Der Heilandsruf. Kommentar zu Matthäus 11,25–30
Von Julius Schniewind
25 Zu jener Zeit hob Jesus an und sprach: Ich preise dich, Vater, Herr des Himmels und der Erde, daß du dies den Weisen und Klugen verborgen und es den Unmündigen offenbart hast.
26 Ja, Vater, so ist es wohlgefällig gewesen vor dir.
27 Alles ist mir übergeben von meinem Vater, und niemand kennt den Sohn als nur der Vater; und niemand kennt den Vater als nur der Sohn, und wem der Sohn es offenbaren will.
28 Kommt her zu mir alle, die ihr euch müht und Lasten tragt, so will ich euch zur Ruhe bringen. 29 Nehmt mein Joch auf euch und lernet von mir, denn ich bin demütig und arm im Herzen. So werdet ihr Ruhe finden für eure Seelen, denn mein Joch ist sanft, und meine Last ist leicht.
25–30 Das Heilandswort V.25–30 zerfällt in drei Strophen: V.25f., 27, 28–30. Die beiden ersten sind auch bei Lk. überliefert: Lk. 10,21 und 22. Die zweite Strophe wird bei Lukas in den meisten Handschriften deutlich abgehoben: „Und er wandte sich zu seinen Jüngern und sprach …“ Es sind also wahrscheinlich drei einzelne Herren-Worte bei Mt. zusammengefügt; das letzte ist Sondergut des Mt. Inhaltlich aber stehen die drei Worte in so festem Zusammenhang, daß wir gut daran tun, sie miteinander zu erklären. – Unser Wort gehört zu den höchsten Selbstzeugnissen Jesu bei den Synoptikern. Es hat, besonders in der mittleren Strophe (V.27), johanneischen Klang. Aber nach allem, was wir bisher lasen, wundern wir uns über dies Selbstzeugnis Jesu nicht. Es sagt nur mit offenen Worten, was verhüllt hinter allen Geschichten und Reden stand. Und wenn Lukas den zweiten Spruch, V.22, unmittelbar an die Jünger gerichtet sein läßt, so entspricht dies der Gesamthaltung unseres Wortes. Das enthüllte Geheimnis ist den Jüngern anvertraut, Mk. 4,11 Par., Jesu Jünger wissen um sein Messias-Geheimnis, Mk. 8,27–29 Par.
25 Vielleicht führt das erste Wort unmittelbar zur Sendung der Jünger zurück. Denn hier ist, anders als in V.20, die Zeitbestimmung „Zu jener Stunde hob Jesus an und sprach …“ bei beiden Evangelisten erhalten. Möglich ist, daß Lk. 10,21 den Anlaß unseres Wortes richtig bewahrt, denn unmittelbar vorher geht die Erzählung von der Rückkehr der ausgesandten Jünger, Lk. 10,17–20. Aber vielleicht darf man nach dem unmittelbaren Anlaß unseres Wortes nicht fragen; jedenfalls weist sein Inhalt in weitere Zusammenhänge. Jesus dankt dem Vater dafür, daß „dies“ den Weisen und Verständigen verborgen ist; damit ist wohl Jesu gesamte Botschaft gemeint; aber dann verlangt unser Wort eigentlich, daß eine entsprechende Rede oder Spruchreihe vorhergeht. – Jesus dankt Gott für den Mißerfolg. Lukas hebt dies nachdrücklich hervor: Jesus „frohlockt im heiligen Geist“. Es ist der in ihm wohnende heilige Geist Gottes, der ihn Gottes Plan gerade im Mißerfolg erkennen und ihn Gott dafür preisen läßt. Das für „Preisen“ gebrauchte Wort bedeutet ein „Bekennen“ (s. z. 10,32), ein freudiges Ja-sagen zu Gottes Tat und Plan. Es ist Gottes Plan, daß die Vornehmen und Gebildeten Gottes Geheimnis nicht erkennen, wohl aber die „Unmündigen“. Die Gebildeten, die Weisen sind die Schriftlehrer, vgl. Jes. 29,14; 1. Kor. 1,19; die Unmündigen (Ps. 19,8; 116,6) sind dieselben wie die Armen, die Armen im Geist von Lk. 6,20 – Mt. 5,3. Es sind Menschen, die vor dem majestätischen Gott, dem Herrn Himmels und der Erde, als die Armen, die Gebeugten stehen, Jes. 57,15; diese vor Gott Armen sind vor ihm wie die Unmündigen, wie die Kinder (Mk. 10,14f.; Mt. 18,3); sie stehen vor ihm, dem allein Weisen (Röm. 16,27), als die Törichten, Unwissenden und Fragenden. Und es kann sein, daß auch ein Gebildeter und Gelehrter wie Nikodemus oder Paulus in diese Haltung vor Gott hineingezwungen wird; aber zunächst ist es einfach Tatsache, daß der Stolz des Wissens und Verstehens sich der Offenbarung Gottes widersetzt, Jes. 5,21; Jer. 9,22; und so gehören die, die sich der Predigt Jesu zuwenden, zumeist den „Ungebildeten“ an, von denen der Pharisäer verächtlich als von dem „Landvolk“ spricht, das, da es das Gesetz und die Gesetzesauslegung nicht kennt, das Kommen der Himmelsherrschaft verhindert (vgl. Joh. 7,49). Gerade diesen hat Gott sein Geheimnis offenbart. – Von Gottes Offenbarung weiß schon das A.T. viel zu sagen. Gott offenbart sich seinen Erwählten in Träumen (1. Mose 35,7; 1. Sam. 3,1ff., bes. V.7) und zeigt ihnen seine verborgenen Pläne in Gnade und Gericht; er offenbart sich den Ohren seiner Propheten (Jes. 22,14), offenbart sich durchs Wort (1. Sam. 3,21), offenbart sein Wort (1. Sam. 3,7), offenbart seine Geheimnisse, die Pläne, die in den letzten Zeiten erfüllt werden sollen (Dan. 2,28.30). Gottes Offenbarung ist also nie ein Geheimwissen, an dem der Mensch sich sättigen könnte; sondern Gott offenbart seine Taten! Bildlich heißt das etwa: er offenbart seinen Arm (Jes. 52,10), d. h. seine Macht, sein Eingreifen; er offenbart seine Gerechtigkeit und sein Heil (Jes. 56,1): diese kommen in die Welt, sie nahen herbei; und die Worte, die Gott seinen Propheten offenbart, reden von eben diesen Taten, nehmen die Taten vorweg und geben sie an alle Zeiten und Völker weiter. „Der Herr Jahwe tut nichts, ohne daß er sein Geheimnis seinen Knechten, den Propheten offenbarte“ (Amos 3,7); aber „wer glaubt dem, was wir gehört haben, und der Arm Jahwes, wem offenbart (enthüllt) er sich?“ (Jes. 53,1). Ebenso spricht das N.T. von Offenbarung. Offenbarung ist nicht ein geheimes Wissen bestimmter Menschen, sondern sie besteht darin, daß Gottes verborgene Welt in Erscheinung tritt, offenbar wird. So heißt die Erscheinung des Menschensohnes, Christi am jüngsten Tag „Offenbarung“ (Lk. 17,30; 1. Kor. 1,7 u. v. a.). So werden die Geheimnisse der Gottesherrschaft offenbart; die zukünftige neue Welt Gottes tritt hier auf Erden in Erscheinung und wird offenbar: dies Geheimnis des Reiches Gottes ist in Jesu Worten und Taten offenbar und enthüllt, aber nur für den, der Ohren hat zu hören und Augen zu sehen (s. z. Mk. 4,12). Solche aber sind die „Armen“ und „Unmündigen“, die auf Gottes Tun und Reden Wartenden.
26 Gott hat es so gewollt. Gottes Wille wird im N.T. weithin mit dem Wort „Wohlgefallen“ bezeichnet; Gottes Wille ist „das, was ihm wohlgefällt“ (s. z. 6,10; 18,14). Es ist „vor ihm sein Wohlgefallen gewesen“ heißt also: es ist Gottes Wille gewesen, der, als sein Plan und wie schon geschehen, „vor ihm“ gegenwärtig ist. Und Gottes Plan ist der, daß Jesu Werk, in dem Gott sich offenbart, zugleich so gestaltet ist, daß (V.25) die Weisen, die Theologen, die Frommen es nicht verstehen; daß (V.6) man sich an Jesus stoßen und durch ihn in die Gottesferne geführt werden kann. Es ist die Niedrigkeit Jesu, ganz das, was Paulus „das Kreuz Christi“ nennt. Und ganz wie bei Paulus das Wort es ist, an dem Menschen entweder zu Fall kommen oder zum Heil geführt werden (1. Kor. 1,18 u. ö.), so ist es auch bei Jesus selbst (Mk. 4,11f., s. d.); damit vollendet sich nur das, was schon im A. T. von der Aufnahme des Gotteswortes gesagt ist (s. z. Mk. 4,11f.). – Unser Spruch stammt also in allen Einzelheiten aus der besonderen Lage Jesu. Er trägt auch, wie unsere Erklärung gezeigt hat, und was sich am Urtext noch deutlicher machen ließe, in allen Einzelheiten die Eigenart der Sprache und Rede Jesu, die am A.T. gebildet ist, ihre Fragen von dort nimmt und aus den Weisungen und Verheißungen des A.T. den Weg des Messias erkennt: dieser Weg heißt Mißerfolg, Verwerfung, Kreuz. Dennoch ist es Gottes Weg: das neue Volk, das er sich erwählt, ist da, aber es sind die von den Menschen Verachteten. – Unser Spruch klingt in 1. Kor. 1,19f.26 nach. Eine Einzelvergleichung würde zeigen, daß das Paulus-Wort auf unserem Spruch beruht und nicht etwa umgekehrt unser Wort im Nachklang des Paulus gebildet ist. Das Entscheidende in seiner Verkündigung ist für Paulus die bloße Tatsache des gekreuzigten Christus; diese hängt unlöslich damit zusammen, daß Jesus der Verachtete, von den Menschen Verworfene ist. Aber gerade hier hat sich Gott offenbart, der seinen Ruhm nicht den Menschen läßt (1. Kor. 1,30f.).
27 Die zweite Strophe unseres Wortes hängt inhaltlich mit der ersten fest zusammen. Das Wort Offenbarung (V.25) steht nachdrücklich am Schluß von V.27. Und der Vater, der ein Herr aller Dinge ist (V.25), übergibt das All dem Sohn. Unser Wort klingt an Kap. 28,18 an; was dort der Auferstandene sagt, sagt hier schon Jesus als der Irdische. Er hat schon als der Irdische die „Vollmacht“ von Gott empfangen, die dem König eigen ist. Dan. 7,14 spricht von der „königlichen Vollmacht“ des Menschensohns; und Jesus hat diese Vollmacht schon auf Erden, in Wort und Werk, in Predigt und Wunder, 7,29; 9,6; ja, er gibt seinen Jüngern Anteil an dieser Macht, 10,1.8. Aber Jesus hat diese Vollmacht im Verborgenen als der Verkannte und Niedrige. Davon spricht unser Wort ausdrücklich: „Niemand kennt den Sohn, nur der Vater“, – die Menschen verkennen ihn. – Man hat eine andere Deutung unseres Spruches versucht. Man erinnert daran, daß „übergeben“ ein stehender Ausdruck dafür ist, daß heilige Überlieferung von Mund zu Mund weitergereicht wird. Jesus würde als sagen, daß er alle Überlieferung unmittelbar von Gott empfängt, nicht durch Vermittlung von Menschen. Es wäre ein zugespitztes Wort, wie wir deren manche in den Evangelien finden; Jesus spräche von der Überlieferung so, daß er sie gerade damit ausschaltet. So gefaßt, würde unser Wort in den Kampf Jesu gegen die Pharisäer gehören, wie es auch bei V.25f. und V.28–30 sicher der Fall ist. Dennoch empfiehlt sich diese Erklärung nicht. Nicht nur bleibt eine sprachliche Härte; auch der Inhalt unseres Wortes weist auf das Letzte hin, das Jesu Geheimnis ausmacht. Das Erkennen, von dem unser Wort handelt, betrifft nicht die Überlieferung der Lehre oder Gotteserkenntnis im allgemeinen, sondern es bezieht sich auf das letzte Kommen, das letzte „Bekanntsein“ zwischen Gott und den Menschen, auf die Offenbarung Gottes in dem weiten Sinn, der schon V.25 vorausgesetzt wurde; nun aber wird mit dem Wort vom Kennen und Erkennen das Allerletzte gesagt. – Die Fassung unseres Wortes ist bei Lk. ein wenig anders als bei Mt.; Lk. (10,22) bringt unser Wort in der Form: „Niemand weiß, wer der Sohn ist, nur der Vater, und wer der Vater ist, nur der Sohn, und wem es der Sohn offenbaren will.“ Wahrscheinlich ist dies eine Erläuterung der schlichteren Fassung, die wir bei Mt. lesen; diese entspricht wohl auch sprachlich mehr dem ursprünglichen Wortlaut der Sprache Jesu. Wichtig ist ein anderes Schwanken unserer Textüberlieferung. Bei manchen Kirchenvätern des 2. Jahrhunderts heißt unser Wort: „Niemand kennt den Vater, nur der Sohn; und Niemand (kennt) den Sohn, nur der Vater und welchen es der Sohn offenbart.“ Hier ist also die Reihenfolge der beiden Sprüche umgestellt; aber das ist offensichtlich eine Erleichterung unseres auffälligen Textes. Denn wie er lautet, läßt er den Sohn für alle Menschen völlig unerkennbar sein: Niemand kennt ihn, nur der Vater; hingegen wird der Vater durch den Sohn auch denen offenbart, die dieser sich erwählt. Danach scheint der Sohn ein größeres Geheimnis zu sein als der Vater! Verständlich also, daß man den Spruch änderte: der Vater scheint allen Menschen unergründlich, während der Sohn sich seinen Jüngern offenbart. Nun ist dies Letztere schon eine bemerkenswerte Abweichung von Mt. 16,17; Gal. 1,16, wo Gott seinen Sohn den Erwählten offenbart. Und der Gedanke, daß Gott jeder Erkenntnis völlig unzugänglich sei, ist ein typisch griechischer Gedanke, während die Bibel mannigfaltig vom Kennen Gottes redet, s. u. Die Unerkennbarkeit des Sohnes hingegen entspricht wieder dem schon zu V.25f. Aufgezeigten: Jesus wird von allen Menschen verkannt; ja dies gilt letztlich sogar von seinen Jüngern (s. z. 8,27; vgl. Lk. 9,45; Joh. 14,9.20 u. v. a.).
Gott kennen und ihm bekannt sein ist ein in der ganzen Bibel wiederkehrendes Wort für die Beziehung zwischen Mensch und Gott. Schon der Prophet Hosea (8. Jahrh. v. Chr.) kann alles, was Gott fordert und gibt, in dem einen Wort Gotteserkenntnis zusammenfassen (Hos. 2,22; 4,1; 6,6), und das Wort Hos. 6,6 begegnet uns zweimal bei Mt. im Munde Jesu, 9,13 und 12,7. Diese Gotteserkenntnis ist nicht ein Erkennen, das auf den Verstand beschränkt bleibt; sie ist vielmehr ein Kennen, wie ein Mensch den anderen kennt. Gottes Erkenntnis bedeutet eine persönliche Beziehung zu Gott. So bleibt es im ganzen A. T., vgl. nur Jer. 9,23, eine Stelle, die schon zu V.25 anklang, oder Psalmstellen wie 36,11; 91,14, wo „Gott kennen“ soviel heißt wie „ihn beim Namen nennen“, ihm als dem Bekannten und Benannten zugehören (vgl. Mt. 6,9). Die volle Kenntnis Gottes ist das Vorrecht des Mose (2. Mose 33,13), der Propheten (4. Mose 24,16; 1. Sam. 3,7); Gottes Wege und Gedanken, Gott selbst ist ihnen bekannt; und das Höchste, was vom Messias (Jes. 11,2), was vom Knecht Gottes (Jes. 53,11) gesagt werden kann, ist auch nur dies, daß sie Gott umschränkt kennen. Und das ist dann die Hoffnung für die neue Zeit, die Gott schaffen wird; dann wird sein Volk seinen Namen kennen (Jes. 52,6), dann werden ihn alle kennen von den Kleinsten bis zu den Größten (Jer. 31,33f. – die immer wieder anklingende wichtige Stelle, s. z. Mk. 14,24). Ja, alle Völker sollen einst Gott kennen (Hes. 38,16; 1. Kön. 8,43) und dann „wird das Land voll sein von Erkenntnis Jahwes wie von Wassern, die das Meer bedecken“ (Jes. 11,9). – All diese Gedanken des A.T. sind zur Zeit Jesu noch lebendig. Sie verbinden sich schon im A. T. sofort mit dem andern Gedanken, der in unserer Stelle neben ihnen steht: Gott kennen heißt: von ihm gekannt werden, ihm bekannt sein. Unmittelbar nebeneinander stehen beide Gedanken in 2. Mose 33,12.13 und 1. Kön. 8,39.43: Mose kennt Gott und Gott kennt ihn; alle Völker sollen Gott kennen, denn er „kennt das Herz aller Menschenkinder“. Nun ist Gottes Kennen so viel wie ein Erwählen: Gott hebt die Menschen heraus aus allen Geschöpfen und „kennt“ sie; Gott spricht zu Israel: „Euch kenne ich allein aus allen Geschlechtern der Erde, – darum will ich all eure Sünden an euch heimsuchen“ (Amos 3,2). Und ebenso weiß es der Einzelne: daß Gott uns kennt, kann höchste Freude (Ps. 1,6) und kann letzte Verantwortung vor dem Richter sein (Ps. 139,1ff.). Ebenso aber wie es ein besonderes Vorrecht ist, Gott vor andern zu kennen, so ist es ein Vorrecht, ihm bekannt zu sein. Er kennt das eine Volk (Amos 3,2); den einen erwählten König (2. Sam. 7,20); kennt den Propheten als den Seinen (Jer. 1,5; 12,3); kennt und wählt und liebt den einen, seinen Knecht (Jes. 42,1ff., s. z. Mk. 1,11). – Wenn also Jesus unser Wort spricht, so ist dies wie in so vielen andern Worten ein Aufnehmen höchster alttestamentlicher Hoffnung: er ist der Messias, der Knecht Gottes, der Gott kennt und den Gott kennt und der diese Erkenntnis an die Vielen weitergibt (Jes. 11,2.9; 53,11; 42,1ff.); er ist das als der, den Gott erwählt, als der eine Erwählte, Lk. 9,35; 23,35.
Wir haben unser Wort vom A.T. her verstanden; man braucht also nicht zu versuchen, es aus dem Hellenismus abzuleiten. Dieser Versuch ist gemacht worden, weil die Worte „erkennen“ und „offenbaren“ auch an spätgriechische Gedankengänge erinnern können. In der Tat haben auch Griechentum und Hellenismus etwas von Gotteserkenntnis gewußt. Es ist ja das gegebene Wort, die Beziehung zwischen Gott und Menschen auszudrücken. „Ich kenne dich, Hermes, und du (kennst) mich. Ich bin du und du bist ich.“ Nur wird hier aus dem Erkennen ein Verschmelzen mit der Gottheit; das liegt daran, daß es nicht um die persönliche Beziehung zu dem lebendigen Gott geht, der erwählt und verwirft, richtet und vergibt, sondern um die Verbindung mit einer Naturkraft. „Nicht ist der Mensch Gott unbekannt, sondern (Gott) kennt ihn und will von ihm erkannt werden.“ Aber dies Erkennen wird so erfahren, daß man in mystischen Erlebnissen in das Übersinnliche aufsteigt und so einer Offenbarung teilhaft zu werden hofft. Alle Stellen des A. T. hingegen redeten von einem einmaligen Eingreifen des unsichtbaren Gottes in diese unsere Welt und Geschichte hinein; daran läßt sich Gott kennen und erkennen; und denen, die seine Erkenntnis verwarfen, bietet er die Verheißung, daß einmal der eine kommen soll, der die neue Ordnung bringt, nach der alle, auch die Geringsten, Gott kennen werden, denn er bringt die Vergebung der Sünden (Jer. 31,33f.). – Das Entscheidende in unserem Wort sowohl gegenüber dem Hellenismus wie gegenüber dem A.T. ist dies, daß Jesus ausschließlich vor allen anderen Menschen Gott kennt, und daß darum er allein der Weg zur Gotteserkenntnis ist. Merkwürdigerweise gibt es gerade zu dieser Ausschließlichkeit eine sehr alte religionsgeschichtliche Parallele, einen Königsspruch (Amenophis IV.) aus dem Ägypten des 2. vorchristlichen Jahrtausends: „Kein anderer kennt dich (der Sonnengott wird angeredet) als dein Sohn, der König.“ Hier redet feierliche Königssprache; ähnlich sprach man von Alexander dem Großen und von den römischen Kaisern als von Göttersöhnen; und die Kämpfe der ersten Christen gingen darum, ob in Wahrheit der Kaiser „Gottes Sohn“ sei, oder aber der eine, dem auch in unserem Spruch der Ehrenname „der Sohn“ gehört (s. z. Mk. 1,11). Dies ist der höchste Ehrenname Jesu. Er heißt als der Messias der Gottessohn (s. z. Mk. 1,11); aber noch über dies hinaus reden Jesu Worte geheimnisvoll und feierlich von ihm als „dem Sohn“: (Lk. 2,49;) Mk. 12,6; 13,32. Er ist der eine, der Gott kennt, – wie ein Sohn den Vater kennt. Er aber gibt denen, die er, der Sohn, sich erwählt, daran teil, wie er den Vater kennt. Unser Wort hat das Gepräge johanneischer Worte von der Gotteserkenntnis, wie Joh. 10,15; 17,2.3; auch darin erinnert es an Johannes, daß der Würdename „der Sohn“ dort immer wiederkehrt (3,17; 5,2ff.; 6,40; 14,13 u. a.). Aber auch über unserem Wort steht, wie über V.25f., die Verkündigung der Niedrigkeit Jesu. Nach den alttestamentlichen Worten von Erkennen und Bekanntsein sollte man erwarten, daß unser Wort hieße: Niemanden kennt der Vater, nur den Sohn; nur ihn kennt er, ihn hat er sich erwählt. Aber unser Wort lautet anders: Niemand kennt den Sohn, nur der Vater; und das ist deshalb so, weil hier, wie in V.25, an den Mißerfolg Jesu gedacht wird: er wird von allen Menschen verkannt. Auch das stand schon in der Weissagung vom Knecht Gottes (Jes. 52,14; 53,2f.); und sie erfüllt sich bis dahin, daß selbst Jesu Jüngerkreis flieht, verleugnet, verrät.
28–30 Die letzte Strophe wird im engeren Sinn der „Heilandsruf“ Jesu genannt; denn hier ruft Jesus als der Helfer alle, die sich mühen und Last tragen, zu sich. Es sind die, die sich mit dem Gesetze mühen. Denn wenn Jesus von einem Joch spricht, so mußte das jeden seiner Hörer daran erinnern, daß man alltäglich vom „Joch des Gesetzes“, ja vom „Joch der Himmelsherrschaft“ redete. Dies Joch drückte hart. Schwer erträgliche Lasten, die sie selbst nicht mit einem Finger anrühren, legen die Pharisäer ihren Hörern auf (23,4); „ein Joch, das wir und unsere Väter nicht haben tragen können“, nennt Petrus das Gesetz (Apg. 15,10). Mit der pharisäischen Frömmigkeit ringt Jesus auch im Gebet V.25: die Weisen und Klugen sind die Gesetzeslehrer; sie verachten Gottes Rat, sie verachten die Geringen, die sich zu Gott wenden. Und der Erwählte, der Knecht Gottes (Jes. 42,1), der in V.27 spricht, ist dazu von Gott gesandt, daß er die Geknickten und Gebrochenen nicht zerbricht (Jes. 42,3): er ist der Befreier derer, die unter der Last des Gesetzes erliegen. Was solch ein Erliegen bedeutet, hat Paulus in Röm. 7,7–25 gezeigt; nichts anderes sagte die Bergpredigt 5,21–48. Aber sie brachte zugleich die Ruhe und Rast, die in unserem Spruch verheißen wird (V.28.29): eine Verheißung, die aus dem A.T. stammt (Jer. 6,16; 31,25 u. a.) und die im N.T. ihre Erfüllung findet. Solche „Ruhe“ ist das gleiche, was sonst mit „Friede“ bezeichnet wird (s. z. 10,13 und Mk. 5,34); es ist weder die innere Unerschüttertheit, nach der die Stoiker strebten, noch der „innere Friede“, von dem ein weiches Christentum zu sagen wußte; Ruhe ist viel mehr, sie bedeutet ein neues Verhältnis zu Gott! Die Ungewißheit und Angst ist überwunden in der Freude der Gegenwart und Vergebung Gottes. So weiß das N.T. von der Ruhe Gottes als einer Verheißung, die am jüngsten Tag erfüllt wird (Apg. 3,20; 2. Thess. 1,7; Hebr. 3,11ff.), deren Erfüllung aber jetzt schon anhebt, s. z. Mk. 6,31. – Vielleicht ist unser Spruch als einheitliches Bild gedacht: Solche, die sich mühen in aussichtsloser Arbeit und mit Lasten beladen sind, die wie ein Joch drücken, finden Rast und Ruhe. Aber das Bild wird nicht durchgeführt: diese Ruhe ist eine neue Last! Jesus redet von einem Joch, das er den Seinen auflegt. Er bringt ein neues Gebot, Joh. 13,34, ein neues Gesetz, Gal. 6,2; 1. Kor. 9,21, das Gesetz des Messias, das ins Herz geschrieben wird, Jer. 31,31ff.; Mt. 5,17–20; Röm. 8,4. Dies Gesetz lernt man, wie man nur je bei einem Rabbi und einem Lehrer lernte (Jesus wird ja mit beiden Titeln benannt); man kann bei ihm lernen, ohne zu ermüden, ohne unerträgliche Last, denn sein Joch ist „süß“ – so kann man unser Wort übersetzen (Harnack) –; dies Gesetz selbst bedeutet Freude, denn „seine Gebote sind nicht schwer“ (1. Joh. 5,3). Hier ist in einem einzigen Spruch alles zusammengefaßt, was in Mt. 5,17–48 verkündet wurde. Und die Beziehung auf Jesus selbst, die dort mit seinem „ich aber sage euch“ gegeben war, kehrt hier wieder. Wenn Jesu Gesetz leicht und lieb ist, so darum, weil er selbst ganz zu den Belasteten und sich Mühenden gehört (Kähler). Dies sagt V.29, abermals, wie V.25f.27, ein Wort der Niedrigkeit Jesu. Hier werden die zwei Wörter gebraucht, die in 5,3.5 die beiden Ausdrücke für „arm“ waren. Das erste Wort („sanftmütig“) meint die äußere Lage dessen, dem das Leben nicht in „Hoffart“ verläuft (vgl. 21,5); das zweite bezeichnet das Innere, heißt wörtlich „niedrig im Herzen“ (vgl. „arm im Geist“ 5,3). Jesus ist im Herzen, vor Gott, arm und niedrig; und er ist zugleich in seiner äußeren Lage so, daß er gänzlich auf Gott angewiesen ist: ohne Erfolg, von allen Menschen verworfen (21,42), allenthalben versucht (Hebr. 4,15), – auf dem Wege zum Kreuz. Eben der, der alle zu sich ruft und an sich bindet, und der die Erfüllung der letzten Hoffnung, des Friedens Gottes, selber bringt, – er steht vor Gott als ein Armer, ein Wartender und Gehorchender (Phil. 2,7f.; Hebr. 2,17), ganz wie wir. In einem Atem spricht aus unserem Wort die Würde Jesu, die ihn (wie V.27) an Gottes Stelle rückt, und seine Niedrigkeit, die ihn uns zur Seite stellt; ganz wie Mk. 10,18.21; 9,19.23; Hebr. 4,15.
28–30 Unser Spruch erinnert bis in den Wortlaut an Sirach 51,23.26.27 (31.34.35): Jesus hat wohl den Spruch des Gesetzeslehrers gekannt, aber er hat ihn bewußt in sein Gegenteil verwandelt. Sirach ruft die Ungebildeten zu sich: „Beugt eure Nacken unter das Joch“; „seht … ich habe ein wenig gearbeitet und große Ruhe gefunden“ … Hier treibt ein Gesetzeskundiger zu seinem Vorbild; der Glaube an den Erfolg seiner Mühe und Arbeit ist ihm nicht erschüttert; Jesus sagt zu allem das Gegenteil. Er bringt die, die sich unter dem Gesetz mühen, von ihrer Mühsal zu seiner Ruhe, und statt des lastenden Joches legt er ihnen sein sanftes Joch auf. Und wenn er zu seiner Nachfolge und zu seinem Vorbild ruft, so ist es das Vorbild dessen, an dem sich die Gesetzesfrommen gerade stoßen (s. z. V.6), aber den die Unmündigen (25), die Geringen (5,3–10) hören, und dem sie folgen. Dasselbe Wort, das hier über Jesu Leben steht, steht über seinem Kreuz, Mt. 21,5 – Sach. 9,9. Der König, der in Jerusalem einzieht, ist ein unköniglicher Herrscher, „arm“ und verspottet; und er zieht in die Königstadt, um zu leiden.
Jesu Heilandsruf sagte in den drei Sprüchen, die ihn bilden, das gleiche. Jesus ist der Messias, dessen Geheimnis vom Herrscher Himmels und der Erde nur den Geringen offenbart wird. Er ist der eine Sohn, der allein den Vater kennt und offenbart, und den alle Menschen hinausstoßen. Er ist der Messias, der Gottes Gesetz ins Herz schreibt und den ewigen Frieden Gottes bringt; das geschieht aber so, daß er sich selbst zu den Armen, auf Gott Wartenden stellt. Die höchste Würde Jesu und sein Kreuzeswille sind in allen Sprüchen eins.
Zum Ganzen des Heilandsrufes V.25–30 vgl.: Tomas Arvedson, Das Mysterium Christi, eine Studie zu Mt. 11,25–30; 1937.
Quelle: Julius Schniewind, Das Evangelium nach Matthäus übersetzt und erklärt (1936), NTD 2, Göttingen 111964, S. 148-155.