Auch das kann zu einem (national-)religiösen Sozialismus gehören – Fremdenfeindlichkeit, so Leonhard Ragaz in seiner Programmschrift „Die neue Schweiz“ 1917:
Die Fremden und die Fremdheit (Die neue Schweiz, 1917).
Von Leonhard Ragaz
Trotzdem scheint mir auch diese zweite Hauptform unserer Gefahr nicht die schlimmste. Noch viel drohender kommt mir die vor, die ich die des Volkstums nennen will. Es wäre ja alles nicht so bedenklich, wenn wir zwar durch äußere Mächte bedroht würden, aber ein starkes, frisch quellendes Volkstum hätten. Dann kann ein Volk Viel aushalten, ohne sich selbst zu verlieren. So sehen wir Finnland trotz jahrhundertlanger äußerer Abhängigkeit und jahrzehntelangem schwerem Drucke sich behaupten, so sehen wir Polen aus noch viel härteren Ketten neu erstehen. Und erst das jüdische Volk! Aber das ist nun das Beängstigende, dass wir gerade an diesem Punkte gefährdet sind. Unser Volkstum ist angefressen, ja mit Auflösung bedroht. Es gleicht einer jener Inseln, die, von allen Seiten durch die andringenden Meereswogen benagt, Stück für Stück abbröckeln. Auch in dieser Form haben wir also das Problem des Kleinvolkes vor uns. Wieder will es scheinen, als ob ein solches nicht lebensfähig wäre, namentlich nicht das schweizerische mit seiner zentralen Lage und bunten, scheinbar leicht gekitteten Zusammensetzung.
Das ist wieder keine Übertreibung. Man denke nur an die gröbste Form dieser Bedrohung: die Fremdenfrage. Von allen Seiten brandet die Flut fremden Volkstums heran und überschwemmt fast unmerklich Stück für Stück unseres Landes. Im Osten sind es die Tiroler und Italiener, im Süden die Italiener allein, im Westen die Franzosen, im größten Teil der Schweiz aber und ein wenig überall die Deutschen. In unseren Städten bilden die Fremden da und dort zwei Fünftel bis fast die Hälfte der Einwohner. Diese Fremden haben wenig Lust, Schweizerbürger zu werden. So kommt man denn und rechnet uns kaltblütig vor, dass, wenn es so weitergeht, in fünfzig Jahren mehr Fremde in unserem Lande wohnen werden als Schweizerbürger. Während des Krieges sind ganze Heere von uns weggezogen zu den Fahnen der verschiedenen Völker. Das sind unerhörte Zustände. Kein Volk der Erde kennt etwas Ähnliches. Auf dieser Linie rückt uns das Finis Helvetiae zum Greifen nahe.
Zu dieser Fremdenfrage gehört der Fremdenverkehr, das, was wir auch etwa Fremdenindustrie nennen. Wieder ein furchtbares Übel! Gewiss nicht nur Übel, aber doch jedenfalls auch Übel. Ich denke, wir brauchen davon nicht viel zu sagen. Aber haben sich die Schweizer schon genügend klar gemacht, was es bedeutet? Diese Fremdenindustrie gewöhnt uns daran, uns nach den Wünschen der Fremden zu richten, sie macht uns knechtselig. Bei kaum einer anderen Form des menschlichen Verkehrs ist alles so wie hier unter den Gesichtspunkt des Geldes gestellt. Wir schätzen den Menschen nach dem Geld, behandeln ihn nach dem Gelde, beuten ihn aus, wenn auch meistens (nicht immer!) in anständigen Formen, und beugen uns vor ihm! Wo man aber dem Gelde dient, da ist man schon Knecht. Jede andere Form von Knechtschaft schließt sich hier leicht an. Wie das Geld in Form der Reisläuferei die alte Eidgenossenschaft zerrüttet und an den Rand des Abgrundes gebracht hat, so droht die heutige umgekehrte Reisläuferei es wieder zu tun, wobei wir nicht vergessen dürfen, dass jene alte Reisläuferei doch etwas Mannhaftes hatte, während die heutige sklavisch ist. Ein Volk von Soldaten, auch wenn es Söldner sind, ist doch mehr wert als ein Volk von Bedienten. Ein nicht kleiner Teil der Knechtseligkeit, die wir in diesen letzten Jahren unter uns erlebt haben, mag aus dieser Quelle stammen, dieser Gewohnheit, den Fremden zu Willen zu sein. Die Haltung unserer obersten Landesbehörden in der Spielbankfrage ist ein Zeichen dafür, wie unser Volk auf diesem Wege seine Seele zu verlieren droht. Dass diese Behörden jetzt, wo es den Aufbau einer neuen Schweiz gilt, als Erstes ein Zentralamt für Fremdenverkehr geschaffen haben, bedeutet in diesem Zusammenhang kein gutes Zeichen.
Wir müssen uns freilich über diesen Punkt verständigen. Gewiss hat uns der Fremdenverkehr auch Gutes gebracht. Dieses ist unter uns so wohl bekannt, dass man es nicht besonders aufzuzählen braucht. Auch wollen wir den Fremden natürlich nicht die Tore der Schweiz verschließen. Unsere Berge mit ihrem Hort von Heil für Leib und Seele gehören nicht uns, sondern Gott und den Menschen. Soweit es sich um wirkliches Heil handelt, soll uns dieses eine heilige Sache sein. Auch wissen wir, dass noch heute in manchem schlichten Gasthof und sogar noch da und dort in einem Grandhotel ein wackerer Schweizergesinnung herrscht, der seinen Stolz darein setzt, dem Gaste ein rechter Wirt zu sein, aber das Knie vor keinem beugt. Dass aber im Laufe der letzten Jahrzehnte eine tiefe Entartung über unsere Fremdenindustrie gekommen ist, werden alle Kundigen ohne Zaudern gestehen. Einst kamen die Fremden, wie die Schweizer selbst, in unsere Berge, um ihre Seele an ihren Herrlichkeiten zu erquicken und für ihren Körper in Licht und Luft Gottes oder dem Heilquell aus der Tiefe Genesung und Stählung zu finden. Sie wurden aufgenommen in Gasthöfe, wo ehrenhafte Schweizer in Tüchtigkeit und ruhigem Stolz als die geachteten Wirte walteten. Der Schweiz erwuchs daraus viel Ehre und Liebe; der Wohlstand aber, der aus dieser Quelle floss, war wohl erworben und unanfechtbar. Nun aber ist daraus eine seelenlose Mode geworden. Nun hat der mächtig gewachsene Reichtum und die große Erleichterung des Verkehrs einen immer größer und immer schmutziger werdenden Strom in unser Land ergossen, der es völlig zu überfluten droht und viel, viel Unrat und Verwüstung hinterlässt. Nun kommt ein großer Teil dieser Fremden, um auch dagewesen zu sein oder um sein Geld und sich selbst auszustellen; er kommt in der ganzen Hast und Krankhaftigkeit des modernen Wesens; er trägt alle Ausbeutungsinstinkte des kapitalistischen Zeitalters, allen Lärm, alle Rohheit, alle Seelenlosigkeit, auch allen Schmutz der Großstadt in unsere Berge herein. Er empfindet nicht die Andacht der Höhe, sondern raubt ihr die Blumen und lässt Zeitungen und leere Flaschen und Büchsen zurück; er will nicht in der Stille selber still werden, sondern will sein Orchester hören, oder auch das Grammophon. Er bringt all den Jammer einer entarteten „Kultur“ mit, statt ihn einmal hinter sich zu lassen. Diesem neuen Wesen passt sich das Gasthausgewerbe an. Es stellt sich auf rasche Ausbeutung, auf die Behandlung des Proletentums ein. Eine fieberhafte Spekulation kommt auf. Immer mehr saugt dieser Erwerb die Kräfte unseres Volkes auf, wie ein Geschwür die Säfte des Leibes an sich zieht, den Leib aber damit in schwere Gefahr bringt.
Wir werden später davon reden, wie diese Sache, auf andern Grund aufgebaut, eine völlig neue Gestalt annehmen und aus Gefahr oder gar Fluch wirklich Heil für alle werden könnte. Inzwischen kann aber auch von denen, die damit verbunden sind, kein Aufrichtiger die Größe dieser Gefahr in Abrede stellen. Unser Volkstum wird durch diese Fremdenflut physisch und seelisch beschmutzt und verwüstet. Es kommt ja selbstverständlich nicht bloß die Auslese, sondern noch mehr der Abschaum (und zwar besonders der goldene) der fremden Völker zu uns. Ganze edle Rassen, die einst in unseren Hochtälern ein einfaches, aber kulturell wertvolles Dasein geführt, lösen sich auf oder verschlechtern sich nach Leib und Seele. Denn dieser Erwerb hat etwas Unsolides, Glücksspielmäßiges an sich. Unsere Bauernsöhne und Bauerntöchter gehen ins Hotel und kehren meistens nicht besser zurück. Die Landwirtschaft leidet darunter. Die Lust zum raschen und leichten Gelderwerb wächst und mit ihr vieles Schlimme. Schwerere Arbeit überlassen wir immer mehr den Ausländern. Vor allem aber kommt es auf dieser Bahn zu einer Wegwerfung der Schweiz, die Vielen von uns seit langem am Herzen frisst. Wir haben uns vielfach gewöhnt, die Frage: „Was kann die Fremden anziehen?“, zum Leitmotiv unseres Tuns zu machen. Wir stellen uns aus: unsere Berge, unsere Seen, unsere Sitten. Die Schweiz ist nicht für uns da, sondern für die Fremden. Wo ein erhabener Gipfel ist, da ist er vorhanden, damit auf einer Bergbahn der Kommerzienrat leicht hinauf könne; wo die Schöpferhand ein besonders schönes Fleckchen Erde gebildet hat, da ist es geschehen, damit ein Hotel hingestellt werde. Die Raubritter des Profites ziehen mit Geiergesichtern durch das Land und spähen jede geweihte Bergeinsamkeit aus, um dort den Giftbaum der Spekulation hinzusetzen. So verderben wir das Werk Gottes um des Mammons willen und ernten statt des Lebens das Verderben. So bietet sich die Schweiz um Geld an. Ist das noch unsere Schweiz? Unser Volkstum wird dadurch auf alle Weise überschwemmt und verheert.
Haben wir überhaupt eine genügende Empfindung davon, wie weit diese Art von Fremdherrschaft (die sich selbstverständlich nicht bloß auf die Kurorte erstreckt und nicht bloß in der „Fremdenindustrie“ zum Ausdruck kommt) gediehen ist? Das Schweizerhaus ist das Hotel Europas geworden und das Schweizervolk seine Bedienung. Wir sind in unserem Lande nicht daheim. Auf unseren Bergen, in unseren Alpendörfern begegnet uns überall der Fremde, für den wir Staffage der Schweizlandschaft sind. Im Eisenbahnwagen führt er auf oft sehr laute Weise das große Wort; in gewissen Quartieren unserer Städte kommt auf zwei Fremde höchstens ein Schweizer. Ist das ein Zustand, an dem ein noch echt empfindender Mensch Freude haben kann? Ja, wenn diese Fremden bloß Gäste wären! Aber sie sind schon zum großen Teil Herren geworden. Es ist oft ein stiller Einfluss, den Viele von uns in ihrer Hirtenknaben-Unschuld gar nicht merken, aber es ist schon viel Knechtschaft da. Die Art und Weise, wie man während der Kriegszeit diejenigen unter uns behandelte (und behandelt), die ein eigenes Urteil hatten, und wie die Schweizer den Fremden dabei gegen ihre Mitbürger halfen (und helfen), könnte wenigstens Einigen die Augen öffnen. Wir singen und sagen von Wilhelm Tell und Stauffacher und haben den Gesslerhut mächtig und hochgeehrt überall unter uns. Man bewacht uns im eigenen Lande; man führt über unser Verhalten Buch; man will uns keine selbständige Meinung über die Weltereignisse erlauben. Wir sollen einfach nachreden, was eine fremde Regierung ihren Untertanen vorzureden für gut findet. Sonst werden wir beschimpft und nach Möglichkeit bestraft. Wir müssen uns als Schweizer an Orten bloß geduldet fühlen, wo wir doch eigentlich die Herren sein sollten. Sind solche Zustände nicht unerträglich? Ist das nicht schlimmste Knechtschaft? Es sind in dieser Beziehung unter uns Dinge geschehen, die vielleicht kein anderes Volk sich hätte gefallen lassen. Man ist gegen den Mitschweizer, wenn er nicht Macht hat, hochfahrend, gegen den Fremden sklavisch.
Der dies schreibt, ist alles andere eher als ein Fremdenhasser oder Geiferer gegen die Ausländer. Er ist oft für sie eingestanden; er hat sich auch wegen seines Internationalismus reichlich verschreien lassen müssen. Aber es gibt Fremde und Fremde. Der Fremde, der zu uns als Gast kommt, sei uns immer von Herzen willkommen, aber nicht der Fremde, der offen oder versteckt unser Herr sein will. Es soll unsere Schweiz ja ein Haus sein, wo unsere Schweizerfamilie gerne Gäste aus aller Welt empfängt, aber nicht ein Hotel, wo wir bloß Kellner und Portier sind. International wollen wir sein; das bedeutet aber nicht, dass kleine Völker von größeren zerstampft oder aufgesogen werden, bedeutet auch nicht, dass ein Volk ein charakterloser Mischmasch werde, sondern dass jedes Volk eigenartig, charaktervoll, stolz und frei im Kreise der anderen sein Leben führe, sie ehrend und von ihnen geehrt, auch sich selbst ehrend! Nur unter Freien, sich selbst und andere Ehrenden, gibt es echte Menschen- und Völkergemeinschaft.
Auch davon soll später ausführlich geredet werden.
Wir haben die andere Gefahr aber noch nicht genannt, die hierher gehört, obschon sie zwar von innen zu kommen scheint und nicht von außen: ich meine den Gegensatz von Deutsch und Welsch, den Viele für die Gefahr halten. Ganz mit Unrecht zwar, wie mir scheint. Von außen kommt auch diese Gefahr, insofern als es die Anziehungskraft der verschiedenen Rassenkulturen ist, die unser Volk in zwei Stücke zu zerreißen scheint. Ich glaube freilich nicht, dass die Rasse in dieser Sache eine wesentliche Rolle spielt. Das haben wir uns von solchen, die es schlimm mit uns meinen, aufschwatzen lassen und uns damit über den wahren Grund der Trennungen unter den Schweizern wegbetrogen. Aber ob man sich auch über die tiefere Ursache dieser Kluft zwischen Deutschen und Welschen täusche, so liegt auch in der Täuschung eine Gefahr. Wenn wir gewisse Rassentheoretiker hören, so möchten wir meinen, wir könnten schon um dieses Auseinandergehens in Deutsch und Welsch willen kein Volk bilden.
Die Schweiz ist nicht mehr unser trautes Familienhaus, sondern ein Fremdenhaus und ein Ort der Zwietracht der eigenen Kinder! In diesen Kriegsjahren haben wir all das Unheil, das darin liegt, tief erfahren. Unser Land ist in Folge dessen zur Sammelstätte des Unrates der Welt geworden. Es steckt voll von Wucherern, Spionen und Agenten, bald in gemeinem und bald in vornehmem, oft sehr vornehmem Stil. Es ist eine Brutstätte von Intrigen, Lügen, schmutzigen Gemeinheiten. Zu allem Wüsten und Schlechten finden sich bei uns Werkzeuge, und der Schmutz droht auch Bessere zu bespritzen. Wir aber möchten oft blutige Tränen weinen, dass unser Schweizerhaus, das früher vielleicht eng, aber sauber war, so entweiht und entehrt sein soll.
Quelle: Leonhard Ragaz, Die neue Schweiz. Ein Programm für Schweizer und solche, die es werden wollen, Olten: Trösch, 3. A., 1918, S. 23-29.