Theologie des Kreuzes
Von Jürgen Moltmann
1. Die Theologie des Kreuzes (theologia crucis) ist die Kurzformel des wahren Glaubens, die Martin Luther in der frühen Phase der Reformation gewählt hat. In der Heidelberger Disputation (1518) stellt er schematisch seine theologia crucis der bis dahin vorherrschenden theologia gloriae entgegen, die von scholastischer und mystischer Spekulation geprägt war: Gott wird im Kreuz Christi erkannt und durch Leiden erfahren. Die theologia crucis ist im strengsten Sinne Offenbarungstheologie. Die Offenbarung Gottes geschieht indirekt und verborgen, nicht in den Werken der Schöpfung oder in menschlichen guten Werken; Gott wird „allein durch Leiden und Kreuz“ erkannt (per passiones et crucem, WA I, 354). Nur der Glaube kann das eigentliche Werk Gottes (opus proprium) im Kreuz als das fremde Werk (opus alienum) des verborgenen Gottes (deus absconditus) verstehen: die Rechtfertigung des Gottlosen, um dessentwillen Gott den Weg in die Niedrigkeit des Kreuzes geht. Die theologia crucis bedeutet also indirekte Gotteserkenntnis; das Kreuz Jesu Christi ist das erkenntnistheoretische Prinzip jeglichen göttlichen Handelns. Doch nicht nur Gottes Werk, sondern auch sein Wesen wird im Kreuz erkannt; damit ist das Kreuz ebenso ein ontologisches Prinzip. Luthers Gotteslehre mit der Unterscheidung zwischen dem verborgenen und dem offenbarten Gott (deus absconditus und revelatus), seine Christologie, die im Opfer des gekreuzigten Christus das Herz des liebenden Gottes erkennt, und seine Anthropologie, nach der die Tiefe der Schuld erst im Kreuz aufgedeckt und der Mensch erst im Rechtfertigungsglauben zu sich selbst kommt, sind alle im Kreuz gegründet und Ausdruck einer allumfassenden Theologie des Kreuzes: „Das Kreuz ist das Kriterium aller Dinge“ (crux probat omnia, WA V, 179).
2. Indem Luther betont, dass Offenbarung den Charakter der Erniedrigung hat, und die Liebe Gottes hervorhebt, die sich im Kreuz und in der Passion zeigt, greift er ein zentrales Thema der Bibel auf. Bereits im Alten Testament wählt sich Gott das kleinste aller Völker aus (Dtn 7,7) und setzt sich damit dem Spott der Mächtigen aus (Ps 115,2). Die Kraft des Herrn zeigt sich verborgen im leidenden Gottesknecht (Jes 52,13–53,12), und die Barmherzigkeit Jahwes gilt besonders den Unterdrückten, den Hungrigen und den Gefangenen (Ps 146,7). Jesus steht in dieser Tradition, wenn er die Geringsten willkommen heißt (Mt 11,2–6) und das Reich Gottes denen bringt, die in jeder Hinsicht arm sind (Lk 6,20). Das Geheimnis des Reiches Gottes ist Gottes gegenwärtiges Erscheinen im Wirken und in der Person Jesu; dieses Geheimnis wird von Gott nur den Jüngern offenbart (Mt 13,16f.) und bleibt den „Weisen und Klugen“ verborgen (Mt 11,25). Denn nicht nur Jesu Tod, sondern sein ganzes Leben steht unter dem Zeichen der Erniedrigung. Hier hat die Vorstellung vom messianischen Geheimnis, die Markus zur Stilisierung der Verborgenheit der eschatologischen Heilsoffenbarung benutzt, ihren historischen Hintergrund. Paulus, auf den sich Luther vor allem beruft, ist keineswegs der Einzige, der das Evangelium primär als „Wort vom Kreuz“ verkündet und eine Theologie des Kreuzes entwickelt. Ihm geht es darum, die Heilsbedeutung des Kreuzes zu zeigen, das unter römischer Herrschaft das grausamste Folter- und Hinrichtungsinstrument für Sklaven und Aufrührer war. In dieser tiefsten Erniedrigung vollbringt Christus, gehorsam dem Willen des Vaters, das Werk der Erlösung (Phil 2,8). Für Juden und Griechen ist das ein unvorstellbarer Skandal, sodass das „Wort vom Kreuz“ im unversöhnlichen Gegensatz zur Weisheit der Welt steht (1 Kor 1,17f.). Das Kreuz Jesu Christi ist der einzige Ruhm des Apostels (Gal 6,14), der sein Kreuz aufnehmen und Christus nachfolgen kann (vgl. Mk 8,34), weil er weiß, dass die Gnade und Kraft Gottes in der Schwachheit vollendet wird (2 Kor 12,9f.).
3. Es ist das Zeugnis der ganzen Schrift, dass das Zentrum christlicher Theologie nichts anderes sein kann als die Theologie des Kreuzes. Doch diese Position wurde in der protestantischen Theologie seit der Reformationszeit nicht immer durchgehalten. Von besonderer Bedeutung ist die anglikanische Lehre von der Leidensfähigkeit Gottes (passibility) aus dem späten 19. und frühen 20. Jahrhundert. Sie versucht, das eucharistische Opfer, das Kreuz auf Golgatha und das Herz des dreieinigen Gottes zusammenzudenken und so die Leidensfähigkeit Gottes als Allmacht leidender Liebe neu zu entwickeln (C. V. F. Storr, C. E. Rolt, J. K. Mozley, B. R. Brasnett). Allgemein hat das 20. Jahrhundert wieder verstärkt zur Theologie des Kreuzes zurückgefunden. Beiträge von katholischer Seite (K. Rahner, H. U. von Balthasar, H. Mühlen) und von orthodoxer Seite (N. Berdjajew, S. Bulgakow, P. Evdokimov, D. Staniloae) zeigen, dass das reformatorische Anliegen der theologia crucis kein konfessionelles Trennungsmerkmal mehr sein muss. Von protestantischer Seite haben insbesondere K. Barth, H. Vogel und H. J. Iwand Luthers Theologie des Kreuzes vertieft: Die Gottheit Jesu wird gerade in seiner Erniedrigung bis zum Tod am Kreuz offenbart, während seine Menschlichkeit in seiner Erhöhung sichtbar wird. Nach dem Zweiten Weltkrieg entdeckten der japanische Theologe K. Kitamori und der deutsche Theologe D. Bonhoeffer gleichzeitig die Bedeutung des „Schmerzes“ oder „Leidens Gottes in der Welt“.
4. Die Bedeutung des Kreuzes darf jedoch nicht auf die Soteriologie beschränkt werden, wenn dabei das Wesen Gottes vom Tod Jesu unberührt bleibt. Von Gott im Tod Jesu zu denken, muss daher auch zu einer Umkehr führen, nämlich dazu, den Tod Jesu im Wesen Gottes zu denken: Das Kreuz Jesu Christi steht im Zentrum der göttlichen Trinität als eine Kluft zwischen Gott und Gott (Mk 15,34). Der Sohn gibt sich hin (Gal 2,20) und erduldet das Sterben in der Verlassenheit durch Gott am Kreuz; der Vater verlässt den Sohn, gibt ihn dahin (Röm 8,32) und leidet den Tod des Sohnes im Schmerz der Liebe. Weil das Leiden des Sohnes sich vom Leiden des Vaters unterscheidet, kann man nicht einfach im theopaschitischen Sinn vom „Tod Gottes“ sprechen, wie es in der „Tod-Gottes-Theologie“ geschieht. Im Licht des Kreuzes muss vielmehr trinitarisch von einem „Patricompassianismus“ gesprochen werden. In der gemeinsamen Bereitschaft zur Hingabe zeigt sich die Gemeinschaft des Seins im göttlichen Wesen und das Wesen Gottes als Liebe. Die biblische Grundlage für eine Theologie des Kreuzes als Theologie der göttlichen Passion liegt in 1 Joh 4,16. Die Trinitätslehre versteht die dreieinige Natur Gottes als verdichtete Darstellung der Passion Christi und ist im Kern nichts anderes als eine theologia crucis. Diese Sichtweise vertreten in der zeitgenössischen protestantischen Theologie vor allem J. Moltmann und E. Jüngel.
Die Theologie des Kreuzes hat auch eine politische Bedeutung. Sie stellt eine radikale Infragestellung aller religiösen Gottesbilder dar, die das Wesen Gottes unhistorisch und leidensfrei zu denken versuchen – wie es in der Antike geschah. Die Theologie des Kreuzes ist auch der schärfste Angriff auf alle politischen Götzen: Der „gekreuzigte Gott“ ruft als der Gott der Armen, Unterdrückten und Erniedrigten zur Entmythologisierung aller irdischen Autoritäten auf und befreit Männer und Frauen zur Nachfolge Christi in Glauben, Liebe und Hoffnung. Denn so wie das Kreuz Christi und die Passion Gottes niemals ohne die Auferstehung gedacht werden können, so trägt auch das Leiden des Christen und das Seufzen der Schöpfung die Verheißung der Erlösung in sich. Damit sind Identität und Relevanz des christlichen Glaubens im Kreuz Christi verwurzelt.
Literatur: D. Bonhoeffer, Widerstand und Ergebung (1953) – E. Jüngel, Gott als Geheimnis der Welt, 1977 – K. Kitamori, Theology of the Pain of God, 1966 – P. Evdokimov, Christus im russischen Denken, 1977 – J. Moltmann, Der gekreuzigte Gott, 1972 – J. K. Mozley, The Impassibility of God. A Survey of Christian Thought, 1926 – W. von Loewenich, Luthers Theologia crucis, 5. Aufl. 1967
Quelle: Alan Richardson/John Bowden (Hrsg.), A New Dictionary of Christian Theology, SCM Press, 1983.