stuttgart ausgesprochenen gefunden und sie würde diese Worte vor allem nicht nachträglich durch so viele direkte und indi­rekte Retraktationen abgeschwächt haben, sie würde nicht so eilig zu Beschwerden über die andern übergegangen sein. Die Stuttgar­ter Erklärung mußte den fatalen Geschmack von Beiläufigkeit und Vorläufigkeit haben, sie konnte dem deutschen Volk gegenüber den Klang innerer Notwendigkeit nicht ha­ben. weil die Kirche, in deren Namen sie ge­sprochen wurde, zwar aus allerhand Kämp­fen, aber nicht aus jenem, dem ihr einst auf­getragenen, einst von ihr anerkannten Kampf herkam.

Was sollen wir nun tun, lieber Martin? Ich denke doch vor allem: nun eben doch nicht resignieren, nun eben doch nicht in irgend ei­nen Zorneswinkel gehen. Die Dinge sehen freilich auch nach meiner Sicht wüst aus … Vielleicht ist die Hauptsache doch die, daß wir uns nicht müde machen lassen, unser Sprüchlein heute, nach der Sündflut, zu sa­gen, wie wir es auch vor der Sündflut, auch im November 1934 gesagt haben. Verzeih das unschöne Bild! Du insbesondere – ich kann ja in dieser Sache nur als eine Art zwei­felhaftes Ehrenmitglied mitwirken – Du ins­besondere darfst es Dich nicht verdrießen lassen, auch fernerhin die kräftig zubeißende Laus im dicken, allzu dicken Pelz dieses Tie­res zu sein. Es ist traurig genug, daß Dir nun nach so vielen Lagerjahren keine harmoni­schere Tätigkeit geschenkt sein kann. Aber so scheint es nun der Wille Gottes mit Dir zu sein und es wird Dir im Himmel wohl belohnt werden, wenn Du Dich nun dazu hergibst, als der alte und. wie Du wohl weißt, uns an­dern allen im Grunde tief erquickliche Mar­tin Niemöller weiterzufahren: nach dem Ge­setz, nach dem Du angetreten. Was weißt Du, was wissen wir, was wissen auch die Männer, an denen wir jetzt rütteln und schüt­teln möchten, um sie aus ihrem Schlaf aufzuwecken: ob sich nicht plötzlich ein Türlein auftun wird, durch das jetzt unerwartetes Licht in unsre jetzt etwas muffige Kammer hineinfallen wird! Laß uns nur treu bleiben! Aber wem sage ich das? Ich zweifle ja kei­nen Augenblick daran, daß Du auch jetzt und jetzt erst recht durchhalten wirst, wie Du es noch immer getan hast.

Noch möchte ich Dir in diesem Zusammen­hang etwas zurufen: Geh jetzt nicht nach Amerika! Was kannst Du dort verloren und zu suchen haben, dem die deutschen Nöte und Aufgaben nicht viel gewichtiger gegen­überständen? Es ist widrig genug, daß ich durch Gründe, über die ich keine Macht ha­be. verhindert bin. mich gänzlich und defini­tiv wieder hier einzusetzen. Aber ich bin entbehrlich, Du als deutscher und als zehn Jahre jüngerer Mann bist unentbehrlich und zwar gerade jetzt wirklich unentbehrlich, und wäre es auch nur als fleet in being. wie Du mich in Treysa genannt hast. Es graut mir beim Gedanken an all das, was ohne Deine störende Kontrolle oder kontrollierende Störung im Rat der EKD passieren und von Schwäbisch-Gmünd ausgehen könnte, wäh­rend Du Dich drüben photographieren, in­terviewen und wohl gar filmen lassest. Im ho­hen Alter magst Du das dann nachholen: jetzt hast Du Wichtigeres zu tun. Bleibe im Lande und nähre Dich – und Deine Brüder – redlich! Dies ist nun ein langer Brief gewor­den, aber Deine Zusendung hat ihn ausge­löst.

Von mir sei diesmal nur gemeldet, daß ich mich unter den deutschen Studenten von heute durchaus wohl fühle, unter den Pfar­rern: plus-minus, – wenn aber ein Kirchenre­gierungsmensch in meine Nähe kommt, so mutiert meine Stimme und mein Herz wird unruhig in mir.

Mit herzlichem Gruß!

Dein

gez. Karl Barth

Quelle: Martin Greschat (Hrsg.), Die Schuld der Kirche. Dokumente und Reflexionen zur Stuttgarter Schulderklärung vom 18/19. Oktober 1945, München: Chr. Kaiser, 1989, S. 282-286.

Hier der Text als pdf.

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