Von Johannes Evangelista Goßner
Et ego, si omnes dissentiunt, non consentio, abhorrens conventiculum non orantium.
Eine Bibelgesellschaft, die nicht mit Gebet, mit lautem feierlichen Bekenntnis ihrer Abhängigkeit von Gott und Gottes Segen anfängt, die sich dessen schämt, die keinen Sinn, kein Herz, keine Freudigkeit dafür hat, ist mir nicht eine ecclesia sancta et devota, sondern eine synagoga profanorum et plebejorum, sine numine et sine lumine (ohne Licht und Leben) – ist mir eine Gesellschaft von Fackelträgern oder Laternenanzündern, die selbst blind sind oder sich die Augen geflissentlich verbinden, dass sie das Licht nicht sehen, das sie anderen vorhalten oder anzünden – ist mir eine Gesellschaft von Ölhändlern, die den Salat ohne Öl essen, Weinhändlern, die Wasser trinken, Fuhrleuten, die den Wagen nicht schmieren usw.
Ein kurzes stilles Gebet will ich nicht verachten, weil mir jeder Gedanke an den Nahen, Großen und Erhabenen heilig ist; aber bei einer Bibelgesellschaft ist es mir zu wenig, und nur so viel, wie wenn ein Kindermädchen zum Kinde sagt: „Mache einen Diener“ – das machen Diener, und nun ist’s alle.
Das Gebet loben und es für notwendig halten, und es doch für die Bibelgesellschaft nicht passend finden, heißt mit einer Hand geben und mit der anderen nehmen. Sagen: wir können und dürfen nicht so gemeinschaftlich beten, wie die Christentums-Gesellschaft zu Jerusalem, weil wir nicht mehr alle ein Herz und eine Seele sind – das ist ein trauriges Bekenntnis und heißt so viel: Wir haben nicht, darum sollen und dürfen wir nichts suchen, nichts begehren vom Geber aller Gaben; wir sind arm, darum dürfen wir nicht betteln.
Wer nicht beten will, der lasse es bleiben; er hindere und wehre aber denen nicht, die beten wollen. Wenn ich in die Versammlung käme und wollte beten, und es wehrte es mir einer, so würde ich Hut und Stock nehmen und davon gehen, als wenn mich ein toller Hund beißen wollte. Aber ich werde nicht kommen, so lange gewiss nicht, als Mitglieder dabei sind, die mit dieser Gesellschaft das Gebet nicht verbinden können und wollen.
Das muss ich gestehen, dass ich von einem solchen Gebet, wie es gewöhnlich bei solchen Gesellschaften geschieht, nicht sehr viel erwarte – aber doch nicht nichts – sondern ich wünschte wohl mehr; ich wünschte, dass Aaron und Hur dem Moses die Arme hielten, und alle, die für die Sache des Herrn sind, die da wollen, dass das Wort Gottes laufe, mit Gebet und Flehen anhalten und nicht ablassen, bis Josua den Amalek geschlagen hat, bis nicht nur die Bibel in allen Händen ist, sondern bis Christus alles in allem ist.
Mir ist es ärgerlich, entsetzlich, ich möchte sagen: Hebe dich – du meinest nicht, was göttlich ist usw. Die Welt, die Profanen – ich will nicht sagen, die Gläubigen – müssen sich ärgern über eine Bibelgesellschaft, die gegen das öffentliche, laute, feierliche Gebet streitet. Wenn ich Tote erwecken könnte, würde ich heute noch nach Wittenberg gehen und Luther aus dem Grabe rufen, Spener und Arndt und Andreae, und würde sie in die Bibelgesellschaft zu Berlin führen und sie entscheiden lassen. Luther müsste sagen, wie ihm gewesen und wie es in der Kirche war, ehe er die Bibel in der Welt bekannt machen konnte; er müsste dann sagen: Ihr wäret alle noch wie Ross und Mäuler, würdet alle noch dem Papst Ablass abkaufen, wenn die Bibel nicht verbreitet worden wäre, und ihr konntet sie in die Hand nehmen, sie verbreiten, ohne niederzufallen, ohne zu danken, konntet ohne Gebet mit ihr umgehen?! – Doch der Bote kommt – sapienti sat.
Den 25. Februar 1834. Goßner