Balthasar Mentzer, Vom Kreuz der Frommen (Katholisches Handbüchlein, 1619): „Wiewohl der Teufel und die gottlose Welt sich dünken lassen und sich dessen wohl berühmen, dass sie den Frommen alles Leid antun, so sehen doch die Gottseligen auf Gott den Herrn selbst, ohne dessen Verhängnis ihnen niemand schaden kann, und nehmen es für eine väterliche Züchtigung an, wenn sie mit Kreuz heimgesucht werden, und wissen, dass es ihnen zur Besserung dient.“

Vom Kreuz der Frommen (Katholisches Handbüchlein, 1619)

Von Balthasar Mentzer

204. Ich spüre so viel, dass ein Christ sich wohl vorzusehen hat in diesem Leben?
Der Christen Hofart ist Kreuz und Trübsal, und müssen wir durch viel Trübsal ins Reich Gottes eingehen (Apg. 14,22). Allein hüte dich vor dem Haufen, der die Christen umbringt. Denn eines rechten Christen Eigenschaft ist nicht, andere zu hassen, zu verfolgen und zu töten, sondern zu lieben, Gutes zu tun und Verfolgung zu leiden (Matth. 5,11f.; 10,17 usw.).

205. Woher kommt das Kreuz und die Trübsal der Frommen?
Wiewohl der Teufel und die gottlose Welt sich dünken lassen und sich dessen wohl berühmen, dass sie den Frommen alles Leid antun, so sehen doch die Gottseligen auf Gott den Herrn selbst, ohne dessen Verhängnis ihnen niemand schaden kann, und nehmen es für eine väterliche Züchtigung an, wenn sie mit Kreuz heimgesucht werden, und wissen, dass es ihnen zur Besserung dient.

206. Vielleicht büßen sie durch dasselbe Kreuz für ihre Sünden?
Nein. Christus allein hat der ganzen Welt Sünden getragen und dafür bezahlt (Jes. 43,24f.; 53,5; 63,3; Joh. 1,29; 1. Joh. 2,1f.), und keine Kreatur kann für eine einzige Sünde genug tun (Ps. 49,8), da alle Sünden wider die unendliche Gerechtigkeit Gottes streiten (Ps. 51,6). Zudem werden in der Rechtfertigung des Sünders vor Gott alle Sünden vergeben (Röm. 3,25), sodass nichts Verdammliches ist an denen, die in Christus Jesus sind (Röm. 8,1). Wo nun die Sünden um Christi willen vergeben sind, da hat die Strafe keinen Raum. Sintemal die Strafe um der Sünden willen erfordert wird. Also steht Matth. 18,27 in dem Gleichnis von dem großen Schuldner: Der Herr habe ihn selbst losgelassen und die Schuld ihm auch erlassen.

207. Sollte das Kreuz und die Trübsal der Frommen keine Strafe sein?
Zwar, da alles Kreuz ursprünglich von den Sünden herrührt (Röm. 6,23), und die Frommen auch noch hinterstellige [= verborgene, zurückbleibende] Sünden haben (Röm. 7,7.17.20.23), ja täglich um Verzeihung der Sünden bitten (Ps. 32,5; Matth. 6,12 und Lk. 11,4) und wider das sündhafte Fleisch immer kämpfen (Gal. 5,16f.), so halten sie es selbst billig dafür, dass das Kreuz von ihren Sünden herrühre, und sehen es anders nicht an als Gottes Rute, damit er sie züchtige, und rufen ihn an um Verzeihung der Sünden und bitten um Milderung der Strafe.
Aber wenn wir das rechte Vaterherz ansehen in Gott, der mit seinen Gläubigen nicht zürnt, sondern in Christus ihnen versöhnt ist und alle Sünden verziehen hat und sie liebt als seine Kinder, so sind alle solche Trübsale anders nichts als eine väterliche Züchtigung, dadurch er sie aufmuntert zur Erkenntnis ihrer Schwachheit und Sünden, und sie leitet zu fleißiger Anrufung und Geduld und ihren Glauben prüft, dass sie alle ihre Hoffnung und ihr Vertrauen auf ihn allein setzen und in Betrachtung ihrer Unvollkommenheit sich sehnen nach dem ewigen Leben, da sie Ruhe haben werden von aller Arbeit in unaussprechlicher Seligkeit (Spr. 3,12; Hiob 5,17; Hebr. 12,5–7.11).

208. Erkläre mir das etwas ausführlicher.
Des Herrn Rat ist wunderbar, und er führt es herrlich hinaus, steht Jes. 28,29. Denn wenn er die Frommen straft, so tut er nicht sein eigenes, sondern ein fremdes Werk, dass er sein Werk vollbringe auf eine fremde Weise und seine Arbeit tue auf eine seltsame Weise (v. 21). Denn Gottes eigenes Werk ist Gutes tun und Barmherzigkeit seinen Kindern. Dass er sie aber züchtigt, das ist ihm ein fremdes Werk, dessen er lieber enthoben wäre.
Weil es aber der Kinder Notdurft und Heil erfordert, dass sie unter der Zuchtrute gehalten und so vor Sünden bewahrt werden, so gebraucht er die Rute nicht wie ein zorniger, strenger Richter zur ernsten Strafe, sondern wie ein herzlieber Vater zur kindlichen Züchtigung und Besserung – wie dies ein jeglicher christlicher Vater und eine Mutter erkennen können, wenn sie ihre Kinder züchtigen. Wie das Sprichwort lautet: „Je lieber Kind, je schärfer die Rute“ (vgl. Offb. 3,19).

209. Dergestalt hätte ein Christ nicht Ursache zu murren, wenn ihm ein Kreuz zukäme, sondern vielmehr Gott zu danken?
Gewisslich ist dem so: Welchen der Herr liebt, den straft er, und hat Wohlgefallen an ihm wie ein Vater am Sohn (Spr. 3,12). Daher schreibt St. Paulus (Röm. 5,3ff.): „Wir rühmen uns auch der Trübsale, weil wir wissen, dass Trübsal Geduld bringt, Geduld aber bringt Erfahrung, Erfahrung aber bringt Hoffnung, Hoffnung aber lässt nicht zuschanden werden.“

210. Wie soll man sich unter dem Kreuz trösten und aufrichten?
Mit Betrachtung des väterlichen Willens Gottes, der es mit uns gut meint (Ps. 73,26) und alles zu unserem Besten richtet (Röm. 8,28); der uns auch selbst hilft, unser Kreuz zu tragen (Ps. 68,20) und es mildert, dass wir es ertragen können (1. Kor. 10,13); der ihm gewisse Ziele und Maße setzt, darüber es nicht hinauskommen mag, dass es uns Schaden brächte an unserer Seligkeit (Hiob 1 und 2).
Ja, er macht uns hierin gleichförmig seinem lieben Sohn, dem wir sein Kreuz nachtragen sollen und uns seiner Hofart nicht schämen, damit wir auch in der Herrlichkeit ihm gleichförmig werden (Röm. 8,29f.). Sterben wir mit, so werden wir mit leben; dulden wir, so werden wir mit herrschen (2. Tim. 2,11f.), und auch der Tod selbst wird uns nicht scheiden können von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist, unserem Herrn (Röm. 8,38f.).
Da all unser Kreuz zu Gottes Ehre und Preis gerichtet ist (Joh. 21,19), sollen wir es gern und willig tragen. Ein guter Kreuzträger gibt einen guten Christen.

211. Soll auch einer sich selbst Kreuz und Trübsal verursachen, damit er Christus desto gleichförmiger werde?
Unser Herr Gott ist unser oberster Feldherr. Wo er einen jeden hin verordnet hat, da soll er stehen und seines anbefohlenen Berufes treulich warten. Da wird er so viel Arbeit finden, dass er sich um fremde Sachen nicht zu bekümmern und sich selbst kein Kreuz und Leiden zu machen braucht. Davon lies Jesus Sirach 3,19ff.
Will jemand freveln und unserem Herrn Gott in sein Amt greifen und sich selbst peinigen nach seinem Gefallen, der wird seinen Lohn gewisslich empfangen, wenn ihm auch eine lange Zeit geborgt wird; und ein solcher hat sich Gottes Gnadengegenwart in seinem selbst zugezogenen Kreuz nicht zu trösten, sondern es wird endlich heißen: „Wer sich gern in Gefahr begibt, der kommt darin um“ (Jesus Sirach 3,27).

212. Wie, wenn es aus guter Andacht geschähe?
Gott ist weiser als alle Menschen. Was er dir vorschreibt, dem folge getrost und treulich. Was er dir nicht befohlen hat, das wird ihm auch nicht gefallen (Deut. 4,2; 13,1). Davon lies und betrachte mit Fleiß St. Pauls Spruch Kol. 2,18ff.

213. Wie soll man sich halten zur Zeit der Verfolgung?
Christus gibt uns diese Regel (Matth. 10,23): „Wenn sie euch in einer Stadt verfolgen, so flieht in eine andere.“ Nehmen sie uns zeitliche Güter, Gott ist reich, der kann alles mildiglich wiedererstatten, wie an dem geduldigen Hiob zu sehen ist (Hiob 42,10); sollte schon auch das Leben draufgehen, die Seele können sie aus Gottes Hand nicht entreißen, noch dem Herrn Christus wehren, dass er uns vom Tode wieder auferwecke (Joh. 10,28f.; Matth. 10,28).
Die Erde lass sie hinnehmen – den Himmel müssen sie uns lassen – und ihren Lohn in der Hölle haben.
Und merke überdies: Die Verfolgung anrichten, die haben nicht den Geist Christi, der sanftmütig ist und das Heil des Menschen liebt (Lk. 9,55f.). Der Teufel aber ist ein Lügner und Mörder – von dem werden jene angetrieben, die zu Mord und Blutvergießen Lust haben (Joh. 8,44).

Quelle: D. Balthasar Mentzers Handbüchlein, mit einer Einleitung herausgegeben von Georg Hoffmann, Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht, 1938, 20. Kap., S. 91-94.

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