Predigt über Matthäus 11,25-30 (1546)
Von Martin Luther
Luthers letzte Predigt, gehalten am 15. Februar 1546 – drei Tage vor seinem Tod, ist alles andere als ein Meisterwerk: Höchst polemisch, verbittert im Ton, ohne Zuspruch des Evangeliums. Was es noch schlimmer macht, ist die daran anschließende antisemitische Kanzelvermahnung „Wider die Juden“, bei der man von einem üblen Kanzelmissbrauch sprechen muss.
Das ist ein schönes Evangelium und fasst viel in sich. Wir wollen jetzt davon reden, soviel wir können und Gott Gnade verleiht.
Der Herr lobt und preist hier seinen himmlischen Vater, dass er solches den Weisen und Klugen verborgen habe. D. h.: den Weisen und Klugen hat er das Evangelium nicht kundgetan, sondern den Kindern und Jungen, die nicht reden und predigen können noch klug und weise sind. Damit zeigt er an, dass er den Weisen und Klugen feind ist und Lust und Liebe hat zu denen, die nicht klug und weise, sondern wie die jungen Kinder sind. Aber das ist für die Welt sehr töricht und ärgerlich, dass Gott den Weisen feind sein und sie verdammen sollte, wo wir doch meinen, Gott könne nicht regieren, wenn er nicht weise und kluge Leute dazu hat. Aber der Spruch hat den Sinn: die Weisen und Klugen in der Welt machen’s so, dass Gott ihnen nicht günstig und gut sein kann. Denn sie machen’s in der christlichen Kirche, wie sie es selber wollen. Alles, was Gott tut und macht, das müssen sie verbessern, sodass kein ärmerer, geringerer, verächtlicherer Schüler auf Erden ist als Gott; er muss jedermanns Jünger sein, jedermann will sein Schulmeister und Präzeptor sein.
Das sieht man von Anbeginn der Welt an allen Ketzern, an Arius und Pelagius und jetzt zu unserer Zeit an Wiedertäufern und Sakramentierern und allen Schwärmern und Aufrührern: die sind nicht mit dem zufrieden, was Gott gemacht hat und eingesetzt, sie können’s nicht so lassen, wie er’s geordnet hat. Sie meinen, sie müssen auch etwas machen, damit sie etwas Besseres seien vor den Leuten und rühmen können: das hab ich gemacht; was Gott macht und stiftet, ist zu schlecht und gering, ja zu kindisch und töricht, ich muss etwas dazu tun. So ist die schändliche Weisheit auf Erden, besonders in der christlichen Kirche: da hackt und beißt, hindert und stößt ein Bischof den anderen, ein Pfarrherr den anderen, wie man im Kirchenregiment solches allezeit zum großen Schaden erfahren hat. Von diesen Meister Klüglingen redet hier Christus, die das Pferd am Hintern aufzäumen und nicht auf dem Wege bleiben wollen, den Gott uns selber zeigt, sondern immer etwas Besonderes haben und machen müssen, damit die Leute dann sagen: ei, mit unserem Pfarrherr oder Prediger ist’s nichts, aber das ist der rechte Mann, der wird’s tun!
Ist’s aber nicht verdrießlich, und sollte Gott darüber nicht ungeduldig werden, sollte er an solchen großen Leuten Gefallen haben, die so gar klug und weise sind und ihn immer zur Schule führen wollen? Wie ja im gleichen Kapitel gleich folgt: die Weisheit muss sich rechtfertigen lassen von ihren Kindern. Ei, es steht fein, wenn das Ei klüger sein will als die Henne. Und es muss eine schöne Meisterschaft sein, wo die Kinder Vater und Mutter, die Narren und Toren, weise Leute regieren wollen. Siehe, darum werden überall in der Schrift die Klugen und Weisen verdammt.
Der Papst hat auch so getan. Christus hat das Predigtamt und das Sakrament seines Leibes und Bluts bestätigt und eingesetzt, wie es die Christen brauchen sollen, um ihren Glauben dadurch zu stärken und zu kräftigen. Da schrie der Papst: nein, nein, so soll’s nicht sein, das ist nicht weislich gehandelt! Denn sein Dekret sagt, es sei nicht fein, das Sakrament zur Stärkung des Christenglaubens zu reichen, sondern es müsse ein Opfer sein, wenn der Priester die Messe liest für die Lebendigen und die Toten; und wenn ein Kaufmann über Land reisen will, so soll er zuvor eine Messe lesen lassen, dann werde es ihm gut gehen. – Desgleichen dass Gott die Taufe eingesetzt hat, das ist dem Papst ein geringes Ding und war bald bei ihm verloren und kraftlos geworden. Dafür brächte er dann seine Kappen- und Plattenträger auf, die mit Orden und Möncherei der Welt helfen: wer in einen solchen Orden tritt, der hat eine neue bessere Taufe, durch die nicht allein ihm, sondern auch anderen Leuten geholfen werden kann, wenn sie selig werden wollen. Das ist des Papstes Weisheit und Klugheit. So geht’s unserem Herrgott in der Welt: was er stiftet und ordnet, muss vom Teufel und den Seinen sein, muss verkehrt, gelästert und geschändet werden. Und dann meint die Welt noch, Gott solle sich das wohl gefallen und gut sein lassen, wenn jeder Narr ihn meistern und regieren will.
In weltlichen Sachen und im weltlichen Regiment geht’s auch so zu, wie auch Aristoteles davon schreibt. Etliche Leute sind oft mit ungewöhnlich großer Weisheit und großem Verstand begabt. Gott gibt oft einen feinen, hohen, verständigen Mann, der mit Weisheit und Rat Land und Leuten dienen könnte. Aber solche Leute fliehen vor den Regierungsgeschäften, und man kann sie nur schwer zur Regierung bringen. Daneben aber sind andere, die wollen’s sein und tun und können’s doch nicht. Die heißen dann im weltlichen Regiment Naseweise und Meister Klügel. Die schilt man sehr und ist ihnen auch mit Recht feind und muss es beklagen, dass man vor diesen Narren nirgends sicher sein kann: sie sind zu nichts nutze und bringen nur immer Haare in die Suppe. Darum sagen die Leute von ihnen: der Teufel hat uns mit Narren beschissen. Und Aristoteles, der solches, dass so wenig rechte und tüchtige Leute da sind, in Regierungen gesehen hat, macht darum einen Unterschied zwischen rechten Weisen und Klugen und anderen, die er ‚doxa‘ nennt, d. h. Weise, die sich nur so dünken, als seien sie weise und klug, wie man auch im Deutschen sagt: bei dem macht der Dünkel den Tanz gut! d. h. die meinen, weil sie im Regiment sitzen und hohe Personen sind, müssten sie auch klug sein.
Und ein einziger solcher Narr im Rat hindert die anderen, in irgendeiner Sache voranzukommen. Denn er will in Teufels Namen klug sein mit Gewalt und ist doch ein Narr. Wenn man nun solchen Leuten im weltlichen Regiment mit Recht feind ist, wieviel mehr sind’s verdrießliche Leute und müssen Gott und Menschen ihnen gram sein, wenn sie in der christlichen Kirche klug sein wollen und sind’s doch nicht. Denn diese hindern das Predigtamt, dass die Leute nicht zu Gott kommen. So sind zu unserer Zeit Münzer und die Sakramentierer gewesen, die wehren und hindern den Lauf des Evangeliums, verführen die Leute und meinen, sie seien allein klug und weise, weil sie im Amt und Regiment der Kirche sitzen. So will auch der Papst ein sehr kluger Mann sein, ja der allerweiseste, nur weil er so hoch sitzt, und meint, er sei das Haupt der Kirche. Damit bläht ihn der Teufel so auf, dass er meint, was er auch sagen und vornehmen wolle, sei lauter göttliche Weisheit und jedermann müsse es annehmen und ihm folgen, ohne zu fragen, ob es Gottes Wort sei oder nicht. So wagt er ja in seinem großen Narrenbuch zu sagen, es sei nicht zu vermuten, dass eine solche Hoheit – wie er sein will – irren könne. So meinen auch Kaiser, Könige und Kardinäle, sie könnten nicht irren, weil sie so hoch sitzen. – Dieselbe Weisheit hatte auch Kaiphas, als er den Juden riet: ihr groben Narren, ihr habt keine Köpfe, ihr wisset und versteht nichts: ist’s nicht besser, dass ein Mann sterbe, als dass das ganze Volk verderbe? Das war ein weiser kluger Rat, besser einen Menschen zu erwürgen als das ganze Land zu verderben. Wie aber ging dieser Rat aus? Eben dadurch brachte er’s dahin, dass das ganze Land verderben und untergehen musste. So tun alle Naseweisen in der christlichen Kirche und im weltlichen Regiment.
Darum spricht Christus hier, er sei den Naseweisen feind und wolle sie nicht leiden in seiner christlichen Kirche, ob sie nun Kaiser, Könige, Fürsten oder Doktoren heißen, weil sie ihm sein göttliches Wort meistern und mit ihrer eigenen Klugheit in den hohen großen Sachen des Glaubens und unserer Seligkeit regieren wollen. Wir haben selber viel solche Beispiele in kurzer Zeit erfahren: solche Klüglinge haben sich unterstanden, Einigungen oder Reformationen anzurichten, durch die in der christlichen Kirche Einigkeit entstehen sollte; und sie brachten’s mit köstlichen Gründen zu Markte: der Kaiser, die Könige, die Fürsten und Herren sollen’s so und so machen, und so könnte man Land und Leuten helfen und viel Gutes in der Christenheit ausrichten. Aber was man durch solche Anschläge und Klugheit ausrichtet, das sieht man gut. Am allermeisten und die längste Zeit aber haben der Papst und die Kardinäle solche Weisheit und Klugheit getrieben, Gottes Meister sein und selbst die Christenheit regieren wollen. Aber das will Gott nicht leiden. Er will nicht Schüler sein, sie sollen Schüler sein; er ist die ewige Weisheit und weiß wohl, was er tun oder lassen will. Sie meinen, weil sie im Regiment obenan sitzen, seien sie auch die Klügsten und sähen tiefer in die Schrift als andere Leute. Darum stürzt sie Gott auch gräulich; denn er will’s und kann’s und soll’s nicht leiden. Und so macht er, dass das Evangelium den Hohen und Weisen verborgen bleibt, und regiert seine Kirche ganz anders, als sie denken und verstehen, wiewohl sie meinen, sie wüssten und verstünden alles und Gott könne ihren Rat und ihr Regieren nicht entbehren, weil sie im Regiment sitzen.
Es lautet fast, als sei es neidisch geredet, wenn Christus spricht: ich danke dir, Vater, usw. Und ist doch gar kein Neid und Hass in seinem Herzen gewesen. Denn da er sich selber mit Leib und Leben für uns gegeben hat, wie könnte da ein Neid sein? Aber sein Verdruß und Unwille kommt daher, dass die elenden törichten Leute die göttliche Majestät meistern wollen. Das kann und soll er nicht leiden, und alle frommen Herzen danken ihm dafür; denn sonst wäre des Klügelns und Meisterns kein Ende. Der Teufel reitet die Leute, dass sie aus der Heiligen Schrift und aus Gottes Wort nur einen hohen Namen, Eigenlob und eigene Ehre suchen und mehr sein wollen als andere Leute. Wir aber sollten hier sagen: lieber himmlischer Vater, rede du, ich will gern ein Narr und Kind sein und schweigen; denn wenn ich das Regiment aus eigenem Witz, eigener Weisheit und Vernunft führen sollte, so stäke der Karren längst im Dreck und wäre das Schiff längst zu Trümmern gegangen; darum lieber Gott, regiere und führe du es selbst, ich will mir gern meine Augen ausstechen, die Vernunft zutun und dich allein durch dein Wort regieren lassen.
Aber das kann man bei der Welt nicht erreichen. Die Rottengeister stehen auf und suchen doch nur die große Ehre beim Volk, dass man von ihnen sage: das ist der rechte Mann, der wird’s tun! Und mit solchem Ruhm wollen sie auch sich selber kitzeln und brüsten: das hast du getan, das ist dein Werk, du bist der treffliche Mann, der rechte Meister. Aber das taugt nun für alle Hunde nicht. Denn rechte Prediger sollen allein Gottes Wort fleißig und treulich lehren und allein Gottes Ehre und Lob suchen. Desgleichen sollen auch die Zuhörer sagen: ich glaube nicht an meinen Pfarrherrn, sondern er sagt mir von einem anderen Herrn, der heißt Christus, den zeigt er mir; ich will auf seinen Mund sehen, sofern er mich auf den rechten Meister und Präzeptor, Gottes Sohn, führt. So würde es gut in der Kirche stehen und wäre sie wohl regiert und bliebe allenthalben Einigkeit. Sonst bleibt immer dieselbe Unlust wie auch im weltlichen Regiment. Ein Rat leidet einen solchen Narren, der oft die ganze Stadt irre macht, nicht gern, sondern stößt ihn hinaus, und das ganze Land freut sich drüber. Desgleichen sollt’s auch in der christlichen Kirche zugehen: niemand anders soll gelehrt und gepredigt werden als allein der Sohn Gottes, der ist’s allein, von dem gesagt ist: das ist mein lieber Sohn, den sollt ihr hören (Matth. 17,5) – und keinen anderen, er sei Kaiser, Papst oder Kardinal. Darum sagen wir so: ich lasse gelten, dass Kaiser, König, Papst, Kardinäle, Fürsten und Herren klug und weise sind, aber ich will an Christus glauben, der ist mein Herr, den heißt mich Gott hören, von dem heißt er mich lernen, was rechte göttliche Weisheit und Klugheit sei.
Aber da schreit der Papst und was ihm anhängt: nein, nein, solches sollst du nicht tun, du sollst der Obrigkeit gehorsam sein und tun, was wir dir gebieten. Ja, sag ich, das soll ich tun, aber sei du zuvor eins mit dem Herrn, der hier spricht: es ist mir alles übergeben von meinem Vater. Darum, lieber Papst, Kaiser, König, Fürst und Herr, fahre nicht so daher; ich will dich ja gern hören in weltlicher Regierung, aber dass du in der Christenheit sitzen willst als ein Herr und Gewalt haben willst, festzusetzen, was ich glauben und tun soll, das nehme ich nicht an; denn da willst du klug und weise sein an dem Ort, wo du ein Narr bist und dir nichts offenbart ist. Denn hier ist der Herr, den man in dieser Sache allein hören soll, wie er hier auch spricht: niemand kennt den Vater als der Sohn und wem es der Sohn will offenbaren. So sprechen die Albernen, die sich selbst nicht weise noch klug dünken, sondern sein Wort hören und annehmen. Ist’s nun sein Wort, das du mir vorhältst und gebietest, so will ich’s gern annehmen, wenn’s gleich ein junges Kind redet oder auch der Esel, der mit Bileam redete; da will ich keinen Unterschied unter den Personen machen, die da reden, sie seien nun klug oder Narren. Denn es ist nun so beschlossen und soll heißen: mir ist alles übergeben, d. h. ich bin der Mann, der allein lehren und regieren soll allen Klugen und Weisen zum Trotz, die ihre Augen blenden lassen und ihre Vernunft zutun sollen.
Denn unsere Weisheit und Klugheit in göttlichen Sachen ist das Auge, das der Teufel im Paradies uns aufgetan hat. Da wollten Adam und Eva auch in Teufels Namen klug sein. Gott hatte sie selbst gelehrt und ihnen sein Wort gegeben, an das sie sich halten sollten, wenn sie recht klug sein wollten. Da kam der Teufel und macht’s besser und tat ihnen die Augen zu, mit denen sie Gott sahen und den Teufel zuvor nicht gesehen hatten. Diese Plage hängt uns noch immer an, dass wir in Teufels Namen klug und weise sein wollen.
Aber dagegen sollen wir lernen, was das ist: mir ist alles gegeben, d. h. ich soll regieren, lehren, raten, heißen und gebieten in meiner Kirche. Damit bekennt Christus öffentlich, dass er wahrhaftiger Gott sei. Denn weder Engel noch Kreatur haben diesen Ruhm, dass ihnen alles gegeben sei. Der Teufel wollte sich wohl einmal in diesen Stuhl setzen und Gott gleich sein, er ward aber darum bald vom Himmel gestoßen. Darum sagt Christus: mir ist alles gegeben, d. h. mir, mir soll man gehorchen. Hast du mein Wort, so bleib dabei und siehe niemand an, der dich anderes lehrt oder heißt, ich will dich schon recht regieren, schützen und retten; lasse Papst, Kaiser, Gewaltige und Gelehrte klug sein, aber folge ihnen nicht, wenn sie gleich 1000 Mal mehr und alle viel klüger wären; tue du nicht, was auch kein Engel im Himmel tun darf, nämlich dass er sich der Herrschaft und Gewalt untersteht, selber klug zu sein oder Gottes Regiment zu verwalten und zu herrschen. Aber die elenden armen Leute Papst, Kaiser, Könige und alle Rotten scheuen sich dennoch nicht, sich solches anzumaßen. Aber Gott hat seinen Sohn zu seiner rechten Hand gesetzt und gesagt (Ps. 2,8–9): du bist mein Sohn, d. h. dir hab ich alle Völker und alle Welt zu eigen gegeben, den sollt ihr Könige und Herren hören, wenn ihr klug sein wollt, und ihm huldigen als eurem Herrn und wissen, wenn er euch etwas sagt, so sage ich es.
Dieses sollen wir Christen lernen und erkennen, wenn’s auch die Welt nicht tun will, und sollen Gott dankbar dafür sein, dass er uns so reichlich gesegnet und uns verliehen hat, dass wir ihn selber hören können, wie auch Christus selber hier seinem himmlischen Vater fröhlich dankt. Vorzeiten wären wir bis ans Ende der Welt gelaufen, wenn wir einen Ort gewusst hätten, wo wir Gott hätten können reden hören. Aber dass wir jetzt solches täglich in Predigten hören, ja, dass alle Bücher voll davon sind, das sieht man nicht: du hörst’s daheim im Hause, Vater und Mutter und Kinder singen und sagen davon, der Prediger in der Pfarr redet davon – du solltest die Hände aufheben und fröhlich sein, dass wir zu der Ehre gekommen sind, Gott durch sein Wort mit uns reden zu hören.
O, sagt man, was ist das? man predigt ja alle Tage und oft an einem Tag vielmal, sodass man sich bald müde dran hören muss! was haben wir davon? Wohlan, so fahre hin, lieber Bruder, magst du es nicht, dass Gott täglich mit dir redet daheim in deinem Hause und in deiner Pfarrkirche, so sei nur klug und suche dir etwas anderes: zu Trier ist unsers Herrgotts Rock, zu Aachen sind Josephs Hosen und unserer lieben Frauen Hemd – da lauft hin und verzehrt euer Geld, kauft Ablass und des Papstes Trödelkram, das ist köstliches Ding! Dafür, dafür muss man weit laufen und viel Geld verzehren, Haus und Hof stehen lassen! Sind wir aber nicht toll und töricht, ja, vom Teufel geblendet und besessen?: da sitzt der Kauz zu Rom mit seinem Gaukelsack und lockt alle Welt mit ihrem Geld und Gut zu sich – und könnte doch ein jeder zu Taufe, Sakrament und Predigtstuhl laufen. Wir sind doch hoch genug damit geehrt und reichlich beseligt damit, dass wir wissen, Gott redet mit uns und speist uns mit seinem Wort, gibt uns seine Taufe, Schlüssel usw. Aber da sagen die rohen, gottlosen Leute: was Taufe, Sakrament, Gottes Wort – Josephs Hosen, die tun’s! Es ist der Teufel in der Welt, dass die hohen Personen Kaiser und König solches nicht achten und sich durch die Erzbuben und Lügner Papst und seine Plattenträger und Scherbuben so gröblich betrügen und narren und mit ihrem Unflat beschmeißen lassen. Wir aber sollen Gottes Wort hören, Gott soll unser Schulmeister sein, und wir sollten nichts wissen von Josephs Hosen oder des Papstes Narrenwerk.
Das ist das erste Stück dieses Evangeliums, wie Christus und Gott der Vater selbst den Klugen und Weisen feind sind. Denn sie machen ihm großen Verdruss, zerreißen Sakrament und Kirche und setzen sich an Gottes Statt und wollen selbst Meister sein. Denen sind alle Engel im Himmel und alle Christen auf Erden feind und sollen zu ihnen sagen: willst du mir Christus lehren, so will ich dir gerne zuhören, sonst nicht, und wenn du ein Engel vom Himmel wärest, wie Paulus Gal. 1,8 sagt: wenn auch wir oder ein Engel vom Himmel euch würde ein anderes Evangelium predigen, der sei verflucht!
Wenn nun darüber die großen Herren Kaiser, Papst, Kardinäle und Bischöfe uns feind sind und zürnen, uns in den Bann tun und uns gern alle verbrennen und morden wollten, so müssen wir’s leiden und sagen: um des Papstes, der Bischöfe und Fürsten willen nicht begonnen, um ihretwillen auch nicht gelassen! Christus sagt: kommt zu mir, die ihr mühselig seid, als wollte er sagen: haltet euch nur an mich, bleibt bei meinem Wort und lasst gehen, was da geht; werdet ihr darüber verbrannt und geköpft, so habt Geduld, ich will’s euch so süß machen, dass ihr’s wohl ertragen sollt; von der Jungfrau St. Agnes schreibt man ja auch, als sie zum Kerker geführt ward und umgebracht werden sollte, da war ihr, als ginge sie zum Tanz. Woher kam ihr das? Ei, allein von diesem Christus, vom Glauben dieses Worts: kommt her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid! ich will euch erquicken, d. h.: geht’s euch übel, so will ich euch den Mut geben, dass ihr noch dazu lachen sollt; und wenn ihr auch auf feurigen Kohlen ginget, so soll euch die Marter doch nicht so schwer und der Teufel doch nicht so böse sein, sondern soll euch dünken, ihr ginget auf Rosen; ich will euch das Herz geben, dass ihr lachen sollt, wenn auch Türk, Papst, Kaiser usw. aufs Allergräulichste zürnen und toben; kommt nur zu mir, und habt ihr Beschwerung, Tod oder Marter, weil Papst, Türk und Kaiser euch angreifen, so erschreckt nicht, es soll euch nicht schwer, sondern leicht und sanft zu tragen sein, denn ich gebe den Geist, dass solche Last, die der Welt untragbar wäre, euch eine leichte Bürde wird. Denn dann, wenn ihr um meinetwillen leidet, heißt es mein Joch und meine Bürde, die ich euch in Gnaden auflege, damit ihr wisst: Gott und mir gefallen solche eure Leiden wohl, und ich selbst helfe euch tragen und gebe Kraft und Stärke dazu. So sagt auch der 30. und 26. Psalm: seid getrost alle, die ihr des Herrn wartet, d. h. die ihr um seinetwillen leidet; lasset nur Unglück, Sünd und Tod und, was euch Teufel und Welt anlegen, an euch anlaufen und stürmen, wenn ihr nur getrost und unverzagt bleibt im Harren und Warten des Herrn durch den Glauben, so habt ihr schon gewonnen und seid dem Tod entlaufen, dem Teufel und der Welt weit überlegen.
Siehe, so sind die Weisen der Welt verworfen, damit wir lernen, nicht uns selbst weise zu dünken und alle hohen Personen aus den Augen zu tun und überhaupt die Augen zuzutun, allein an Christi Wort uns zu halten und zu ihm zu kommen, wie er uns ja auch aufs Freundlichste lockt, und zu sagen: du bist allein mein lieber Herr und Meister, ich bin dein Schüler. Das und viel mehr wäre von diesem Evangelium weiter zu sagen, aber ich bin zu schwach, wir wollen’s hierbei bleiben lassen.
Gehalten als letzter Predigt, drei Tage vor Luthers Tod, am Montag, 15. Februar 1546.
WA 51, 187–194.
Quelle: Erwin Mühlhaupt (Hrsg.), D. Martin Luthers Evangelien-Auslegung, Zweiter Teil: Das Matthäusevangelium (Kap. 3-25), Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 41973, S. 421-428.